Die Vodafone-Omerta

VodafoneIm Vodafone-Desaster kristallisiert sich immer mehr eine Erkenntnis heraus: Wenn Unternehmen wirklich im Web 2.0 Fuß fassen wollen, dann sollten sie sich Experten, wer auch immer das sein mag, ich sehe da niemanden, ins Haus holen und nicht simple Eigenvermarkter und gnadenlose Selbstdarsteller. Persönlich, privat kann ich nichts zu Sascha Lobo sagen — er ist sicherlich ein netter Kerl. Bis zur MBC09 hatte ich mich mit ihm so gut wie gar nicht beschäftigt. Warum auch. Doch dann habe ich ihn live erlebt. Kurz gesagt: Er hat sich verkauft und war wieder verschwunden. Ihn interessierte die Veranstaltung gar nicht. Er kam irgendwann am Nachmittag an, gab der Tagesschau ein Interview und stürmte die Bühne. Er bot an, sich mit ein paar Leuten zurückziehen und Ideen für eine Twitter-Vermarktung auszuarbeiten. Er versprach, dass er einen Artikel auf seinem Blog zu diesem Thema verfassen würde, danach wollte er das Thema in der Presse lancieren. Das Sascha-Lobo-Versprechen der MBC09: Endlich eine Twitter-Vermarktung. Es ist selbstverständlich nichts passiert. Solche Ankündigungen liefen in meiner Jugend immer unter dicke Fresse nichts dahinter. Ich merke hier noch einmal an, dass Sascha privat sicherlich ein feiner Kerl ist. Nichtsdestotrotz sollte man durchaus mal nachfragen, wer da als Godfather des Web 2.0 durch die Presse gereicht wird. Auf Twitter ist gestern im Übrigen bekannt geworden, wie Vodafone auf ihn gekommen ist. Seht selbst:

Auch über Nico Lumma kann und werde ich privat kein schlechtes Wort verlieren. Nico ist sicherlich ein Mensch, mit dem man Pferde stehlen kann. Doch sind da auch zwei Sachen die mir immer wieder in den Kopf kommen: Zum einen war da dieses Windei Shoppero, zum anderen ebenso wie bei Sascha ein Auftritt auf der MBC09. Er war gemeinsam mit Evan Prodromou, dem Identi.ca-Macher und Marco Kaiser (Twhirl) zum Thema Die Zukunft des Microbloggings auf der Bühne. Während man bei Evan und Marco wirklich das Gefühl hatte, da sitzen zwei Personen, die wirklich Ahnung haben, den Saal mitgerissen haben, die wussten, wovon sie reden, war Nico die große Enttäuschung. Er saß halt dabei und versucht ab und zu einen witzigen Kommentar unterzubringen. Provokant gesagt: Da versuchte die Kreisklasse in der Bundesliga mitzukicken. Auch hier noch einmal der Hinweis: Das hat nichts mit dem privaten Nico Lumma zu tun.

Reden wir nun aber über die Vodafone-Omerta. Wie bereits geschrieben, werben zur Zeit mehrere so genannte deutsche Top-Blogs für den Telekommunikationsanbieter. Die Kritik ebbt nicht ab. Zum einen wäre da der lächerliche Werbespot, als auch der desaströse Auftritt Vodafones im Web 2.0. Allein die Tatsache, dass die beiden aktuellen Artikel auf deren neuem hippen Blog ganze 10 Kommentare aufweisen, lässt tief blicken. Man muss vielleicht darauf hinweisen, dass Vodafone doch ein paar Kunden hat und der Werbespot seit Samstag rauf und runter gespielt wird. Auch findet dort keine Konversation statt — im Gegenteil: Das Web 2.0, das ganz Social-Media-Gedöns wird von Vodafone zum Senden missbraucht. Nicht mehr und nicht weniger. Und natürlich wird auch immer wieder nach dem Zensurprovider Vodafone gefragt. Und genau an diesem Punkt stehen die Menschen vor einer Mauer des Schweigens, der Vodafone-Omerta. Dass Vodafone, als Vorreiter der deutschen Zensurinfrastruktur keinen Kommentar abgibt — geschenkt. Man könnte jetzt Folgendes vermuten: Wenn demnächst eine offizielle Delegation zu wirtschaftlichen Gesprächen nach China reist, ist das Unternehmen mit an Board. Das wäre dann die Krönung der hohen Kunst der Diplomatie.

Aber — es stehen natürlich ebenso kritische Blogger und auch die Leser der werbenden Blogs vor dieser Vodafone-Omerta. Die für Vodafone werbenden Blogger mauern, schweigen, geben keinen Laut von sich. Wie ich bereits schrieb: Die Zensursula-Debatte hat sich erledigt. Der größte Erfolg Vodafones wird nicht sein, eventuell im Web 2.0 Fuß zu fassen. Nein, man hat große Teile der Meinungsführer in Deutschland gekauft — und schon herrscht Eitelsonnenschein, man ist nicht mehr der Zensurprovider. Vodafone sind die Guten — oder wie es unglaublich dreist Stefan Niggemeier ausdrückt: Ich finde die Reaktionen auf die Kampagne und die Pressekonferenz und das Unternehmen selbst in weiten teilen hysterisch. Es versteht sich von selbst, dass er den anderen Kommentatoren von Ix vergessen hat zu erzählen, dass wenige Stunden später eine Werbekampagne für Vodafone auf seinen Blogs startet. Wie Jo übrigens mitteilt, ist Scholz & Friends nicht nur für Vodafone tätig — auch Zensursula selbst, das Bundesfamilienministerium, ist Kunde.

Der STERN schreibt: Auffällig häufig vergeben CDU-geführte Bundesministerien und Behörden lukrative Aufträge an die PR– und Werbeagentur Scholz & Friends. Konkurrenten argwöhnen, dass es an der CDU-Nähe einiger der Inhaber und Manager der Firma liegt. Die Agentur bestreitet das. […] Auch Ursula der Leyens Familienministerium hatte viel für das Unternehmen übrig. Es betraute Scholz & Friends erst mit einem Werbeauftrag für die von der Ministerin propagierten Mehrgenerationenhäuser. Dann folgte Mitte 2008 ein PR-Etat für das Programm «Aktiv im Alter». Die Auftragssummen hält das Familienministerium geheim, weil das «geschäftliche Interessen» der beteiligten Agenturen berühre. Wenig transparent waren schon die Vergabeverfahren, mittels derer die Agentur an die Aufträge kam. Das Bundesfamilienministerium, Zensursula, Vodafone, Scholz & Friends und die so genannten deutschen Top-Blogs — eine Kombination der ganz besonderen Art. Ich habe gestern die Frage gelesen, warum man bei Adnation nicht aus Yahoo gelernt habe. Ganz einfach: Man will es nicht. Es fließt Geld, da haben Moral, Anstand, Werte und Rückgrat keinen Platz.

Selbst die Printausgabe der FAZ hat darüber berichtet. Don Alphonso schreibt: Denn aktuell empfindet sich diese „Zielgruppe“ nicht von Vodafone „empowert“. Vodafone hat sich den Bestrebungen der Familienministerin von der Leyen gefügt, eine Infrastruktur gegen Kinderpornographie im Netz auszubauen, die unter Bloggern extrem verhasst ist. […] Mit erstaunlicher Indolenz plaudert man bei Vodafone auch nach dem Debakel einfach weiter, schwadronierte vom Dialog mit der „Generation Upload“, während draußen im Netz überdeutlich wurde, dass man von solchen Leuten absolut nicht als Partner gesehen werden möchte. Andrea stellt nüchtern fest: Lieber wäre mir ja, man gäbe mir einen, der ab und zu bei der Kundenhotline ans Telefon geht, deshalb bin ich nämlich nicht mehr bei Arcor sondern bei der Konkurrenz. Und wenn ich die Welt verändern möchte, frage ich üblicherweise vorher weder bei meinem Internetprovider noch bei meinem Mobiltelefon-Anbieter nach. Meist ist es hilfreicher in Sachen Power, vorher einen anständigen Kaffee zu trinken.

Martina, Sozialdemokratien mit Herz und Seele, denkt noch einmal über Nico, Sascha und den Online-Beirat der SPD nach. Was mich an dieser ganzen Aktion wirklich ankotzt, ist die Tatsache, dass hier mindestens zwei Personen beteiligt waren, die anscheinenden und augenscheinlich sich gegen die Zensursula-Aktion aussprachen, aber im nächten Atemzug sich einer der Firmen anbiederten, die relativ positiv der Gesetzesvorlage entgegenkamen. Ralf ist traurig, dass Vodafone sich von Einäugigen hat beraten lassen: Ich bin traurig, dass Vodafone sich von Einäugigen beraten lässt, die sich anscheinend überhaupt nicht in ihrer Welt auskennen. […] Ich bin traurig, dass Vodafone allen Ernstes auf diese Experten setzte, sich auf sie verließ, ihnen teures Geld für ihre ‘Expertise’ bezahlte und nun dasteht wie der Trottel der Nation. Das hat Vodafone nicht verdient. Verdient hätten sie, durch diese Experten sich einen Vorsprung vor der Telekom und Kollegen herauszuarbeiten, diese um Längen hinter sich zu lassen. Ich finde ja schon, dass Vodafone genau das verdient hat, das aber nur nebenbei.

Den Abschluss soll das Piratenmitglied Cartagena machen, dessen Meinung ich extrem schätze. Würde die Piratenpartei nur aus Menschen wie ihm bestehen, gäbe es da keine Probleme, und sie würden im September den Bundestag entern. Die Vodafone-Kampagne startete auch über das Bloggerwerbenetzwerk Adnation, sprich über die teilnehmenden Blogs wird fleißig, animierte rote mit dem Claim versehene Werbung geschaltet. […] Dass allerdings unter diesen Blogs mit Pirat D. sich z. B. ein waschechtes Mitglied der Piratenpartei befindet, empfinde ich höchst befremdlich. So als hätte man nichts begriffen, um was es geht. Was die vergangenen Wochen abgelaufen ist. Das Wort “parteischädigend” ist in letzter Zeit enorm inflationär verwendet worden, aber mir fällt zu solch einer Aktion keine andere Begrifflichkeit ein. Wir kämpfen gegen etwas und einer fängt auf einmal an für einen Teil dieses Etwas zu werben. Dabei war es wohl offensichtlich einfach genau diese Werbung von Vodafone aus besagten Gründen abzulehnen.

Gestern hatte ich bereits netzpolitik.org und Ix als positive Beispiele herausgehoben. Heute muss ich noch Boogie und sein slidetone.blog nachtragen sowie London Leben. Wenn Du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Dieses kleine Lichtlein sind die 4 genannten Blogs. Es geht also doch. Man kann Nein sagen und Rückgrat beweisen. Das lässt hoffen.

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9 Antworten zu “Die Vodafone-Omerta”

  1. ralf sagt:

    Natürlich haben sie es in Deinem (und damit dem großen) Kontext nicht verdient.
    In meinem viel kleineren Kontext ging es in just diesem Moment darum, daß man für sein Geld auch die beste Leistung bekommt!
    Daß sie die nicht bekommen, liegt auch im Titel meines Posts begründet «vodafone: Wenn der Blauäugige auf den Einäugigen trifft» ;-)

  2. […] lässt mich die Sache mit Vodafone, gerade nach Chris’ letztem zusammenfassenden Kommentar, nicht in […]

  3. […] “kognitive Dissonanz” in der Web-Szene und so auch bei mir entstehen kann, beschreiben Chris und Don, für die sich die Schere im Kopf mit dieser Vodafone-Kampagne nur noch mehr […]

  4. Micxs sagt:

    Zitat:
    «Es fließt Geld, da haben Moral, Anstand, Werte und Rückgrat keinen Platz.»

    Welch ein kleiner Satz der doch soviel Wahrheit enthält. Wer sich über umfallende Politiker und lobbygesteuerte Politik aufregt und dagegen schreibt, aber im gleichen Atemzug bereit ist Gelder seiner «Gegner» anzunehmen beschämt sich und seine ganze Arbeit. Ich halte das auch für ein Grundprobleme unserer Gesellschaft. Beim eigenen Vorteil ist es bei vielen vorbei mit Moral und Rückgrat. Die Piraten werden dieses Thema sicher auch noch feststellen, denn es gibt Wähler die achten darauf welche Gelder und Mittel benutzt werden um ihre Themen unters Volk zu bringen.

    Mein Grundsatz seit vielen Jahren lautet dazu: Schau was der Mensch tut und nicht was er sagt. Gerade in der Politik immer wieder sehr lehrreich.

    Viele Grüße
    Micxs

  5. SM-Wanderer sagt:

    Wahre Worte.
    Einen ähnlichen Eindruck habe ich auch von Nico Lumma. Er mag ein netter Kerl sein, aber gemessen an seinen Taten hat er bisher rein gar nichts zustande gebracht. Alle seine Projekte waren Rohrkrepierer, blogg.de, mabber und shoppero. Ich habe ihn bei diversen Veranstaltungen in action gesehen, wo er wenig Substanzielles beitrug, er gibt gern den Clown und teilt gerne aus. Er hat für die Vodafone Kampagne einige Blogger vor seinen Karren gespannt, das ist sein Geschäft, das er versteht. Manche werden monetär vergütet, wie Sascha Lobo manche indirekt mit Vodafone-Adnation-Werbung, mit Karten und Vorträgen für die «Next», Freelancer Aufträge von S&F oder Dönerstag-Lunch mit Nico Lumma.

    Nico tut das, was notwendig ist und ihm nützt, mehr nicht. So hat er zusammen mit Sascha Lobo, beide im Online-Beirat der SPD sich auch zum Thema Zensursula erst einen (!) Tag vor der Entscheidung geäußert. Dass die Abstimmung im Bundestag erwartungsgemäß ablief ist auch seine Schuld. Er und Sascho Lobo haben damit m.E. ihr wahres Gesicht gezeigt. Mehr noch, Nico erschien sogar auf der Mahnwache gegen Zensur im Internet vor dem Hamburger Rathaus … und war nach wenigen Minuten wieder weg! Nur zur Info, die Mahnwache dauerte zwei Stunden, ja, es hat zwischendurch mehrfach geregnet. Aber einige Hundert haben durchgehalten. Nico hingegen wollte nur gesehen werden. Mehr Schein als Sein.

    Nico wusste genau was er da tut, er hat erst seinem Arbeitgeber das Social Media Märchen erzählt, die haben es Vodafone erzählt und den Etat gewonnen. Jetzt hat Nico gezeigt was er eben nicht kann, seinen Worten Taten folgen lassen. Die Kampagne ist Durchschnitt, die meisten Leute im Fernsehen kennen Sascha Lobo nicht und Frau Schnutiger erst recht nicht. Die Pressekonferenz war verdammt mutig, vodafone (Das ist ein Lob!). All diese negativen Kommentare so unkommentiert direkt neben dem Video laufen zu lassen, toll. Nur Nico hat sich verkrümelt. Der Großteil der Social Media is kicking his ass. Aber er schwurbelt weiter auf seinem Blog das Märchen vom Zuhören, das er selbst nie geglaubt hat. Was für ein Unsinn. Nico ist ein Feigling, das weiss ich spätestens seit Zensursula. Große Klappe nichts dahinter.

  6. wieso krieg ich keinen vorbehalt, dass ich möglicherweise ein super freizeitpferdedieb bin?

  7. Chris sagt:

    Oh, das habe ich vergessen.

  8. John Dean sagt:

    Mein Eindruck ist: Stefan macht sich dünn, sobald es um konkrete Vorwürfe geht. Bei allem Respekt fürs Handaufhalten: Das ist einfach zu dünn. Stefan ist großartig, wenn es darum geht, beispielsweise, die Kritiker der Vodafone-Kampagne abzukanzeln. Er ist überhaupt: Ein ganz prima Abkanzler.

    Und er ist in meinen Augen, an dieser Stelle, feige. Feigheit in eigener Sache.

    (menschlich habe ich dafür Verständnis — großes sogar)

    Im Urteil über ihn mag ich falsch liegen. Vermutlich (ich vermute das sogar sehr stark!), steht mir ein generalisierendes Urteil über die Person Stefan Niggemeier nicht zu — und, das finde ich noch wichtiger, Stefans Verdienste und Redlichkeit mag ich nicht in Frage stellen.

    Nun, wie auch immer — trotzdem würden wir gerne von Stefan eine ausführlichere Begründung dafür hören, für seine Meinung, dass die Kritik an Vodafone überwiegend Schrott sei bzw. grundlos, hohl und dumm. In eigenen Worten:

    Ich finde die Reaktionen auf die Kampagne und die Pressekonferenz und das Unternehmen selbst in weiten Teilen hysterisch. Ich glaube, man könnte große Teile des Gekläffes sehr gut ignorieren.

    Das hat er gesagt. Mehr Reflektion von seiner Seite, darüber, habe ich von ihm bislang nicht gelesen. Ich würde aber gerne Begründungen seines Standpunktes von ihm hören — und keine kurzen, flotten Sprüche.

    Stefan hält die Kritik an Vodafone und der V-Werbekampagne für nicht beachtlich.

    Aber warum?

  9. ambee sagt:

    ich bin in der sache zwiegespalten, klar, über vodafone brauchen wir nicht diskutieren, und ich persönlich hätte auch kein gutes gefühl dabei vodafone-werbung auf meiner seite zu schalten, da ich mit der firma in keinerlei kontakt stehen will. aber deswegen den anderen blogs gleich verrat vorzuwerfen finde ich übertrieben, ich glaube kaum dass sie sich kaufen haben lassen oder jetzt mit dem feind zusammenarbeiten.

    ich finde diese sache zeigt vielmehr wie daneben die vodafone-kampagne ist. sie schalten werbung auf seiten, die sich klar und eindeutig gegen die firma aussprechen, wie zB spreeblick heute nachmittag.

    absurder geht es doch gar nicht.


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