Ein Pornoanwalt antwortet

Ich mag keine Anwälte. Wenn man sie konsultieren muss, kostet es im Regelfall Geld und noch mehr Nerven. Dass mittlerweile mehr Anwälte im Deutschen Bundestag sitzen als andere Berufsgruppen, hat unserer Gesellschaft, der Demokratie, dem Land, dem menschlichen Miteinander mehr geschadet als jeglicher Streit zwischen Schwarz und Rot, Grün und Gelb. Auf die Vorwürfe gegen das Programm JusProg vom JusProg Verein zur Förderung des Kinder– und Jugendschutzes in Telemedien e.V. hat nun ein Mitglied des Vereins, der seit der Gründung dabei und gleichzeitig laut eigener Darstellung Pornoanwalt ist, geantwortet — um ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen. Es ist der typische Text eines Anwalts, wie gut, dass es als wahrscheinlich einzige Ausnahme noch Udo Vetter gibt — meiner Meinung nach nichtssagend, am Thema vorbeischwafelnd.

Auf die ersten beiden Absätze gehe ich nicht weiter ein — was interessieren mich die Einnahmen der Pornoindustrie? Wer das Verlangen nach nackten Tatsachen hat, wird heutzutage im Netz ausreichend Material finden, YouPorn & Co. lassen grüßen. Und dass Jugendliche nicht auf Pornoseiten surfen, halte ich für ein großes Gerücht. Um was wollen wir wetten, dass durchaus die eine oder andere Gebühr schweigend innerhalb der Familie beglichen wird, um nicht zugeben zu müssen, dass Junior mal eben mit Papas Kreditkarte die heißesten Blondinen aus Schweden begutachtet hat. 😉

Ab dem dritten Absatz schwadroniert der Herr Pornoanwalt dann am eigentlichen Thema vorbei. Niemand stellt das Jugendschutzgesetz in Abrede, mir ist es weitestgehend bekannt — darüber nun eine Abhandlung zu schreiben, ist ziemlich sinnbefreit. Die Kritik war eine andere: Völlig harmlose Seiten, wie zum Beispiel F!XMBR oder gar die der politischen Partei der Grünen werden gesperrt. Das hat nichts mehr mit Jugendschutz zu tun. Das gleichzeitig die BILD als unbedenklich eingestuft wird, ist hanebüchen — oder absurd, wie der Spiegelfechter schreibt. Es wurde mehrfach die Frage gestellt, nach welchen Kriterien gesperrt wird. Dass darauf nicht eingegangen wird, sagt so ziemlich alles über diesen Verein aus, was man wissen muss.

Es ist nicht nachzuvollziehen, warum die genannten Seiten gesperrt sind. Man muss heutzutage noch nur den Fernseher einschalten, und sei es am Nachmittag — in Talkshows, Gerichtssendungen wird in Fäkalsprache über das Thema Sex gesprochen, als wenn es kein Morgen gäbe. In zig Daily Soaps poppen sich die Hauptdarsteller durch unzählige Betten — und bei Heidi Klum war gerade erst zu bewundern, dass man nur etwas wert ist, wenn man Leistung bringt, gut aussieht und unter 40 Kilo wiegt. Noch schlimmer sieht es in jedem Supermarkt dieses Landes aus. Geht man mit den Kindern einkaufen, springen einem unzählige Geschlechtsteile am Zeitschriftenstand entgegen.

Von den ach so seriösen Nachrichtenseiten, die von JusProg als unbedenklich eingestuft werden, ganz zu schweigen. Popups, Werbebanner, die meist an deutlicher Sprache nichts zu wünschen übrig lassen. Und da sollen harmlose Publikationen entwicklungsbeeinträchtigend sein? Ich frage mich, wie schief ein Bild unserer Gesellschaft sein kenn, wenn dies behauptet werden kann. Gerade unabhängige Publikationen steuern zur Meinungsbildung bei — eine Partei wie die Grünen zu sperren, zeugt von ganz großer Chuzpe. Darf man fragen, ob der nette Verein aus der konservativen Ecke kommt, wie schon die Deutsche Kinderhilfe?

Es ist eine Farce, wenn nun darauf hingewiesen wird, dass man ja ein Beschwerdeverfahren anstrengen kann. Wie viele harmlose Webseiten wissen gar nicht, dass Sie von dem Programm gesperrt werden? Ich bin froh und glücklich, dass so ein Programm nicht öffentlich beworben werden kann. Es ist meiner Meinung nach völlig irrwitzig, um es positiv auszudrücken. Negativ gesagt werden Kinder und Jugendliche daran gehindert, sich umfassend über Politik, Land und Leute zu informieren, ich würde es dementsprechend also als demokratiefeindlich bezeichnen.

Bis auf die Erwartung meiner Fragen werde ich mich nicht weiter mit dem Programm befassen. Nicht, weil ich klein beigebe, sondern weil der Verein sich selbst völlig lächerlich gemacht hat. Mit solchen Aktionen und Programmen sorgt man dafür, dass viele Menschen zukünftig bei Jugendschutz nur noch mit dem Kopf schütteln, die Ernsthaftigkeit des Themas wird verloren gehen. Jede Meldung über diesen Verein ist also zu viel des Guten.

Ich werde weiterhin in meiner Familie den Rat geben, auf solchen Blödsinn zu verzichten und die Kinder bei ihren (ersten) Internetgehversuchen zu begleiten und zu unterstützen. Erziehung und Aufklärung wirken weitaus mehr als jegliches Sperrprogramm. Und wenn Junior einmal Titten sieht oder das Wort ficken liest, wird er daran nicht sterben. Wir wussten schließlich auch, wo unsere Eltern die Pornohefte versteckt hatten.

Jugendschutzorganisationen haben keinen wirklich guten Ruf. Bürokraten, die nichts vom eigentlichen Leben wissen, so heißt es. Das sind noch die harmlosen Vorwürfe. Ehrlich gesagt, seit ich den Verein JusProg vom JusProg Verein zur Förderung des Kinder– und Jugendschutzes in Telemedien e.V. kennengelernt habe, wüsste ich auf diese Vorwürfe nichts zu erwidern. Und das ist schlimm. Jugend– und Kinderschutz geht uns alle an.

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8 Antworten zu “Ein Pornoanwalt antwortet”

  1. […] die Eltern somit keine Möglichkeiten mehr haben, dort eine Filtersoftware zu installieren. Auch F!xmbr hat bereits auf den Trackback geantwortet. Auch lesenswert. Bei jüngeren Kindern würde es […]

  2. Teo sagt:

    Deinen vorletzten Absatz finde ich eigentlich am wichtigsten: Kümmert euch lieber um eure Kinder, statt die virtuelle Super-Nanny in Form einer dumpfen und dummen Software darüber bestimmen zu lassen, was sie sehen dürfen und was nicht.

    Schließlich ist auch das ein Teil unserer Eigenverantwortung, den wir auf uns nehmen sollten, damit wir nicht vollkommen den (Pseudo-)Schutz von Obrigkeiten bedürfen.

  3. Mel sagt:

    Wer seine Kinder vor solchen bösen Dingen, wie nackten Brüsten oder «bösen» Worten schützen will, darf sie nicht aus der Wohnung lassen, nicht Fernsehen oder Radio hören lassen.

    Nicht mal eine Woche hats gedauert, bis mein Neffe laut «Ich fick Dich in Arsch!» brüllend seine Umwelt schockierte, nachdem er das erste mal im Kindergarten war. Und gerade diese Schockreaktion fand er total spannend und lustig. Ich im übrigen auch. 😉

    Kinder– und Jugendschutz ja, aber doch bitte mit Augenmaß. Und ohne undemokratischen Hintergedanken bitte.

  4. Teuchtlurm sagt:

    Schutz der Jugend — wovor?…

    Der “Verein zur Förderung des Kinder– und Jugendschutzes in Telemedien e.V.” möchte Kinder und Jugendliche vor “bedenklichen oder auch gefährlichen Webseiten” schützen. Dazu bietet man dort für besorgte Eltern eine Filter-S…

  5. Grainger sagt:

    Ich mag keine Anwälte. Wenn man sie konsultieren muss, kostet es im Regelfall Geld und noch mehr Nerven.

    Ich muss da immer an Danny DeVito’s Ausspruch in Other People’s Money denken (ich zitiere aus dem Gedächtnis 😉

    Anwälte sind wie Atomwaffen: man braucht sie zur Abschreckung, aber wenn man sie einsetzt machen sie alles kaputt!

  6. Patrick sagt:

    Es stellt sich für mich eine weitere wichtige Frage:
    Handelt es sich bei dem Programm womöglich um Spyware, welches das Surfverhalten aufzeichnet und diese Daten werden von den beteiligten Medien und Verlagshäusern für Marketingzwecke benutzt.
    Ich weiß es nicht– halte diese Möglichkeit für recht wahrscheinlich.

    Der Vorteil von Linux ist, daß man gar nicht erst in Versuchung kommt, solchen Mist zu installieren, da nur auf Windows lauffähig

  7. Teo sagt:

    @Patrick: Ich kann mir ehrlich gesagt auch auf Windows keinen geeigneten Anwendungsbereich vorstellen. Meinen Kindern würde ich lieber beibringen selbst einzuschätzen, was sie gefahrlos besuchen können und was nicht. Eine Selbstzensur macht sogar noch weniger Sinn.

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