Distanz

Naumann Wandsbek

Ich habe heute einen Political Saturday eingelegt. 😉 Bei uns im Rathaus war Tag der offenen Tür und die SPD Wandsbek feierte zugleich Familienfest. Schon sehr interessant, was man dort so alles feststellt. Das Hamburger Rathaus ist sehr beeindruckend. Ein tolles Gebäude, nicht nur schön anzusehen, auch wunderbar, hamburgisch eingerichtet. Allein die Wandbemalungen sind ganz grandios. Da mag man gar nicht mehr weggehen. Nur Fotos waren kaum machbar, die Lichtverhältnisse waren sehr schlecht. Vielleicht einfach mal hier schauen. Die Fraktionen hatten selbstverständlich auch geladen, dazu erstmal grundsätzlich eine Beobachtung:

Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, als wäre da eine fast schon greifbare Distanz zwischen Politikern und Bürgern. Die Politiker, in feinem Zwirn, manchen konnte man das Unwohlsein, umgeben von Menschen, mit denen reden zu müssen, ohne vom Zettel abzulesen, deutlich ansehen. Bei den Menschen wiederum konnte man spüren, dass manche oftmals deutlich mehr den Herrschaften direkt ins Gesicht sagen wollten, als sie es letztendlich taten. Bildlich gesprochen: Wie zwei Raubtiere, die sich umkreisen und doch nicht zuschlugen. Vielleicht ist das jetzt ein wenig hart ausgedrückt, so war aber mein Eindruck. Da gibt es mittlerweile eine riesige Mauer zwischen Politik und Menschen — die jemals wieder zum Einsturz zu bringen, ist kaum möglich.

Eine weitere Beobachtung, weitaus für die Zukunft interessanter: Die Fraktionen in der Hamburger Bürgerschaft luden selbstverständlich auch ein. Die CDU war von allen Altersklassen überlaufen, da konnte man kaum ein Fuß reinsetzen, die CDU wurde von der kpl. Familie besucht, völlig überfüllt. Bei den Grünen war auch etwas los, zwar nicht sehr viel, dort scheint man aber ein stückweit back to the roots zu gehen — man hatte Öko-Äpfel im Angebot und versuchte so mit dem Leuten ins Gespräch zu kommen — die Grünen halt. Erschreckend das Bild bei der SPD. Die Fraktion war fast menschenleer. Ein älterer Herr unterhielt sich mit einem Abgeordneten, der Tisch mit Kaffee und Kuchen fast unberührt, ein kleineres Kind tobte über den Gang, das wars dann auch. Auch wenn die SPD-Fraktion im Gegensatz zu den Kollegen im 3. Stockwerk untergebracht ist, lässt das ganz tief blicken. Im Foyer war Michael Naumann zu Gast — er redete mit einem Bürger. Auch das war nicht der Rede wert — immerhin möchte er nächstes Jahr Bürgermeister werden. Man kann schon fast davon sprechen, dass die SPD ignoriert wurde.

Später bei der SPD Wandsbek das gleiche Bild. Ältere Damen und Herren, natürlich auch Jusos und auch jüngere Familien, dort merkte man aber ganz schnell, dass diese meist zur SPD gehörten. Auch hier war Michael Naumann wieder zu Gast, und als er an das Rednerpult ging, habe ich nur lachend abgewunken. In den ersten beiden Sätzen fielen die Begriffe soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit — genau deshalb solle man doch SPD wählen. Absolute Plattitüden, kein Inhalt, Wandsbek müsse wieder Vorzeigestadtteil werden — es gab Applaus, von den eigenen Leuten. Zwischendurch wurde ein älterer Herr etwas lauter, so dass Michael Naumann seine Rede kurz unterbrechen musste. Er machte sich über den Mann lustig, die SPD ist auch für das schlechte Wetter in Hamburg verantwortlich, und dann ging es weiter im Takt. Normalerweise sollte man davon ausgehen, dass die Menschen etwas zu bereden hätten, gerade mit der SPD — mitnichten. Ganz wenige Gespräche, immer wenn es etwas lauter und herzlicher wurde, begrüssten SPD-Mitglieder gerade Freunde oder Verwandte. Da war nichts los — und das beim Familienfest der SPD Wandsbek mitten in Hamburg.

SPD Wandsbek Familienfest

Hände in der Tasche, Arme über Kreuz — ablehnende Haltung. Eine ältere Dame bestellt einen Fruchtcocktail — im Hintergrund, wo doch ein paar Besucher stehen, war ein kleines Glücksrad aufgebaut. Ein typisches Bild — das Bild ist geschossen worden, nachdem Naumann seine Rede gehalten hatte. Es wurde Musik gespielt, die Leute waren also nicht abgelenkt.

Die Politik hat grundsätzlich das Problem, dass sie sich von den Menschen in unserem Land entfernt hat. Die Menschen haben das Gefühl, die da oben machen eh was sie wollen. Das betrifft — quer Beet — alle Parteien. Die SPD jedoch hat noch viel tiefer gehende, gravierendere Probleme. Das sind fast schon Auflösungserscheinungen. Personal, das desinteressiert wirkt, ich bin mehrmals dort vorbeigegangen — man hat nicht mal den Versuch gestartet, mich anzusprechen. Wenn sowas, wie Gespräche aufkamen, waren das Gespräche von SPD-Mitgliedern mit Bekannten, Verwandten oder mit Freunden. Die Menschen gehen spürbar, sichtbar auf Distanz zur SPD. Gekrönt wird das ganze durch einen Spitzenkanditaten, der nicht zu überzeugen weiß. Ich glaube schon, dass man das bundesweit auf die SPD übertragen kann. Ich sehe in der SPD niemanden, der die Menschen mitnehmen könnte, auch keinen Steinmeier, der schlicht und ergreifend von seinem Posten, den des Aussenministers lebt, wie so viele vor ihm. Ich glaube, wenn es die SPD nicht schafft, noch einmal auf der Welle, wir sind das kleinere Übel, zu schwimmen, erleben wir gerade die Demaskierung der SPD durch das Volk selbst.

Eine Antwort zu “Distanz”

  1. ThoGo sagt:

    Hier in Dreden liefert die SPD das gleiche Bild, obwohl die CDU, FDP und NPD mit all den Skandalen eigentlich alle denkbaren Steilvorlagen zur Profilierung geliefert hat.
    Die SPD im speziellen hat Generationen von fähigen Leuten verschreckt. Sie verdient es daher nicht besser.
    Die CDU röchelt nur noch und hat sogar mangels Alternative den Milbradt wiederwählen müssen.
    Die FDP fällt nach dem gerichtsbekannten OB Roßberg auch komplett aus.
    Wenn mann mit der Linken spricht gruselts einen immer wieder ob der ideologischen Verknöchertheit ihres Personals.

    Ich persönlich bin ja der Meinung das wir gerade den Untergang des Parteienstaates erleben und den Übergang zu einem Mix aus Oligarchie und Beamtenstaat.

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