Ein Vorbild deutscher Integrationspolitik

schwarze_hoffnung

Die erste steife Herbstbrise hatte Berlin voll im Griff. Kadir schlenderte durch die deutsche Hauptstadt, den Schal dicht ins Gesicht gezogen. Er war auf den Tag genau vor 35 Jahren, am 30. August 2010, geboren worden. Er lächelte über die Ironie, die die Geschichte manchmal bereithält. Er dachte zurück an seine Kindheit, als er auf dem Schoß seines Vaters saß und der ihm davon erzählte, wie alles mit einem einfachen Buch begann. Er sah die Tränen seines Vaters, der für seine Kinder das Leben in Anatolien aufgegeben hatte, damit Kadir und seine Geschwister es einmal besser haben würden. In Deutschland waren seine Eltern willkommen, galten sie doch als günstige Arbeitskräfte. Morgens wurden sie in die Fabriken transportiert, am Abend und am Wochenende sich selbst überlassen. Bis zu jenem Buch, das Deutschland und die Menschen veränderte. Kadir kaufte sich am Kiosk ein Croissant, achtete darauf, nicht sein Gesicht zu zeigen und sich mit perfektem Deutsch zu bedanken. Zu gefährlich war es für Menschen wie ihn, sich öffentlich zu zeigen.

Er sah kurz auf die größte deutsche Tageszeitung. Der «Kämpfer» war aus der damals wichtigsten und prägendsten deutschen Boulevardzeitung hervorgegangen, als 2017 die Partei «Freiheit für Deutschland» mit ihrem charismatischen Vorsitzenden die Bundestagswahl mit absoluter Mehrheit gewann und die Regierungsgeschäfte übernahm. Im Wahlkampf machte die Partei mit Forderungen wie «Deutschland den Deutschen» und «Islam ist Krieg» Schlagzeilen. Anfangs belächelt und von den etablierten Parteien nicht ernst genommen, war der Erfolg überwältigend. Dank der Unterstützung der Medien, insbesondere durch den «Kämpfer». Quer durch alle Bevölkerungsschichten wurde die Partei mit dem Satz, «das wird man ja wohl noch sagen dürfen», zum Wahlerfolg getragen. Als Kadirs Vater drei Jahre nach Machtübernahme seine Arbeitsstelle verlor, musste er nach Anatolien zurückkehren. Kadir dachte an die Tränen, die von seiner Familie beim Abschied am Flughafen vergossen wurden.

Kadir machte sein Abitur und studierte deutsche Geschichte und Medienwissenschaften. Er dachte an seine Diplomarbeit: «Deutschlands Ausländerpolitik in Zeiten der Medienkonzentration von 2017 bis 2025″. Es begann damals harmlos: erst wurde Migranten die Stütze gestrichen, wie es im «Kämpfer» hieß, später weitere Maßnahmen gegen Ausländer und Sozialschmarotzer, wie selbst der neue Bundeskanzler die sozial Schwachen nannte, beschlossen. Als später die Kriminalitätsrate stieg, wurden Ausländer ohne Arbeitsstelle ausgewiesen, Deutschlands Grenzen geschlossen. Kadir sah die Fotos der Lager vor sich, einer seiner Brüder war bei einem Fluchtversuch getötet worden, es machten sogar Gerüchte über Vergewaltigungen durch die Wärter die Runde. Amnesty International und die UNO hatten gerade wieder die Deportationslager verurteilt, Kadir war es vorbehalten, die Erwiderung der Bundesregierung zu verfassen und zu veröffentlichen. Er war ein Vorbild deutscher Integrationspolitik.

Seine Karriere ging steil bergauf, dabei hatte er immer ein großes Ziel vor Augen. Er schloss sein Studium mit Auszeichnung ab und arbeitete später im Außenministerium als Referent in der Abteilung für internationale Zusammenarbeit. Seit kurzer Zeit war er Reichssekretär, wurde in Talkshows eingeladen, seine Stimme wurde gehört. Henryk M. Broder nannte ihn kurz vor dessen Tod den «Vorzeigedeutschen mit Migrationshintergrund». «Wer will, der kann», so die unzähligen Artikel im «Kämpfer und anderen Zeitungen. Als Kadir das erste Mal sein Foto auf der Titelseite sah, las er die Glückwunschmails, der Außenminister schüttelte ihm die Hand und der Bundeskanzler lobte ihn in einer Rede im Reichstagsgebäude. Am Abend übergab er sich und konnte die ganze Nacht kaum schlafen. Um die Aufregung zu lindern, kochte seine Frau einen Kamillentee, nahm ihren geliebten Mann in den Arm und war unsagbar stolz auf ihren Helden. Die Augen leuchteten.

Er musste einen Umweg nehmen, mal wieder wurde in Berlin demonstriert. Er hörte die Schlachtrufe: «Deutschland den Deutschen, Ausländer raus». Die Demonstrationen wurden vom Familien– und Innenministerium gefördert, der «Kämpfer» titelte: «Deutsche, nehmt teil!». Als er 20 Jahre alt war, traf er in seiner Freizeit auf Mitglieder der «Deutschen Jugend», die Nachwuchsorganisation der «Freiheit für Deutschland». Den Studentenausweis hatte er in der Universität vergessen. Seine Angreifer bekamen eine Belobigung, er wurde ermahnt, immer seinen Ausweis mit sich zu führen. Dies war der einzige schwarze Fleck in seiner weißen und vorbildhaften Akte. Noch heute schmerzte sein Knie bei einem Wetterumschwung.

Mit 22 trat er in die Partei ein, als erster Migrant der Bundesrepublik Deutschland. Der «Kämpfer» führte ein Interview mit ihm und veröffentlichte die Hassmails, die er von seinen Landsleuten bekam, zwei Cousins wurden wegen Volksverhetzung verurteilt. Sein Land ließ es nicht zu, dass Volkshelden beleidigt und bedroht wurden. Kurze Zeit später gewannen die Alliierten mit Deutschland, den USA und Großbritannien an der Spitze den Krieg gegen den Iran. Die christliche Wertegemeinschaft hatte über den dunklen Islam obsiegt. Die Welt war wieder ein stückweit sicherer und christlicher geworden. Der Papst dankte in seiner Osteransprache und erteilte für die notwendigen Kriegsverbrechen Absolution.

Kadir schaute gen Himmel, genoss das Bild der vorbeiziehenden Wolken, und dachte an seine deutsche Frau und seine deutschen Kinder. Als sein Sohn auf den Namen Josef getauft wurde, brach sein Vater den Kontakt mit ihm ab. Kadir sah die Vorteile, konnte es seiner Karriere doch schaden, wenn man ihm zu viel Kontakt in ein muslimisches Land nachweisen konnte. Die Nachricht über den Tod seiner Mutter erreichte ihn ein Jahr nach ihrer Beerdigung. Kadir ging am darauffolgenden Tag in die Kirche und betete gemeinsam mit dem Pfarrer, der ihn nach dem Ablegen des muslimischen Glaubens getauft hatte.

Er kam an einer Buchhandlung vorbei und atmete tief durch, im Augenwinkel sah er den neusten politischen Bestseller. Die Chefredakteure des «Kämpfers» und der «Frankfurter Nationalen Zeitung» hatten gemeinsam ein Buch geschrieben: «Das Leitkultur-Komplott. Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden. Warum wir weiter kämpfen müssen.». Ein Kapitel handelt von erfolgreichen Deutschen mit Migrationshintergrund. Auch er war für das Buch interviewt worden, die Antworten hatte er vor dem Gespräch auswendig gelernt. Als er am Abend mit den Chefredakteuren Essen ging, bestellte er Schweinesteak und formulierte im Auftrag der Reichsregierung die Schlagzeilen der nächsten Tage.

Kadir sah das neue Reichskanzleramt, nun war er seinem Ziel sehr nahe. Die Pressemeute wartete bereits und sah überrascht, dass er zu Fuß kam und stürmten auf ihn zu. Auch die Sicherheitskräfte sahen ihn und zogen ihn schnell beiseite. Sie schleusten ihn vorbei an den Sicherheitskontrollen ins Gebäude und befahlen ihm, zu warten. Sein Plan war aufgegangen. Dann sah er das erste Mal persönlich den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten. Die Pressekonferenz war bis ins kleinste Detail vorbereitet, die drei Hauptpersonen des heutigen Tages traten gut gelaunt vor die Journalisten. Der Bundeskanzler lächelte, der Bundespräsident dankte Kadir für seinen Einsatz für das deutsche Vaterland und freute sich, ihm heute das Bundesverdienstkreuz verleihen zu dürfen. Kadir dachte an seinen Vater und seine Mutter, seine Familie, sein Leben, lächelte zufrieden und war eins mit sich selbst. Er fuhr mit der Hand unter sein Hemd. Er hatte sein Ziel erreicht.

Freiheit für Deutschland.
Dann betätigte er den Auslöser seines Gürtels.

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13 Antworten zu “Ein Vorbild deutscher Integrationspolitik”

  1. im-pulze sagt:

    Gewalt führt zur Gewalt, so war es und so wird es immer sein. Hier sehr gut auf den Punkt gebracht.

  2. Karpfenpeter sagt:

    Super Geschichte. Danke.

  3. Teuvel sagt:

    Grandios geschriebene Dystopie. Nur wollen wir mal hoffen, dass diese nicht das gleiche Schicksal ereilt wie 1984.

  4. jkk sagt:

    Einer der Gründe, weswegen ich FIXMBR lese, sind Texte wie dieser.
    Vielen Dank!

  5. jonas sagt:

    ich kann mich jkk nur anschließen, ein äußerst genialer text.
    dankeschön

  6. Baul sagt:

    Schön ge-/beschrieben!
    Der Anfang erinnert tatsächlich etwas an 1984 von George Orwell

    Danke!

  7. Monika sagt:

    Ja Herr S. so kann es aussehen wenn sich ein Deutscher Bürger Gedanken macht. Eindringlich und aufrüttelnd ohne dabei in Polemik zu verfallen. Danke für diese Geschichte. Im Namen all jener die mit Stolz einen «ausländischen » Teil in sich tragen und doch Deutsche mit Leib und Seele sind.

  8. MickyHase sagt:

    +1

  9. Tanabai sagt:

    Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wünsche ich, dass diese Fiktion niemals wahr wird. Es ist einfach unglaublich wie blöd wir als Gesellschaft doch immer wieder sind, fällt unsere Generation wieder auf diesen Dreck rein?

  10. alex sagt:

    Ich muss ganz ehrlich sagen, das ich gerade beim letzten Absatz feuchte Augen bekommen habe. So wie es immer der Fall ist, wenn ich V wie Vendetta schaue. Das sind die Gründe, warum ich mich politisch engagiere: um eine solche Entwicklung noch aufhalten zu können. Auch wenn ich von mal zu mal enttäuschter bin, das die Entwicklung immer weiter fortschreitet und es sich abzeichnet, das wohl irgendwann wirklich zu solchen Maßnahmen gegriffen werden muss.. Danke Chris, nicht nur für diesen Text, sondern für jedes Mal, wenn du die Leute versuchst aufzurütteln und den Lügen und falschen Versprechen die Maske herunter reißt.

  11. Gaston sagt:

    > Schön ge-/beschrieben!
    > Der Anfang erinnert tatsächlich etwas an 1984 von George Orwell

    Das Ende dagegen erinnert mich an bereits in der deutschen Geschichte vergebliche Versuche sich einer totalitären Führung zu entledigen.
    Damals sind die Versuche missglückt!

  12. Ash v. P. sagt:

    Als Gelegenheitszocker ( PC ) war mir immer unwohl, als ich HL2 spielte. Dasselbe Gefühl hatte ich, als Terminator 1984 rauskam und als ich im Internet auf so manche, mit Quellangaben und Fotos sowie Originalinterviews belegten Webseite im In– und Ausland stieß, da ging mir so manches Licht auf. Hallo…? War das nicht schonmal da?

    Die geschriebene Story ist sicherlich nur ein Beispiel, neben den von mir genannten Erlebnissen. Wer sich genau umschaut, dem dürfte klar sein, dass wir uns am Ende der Menschlichkeit befinden, wenn Niemand das Rad zurückdreht und in Richtung sozialer Gerechtigkeit ausrichtet. Alles nur, um Wenigen das Meiste zu bieten? Auf Kosten der Anderen? Aktuelle Nachrichten werden von Mainstream-Medien abgewürgt, weil sie die Wahrheit bringen würden. Nein, wir leben in Frieden, die Bösen, dass sind die, die uns bedrohen. Ach ja? Wer bedroht mich denn so? Nur weil er einen Bart trägt und anderes ausschaut und anders betet?

    Seit 9/11 werden Christen gegen Muslime weltweit aufeinandergehetzt, Arme immer mehr verteufelt und dem Kapital sämtliche Macht übertragen. Drohnen sollen und bald überwachen — aber nur die Kritiker. Die feinen Schnösel leben gut gesichert in ihren Burgen. Immer mehr Gesetze, Angstszenarien und so weiter. Wir sollen uns täglich fürchten, damit der Staat alles im Griff hat. Aber nicht mit mir. Ich hab‘s satt, diesen täglichen Terror der Politikflegel mitzumachen und nach deren Pfeife zu tanzen wie ein Bär.

    Dieses Land ist nicht mein Land. Es ist das Land der Banker, der Entscheider über Leben und Tod, der Wirtschaftsbosse und Verfassungsfeinde in Nadelstreifen. THX für den Text über die Zukunft.

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