digitales Lesevergnügen

Ich halte ja bekanntermaßen nicht derart viel von diesem elektronischen Holzersatz. Zum einen fehlt einfach der Charme offline beispielsweise irgendwo bei Kerzenlicht gepflegt zu schmökern, keinen Gedanken an die verbleibende Laufzeit zu verschwenden oder ob der Kontrast und die Bedienung eventuell besser sein könnte. Zum anderen mißfällt mir der Gedanke mich der digitalen Kurzlebigkeit hinzugeben. Kurzum: der Nerd in mir braucht ab und an mal eine gepflegte Auszeit und diese überbrücke ich höchstgerne mit einer geballten Ladung Literatur.

Abseits meiner Animositäten sehe ich natürlich ein, daß in Zeiten in denen Leute mäßig gerippte Musik1 bei beispielsweise iTunes erwerben und auf Konserven der Marke iPod2 genießen der adäquate Lesegenuß kaum noch vermittelbar ist. Wer u.a. auf ebooks und Hörbücher pocht und mit Zeit– bzw. Platzersparnis argumentiert ist glaube ich die falsche Zielgruppe für derlei Ansprüche. Aber sei es drum, jeder nach seiner Facon.

Vielmehr erstaunt es mich, wenn die Vertreter in totem Holz veredelter geistiger Inhalte plötzlich einen derart aggressiven Ton anschlagen und just die letzten Reste ihrer Leserschaft mal eben durch die Bank vorab kriminalisieren. «Wir werden in aller Schärfe gegen den illegalen Download, gegen den Diebstahl im Internet, vorgehen» und «die Gerichte mit Tausenden von Verfahren beschäftigen» Auch der bloße Konsument unter Zeitnot kann ein Genießer werden und diesen potentiellen Großkunden verprellt man sich nicht ohne weiteres mit einer derart rohen Haltung.

In der Theorie triffts nur die Kopierer, die sicherlich en masse auftreten und eine audiovisuelle Dimension auf der Piratenbucht erlangen werden. Ich denke die schreibende Zunft hat andere Probleme als den profanen Raubkopierer, viel mehr sind es Rohrkrepierer und anhaltende Lesefaulheit in dieser schnelllebigen Wegwerfgesellschaft. So jedenfalls verbaut man sich Chancen auf ohnehin wackligem Terrain. Gott sei Dank existieren noch genügend literaturtechnische Hinterbliebenschaften unserer Altvorderen, so daß es mir um den Nachschub nicht bange sein muß. Schade ist es nur für heutige Autoren per se, die ihre Kunst mittels solcherlei Kanälen an den Mann bringen müssen oder vielleicht gar nicht mehr dazu in der Lage sein werden dank derartiger Kulturbanausen.

Meine Wahl hat neben dem schwer vermittelbaren Genuß einen entscheidenden Vorteil: ich bin nach dem Erwerb in keinster Weise abhängig von irgendwelchen Krämerseelen und deren gewirkten Einschränkungen, darüber hinaus kann ich auch andere zum Lesen bewegen indem ich mein Buch verleihe — mittels totem Holz gelebte Kultur 😉

Bild: Wikimedia Commons

  1. damit ist nicht die Krankheit der Audiophilen gemeint []
  2. ich besitze einen Touch, weiß aber zwischen Konserve und Musikgenuß zu trennen — obwohl sicherlich die üblich erworbene Konservenmusik hier den passenden Deckel findet []

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6 Antworten zu “digitales Lesevergnügen”

  1. horstling sagt:

    Ich lese viel per ( legalem ) E-Book, schere mich dabei weniger um die Verpackung als um den Inhalt und habe meine » Bibliothek » immer bei mir. Ich lese gern und oft und habe nicht immer Zeit oder Environment um mir dabei eine Kerze anzuzünden ( leider ). Aber ich stimme zu : Die Möglichkeit, eine gute Geschichte weiterzugeben, fehlt mir etwas. ( Wäre aber auch nicht im Sinne der analogen Zunft! ).

  2. Prospero sagt:

    Nun, ich denke dass im wissenschaftlichen Sektor das Ebook durchaus angenommen werden wird. Die meisten Profs stellen ja jetzt schon ihre Folien und Materialien als PDF ins Netz — meistens halt nur nicht durchsuchbar. Wenn man eine Hausarbeit schreibt und viel zitieren muss oder nur mal ebend einen Artikel benötigt — bisher muss man ja das komplette Buch mitnehmen ob man will oder nicht — dafür können Ebooks sehr praktisch sein.

    Für den normalen Leser, der nur unterhalten werden will werden die Ebooks erst dann eine Rolle spielen, wenn die Preise für Ebooks sinken. Momentan sind die fast analog zur Printausgabe — und mal ehrlich: Warum sollte ich mir ein teures Lesegerät kaufen um anschließend Ebooks zu kaufen, die mich als Print genau so viel gekostet hätten? Sehen wir mal davon ab, dass Bücher ab einer gewissen Länge — 300, 400 Seiten — am Bildschirm nicht mehr komfortabel lesbar sind.

    Für wissenschaftliches Arbeiten bieten sich Ebooks geradezu an. Und diesmal könnte es sogar klappen, dass mit dem Massenmarkt. Das war ja schon mal so, so um 1999 rum… (Franklin eBook-Reader, Rocketbook wären da die Stichworte.)
    Ad Astra

  3. Oliver sagt:

    Sicherlich wäre es von großem Nutzen hätte ich diverse Fachwerke zum praktischen Nachschlagen elektronisch an der Hand, aber gerade diese Verlage tun sich äußrst schwer mit derartigen Technologien. Was dort wiederum verständlich ist, da nicht der Massenmarkt bedient wird und einige Kopien tatsächlich fatal wären. Die Preise sind allgemein wiederum eine ganz andere Sache, selbst für Fachbücher wäre ich nicht bereit den gleichen Preis zu zahlen. Da muß bei den Verlagen ein massives Umdenken einsetzen, was ich jedoch ernsthaft bezweifle.

  4. PZK sagt:

    Hiermit reiht sich die Buchindustrie nur weiter in die Internettaktik der Content-Mafia ein, man stöhnt hier auf milliardenschwerem Niveau.

  5. Seraphyn sagt:

    Ganz offen, ich hatte damals mir mit dem Handspring Visor die eBooks angetan, dann mit einen Palm, danach nicht mehr. Es ist der Vergleich mit einem MP3, oder auch CD-Player. Wer meint, dass dort guter Sound kommt hat imo keine Ahnung. Da fehlt tiefe massiv, es ist als hätte man auf einer LP pro Seite 12 Lieder draufgeklatscht, die Sache hat keinen Druck und die Tiefe, der Raum fehlt. Hat man dann max 2 Lieder pro Seite, ein Genuss. Somit geniesse ich auch lieber das » tote Holz» und freue mich immer wieder an meinen Büchern. Das faszinierende ist daran, es funktioniert, ich schlage es auf, und fange an zu lesen, Egal wie lange, egal wo. Unterschied wie Bleistift/Papier zu einem Laptop. Diese Rudelbumserei, welche da nun vollzogen wird ist für mich ein Grundrauschen, welches im Moment die Welt scheinbar in vielerlei Dingen trifft und langsam fange ich an so etwas zu ignorieren. Ich meine mal ganz Offen, wer braucht eBooks, warum reiten die dermasen seit Jahren darauf rum und nun scheinen sie langsam zu haben was sie wollen und bauen so einen Stress auf. Erinnert mich an Kinder, welche nicht wirklich wissen was sie wollen.
    Gruss

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