Eine Branche outet sich selbst

Ich habe es nicht ausgehalten, ich habe mittendrin ausgeschaltet. Eine Branche outet sich selbst: Noch nie trat es so direkt in Erscheinung wie heute — die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises zeigt, wie sehr sich eine Branche selbst anwidert. Was hat das Fernsehen schon alles für Mist hervorgebracht, seien es nun TV-Show, Filme, Serien oder auch Politiktalks — doch die Ausstrahlung des Deutschen Fernsehpreises übertrifft heute alles bisher dagewesene. Der Deutsche Fernsehpreis ist ein direkter Angriff auf den guten Geschmack und den Anstand eines jeden Kreativen — und dazu zähle ich mich durchaus — als Autor, der ab und zu mal ein paar Zeilen ins Internet tippt.

Gut, die Branche hatte es dieses Jahr nicht wirklich leicht. Das einzige Highlight, welches mir im Moment im Kopf herumschwirrt, ist der monatelange Kampf der ARD und Günther Jauch, der seinen Höhepunkt in der langweiligen Christiansen-Kopie Anne Will fand. Diese Hilflosigkeit lässt sich praktisch auch an einer Kategorie festmachen, dem Ehrenpreis. Den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises gewann Michael Schumacher — genau, der Michael Schumacher, der so viele TV-Shows und Fernsehfilme gemacht hat, der Vorbild für so viele TV-Sendungen war, jeder Nachwuchsschauspieler möchte so werden, wie der Kerpener, dem nun gute Chancen auf den Oscar eingeräumt werden.

Moderiert wurde der journalistische Super-Gau vom RTL-Mann Marco Schreyl — da konnte man im Vorfeld schon wenig erwarten, doch selbst diese kaum vorhanden Erwartungen wurden noch untertroffen. Unterirdisch diese Moderation zu nennen wäre noch freundlich ausgedrückt. Schreyl brachte den Saal ungefähr so sehr in Wallung, wie der Bestattungsunternehmer, der gerade Opa Friedrich aus dem Seniorenheim abholt. Ebenso im Übrigen, wie die meisten Laudatoren — die Gag– und Redenschreiber von RTL waren mal wieder Totalausfälle. Lachen konnte man lediglich bei Oliver Pocher und seinen Seitenhiebe auf SAT.1 sowie Stefan Raab, dem anzusehen war, wie sehr es genossen hat, beim «Erzfeind» RTL den Deutschen Fernsehprezu abzuräumen — Stefan Raab gewann den den Preis für seine Show Schlag den Raab gemeinsam mit Matthias Opdenhövel im Bereich Moderation [sic!].

Den Förderpreis hat der Jungschauspieler Franz Dinda bekommen — und das absolut verdient. Als Franz Dinda auf die Bühne kam, fragte er, wofür? Diese Frage konnte als Synonym für diese gesamte Veranstaltung stehen. Wofür wird der Deutsche Fernsehpreis noch verliehen? Für ein paar coachende TV-Köche, die in ein paar Jahren bis zur Unkenntlichkeit kopiert wurden und vergessen sind? Wofür werden die VIPs in diesen Saal gesperrt, sichtlich gelangweilt, sichtlich voneinander angewidert, freundlich ausgedrückt angeödet? Wofür wird dieser Preis noch vergeben? Der Preis ist durch seine inflationären Kategorien und, freundlich ausgedrückt, befremdlichen Nominierungen völlig abgewertet, ja entwertet worden. Wenn die Super-Nanny beim Perfekten Dinner neben der grandiosen Maria Furtwängler steht, weil alle drei sich Preisträger des Deutschen Fernsehpreises nennen dürfen, dann wird die Veranstaltung zu einer Farce, zu einer deutschen Realsatire. Der Deutsche Fernsehpreis ist zu einer Veranstaltung geworden, die kein Mensch braucht, und kein Mensch vermissen würde, würde man sie morgen in den Giftsschrank verfrachten.

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich im Geheimen ein Fan von Stefan Niggemeier bin? Nicht wirklich? Genau deswegen, das kann er und da trifft er mit jedem Satz meinen Humor. Das Live-Bloggen entschädigt dann doch für den, ich wiederhole mich, journalistischen Super-Gau zu besten Sendezeit an einem Samstagabend auf RTL. Ich gratuliere zum Abschluß dem großen, dem unvergleichlichen, dem einmaligen Götz George, der den Preis für sein Lebenswerk verliehen bekam — wie sehr beschämt man ihn doch inmitten dieser eitlen Pfaue und Nichtskönner, indem man ihn für sein Lebenswerk ehrt und er diesen Menschen pflichtgemäß danken muss. Wir müssen zum Ende kommen, so der erste Satz in der bezeichnend kurzen Rede des Sandmanns und Totmachers. Der Deutsche Fernsehpreis ist am Ende. Das deutsche Fernsehen ist am Ende, und es besteht kein Fünkchen Hoffnung, dass in Zukunft eine Umkehr stattfinden wird. Es fehlt lediglich noch die Kategorie Beste Call-In-Show.

10 Antworten zu “Eine Branche outet sich selbst”

  1. robsn sagt:

    Warum eigentlich immer Realsatire. Reicht Satire nicht mehr? Und was ist eine unwirkliche Satire.

    Realsatire ist für mich ein Unwort.

    Ansonsten hast du vollkommen recht. :)

  2. Chris sagt:

    Satire ist gewollt, eine Kunst für sich — Realsatire nicht wirklich IMHO… :)

  3. der_andere_Chris sagt:

    Das erinnert mich an… den eLine-Award. Auch so ein Fall, in dem sich eine Branche selbst feiert, nur eventuell mit mehr Spaß dabei:
    http://www.polylog.tv/mon.….st/3355/

  4. Chris sagt:

    Ach, hier liest ja keiner mit: Zum Eroticline-Award würde ich auch mal gerne hinwollen… 😀

  5. Matze sagt:

    kann mich deinen ausführungen nur anschließen. auch wenn ich nur 5 Minuten der sendung gesehen habe

  6. nion sagt:

    Dem kann ich nur zustimmen, ich hab durch Zufall vorbeigezappt und unabhängig davon, dass mich das thematisch nicht interessiert musste ich wegen der Selbstbeweihreucherung dann wegschalte, war mir einfach zu viel.

  7. sunny sagt:

    Marco Schreyl hat gut moderiert. Ich werde heute Nacht noch davon träumen, wie er zu Johannes B. Kerner im Vorbeigehen etwas von Gurkenmasken raunt um dann gleich das Heutejournal zu bitten, die Werbung anzukündigen. Die Nominierungen waren allerdings alle ziemlich schwach.

  8. Stevie sagt:

    Vielen Dank für Deinen Artikel, der mir aus der Seele spricht. Die Show war sterbenslangweilig, nur die von Dir schon angesprochenen Höhepunkte waren ganz unterhaltsam.

    Besonders schön fand ich, dass Franz Dinda sich so sehr gefreut hat (er war ja richtig geschockt) und dass er dann trotzdem Werbung für die Kunst an sich (sinngemäß: «Spielt auch mal ohne Gage!») geworben hat. (Lustiges Detail ist, dass ich die Agentin von ihm kenne und mit ihr nächste Woche mal über seinen Gruß sprechen muss: «Ich danke meiner Agentin, weil sie mich darum gebeten hat!» :) )

    Mich störte sehr, dass das Publikum so eitel ist, dass sie kaum einen Scherz — auch wenn er mal gut war — honorierten. Es wirkte krampfhaft professionell, so nach dem Motto: «Die Gags sind ja für die normalen Leute — wir finden ja nichts mehr lustig…»

    Alles in allem würde ich den Fernsehpreis nur noch als Lob für Nachwuchsschauspieler oder innovative Fernsehideen (würde wohl nicht jährlich vergeben werden) austragen lassen.

    Just my 2 cents…

  9. bellablog sagt:

    ich bin echt froh, nicht die einzige gewesen zu sein, die dieses schmierige nullo-event deprimierend fand. spätestens nach der rede des ekligen stromberg-autoren hatte ich den kaffee auf…

  10. PS sagt:

    Erinnert mich an den Echo..
    Das Einzige, was dort jeweils wirklich Unterhaltsam war, waren Michael Mittermeier oder Ingo Appelt.
    Und die werden i.A. brachialst gekürzt oder gleich rausgeschnitten. Warum auch immer…
    Vielleicht ist es dort ja umgekehrt. Die wirklich guten Gags waren wohl zu gut für die normalen Leute;-)

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