Ein Engel

Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Ist das alles schon drei lange Jahre her? Wir wussten beide, worauf wir uns einlassen, wir kannten beide meine Prinzipien: Wenn etwas auseinandergeht, gibt es keinen Kontakt mehr — so war ich, so bin ich, so werde ich wohl immer sein. Wir hatten acht gemeinsame Monate — acht Monate, die überwiegend voller Glück waren, auch wenn wir zum Schluss entschieden haben, es passt einfach nicht. Weißt Du eigentlich, wie Du mich verzaubert hast, damals — wo wir uns schon so lange kannten, auf dem Geburtstag Deines Bruders? Es war Dein Lächeln, Dein Charme — beide Dinge hattest Du selbst dann noch behalten, als wir über die Politik, die Gesellschaft heiß diskutiert haben und schließlich um Mitternacht auf dem Balkon standen um unsere Köpfe abzukühlen. Wochen später sagte man uns, dass für uns an dem Abend jeweils nur der andere existiert hat — unser damalige Bekanntenkreis wusste in den Stunden schon, was passieren würde. Und als Du mich, nachdem ich Dich nach Hause gebracht hattest, mit den Worten, das würde Dir zu schnell gehen, nach Hause geschickt hast, war es endgültig um mich geschehen. Was für eine Frau, was für ein Mensch. Ich schlief in dieser Nacht glücklich ein — weil es da auf einmal Dich gab, Dich, die ich nach so vielen Jahren neu kennengelernt hatte.

Als ich Dich am nächsten Tag anrief, fühlte ich mich zurückversetzt in meine Jugend. Ich war nervös, schob das Gespräch vor mir her, bis ich endlich den Mut fand, Deine Nummer zu wählen. Und als Du zur Begrüßung einfach nur auf Deine Art Na sagtest, war es so, als würde ich durch die Luft schweben. Ich fühlte mich wie in einer anderen Welt. Am Abend das Picknick im Stadtpark, der erste Kuss — gestern noch warst Du die kleine Schwester, die bei der Feier auch dabei ist, am darauffolgenden Tag warst Du die Frau, die nach meinem Herz griff, von deren Umarmungen und Zärtlichkeiten ich nicht genug bekommen konnte. Du hast mich mit sehr viel Glück erfüllt. Deine Grübchen, wenn Du gelächelt hast — Deine Streicheleinheiten in meinem Nacken — niemals werde ich diese wundervolle Zeit vergessen. Ich habe es Dir nie gesagt: Auch wenn es auseinandergegangen ist, so habe ich immer an unsere schöne Zeit gedacht, an unser Glück, an unsere Nächte, an unsere Tage — besonders an unser gemeinsames Lachen, an unsere Diskussionen, an unsere Verbundenheit. Wenn auch nur für kurze Zeit, so warst Du doch Teil meines Lebens — ich habe Dir nie dafür gedankt. Dafür schäme ich mich — und ich hoffe, dass Du dort, wo Du jetzt bist, diese Zeilen lesen kannst.

Ich habe heute erfahren, dass ein betrunkenes Arschloch vor ein paar Wochen in Deinen Wagen gerast ist. Du hattest keine Chance. Du warst ein kleiner Teil meines Lebens — und so ist heute auch ein kleiner Teil von mir gestorben. Ich fühle mich so unendlich leer. Vielleicht hätte ich damals mehr kämpfen sollen — mit Sicherheit aber hätte ich bei unseren zwei zufälligen Treffen danach einfach mal zu Dir kommen sollen. Ich hätte um unsere Freundschaft kämpfen müssen, dafür, dass ein so liebevoller Mensch weiter Bestandteil meines Lebens bleibt. Mein Stolz, meine Prinzipien haben es nicht zugelassen auf einen so wundervollen Menschen, wie Dich zuzugehen. Das kann ich nicht wieder gut machen. Und das tut verdammt weh. Auch wenn ich Dich nie wieder sehen werden, trage ich Dein Bild immer in meinem Herzen mit mir — egal, wo immer ich bin. Du in Deinem kurzen Sommerkleid, mich ärgernd, spielend vor mir weglaufend — und ich mir meine Belohnung abholend, wenn ich Dich gefangen hatte. Ich weiß, dass Du nun an einem besseren Ort bist. Allein dass Du dort bist, macht diesen Ort zu einer ganz besonderen Quelle der Freude und des Glücks. Und wenn ich die Augen schließe, Dich sehe, ganz in weiß, mit Deinem Lächeln und mit Engelsflügeln — so stelle ich mir das unendliche Glück des Himmels vor. Man sagt, jeder Mensch hat einen Schutzengel — ich würde mir wünschen, Du wärest ab heute mein neuer Schutzengel. Ich werde Dich nie vergessen. Danke für Alles. Ich liebe Dich.

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