Elfenbeinturm?

Ich frage mich doch angesichts solcher Artikel hier auf Telepolis ob einige den Blick für das Wesentliche verlieren können in diesem Meer von Möglichkeiten, welches ihnen ihre hochgeistige Bildung eröffnet? Natürlich haben Telepolis und andere investigative Publikationen ganz klar das verzerrte Bild der üblichen Medien ausgemacht, da wird von Karl May und edlen Wilden geschwafelt und mittels Begriffen wie Soldateska (marodierende Truppen) wird Bildung präsentiert. Bildung die die Konkurrenz in die Schranken verweist. Hochgeistig bis zum abwinken und was fehlt letztendlich? Nun der Blick für die historische Realität und den tibetischen Alltag dort und selbstredend auch in der Volksrepublik. Die Nebensächlichkeit offenbart sich in diesem Geplänkel der Medien, die Hauptsache hingegen ist das Problem der Menschen dort, im Reich der Mitte und unterworfenen ehemaligen Protektoraten.

Tibet hat ein Problem und zwar einen Usurpator in der Gestalt eines menschenverachtenden Regimes. Aber halt, jenes Regime der Volksrepublik China ist eigentlich gar nicht so schlimm, denn wie die Medien auch zu berichten wissen existieren dort auch Leute die vom Gegenteil berichten und auch Telepolis ist sich nicht zu schade mit deutschen Verhältnissen zu vergleichen und orakelt ob die chinesischen Urteile gegen die tibetischen Steinewerfer tatsächlich härter ausfallen werden. Natürlich werden diese nicht schlimmer ausfallen als in Deutschland. Denn wie jeder gute Bundesbürger nur allzu genau weiß, kann ein Land gar nicht so schlimm sein, wenn die halbe Welt lukrative Geschäftskontakte mit diesem pflegt, inklusive unserem eigenen. Lukrative Geschäfte denen auch in der heutigen Zeit immer noch das Flair der kolonialen Ausbeutung anhaftet. Auch Amnesty International, sowie Reporter ohne Grenzen kommunizieren seit Jahren nur ein verzerrtes Bild des Reichs der Mitte.

Telepolis wäre aber nicht Teil dieser Medien, wüßten sie nicht das man mit dieser ambivaltenten Thematik auf gut Deutsch so richtig ins Klo greifen kann. Ergo tadelt man die Konkurrenz indem man die ultimative Wahrheit von etwaigen gewalttätigen Tibetern offenbart und teilt auch einen Hieb gen Volksrepublik aus: Von Amerika lernen heißt siegen lernen. Sprich man folgt ganz den asiatischen Gefilden entsprechend dem Prinzip von Yin und Yang. So ganz sauber sind die Chinesen nicht, aber die Tibeter sind auch nicht derart koscher wie gemeinhin dargestellt. Wußten wir doch, oder? Und wir hätten uns in so manchem Regime gewiß doch ein paar Steinewerfer mehr gewünscht, inkl. unserem eigenen damals oder etwa nicht? Ist der Vergleich etwa zu hart, existiert in der Volksrepublik womöglich auch ein lupenreiner Demokrat, den uns irgendein Vertreter des IOC oder der Regierung noch umgehend präsentieren wird? Gewalt dort ist gar nicht abzustreiten, das Augenmerk jedoch alleinig auf diesen Malus der Medien zu lenken ist mehr als nur fragwürdig. Gewalt zu tolerieren ist für mich nicht möglich, allerdings wäre es imho auch menschenverachtend den Menschen dort ob ihrer Lage jegliches Mittel abzusprechen. Andererseits ein Regime ist eben ein Regime und kein freiheitliches Gebilde.

Schon in Rom wußte man um die richtige Öffentlichkeitsarbeit, ein Usurpator tut gut daran den Unterworfenen zu ehren, indem er ihn als nicht zu unterschätzenden Gegner darstellt, als Gefahr die man letztendlich bezwingen konnte nach einem aufopfernden Kampf. So geschehen z.B. in de bello Gallico, welcher mehr als Rechtfertigung vor Rom anzusehen , sprich politisch motiviert war, als denn objektiver Tatsachenhergang wie von einigen Historikern genutzt.

Was also im Moment zu beobachten ist, ist eine Medienwelt inkl. Anhang, die versucht das bestmögliche an Quote herauszuschlagen. Ob Verzerrung oder Hinweglenkung von der eigentlichen Problematik, die Menschen in Tibet bleiben seit knapp einem halben Jahrhundert ohnehin außen vor, den Menschen in der Volksrepublik erweist man zusätzlich einen Bärendienst, indem man das Regime dort in quasi rechtsstaatliche Gefilde emporhieft. Wo bleibt jedoch die Blogwelt? Nun einerseits erfreut man sich gewiß irgendwo an bunten Buttons die wohl die geistige Einheit mit dem Dalai Lama1 symbolisieren sollen, andererseits schwelgt man zum Gros in verwunderlicher Stille, abseits jener die investigativ die Medien stützen — die Ego-Quote eben. Erfreuen wir uns also weiterhin an Billigstware aus der Volksrepublik, lukrativen Geschäften mit dem Regime und sicherlich netten olympischen Spielen — auf weitere 50 Jahre. Letztendlich lasse ich mich lieber mit dieser Meinung wie die Sau durchs Blogdorf treiben und als Gutmensch geiseln, als denn Menschlichkeit zu leugnen …

Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.

Bild: Wikipedia

–George Orwell

  1. das ich von dieser Gestalt und dessen feudaler Clique nichts halte ist kein Geheimnis, tut aber keinen Abbruch um das Geschick der Menschen dort []

, , , , , ,

7 Antworten zu “Elfenbeinturm?”

  1. Dr. Azrael Tod sagt:

    Naja, aber es gibt halt eindeutig schlimmer betroffene Bevölkerungsgruppen und Gegenden als ausgerechnet Tibet. Die Berichterstattung in den Medien ist extrem einseitig und ich finde es positiv, dass Telepolis auch mal die andere Seite betrachtet. Tibet hat erheblich geringere Ansprüche auf unabhängigkeit als z.B. diverse Teilgebiete im Mittleren Osten oder noch schlimmer: Bayern. Dennoch wurden in ersterem Staaten künstlich von den westlichen Ländern zusammengestellt und bei letzterem lachen wir nur über Volksabstimmungen betreffs Abspaltung von Deutschland (OK, kann auch an der Wahrscheinlichkeit des Erfolges liegen).

  2. Oliver sagt:

    >Naja, aber es gibt halt eindeutig schlimmer betroffene Bevölkerungsgruppen und Gegenden als ausgerechnet Tibet.

    Die Zustände in der Volksrepublik sind dir schon bekannt, oder? Die Kulturverändernden Maßnahmen mittels Umsiedlungen, Unterdrückung von Bräuchen etc. seit den 50ern in Tibet ebenso? Aber wenn juckt schon eine Kultur, die Deutschen wohl am wenigsten. Oder meinst du vielleicht einen Genozid wie in den 90ern in Ruanda? Dann drücke dich bitte deutlich aus.

    >Tibet hat erheblich geringere Ansprüche auf unabhängigkeit

    Aha, wie das? Sie waren zuvor *unabhängig* und wurden später als tatsächlich *unabhängiges* Protektorat vom Kaiserreich China geschützt. Wie kommts also zu dieser eklatanten Fehleinschätzung? Übrigens trugen die Briten auch dort ihr Scherflein zur Problematik bei.

    >Tibet hat erheblich geringere Ansprüche auf unabhängigkeit als z.B. diverse Teilgebiete im Mittleren Osten

    Der nahe Osten, Afrika, Indien/Pakistan usw. verdanken all diese Dinge dem westlichen Kolonialbestrebungen und deren späterer Aufteilung auf dem Reißtisch. Na und? Das ändert nichts an der unrechtmäßigen, gewaltsamen Besetzung eines unabhängigen Landes. Das unsere Politiker darüber diskutieren hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sondern mit Geschäftstaktik. Du kannst dich dieser Meinung gerne anschließen und ein menschenverachtendes Regime verteidigen, aber bitte bringt nicht deratige haltlose Argumente auf, die der Geschichte dieses Landes widersprechen.

    >Die Berichterstattung in den Medien ist extrem einseitig und ich finde es positiv, dass Telepolis auch mal die andere Seite betrachtet.

    Hübsch, und? Das ist das übliche Geplänkel für den konsumierenden Mob, ohne jedoch auf die eigentliche Problematik einzugehen. Du wirst in den Medien immer einen Gegensatz finden, mal stark bzw. weniger stark ausgeprägt — panem et circenses und wie man sieht wirkt es damals wie heute.

  3. Loui sagt:

    ich wollte es eigentlich vermeiden, mir zu diesem Thema mit einem Kommentar die Finger zu verbrennen, kann es aber anscheinend doch nicht lassen 😉

    Anspruch auf Unabhängigkeit’ hat imho jedes Gebiet, wenn dort die DEUTLICHE Mehrheit der ansässigen Bevölkerung dies wünscht — ungeachtet der Frage wie es Teil des Landes/whatever wurde, ungeachtet den Lebensumständen der Bevölkerung dort — das aber nur am Rande.

    Grundsätzlich schließe ich mich deiner Meinung an, aber ich würde dennoch gerne einwas los werden:
    Chinas System ist zu verabscheuen, menschenverachtend etc., das ist an sich nichts worüber man diskutieren muss (versteh mich nicht falsch, ich rede von der Tatsache dass es so ist, über die muss man nicht sprechen).
    Auch darüber nicht, dass man sich eigentlich in jedem totalitären Regime mehr Steinewerfer wünscht.
    Was ich aber dennoch nicht ab kann und was mir auch in diesem Zusammenhang sauer aufstößt ist, wenn mit Bildern, die in einen falschen Zusammenhang gestellt werden, Meinung gemacht wird.
    Du hast vollkommen recht, wenn du sagst, dass diese Diskussion an der Situation in Tibet, an der Situation der Menschen dort, vollkommen vorbei geht. Sie gehört aber auch nicht dorthin, sondern sollte in der Diskussion zu der Qualität der deutschen Medien bleiben, dort wo sie hingehört. Dort, wo sie angesprochen werden muss.

    Man sieht an diesem Artikel dass auch Telepolis an sich nichts anderes als Meinungsmache betreibt, u.a. durch den Vergleich der Gefängnisstrafen für Steinewerfen auf Polizisten. Genau wie die großen deutschen Medien wenn sie zu den Geschehnissen in Tibet Bilder aus Nepal zeigen.

  4. Oliver sagt:

    Es wird jedoch mit dieser Diskussion wiederum ein verzerrtes Bild erzeugt, eine Belanglosigkeit. Klar Tibet ist klein und unbedeutend für viele, aber während man so argumentiert hieft man China gleichzeitig auch noch empor in Richtung Rechtsstaatlichkeit und das ist das perfide an der Sache.

  5. Loui sagt:

    full ack

  6. phoibos sagt:

    moin,

    so viel möchte ich eigentlich nicht zu der situation sagen. nur wir sollten uns mal fragen, was spanien/frankreich machen würde, wenn die eta ein freies baskenland verkünden würde…

    http://www.taz.de/1/archi.….d17adfc4
    den bericht find ich sehr interessant 😉

  7. Oliver sagt:

    Die Basken prügelten sich ja schon mit den Goten 😉

RSS-Feed abonnieren