Die vierte Gewalt und die Demokratie

Auf den Weblogs dieser Welt wird oft darüber philosophiert, warum die Menschen sich immer mehr von den alten, etablierten Medien abwenden, sich immer mehr anderen Angeboten, insbesondere im Internet, zuwenden — auch den Weblogs. Meist wird es damit begründet, dass die klassischen Medien den Zug verpasst haben, sie wurden überrollt von einem neuen Medium, welches sie am Anfang nicht ernst genommen haben und heute teilweise noch nicht verstehen. Anders die Weblogs, sie sind Teil dieses Mediums, mit ihm gewachsen und haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie nicht in der Defensive sind, sondern halt in der Offensive. Ich denke, dass ist aber alles nur die halbe Wahrheit — eine gedruckte Zeitung würde ich immer noch einem Online-Artikel vorziehen, natürlich muss auch der Beruf Journalist erlernt werden — und jeder Journalist sollte einen Blogger, der nicht aus der Branche kommt, locker in die Tasche stecken. Warum also muss — neben den schon oft genannten Begebenheiten — der klassische Journalismus sich mehr denn je gegen die Konkurrenz erwehren, warum ist an so vielen Stellen davon die Rede, dass die etablierten Medien schon den Kampf verloren haben?

In unserem Lande haben wir die Gewaltenteilung, die Legislative, die Exekutive und die Judikative, die 3 Gewalten, so lernen wir es in der Schule, und doch existiert(e) in der Bundesrepublik Deutschland die vierte Gewalt: Die Presse, das Nachrichtenwesen, bestehend aus zig TV-Sendern, unzähligen Zeitungen und Zeitschriften — die vierte Gewalt, dessen Grundrecht sogar — die Pressefreiheit — in unserem Grundgesetz verbrieft wurde. Die Aufgabe der vierten Gewalt? Die Kontrolle und Überwachung und meiner Meinung nach auch das Infragestellen der 3 bereits genannten Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative.

Doch was passiert, wenn die vierte Gewalt nur noch Erfüllungsgehilfe der Politik ist? Wenn die Herren Journalisten in Berlin kaum kritische Stimmen veröffentlichen dürfen, weil sie sonst von Empfängen, Interviews, etc. ausgeladen werden. Was passiert also, wenn die vierte Gewalt, unser Nachrichtenwesen, nur noch Erfüllungsgehilfe der mittlerweile alles überstrahlenden Legislative ist?

Ich glaube, die Antwort erleben die Journalisten gerade in unserem Land. Die Menschen wenden sich mit Grauen von den etablierten Medien ab — ein Beispiel, an das sich die meisten sicherlich noch erinnern, ist sicherlich das letzte TV-Duell Merkel vs. Schröder. Jeder normaldenkende Mensch, der nicht tiefschwarzer Christdemokrat war, hat wohl gesehen, dass Gerhard Schröder eindeutig der bessere war, wenn man es denn so bezeichnen möchte. Doch was machen die Kommentatoren unseres Landes? Rufen Angela Merkel gegen jede Umfrage zur Siegerin aus, als Alibi galt die Frage in den Umfragen: Wer hat besser abgeschnitten als erwartet? Kann es eine noch manipulierende Berichterstattung geben, wie diese?

Ich denke nicht. Das Problem der klassischen Medien ist nicht, der eine oder andere Blogger, der vielleicht selbst noch Journalist ist, und dem die Leute an den Lippen hängen, weil er einfach eine klasse Schreibe hat und unabhängig ist. Das Problem der Presse ist auch nicht die angebliche Macht der Blogosphäre, auch haben die Verlagshäuser mittlerweile ansprechende Online-Publikationen, das alles ist nur die Folge des eigentlichen Problems: Der enorme Vertrauensverlust der Bevölkerung in die alten Medien. Die Menschen suchen nach Antworten, die Menschen möchten — insbesondere in den heutigen Zeiten der Großen Koalition — die Politik hinterfragt wissen, doch nichts davon passiert. In unserem Lande werden nach 20 Jahren der Reformarbeit, die nichts gebracht hat, im Gegenteil, zur Zeit die größten Reformen umgesetzt, 3 Stichworte: Arbeitslosigkeit, Gesundheit, Rente. Und was passiert? WM und Patriotismus ist das Thema der Headlines. Nicht falsch verstehen, sicherlich ist die WM ein wichtiges (kulturelles) Ereignis, doch wird es von der Politik benutzt, unwidersprochen, unangenehme Sachen durchzusetzen — willige Erfüllungsgehilfen: Die etablierten Medien.

Ehrenwort-Mann Helmut Kohl, Bordellbesucher Peter Hartz, Gasexperte Gerhard Schröder, das Land, die Menschen haben das Vertrauen in die Legislative verloren. Schwarze Kassen, Aktenkoffer voll Bargeld, Recht bekommen und Recht haben sind 2 unterschiedliche paar Schuhe, das Land, die Menschen haben das Vertrauen in die Judikative verloren. Beamte? Angestellte des öffentlichen Dienstes? Das Land, die Menschen haben das Vertrauen in die Exekutive verloren.

Die vierte Gewalt in Deutschland existiert meiner Meinung nach nicht mehr. Sie wurde mittlerweile fließend integriert in die Legislative, geschützt durch Judikative und Exekutive. Was ist das für eine Demokratie, in der die Menschen jegliches Vertrauen in die ausführenden Organe verloren haben, in der die Menschen das Gefühl haben, das von oben herab regiert wird, ohne auf die Bedürfnisse und Wünsche der Bevölkerung einzugehen? Leben wir überhaupt noch in einer Demokratie oder werden wir mittlerweile diktatorisch vom internationalen Kapital regiert? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich für unser Land eine ganz düstere Zukunft — und diese düstere Zukunft wird nicht begründet durch eine hohe Arbeitslosigkeit, einem kranken Gesundheitswesen oder dem demographischen Faktor.

48 Antworten zu “Die vierte Gewalt und die Demokratie”

  1. Oli sagt:

    Auch wenns teils auf den ersten Blick seltsam wirkt, aber eine mögliche Beantwortung der Frage kann man in den Kommentaren bei Missi nachlesen 😀

    Da wird doch der Frage nach gegangen was denn «dumm» ist bzw. ob so mancher Mensch per se dumm sei.
    Betrachtet man dazu mal das gesamte Volk und auch die Politiker entstammen diesem, so ist der rote Faden wohl unverkennbar.
    Ich bin inzwischen nicht mehr der Meinung bei der Politik anpacken zu müssen, diese repräsentiert nur den kulminierten Herdendrang, nein, man muß beim Einzelnen anpassen. Eben dem Einzelnen, dem man nur allzu oft begegnet und ob seiner augenscheinlichen Dummheit oft nur ein «who cares» entgegenbringt. Genau das ist eben falsch, die Einzelnen müssen umgepolt werden, damit sich etwas im Lande regt. Solidarität im Volk fehlt, nicht zu verwechseln mit patriotischem brainfuck. Die Politiker nutzen nur die Gunst der Stunde, der Mob aber hält die Macht in Händen und weiß es nur nicht.

  2. Korrupt sagt:

    Oli, mit diesem «Leute an die Hand nehmen» haben sich einige recht idealistische User in einem gewissen Politikforum recht schnell verheizt. Da hat man die Masse gegen sich, das ist da ein gegenargument, aber ich zweifle auch, dass wir mit der Babette-Geschichte auch nur einen traurigen Einzelfall zum Nachdenken gebracht haben.
    Versteh mich nicht falsch, ich halte dein Statement fuer richtig. Mir scheint bloss, wir haben in einigen Jahren Netz– und RL-Erfahrung noch nicht die wirklich richtige Methode gefunden, mit der man gelegentlich auch Erfolgserlebnisse hat. Ich hab da durchaus Hoffnung, dass es da Moeglichkeiten geben muss, wie man den einen oder die andere anschubst, aber diese sei ja auch «Mangel an Information», wie das Bert seinerzeit in der Sig zu sagen pflegte.

  3. Missi sagt:

    Korrupt, weißte, warum sich niemand regt?

    «Das bringt doch sowieso nichts, also lass ich es… »

    Selbst diese eine Einzelfall hat Freunde, Nachbarn, Kinder, usw… Wenn du einen einzigsten zum Umdenken bekommst, erreichst du mit ein wenig Glück eine ganze Latte anderer Menschen.

    Veränderung kleckern langsam durch die Menschheitsgeschichte, niemand wird von heute auf morgen einen Umbruch erwirken.

    Aber ist das nen Grund, es sein zu lassen?

  4. Chris sagt:

    Aber ist das nen Grund, es sein zu lassen?

    Gute Frage, wie oft denke ich selbst, das bringt doch alles nichts mehr. Ich sage immer selbst über mich, ich flüchte mich in Zynismus und Sarkasmus — ein Mensch, der mich sehr gut kennt, hat mir heute Nachmittag gesagt, ich wäre verbittert.

    Ihr kennt sicherlich den Butterfly-Effekt. Mag vielleicht auf die Natur zutreffen, aber nicht auf unser Land. Selbst wenn eine kleine Gruppe überzeugt werden kann, etwas zu bewegen — ich sag es mal salopp: Die da oben wissen sich zu schützen.

  5. Missi sagt:

    Die da oben wissen sich zu schützen.

    …hatte man bis 1989 auch angenommen. 😉

  6. Korrupt sagt:

    Himmel, missi, diesen Knueppel haetts nicht gebraucht. Ich seh mich nun nicht wirklich als «bringt ja alles nix»-Haendeindenschossleger gefaehrdet.
    Was mir Sorgen macht, ist eben zu sehen, wie darueber Leute ausbrennen, weil sich in der Tat wenig bewegt, und wo ich denke, der Ansatz von Oli ist richtig, aber diesbezueglich sollte uns noch was einfallen. Weil sich in endlosen Debatten mit den gb-Politiknazis und den Babettes dieser Welt erschoepfen kanns nicht sein.
    Ich seh die Bloggerei da auch als einen Schritt in die richtige Richtung, da ists einfach besser wie auf einem Board moeglich, sich einfach mal zwischendurch mit ein paar netten Leuten in die Ecke zu setzen oder gezielter solche zu treffen wie auf den grossen Boards. Ich denk, das ist z.B. was, was da ein Fortschritt ist, was die Macherei auf Dauer erleichtert. Ists das schon? Die Anti-Ausbrenngarantie? Die gibts nicht, ich weiss, aber das ist ein Problem, das man, sobald man mit der An-die-Hand-Nehmerei anfaengt, bedenken sollte. Man muss sich die Sachen nciht unnoetig schwerer machen, als sie sein koennte, das war an sich alles, was ich da sagen wollte, keinesfalls ein «bringt ja eh nix».

  7. Oli sagt:

    Das ist wohl war, aber ich versuchte es halt über die Jahre hinweg immer wieder von einem anderen Winkel aus anzupacken. Im G:b wird man einfach überrannt, dort wurden es über die Jahre mehr oder mehr gaben sich zu erkennen, wie auch immer.
    Es «frißt» jedenfalls manchmal schon an einem, dann sieht man es aber auch im privaten Umfeld und hoppala … deja vu. Und genau diesem privaten Umfeld kann man dann wiederum nicht so leicht entfliehen, wie einem Board. Insofern könnte man das als die maßgebliche «Motivation» bezeichnen.
    Was mich am G:b z.B. störte war und ist dieser «korrupierende» Faktor, nein das ist keine Anspielung auf dich, mehr es «zieht einen runter». Man legt auch anderswo plötzlich einen weitaus schärferen Ton an den Tag, weil man es von dort gewöhnt ist und es teils das einzige Ventil dort darstellt. Problem auch, ich kenne halt ein paar Pappnasen die dort nur just for fun schreiben und anderswo ganz normal rüberkommen, die betrachten die Politik dort als «Ausspannforum». Von daher und gerade ob der Anonymität ist es dann manchmal recht sinnfrei. Im Blog, auf dem Blog, verhält es sich ein wenig anders. Der Artikel, die Meinung steht erst einmal im Mittelpunkt und wird eventuell bewertet mittels Kommentaren. Insofern sind irgendwelche Trolle schon mal deplaziert, weil sie nicht im Mittelpunkt steht, sondern «nur» als Kommentator vorhanden sind.
    Im Forum geht das alles unter, man steht «gleichranging» neben der Fun/Troll-Fraktion und das ist jedenfalls dort das Problem.

  8. Sammy sagt:

    Wie sonst soll sich was ändern, wenn nicht bei jedem Einzelnen?

    Man müsste nur viele Einzelne erreichen.

    Ich habe in letzter Zeit mit dem Gedanken gespielt einen Internet-TV Sender zu starten. Man bräuchte Leute die mitmachen wollen und ein inhaltliches und ein finanzielles Konzept. Die Ausrüstung wird gerne vom örtlichen Offenen Kanal verliehen. Dort bekommt man auch rechtliche Beratung und Fachwissen. Einzige Vorraussetzung ist, dass das Material dann auch neben dem Internet dort gesendet wird.

    Es würde den Sender geben, erreichbar unter einer bestimmten Internet-Adresse, und es würde die Sendungsproduktion geben. Beides getrennt voneinander. So wär man am flexibelsten und es könnte kleine Produktionsgruppen geben, die sich auf Comedy, News oder Reportage spezialisieren. Man müsste dann Freunde, Bekannte und Gleichgesinnte animieren mitzumachen und sie professionell begleiten. 😀

    Lizenzieren würde ich persönlich die Sendungem am liebsten unter CC. An Musik darf dann nur GEMA-freies verwendet werden. Zu finden bei kleineren Bands im Internet. Musiktipps zu sowas flattern ja z.B. bei Falk oder dem Musikdieb rum. Deswegen finde ich es auch sehr wichtig, dass über unbekannte Bands geschrieben wird.

    Tja nur ein paar Gedankenspiele zur Zeit. :)

  9. Missi sagt:

    Was genau willst denn dann da senden?

  10. Sammy sagt:

    Kurz gesagt, alles was möglich ist. 😀

    Bisher ist das ja nur eine Idee, aber guck dir mal bei Spiegel Online die Videos an. Z.B. diese WM-Kolumne «van Ryssen geht steil». Technisch und inhaltlich würde man sowas auch locker hinbekommen. Ich muss dazu aber noch sagen, dass ich diese SpiegelClips, wie auch z.B. die bei pcwelt.tv ( nur mal als Beispiel )nicht gerade gut finde.

    Also konkrete Vorstellungen zu Sendungen habe ich noch nicht. Aber alles von Jackass bis Tagesschau kommt in Betracht. 😀

    Die Themen und Genres können ruhig weit gefächert sein, mit einem besonderem Augenmerk auf Comedy vielleicht. Spaß muss sein. Ich mag das und die Leute mögen das auch. :p

  11. Missi sagt:

    Ich könnt mir vorstellen, da mitzuziehen, wenn sich da was konkretes entwickeln würde. Weniger vor der Kamera, eher an der Technik, welche mir mehr liegt. :o)

  12. Falk sagt:

    Also Internet-TV würd ich da als Anfang nicht wählen. Dann eher doch erstmal einen Video-Cast. Denn die Kosten, die solch ein Projekt mit sich bringt, sind nicht zu verachten. Ungeachtet dem Zeitaufwand :) Und hey — wir sich mit solchen Inhalten an Zuhörer wenden möchte — nebenan sind wir für sowas immer offen :)

  13. Sammy sagt:

    Was ist der Unterschied zwischen Internet-TV und Video-Cast?

    Ich glaube ich meine auch eher den Video-Cast, aber mir ist nicht ganz klar wie der Unterschied definiert ist.

    Das größte Problem wäre wohl der Zeitaufwand und die Server-Kosten. Die Videoausrüstung bekommt man beim offenen Kanal, die sind bei uns sehr offen für sowas und unterstützen gerne fast jede Art von Bürger-TV. Zudem haben die Kontakte zu vielen Medienagenturen.

  14. Missi sagt:

    Der Unterschied dabei ist, das Internet– TV gestreamt wird, ob nun live oder nicht. Videocast wird vorproduziert, irgendwo geuppt und in dann für den User anschau– oder –downloadbar. Youtube ist ein Beispiel dafür.

  15. Oli sagt:

    Beim Internet-TV hast du wohl eine gewisse Regelmäßigkeit drin, ähnlich dem Radio. Beim Videocast, packst du einfach deine Botschaft vor die Kamera und bietest das ganze nach Lust und Laune an, wie Chris hier zum Beispiel seinen Podcast. Der Aufwand ist «geringer».

  16. Sammy sagt:

    Ok, da wär ein Zwischending nicht schlecht. Unregelmäßige Sendungen mit etwas mehr Aufwand vielleicht. Muss man sich nur noch einen Namen dafür ausdenken und schon haben wir ein neues Format. 😀

  17. Korrupt sagt:

    Ich lass auch an dieser Stelle mal ein sympathisches Projekt von Downhillbattle in den Raum fallen.

  18. Falk sagt:

    Kurz Offtopic — weil ich es lese. Meine Musiktips sind nicht immer «GEMA-frei» im Sinne von «Jeder darf damit machen, was er will». Das sind auch oft Promotracks von Bands dabei, die durchaus GEMA-Mitglied sind :) Wollts nur nochmal kurz erwähnen.

  19. Missi sagt:

    Muss man sich nur noch einen Namen dafür ausdenken und schon haben wir ein neues Format. 😀

    Inkonsequenter Sauhaufen? 😀

  20. Falk sagt:

    Hey, der Player läuft seit heute bei mir (hab endlich iTunes entsorgen können) und mit der Broadcast-Machine hab ich auch schonmal rumgespielt. Und wenns um wirkliches Streamen in Echtzeit gehen sollte — da ist das Zauberwort NSV-Streaming (geht übern Shoutcast)

  21. Oli sagt:

    Welcher Player soll das sein?

  22. Sammy sagt:

    @Falk Jup weiß ich. Das mit dem Gema-frei ist generell immer so eine Sache. Ist eine Band Mitglied bei dem Verein, was völlig verständlich ist, schließlich finanziert sich eine Band auch damit, so sind gleich alle Lieder abgabepflichtig. Eventuell müsste man einen Gema-pauschal-Tarif buchen, was leider sehr schnell unbezahlbar werden kann und mit der CC-Lizenzierung sieht es dann auch schlecht aus.

    Über sowas wie die Democracy Platform könnte man Inkonsequentes-SauhaufenTV übrigends auch ausstrahlen. 😀

  23. Falk sagt:

    Democracy Player — schrieb doch der Chris die Tage mal was drüber und das letzte Update läuft nun auch bei mir, allerdings noch ein wenig instabil.

  24. Oli sagt:

    Ach den, ja ich such mir gerade die Abhängigkeiten zusammen 😀 dann klappts auch mit dem Kompilat denke ich.

  25. Missi sagt:

    Oh! «Kompilat»… das ist ein hybsches Wort. *notier*

  26. Chris sagt:

    Democracy Player

    Wisst Ihr, was ich gerade denke: Das hört sich alles toll an, und doch — würde selbst son Politikprofi schon auf Kommunalebene das lesen, er würde schallend lachen. Können wir wirklich etwas bewegen? Ich denke nicht, es sei denn, man wird Parteisoldat, doch dann gilt Parteidisziplin, und dann sind die großen Ideale auch Geschichte.

    Der Hinweis auf 1989 hinkt ebenso, wenn Gorby gewollt hätte, wenn die DDR nicht finanziell am Ende gewesen wäre, hätte es durchaus ein paar Tausend Tote geben können, und Deutschland wäre heute immer noch geteilt.

    Bin ich nun Realist, verbittert oder einfach müde? Keine Ahnung.

  27. Falk sagt:

    Seit wann haben Politiker Humor? Aber mal im Ernst, es geht doch nicht drum, von heute auf morgen etwas grundlegend zu ändern, sondern schlicht darum, soviel Menschen wie nur möglich in irgendeiner Weise auf Probleme, Dinge whatever aufmerksam zu machen. Zu sensibilisieren ohne ihnen das Denken abzunehmen. Und ja, dies ist zeit– und kraftraubend. Und vor allem selten an bestimmten Erfolgen festzumachen. Aber als Beispiel abseits der Politik — wenn wir mit unserem kleinen darkerradio auch nur 1(!) dazu bewegen, sich das Tauschen von Musik nochmal zu überdenken und dann dafür zu gewinnen, sich mal wieder Musik zu _kaufen_ dann haben sich die 3 Jahre purer Stress schon gelohnt.

  28. Sammy sagt:

    Man kann nicht politisch viel verändern, das geht wohl nicht, das muss man eigentlich auch gar nicht. Aber man kann eine gewisse Einstellung vermitteln, durch die so mancher selber auf den Rest kommt. Quasi Aufklärung die Zweite. Hatte damals ja auch ein paar Jahrzehnte gedauert. 😀

  29. Sammy sagt:

    Ich mein jetzt nicht die DDR sondern das 17. 18. Jahrhundert.

  30. Falk sagt:

    Aufklärung hin oder her — macht einen das dann aber selbst nicht wieder auch nur zum «Demagogen»? Denn DIE Wahrheit gibts nunmal nicht.

  31. Oli sagt:

    @Chris auf Kommunalebene gibts keine Profis, das sind alles nur örtliche Interessenverbände.

    «Der Hinweis auf 1989 hinkt ebenso, wenn Gorby gewollt hätte, wenn die DDR nicht finanziell am Ende gewesen wäre, hätte es durchaus ein paar Tausend Tote geben können, und Deutschland wäre heute immer noch geteilt.»

    Das ist korrekt, das «wir sind das Volk»-Gedöns hätte schnell wie in Peking oder Prag beendet werden können. Ulbricht und seine Schwergen waren doch nur «groß» ob des großen Bruders.

  32. Sammy sagt:

    @Falk Ja das stimmt schon. Mit gutem Beispiel voranzugehen hat aber immer was von Demagoge. In gewisser Weise sind auch Pädagogen Demagogen.
    Wenn jemand nun sagt, handelt nach bestem Wissen und Gewissen und denkt mit und das ganze Volk macht das nach. Ist dieser dann ein Demagoge?

  33. Oli sagt:

    Jein, der Begriff ist im ursprünglichen Gebrauch durch und durch positiv belegt, wurde aber wie sooft negativ mißbraucht.
    Im Prinzip ist das einer der das Volk führt bzw. anführt, sprich auch der vorderste Mann in einer Revolution bzw. die Gedankenträger. Heute ist es aber nur jener, der Hasstiraden von sich gibt, meist im politischen Kontext.

  34. Falk sagt:

    Ich find die ursprüngliche Bedeutung ja auch viel spannender. Es zeigt aber ja trotzdem, das zu jeder Zeit irgendein «Führer» da war, der das Volk angewiesen hat, was jetzt gut oder weniger gut ist. Daher ja dann auch die Umkehr des Begriffes ins Negative. Aber genau da ist doch dann auch das eigentliche Parodoxon — die Leute, die stammtischmäßig über unsere Politik wettern, die unterstützen sie ja dadurch erst und merken dann nicht, das es ja eigentlich ihr Wille ist, der da geschieht.

  35. Oli sagt:

    Na ja man muß dabei aber auch immer differenzieren, ob es nun ein «aufgesetzter» Führer ist oder einer der sich herauskristalisierte und Volkes kulminierten Gedanken wiedergibt.

  36. Falk sagt:

    Das kann man sehen wie man will — der Wille kann ja auch erst gebildet worden sein. Zum Demagogen gehören nämlich auch immer eine Menge manipulierbarer Menschen.

  37. Peter Offermann sagt:

    Hallo Chris, hier nochmal Peter Offermann. Vielleicht läßt sich das nachfolgende Konzept mit einigen «Zusätzen» realisieren.
    Gruß, P.O.

    UNSER EIGENER FERNSEHSENDER

    - Arbeitsprotokoll

    Wie lange siehst du eigentlich schon fern?

    So seit dem Ende der sechziger Jahre, damals kaufte sich die erste Familie bei uns im Dorf einen Fernseher. Da traf man sich zum gemeinsamen Fernseh-Gucken. Das schwankte zwischen 5 bis 15 Leuten, die sich dort vor dem Apparat versammelten. Teilweise aus Neid begannen sich dann schnell weitere Nachbarn einen TV zu kaufen. Bevor es Fernsehen gab konntest du in den anderen Häusern spazieren gehen. Niemand schloß seine Tür ab. Plötzlich konnte man sehen was noch auf der Welt geschieht. Ab da waren alle Türen verschlossen.

    Gut erinnere ich mich noch wie mir ein Freund erzählte, daß in der Kinderstunde ‘Jim Knopf und die wilde 13′ laufen würde. Da machte ich vor Freude einen Kopfsprung in den Schnee und blieb stecken. TV war bei uns pure Unterhaltung, bzw Unterstützung der Erziehung. Als wir die Achtundsechziger auf der Straße brüllen sahen, sagte mein Vater, wenn du mal studierst, dann gehst du nicht mit denen.

    Bei mir begann es etwas später. Ich erinnere mich noch genau an einen Abend bei meinen Großeltern. Eigentlich sollte es die «Meuterei auf der Bounty» geben, die durfte ich sehen. Aber der Spielfilm wurde immer unterbrochen, um die neuesten Informationen über die ‘Watergate Affäre’, die an dem Abend ans Licht gekommen war, zu vermelden. Da mußte ich immer aus dem Zimmer, weil das eine reale Meldung war. Wenn der Spielfilm weiter ging, durfte ich wieder rein.
    So war das damals, heute wollen selber Fernsehn machen.

    DIE BISHERIGEN SPIELREGELN

    1. Offene Kanäle
    Kann man denn überhaupt in einen Apparat hinein ohne gleichzeitig dort zu verkümmern? Natürlich kann man jederzeit ganz unverbindlich über den ‘Offenen Kanal’ senden, aber auf Dauer macht das nicht glücklich.
    Die meisten OKs sind Musterhäuser der sozialstaatlichen Einebnung der Unterschiede zwischen Krankenhaus, Schule oder Gefängnis. Ohne Gitter und Betten können die Fertigteile auch einen Fernsehsender verkörpern. Die Angestellten machen als Verwalter der Übertragung ihre Arbeit und wirken total gleichgültig gegenüber dem gesendeten Material. Wie überall genießen einige der (TV-)Sozialarbeiter ihr bißchen Macht gegenüber den Betreuten, die sollen dankbar sein für die Zuteilung der medialen Sozialhilfe. Eine Selbstausbeutung der Benutzer wird prinzipiell vorausgesetzt, die Produzenten werden in keiner Form honoriert.

    Hast noch ‘ne offene Rechnung mit denen?

    Ja, aber die zahlen eben nicht.
    Die Konstruktion der Offenen Kanäle verwässerte in den 80er Jahren die ‘linke Kritik’ an der Verkabelung, die ein Übergewicht des privatwirtschaftlichen Fernsehens befürchtete. Nach amerikanischen Modell ließen die Landesregierungen einen Kanal übrig, in dem jeder senden darf. Pro Jahr investiert der Hamburger Senat 1,3 Millionen Mark in diesen, ausgesprochen billigen, Demokratie-Beweis. Erstmal bedeutet das Offen-für-alles Prinzip, daß keine Zensur ausgeübt wird. Jeder kann senden was er will, denn er haftet im Sinne des Mediengesetzes dafür.

    Dennoch behält sich der OK eine Art Aufsichtspflicht vor, denn inzwischen ist seine Existenz nicht mehr rechtlich verankert. Es soll sie, muß sie aber nicht geben. Gleichzeitig formieren politische Interessen, die die OKs einzusparen wollen, die jede Chance für Angriffe auf deren Existenz nutzen.

    «Ich kann nur hoffen, daß meine Tochter nicht zufällig diesen Unsinns-Kanal angezappt hat. Wozu gibt es eigentlich Fernsehkontrolleure, wenn derartiges nicht endlich gestoppt wird?! Mir unbegreiflich.» (Redakteurin der Hamburger Morgenpost).

    Die Angriffe in Hamburg richteten sich größtenteils gegen die Beiträge homosexueller Männer: Kinderpornographie-Vorwurf gegen das schwule Magazin «Blow up», unter Federführung von BILD und NDR. Rechtlich nicht haltbarer Pornografie-Vorwurf gegen eine Sendung über AIDS von ALLIED PRODUCTION. Ein Zuschauer behauptete, beim Anblick zweier küssender Männer sei ihm das Abendbrot im Hals stecken geblieben, woraufhin der OK Zensur-Maßnahmen einleitete … Diese offene Homphobie ist um so grotesker da das deutsche Fernsehbewußtsein von Homosexuellen erheblich mitbestimmt wurde — Köpcke, Wieben, Biolek, Faßbinder, Pumuckel etc.
    Macht der Angst

    Auf solche Presse-Angriffe gegen Beiträge im OK reagieren einige der Mitarbeiter aus Angst vor Arbeitslosigkeit mit einer defensiven Position und zensieren oder vergeben an bestimmte Personen schlicht keine Sendezeit mehr. OK-intern gibt es zu dem ein informelles ‘Strafsystem’ für ‘Vergehen’, das sich von ‘Zeitsperren’ bis zum ‘lebenslänglichen’ Ausschluß staffelt.

    Die OKs bieten fast keine ernstzunehmende Programmstruktur, an der sich der Zuschauer orientieren könnte. Die X-Beliebigkeit läuft sich auf die Dauer leer Und es guckt wieder mal keiner hin. Als Basis eines demokratischen Pools sind die OKs selbstverständlich zu befürworten. Für eine Veränderung der TV-Realität scheinen sie nur sehr bedingt brauchbar, da stellen wir uns wesentlich mehr vor.

    2. Die Kulturfensterkultur
    bei RTL/VOX/PRO7 etc ist ein Deckmäntelchen zur Stabilität des privatwirtschaftlichen Fernsehens, mehr nicht. Bei Vergabe der Sendelizenzen wurden die Privatwirtschaftlichen Kanäle darauf verpflichtet bestimmte Fenster für Kultur-Produzenten offen zu halten, denn von vorneherein war klar, daß rein propagandistische/ wirtschaftliche Interessen diese Sender dominieren würden.

    3. Arte
    könnte als konservative Antwort auf die Kritik an der Verkabelung/Ver-Schüsselung gesehen werden. Man versucht die Niederungen der Fernseh-Wüste ein wenig zu kultivieren und dabei entsteht gleichzeitig ein bestimmtes Bild von Internationalität, das in der Festung Europa Standard werden soll. Als Nebeneffekt wird aber vorgeführt, daß dieses ‘gehobene Niveau’ fast niemand (2%) interessiert. Nur der Kulturproduzent freut sich doppelt, denn er ist auserwählt und es gibt auch noch ca. 1500 Mark pro Minute.

    Bei ARTE will ich nicht enden! Da bist du sofort wieder im Kunstknast drin. Egal was du machst, es ist vorcodiert.
    Du mußt da nicht enden, aber man kann Teile davon benutzen. Ich bin froh, daß ich über ARTE bestimmte Dokumentarfilme überhaupt sehen kann, die sonst nirgendwo laufen.

    Wenn es darum geht, das ins Fernsehen zu bringen, was bisher vor der Tür bleiben mußte, dann sind die Grenzen bei ARTE zu eng gesteckt. Die wenigen aus dem Raster herausfallenden Beiträge dieser Art sind meist verkürzt und als kuriose Kunststückchen verpackt.

    Immer sieht es so aus als ginge es nur noch um die Bedienung neuer Sparten. Dabei ist die Angelegenheit mit dem Spartenfernsehen längst verdreht, jetzt gibt es schon eine Sparte für die weibliche Mehrheit.
    Wie aber kann eine spezifische Vitalität und ein Zielpublikum erreicht werden und trotzdem sehr Heterogenes gegeneinander stehen?

    Agressiver Pluralismus?
    1. Es ist wichtig, daß unsere Sparte auf keinen Fall ‘Kunst’ heißt und wieder das gehabte Publikum bedient. Will man eine Konsumenten-Haltung knacken, scheint die Kategorie Kunst denkbar ungünstig, da sie immer noch mit einer extremen Hierarchie zwischen Produzent und Rezipient besetzt ist. Um zu einer stärkeren Interaktion (bzw langfristigen Aufhebung der Grenzen zwischen Konsument und Produzent) zu gelangen scheint es sinnvoller das Terrain der Kunst zu verlassen.

    2. Form und Inhalt werden durch die ökonomischen Bedingungen definiert. In der Konsequenz bedeutet das, inhaltliches Anliegen und ökonomische Tragfähigkeit möglichst adequat miteinander zu verknüpfen.

    EIN SICH SELBST TRAGENDES FERNSEHMODELL

    Wie könnte ein Sender aussehen der nicht mehr von staatlichen Subventionen, Geldern der Industrie (Werbung, Sponsoring) oder Kulturnischen bei RTL, bzw der Nischen-Kultur und Ghettoisierung bei ARTE abhängig ist? Wie können innerhalb eines Sparten-TV Felder besetzt werden, ohne daß es «Kunstfernsehen» heißt?
    Für unabhängige, semiprofessionelle Produzenten wäre es notwendig, im Bereich zwischen unbezahlter X-Beliebigkeit und gut bezahlten, offiziellem Fernsehn, das ausgrenzt und entschärft, eine selbstverwaltete Zwischenlösung zuerarbeiten. Kann eine bestimmte Öffentlichkeit ihr eigenes Fernsehen finanzieren?

    Ein kommerzialisierter Offener Kanal?
    Aber nicht als milde Gabe sondern als reelles Angebot und getragen durch die Zuschauer, die die Struktur benutzen. Will man von staatlicher Einflußnahme, dessen Zuschüssen unabhängig sein, muß man versuchen eine eigene Ökonomie zu entwickeln. Und das einzige was man zu verkaufen hat, ist Zeit. Das ist zwar ähnlich wie bei RTL , nur daß dort die Anforderung an Produktion und Konsumption und ihre Abhängigkeit von der Wirtschaft ins Maßlose abgekippt und deshalb völlig vom Zuschauer entfremdet ist.

    Näher daran wäre ein Tante Emma TV ?

    Es gibt eine immer größer werdende graue Zone außerhalb der Überwachung durch Steuer und Marktforschung: Ankauf/ Verkauf/ Tausch.… Flohmärkte, Glücksspiel, Lotto, Schwarzarbeit… Sei es aus Notwendigkeit oder Not, aus Glücks– oder Identitätssuche, ich sehe das als eine Art Revanche durch der Affirmation des momentanen Alterungs-und-Reife-Prozesses des Kapitalismus.

    Die Struktur mit ihren eigenen Mitteln überholen?

    So klassisch könnte es versucht werden. Langfristig geht es natürlich darum, daß keine Spezialisten mehr nur-Fernsehen-machen, sondern viele eben-auch-Fernsehn-machen.

    Ein ökonomisch tragfähiges Modell dafür sind die Anzeigenblätter, die zusätzlich eine eigene Subkultur in Texten und Kommunikationsstrukturen entwickeln. Wenn man so etwas jetzt auf Fernsehen überträgt, d.h. Sendezeit zu sehr niedrigen Preisen anbietet, könnten Privatleute diese Zeit für Kleinanzeigen, aber auch für ganz andere Äußerungen, erwerben. Das Dumping unterläuft aber die gängigen Standards soweit, daß es in jeder Hinsicht für kommerzielle Anbieter uninteressant wird, die bleiben also draußen. Aus dem Ertrag der Kleinanzeigen kann zusätzlich ein redaktionell betreutes Low-Budget-Programm am Abend finanziert werden. Die momentane Selbstausbeutung würde abgefedert und eine relativ autonome Sendezone installiert.

    Billig-TV wird mit seiner eignen Zuspitzung geschlagen. Würde die Sekunde für 2 Mark verkauft, dann kostet eine Sendeminute die Privat-Kundin 120 Mark (Kleingewerbe zahlen entsprechend mehr), soviel wie eine Kleinanzeige in der Tageszeitung. Der 10 Stunden-Betrieb eines solchen Programms würde täglich 72.000 DM einspielen, rechnerisch bedeutet das einen Jahres– Umsatz von 26 Millionen DM, sprich, den 20-fachen Etat des OK Hamburg. Und damit kann der weitere Sendebetrieb, Redaktionen und Frequenz finanziert werden.

    Aber dafür mußt du ein paar Millionen Tapes wechseln!

    Na und. Fast jeder könnte Sendezeit erwerben (siehe auch 25 %ige Happy Hour und Jugend-Tarife) und das Konstrukt würde die Entfremdung zwischen Zuschauer und Sender verkürzen. Das Geld läuft nicht mehr über die Warenströme der großen Werbeanbieter und diverse Zwischenhändler, sondern über den Zuschauer direkt, der selber Waren, Arbeit oder Produkte anbietet, es wird weitgehend sein Fernsehsender.
    Das gibt praktisch schöne Bilder. Kleine Filme über das offerierte Auto, in denen die Federung von der auf den Sitzen hüpfenden Familie vorgeführt wird. Oder einer zeigt den Zustand des Bodenblechs mit Taschenlampe und Hammer.

    Für zehn Mark könnte ich schnell eine Freundin grüßen oder verschlüsselte Botschaften an die KameradInnen vom Ufo-Fan-Club verschicken. Garage-Bands machen auf sich aufmerksam, und da hätte man vermutlich in der Rubrik ‘Musik’ ein besseres VIVA im Kasten. Die schönsten Anzeigen des Tages werden in einem Gameshow-artigen Contest im Vorabendprogramm wiederholt. Es ist gut denkbar, daß das Anzeigenprogramm ästhetisch attraktiver wird als die Mühen der Redaktionen.

    Die Bänder werden in einem Annahme-Büro eingereicht oder gegen Vorkasse eingesandt. In den Ballungsräumen des Sendegebiets werden zusätzlich öffentliche Kamera-Automaten installiert. Ähnlich wie bei einem Fotoautomaten wirft man 10 Mark ein und bekommt dafür 5 Sekunden Sendezeit.

    Damit ist es aber noch nicht getan. Die ganze Frage der Interaktion des Zuschauers muß noch einmal aufgerollt werden, es gilt nicht eine Benutzeroberfläche mit ein paar Knöpfchen oder Häppchen zu liefern, sondern…

    INTERAKTION HEISST, SELBST ZUM PRODUZENTEN ZU WERDEN.

    Da fängt der Spaß erst an,einen Versuch zu unternehmen ein «Fernsehn von …» zu entwickeln in dem die Redakteure eher als Koordinatoren arbeiten und nicht als auswählende Elite, die einen «Journalismus über …» praktiziert. Die Verfügbarkeit von Fernsehzeit für selbstproduzierte Kleinanzeigen sollte Motivation sein, den Respekt vor Fernsehen zu verlieren und anfangen Kritik in Form von eigener Produktion zu artikulieren.

    Nachtprogramm
    Beteiligungsfernsehn kann aber auch spielerisch stattfinden. In einer LowTec-LowCost-Version, ist der Bildschirm nach Mitternacht eine Stunde lang schwarz und nur die Stimmen von anrufenden Zuschauern sind in einer nicht-moderierten Konfernzschaltung zu hören. Eine Mischung aus öffentlichem Forum und Party-Line.

    Überhaupt, Partybesuche per Handycam! Zu Gast bei den Extasen der Gesellschaft!

    Beim Nachtprogramm fällt mir der ‘Pudel-OverNighter’ ein, in dem Rocko und Schorsch fünf Stunden lang in Berlin unterwegs waren und die Kamera folgte ihnen in Realzeit, also fast ungeschnitten, durch Spielotheken, Taxi– und Busfahrten, Kneipen, die Charité, bis zum Flohmarkt morgens um 6 Uhr. Ähnlich könnte man Semiprominente durch die Metropolen der Welt begleiten: mit Mark Dion unterwegs in New York, mit Yoko Ono in Tokio.

    Ambient-Fernsehen, Easy-Viewing oder Bildschirmschoner-TV sind wunderschöne Genres. Wenn ich an Überwachungskameras denke und irgendwann dazwischen passiert der Banküberfall.

    Ich würde gern mal ein paar Nächte lang das Treiben in einem Ameisenhaufen während des Sonnenaufgangs zeigen oder Operationen, stundenlange Reisen durch fremde Körper…

    Na, na, des geht zu weit.

    Die Frühmorgen Abspielstelle.
    Heute werden längere Filme meist nur noch als Videoaufzeichnung angeguckt. Das Ende der Nacht, die Stunden zwischen 4 und 7 Uhr, könnten als Abspiel-Raum für besondere Filme genutzt werden und das Programm dafür, mit den VPS-Nummern bzw Anfangszeiten, etc könnte als preisgünstiger Abo-Brief vertrieben werden. Die Filme fangen nachts immer zu unterschiedlichen Zeiten an.

    Alle schlafen, nur wer den Abo-Brief hat weis Autor, Titel und die Anfangszeit und programmiert seinen Recorder richtig. Verschlüsselung funktioniert sowieso nie, die Codes von PREMIERE und MTV sind längst geknackt und PAY PER VIEW braucht eigentlich nicht bezahlt werden. Die Einnahmen gehen nach Deckung der Kosten direkt an Filmemacher und Künstler. Da wären viele Nutzer auch eher bereit zu abonnieren. Eine Art vermittelnder Werbung für dieses Programm könnte ohne VPS-Code zwischen den Kleinanzeigen und im Abendprogramm neugierig machen: Guess who.….

    Wir dachten fürs erste an Filme von: Jack Smith, Elfe Brandenburger, Kurt Kren, Yvonne Rainer, Cosima von Bonin, Nick Zedd, Valie Export, Andrea Fraser, Judith Barry, General Idea, Raymond Pettibone, Adrian Piper, Simin Farkhondeh, Dan Graham, Jason Simon, Antfarm, Peter Sempel, die Kuchar Brothers und Underground-Trash wie Richard Kern, Eric Mitchell, Werner Nekes oder Filmemacher des neuen deutschen Films die im Schatten von Kluge verschwunden sind, wie Vlado Kristl zum Beispiel. Für Künstlervideos in voller Länge gibt es bisher keinen wirklich adequaten und kontinuierlichen Präsentationsrahmen. Mit der Früh-Morgen-Abspielstelle stünden monatlich schon 120 Std zur Verfügung, ohne überhaupt das Hauptprogramm zu belegen. Das ist so naheliegend, daß es nur noch gezeigt werden muß. Archive auswerten, ungewohnte Zusammenstellungen erzeugen, neue Formen der Moderation und Vermittlung finden. Das haben wir bisher auch gemacht, sind aber immer an unsere Grenzen gestoßen, weil weder den Filmemachern Honorare gezahlt werden konnte, noch finanzieller Spielraum für die Recherche da war. Durch die Finanzierung wäre den Redaktionen und anderen Gästen, Laien– und Fachfrauen aus anderen Metiers, eine kontinuierliche, inhaltliche Arbeit möglich.

    Mit dem Auswählen und Zusammenstellen von Filmen ist es aber nicht getan. Fernsehn kann nicht nur Abspielstelle von Filmen sein, sondern es muß sehr unterschiedliche Arbeits– und Denkformen, wie unsere bisherigen Versuche, Fanzine, Magazin, Ausstellungs-Raum, Mailbox, Buch, Video mit einander verknüpfen.

    Aber ich sehe mich nicht als Künstler, wenn ich hier mitdenke, eher als jemand der als Zuschauer auf die andere Seite treten möchte. Da das Publikum den Sender direkt finanziert, muß es direkt Programm machen können, es zählen also die Beteiligungsquoten. Und das ist jetzt kein sozialdemokratischer Schmarrn!

    SOAP
    ist ein Genre das sich bestens umkehren läßt. Die Handlungsstränge von Serien und Soaps so entwickeln wie die Surrealisten den ‘Cadavre Equis’, die letzte Minute der vorhergehenden Folge wird von immer wechselnden Autoren weitergeschrieben. Spannend finde ich brasilianische Seifenopern in der Art wie sie eine «erste Welt» kopieren. Wenn man die hier zeigt legt das manche Widersprüche offen ohne moralisch zu sein. Vielleicht muß die Suche nach dem Glück in der Gemeinschaft nur wesentlich schneller affirmiert werden, damit sie nicht in Stammheim beendet wird?

    Bambule-Soaps könnten Schüler– oder Jugendgruppen in ihren Freizeitheimen machen! Einzelne dieser Energien werden im Moment von VIVA abgesaugt, wenn man sie dort für angesagt hält. Der politischere Teil der deutschen HipHop-Bewegung wäre sicherlich lieber zu einem Nicht-Industrie-Sender gegangen.

    Es muß immer wieder eine Gratwanderung zwischen politischen Aspekt und unterhaltsamen Glamour beschritten werden.

    IN DEN PAUSEN ZWISCHEN DEN SOAPS
    1) Sachfilme, fein beobachtete Details die wir aus der «Sendung mit der Maus» so lieben, das läßt sich als Sujet gut weiterspinnen. Kurze Darstellungen der realen Welt, «Theorie Praxis, Glaube und Wissenschaft in 5 Minuten».
    2) Die CD, das Buch und die Shareware des Tages — Laienkritiker empfehlen.
    3) Gesundheitstips
    4) Film– Kritik
    5) Veranstaltungsservice, eine Zusammenfassung der gängigen Events aus Sport, Kultur und Nachtleben.
    6) Eine Zusammenfassung außerordentlicher Veranstaltungen. z.B. alle 14 Tage S/M-Termin-Service oder Roboter-Bastel-Treffen.

    Eine besondere Rubrik sollten Leserbriefe, …äh Videobriefe, bilden, soweit sie nicht besser dort, wohin ihr Kommentar zielt, gesendet werden.

    NACHRICHTEN — DO YOU KNOW WHERE YOUR BRAINS ARE?

    Vorspiel: 10 Minuten laut vorgelesener Bildschirmtext aus den Nachrichtenbrettern der alternativen Networks. Also Informationen aus Bionic, CL-Netz, Alt. Gruppen im Internet oder The Thing.
    Die Privaten haben die Allmacht der staatlichen Stimmen aufgeweicht und unsere Kritik am Gestammel weiter aufgefächert. Das Ziel von Nachrichten in einem Sender wie wir ihn entwerfen kann nicht sein, eine weitere beliebige Auswahl an Tagesereignissen herzustellen und mit manipulativer Bedeutung aufzuladen. Es geht darum diese Konstruktionen von Bedeutungen zu erschüttern. Auch wenn die Gefahr besteht in eine reaktive Position zu rutschen, sollte das Hauptanliegen in einem querlaufenden Subtext der offiziösen Nachrichtenschreibung liegen und der grundsätzlichen Hinterfragung der Effekte die entstehen, wenn Informationen über etwas außerhalb der direkten Wahrnehmung des Zuschauers verbreitet werden.

    Ist es nicht der Reiz des Fernsehens, daß die berichtete Realität außerhalb der eigenen Erlebniswelt liegt?

    Bei den Nachrichten wird aber Wahrheitsanspruch behauptet, den könnte man auch durch Montage und Beschreibung der «offiziellen» Bilder zerlegen .

    Noch mal das Stichwort «Paper Tiger»: Kritik dessen was als Ereignis, weltweit-wichtige Information der Informationsträger verkauft wird. Was also ist Information = Wahrheit? Warum sollte unsere subjektive Wahrheitskritik nicht ebenso gelten wie die subjektive Auswahl der Scheininformationen? Katastrophe hier, Hungersnot da, Krieg dort… Was sind die Zusammenhänge? Was hat das mit mir zu tun, wie konfrontiert mich das mit der herrschenden Politik? Wie können Informationen aussehen, die nicht lähmen, sondern Handlungsspielräume eröffnen?
    Gut, aber bis wir das geklärt haben könnten die sogenannten ’20 Uhr Nachrichten’ mit kurzen Beiträgen von vielen verschiedenen Videoaktivisten bestückt werden, und wie ein Trailer für später stattfindende Berichte und Gespräche funktionieren.

    Ich hatte mir vorgestellt, daß die Arbeit der Redaktion versuchen sollte eine Mischung herzustellen aus Camcorder-Berichten von Beteiligten und Interviews vor Ort: Stellungnahmen von inoffiziellen Sachverständigen — da sollten wir schon vorhandene Zusammenhänge einbeziehen, wie die ‘Grauen Panther’, ‘Die Beute’, ‘Radikal’, ‘TzK’, ‘Chaos Computer Club’, Migranten-Initiativen, Aktivisten der ‘Kritischen AIDS-Diskussion’, ‘Institute für Sozialforschung’…

    Oder das ‘Zamir’, ein Computernetzwerk im ehemaligen Jugoslawien, das Nachrichten, Tagebücher und Korrespondenz aus dem Gebiet in andere Netze einspeist und so ziemlich die einzige Kommunikationsmöglichkeit zwischen serbischen, bosnischen und kroatischen Bevölkerungsgruppen nach außen darstellt.

    Bei all diesen Überlegungen macht es wenig Sinn bei der Raserei um Aktualität mitzuhalten. Inzwischen gibt es Hobbyfilmer die fahren an beliebte Unfallstellen und warten dort bis sie verbrannte Leichen filmen können. Die Public Enemy-Idee der im «Fernsehn übertragen Revolution» ist umfassend kapitalisiert worden.

    Trotzdem ist es gut, daß bei all den Überwachungskameras ein Heer von Camcordern zurückschießt! So etwas muß weiterhin versucht werden..
    Man könnte die 20 Uhr Nachrichten der ARD um 22 Uhr mit inoffiziellem Sach– und Unverstand beantworten. User-gestützte Kommentare zu einem bestimmten Ereignis oder zur Tagesschau von heute, gestern oder vor einem halben Jahr, so ließe sich die permanente Wiederholung der offiziellen Nachrichtenschreibung gut auf den Punkt bringen.

    Ich möchte die heitere Seite der Welt nicht vernachlässigt wissen… Es mag erstmal platt klingen, aber ich möchte positive Nachrichten dazwischen sehen. Katastrophen-und-Desaster-Programme werden nicht allein durch das Verschieben der Perspektive gut. Also Karl Heinz Roth statt Kinkel, das macht den Kohl noch nicht fett. Im Moment klingt mir das alles zu sehr nach einem Aufköcheln der guten alten linken Ideen. Da sind wir schnell so asexuell und langweilig wie der Neo-Marxismus. Was für mich nicht nur bedeutet unattraktiv, sondern weiterhin merkwürdig perspektivelos. Zudem wird dabei das künstlerische Instrumentarium vernachlässigt. Zwar wollen wir das herrschende Verständnis von Kunst und Künstler los werden, aber das darf nicht heißen, die Werkzeuge die wir gut finden nicht anzuwenden.

    Ein Großteil der redaktionellen Arbeit wird darin liegen, in diese verschiedenen Elemente einen dramaturgischen Spannungsbogen zu bekommen. Also immer wieder die richtige Mischung zwischen völlig ungefilterten Verdichtungen, unausgegorener Theorie, geplanter Unterhaltung und vergnügtem Chaos hinzubekommen. Das ganze bleibt ein 24 Stunden Theater.

    ABENDPROGRAMM ALS DISKUSSIONSRAHMEN

    Inzwischen ist halb neun, in New York im Offenen Kanal hat PAPERTIGER die Frage gestellt «do you know where your brains are» und hier sitzen Millionen glücklicher Zuschauer vor dem Fernseher und warten auf die Unterhaltung zur besten Sendezeit…

    Sollen wir jetzt so etwas wie ein Abendprogramm versuchen?

    Das wird schwierig, weil wir in dieser Phase der Planung über Platzhalter kaum hinaus kommen. Die Entscheidungen was, wann, wie läuft sind inhaltliche, kollektive und aktuelle Entscheidungen, die wir allein und jetzt nicht treffen können. Zu dem wird die Einmischung des Publikums eine Hauptrolle spielen.

    Schön demokratisch! Andererseits steht hier aber:

    MONTAG, Künstlerabend und ich habe verstanden, daß man hier einer Künstler-Person, oder einem Künstler-Kollektiv die vollständige Gestaltung eines solchen Abends überläßt. Ich sehe das als Widerspruch!
    Wieso? Es geht um verschiedene Methoden, vor allem künstlerische, die auf Inhalt und Struktur der Sendung angewendet werden. Im übrigen ist das nicht schwer, weil von den existierenden Kanälen und Programmen keines ein kontinuierliches Programm dafür bereit hält. Allein ‘Aspekte’ wirkt wie eine modernere Ausgabe der ‘Munsters’, die von bohémistisch gestylten Mutanten moderiert wird.

    Der Künstlerabend kann nur dann gut werden wenn es keinerlei Zugeständnisse an feuilletonistische Allgemeinverträglichkeit gibt. Das heißt aber, von oben herab wird verordnet, gewertet und exponierte Dilettanten zu Genies erklärt.

    Das ist doch auch anderweitig unsere Politik, daß so das Geniale Allgemeingut wird! Demokratie ist nicht Programmstruktur, eher Anarchie. Natürlich hat die Vergabe von TV-Zeit und Öffentlichkeit immer mit Macht, Eitelkeit, Selektion und Sortiment zu tun, aber hier ist eben wichtig an wen das vergeben wird, nämlich an die gesammelte Unterhaltsamkeit der Nicht-Mächtigen. Damit dies Schillern der bisher Ausgegrenzten langfristig erhalten bleibt ist es wichtig, wer die Guckkastenbühne wie vergibt. Deshalb müssen die Strukturen, die auswählen und verteilen offengelegt und kritisiert werden.

    Also, wenn am DIENSTAG das Abendprogramm mit einem Tierfilm beginnt, egal ob meine Nachbarin ein Portrait ihres Hundes zeigt oder ein Biologiestudent über die Kellerassel berichtet, ist es wichtig, daß solche Leute eine Präsenz kriegen und nicht Disney und nicht Grzimek. Danach, das «Starter-Programm» geht noch weiter: Ein ca. anderhalbstündiger Beitrag von einem Produzenten der noch nie in irgendeiner Form Fernsehen gemacht hat.

    Ist ja schrecklich!

    Das glaube ich nicht. Aber es ist natürlich klar, daß wir Bezugssysteme und Strukturen entwickeln müssen, die aus den Inhalten heraus wachsen.
    Da haben wir auch «Das Weltdesaster», eine 20minütige Serie dessen einzige Vorgabe der Titel ist, die von immer wechselnden Autoren produziert wird. Anschließend das Fanzine– Fenster, deren MacherInnen haben auch diesen unbezahlten Drang, sich öffentlich zu machen. Die Serie vor Mitternacht (Di-Fr) heißt «Das avantgardistische Viertelstündchen», eine Reise durch die Trauerspiele der Moderne, Stars von gestern — moderiert von Stars von morgen. Euro-Trash am Ende einer Epoche.

    MITTWOCH von 20:30 Uhr bis 23:45 werden in einer anderen Sprache Beiträge aus dem jeweiligen Land gestaltet (eingeleitet werden diese Programme von derjenigen, die sie vorgeschlagen hat). Für den Anfang sind Beiträge aus Russland, Schottland, Ungarn, Korea und Kurdistan geplant.

    DONNERSTAG –Talkshow-Tag, abwechselnd als «Absolutly Live» mit schonungslosen Überlängen oder eingesandte Gesprächsaufzeichnungen aus den Wohnungen dieser Welt.

    Ab und zu ist es sicher lustig, den Gesprächen am Nebentisch zuzuhören, das kippt aber leicht in Voyeurismus und Besserwisserei um. Es wird schwierig das eingesandte Material zu sichten.

    Prinzipiell muß die Frage geklärt werden, wem man denn eigentlich gerne zuhört? Wie setzt sich Eloquenz, Meinung und Position gesellschaftlich durch? Wie kann man diesen Prozess beeinflussen? Also Dekonstruktion einerseits, aber eben auch Konstruktion von Haltungen, ja sogar von Personen, das ist letztendlich politisch.

    Im Talk sollte das mit dem schimmernden Schmelz von Entertainment glaciert sein.

    Doch am FREITAG in den politischen Magazinen soll es trocken, präzise, subjektiv, informativ und auch bösartig zugehen. Es gibt viele hervorragende Produktionen von AktivistInnen, die vom TV nie zugelassen wurden. Im Anschluß stellen sie dann ihren persönlichen Lieblingsfilm vor (mit Begründung, Anmoderation des Autors oder Diskussion mit ihm), ich denke, zu viele Magazine entwerten sich gegenseitig.

    SAMSTAG Morgen und SONNTAG Nachmittag gehören zu Vorzugspreisen ausschließlich Kindern und Jugendlichen. Auch hier mit Flohmarkt ähnlichen Eigenproduktionen, Skate-, Band-, Rollerblade-Filme, Schüler-Gameshows, Lehrer-Ärgern.… oder was pubertäre Problematiken sonst noch abgeben. Moderiert und ausgewählt wird das alles von Schüler– und Vorschul– Redaktionen.

    Samstag und Sonntag 18 bis 20 Uhr von Nutzern produzierte Sportberichte. Mit der Handicam in der Südkurve, neues vom Poloclub, verkürzte Kricket Berichte…

    Sonntag 11 bis 12: Das Sozialistische-Patienten-Kollektiv übernimmt die Nachfolge des internationalen Frühschoppens . Saftiger Patienten-Widerstand in der Zeit vorm Sonntagsbraten und die Analyse der Bedingungen die krank machen.

    Samstag 12 bis Sonntag 11: Blue Hour für abgelehnte Beiträge und Nachts Kontaktanzeigen.

    Sonntag 20 Uhr… nicht schon wieder «Deutschland Privat», das haben wir mit der Sportschau abgehakt. Wir brauchen etwas gegen die sonntägliche Entspannungspolitik. «Aus der Arbeitswelt»: Berufsgruppen, Lohnkampf, soziale Sicherheit am Arbeitsplatz, Ökonomie-Kritik, Arbeitslosigkeit.. Für die, bei denen danach noch ein Bedürfnis nach Sinnsuche besteht, gibt es Erklärungsversuche von Philosophen, Zukunftsforscher, Sozial– und Kommunikationswissenschaftler zum Thema «Was ist die Welt?»

    ABSPANN

    Als Zuschauer kann man sich vom Fernsehn unterhalten lassen und man kann es ablehnen. Man kann es aber auch ernst nehmen und sieht das Machtverhältnis dem wir alle ausgeliefert sind. Die Notwendigkeit das zu kippen besteht, und es zu versuchen ist vielleicht mühsam, aber es bereitet hauptsächlich Spaß.

    Wir denken uns das hier nicht aus, weil wir mit dem Fernsehn wie es ist unzufrieden sind. Auf 20–30 Sendern findet sich eigentlich immer etwas unterhaltsames, aber wir haben den Eindruck, daß man dem Block dieser Kurzweil ein stimmigeres, feineres und vielleicht utopisches Gebäude gegenüber setzen muß, das nicht durch Kapital– und Machtinteressen determiniert ist. Dann sind wir auch nicht mehr in der Situation derer, die sich über etwas lustig machen oder es nur immer kritisieren, sondern wir sehen es als etwas, das wir mit anderen weiter entwickeln und verändern können.

    «…ein großes Gewebe, das sich quer über die Galaxis ausbreitet, so weit wie der Mensch. Das ist die Matrix, in der sich heute die Geschichte vollzieht. Siehst du es nicht? Das ist es. Das ist meine Theorie. Jedes Individuum ist ein Knoten in jenem Netz. Und die Fäden dazwischen sich die kulturellen, die ökonomischen, die psychologischen Fäden, die ein Individuum mit dem anderen verbinden. Und jedes historische Ereignis ist ein Wogen im Netz..»

  38. Chris sagt:

    Das ist ne Menge Text. 😉

    Das muss ich nach und nach durcharbeiten.

    Aber wie wäre es, wenn man erstmal mit nem Video-Podcast anfängt?

    Wenn so ein Ding gut ist, erreicht man durch die Vernetzung der Blogs mehr Zuschauer, als man jemals als kleiner Nischenkanal erreichen würde.

    Kamer an, bei sevenload.de einstellen, Link zu mir, ist es gut, stell ich es ein, ist es sehr gut, wird es ein Selbstläufer.

    Den Rest muss ich in ruhiger Stunde mal durchlesen.

  39. Peter Offermann sagt:

    13.11.06
    Hallo Chris,
    da ich aus der «konzeptionellen Ecke (Sponsoring-Beratung)» komme, werden von mir u.a. auch Mitstreiter für den techn. Bereich gesucht. Erste Nachfragen habe ich aus dem Sponsorenbereich. Ich lebe im Ruhrgebiet und mein Vorhaben handelt auch aus dem selbigen.

    Gruß,

    Peter Offermann

  40. […] Freitagskolumne: Gerhards gehässiges Erbe Eins muss man Gerhard Schröder lassen: Er hat es offenbar geschafft, fast eine komplette Journalistengeneration mit Blindheit zu schlagen. Die vierte Gewalt existiert schon lange nicht mehr — ich habe sie schon vor über einem Jahr zu Grabe getragen… […]

  41. Parteibuch sagt:

    @Chris
    Ich denke, Du machst da einen Denkfehler wenn Du die vierte Gewalt in der Realität nur noch als Erfüllungsgehilfe der mittlerweile alles überstrahlenden Legislative siehst.

    Ich denke, es ist andersherum. Es sind nicht die Legislativen, also die Parlamentarier, die die Macht haben, sondern die Macht geht von der vierten Gewalt, also von den Eigentümern der milliardenschweren Medienkonzerne aus. Die Besitzer von Bertelsmann haben weit mehr Macht als Mitglieder der Legislative und auch der Exekutive. Gefällt ein Politiker den Pressemilliardären nicht, dann gibt es eine derbe Pressekampagne — siehe die Kampagne gegen rot-grün — und schon werden Legislative und Exekutive ausgetauscht. Selbst wer Bundeskanzler ist, hat da kaum eine Chance gegen.

    Betrachtet man, wie koordiniert die Pressekonzerne vorgehen und wie sensationelle, wichtige, wahre Nachrichten — Gary Webb und die «Dark Alliance» sollte jedem ein Begriff sein — von allen Medien gemeinsam unterdrückt werden, dann stellt sich allerdings noch die Frage, ob die Pressezaren nicht auch nur Marionetten eines noch einflussreicheren Kreises sind.

    Wer könnte so mächtig sein? Bekannt ist sicher, dass die CIA in den 60er Jahren bei der «Operation Mockingbird» eine Viertelmilliarde Dollar jährlich zur Medienmanipulation mittels Koruption und Bestechung ausgegeben hat.

    Unbekannt ist jedoch, ob Pressezaren selbst weisungsgebunden sind. Man stelle sich mal vor, Bertelsmann-Eigner Reinhard Mohn wäre ein Agent der CIA, oder der Badeunfall von Robert Maxwell läge wie vn Ostrovsky behauptet daran, dass er als Verleger nicht mehr seinem Dienstherrn gehorcht hat. Im Irak, wo die «Demokratie» gerade erst aufgebaut wird, da treten die Muster noch deutlicher zu Tage: Willem Marx zeigt das im Artikel «Der Papierkrieg» deutlich, wie das US-Militär mit dickem Budget Falschmeldungen in der irakischen Presse bezahlt.

    Wenn das so sein sollte, dass Geheimdienste wie die CIA die vierte Gewalt auch heute noch in den westlichen Demokratien steuern und kontrollieren, dann würde man diese Staatsgebilde wohl völlig zurecht Geheimdienststaaten nennen. Es würde auch erklären, wie es sein kann, dass in der Presse auf Teufel komm raus gelogen wird.

  42. Chris sagt:

    Der Artikel ist schon über 2 Jahre alt. Ich hatte ihn nur verlinkt, um zu zeigen, dass es in unserem Land keine Vierte Gewalt mehr gibt. Weiter muss ich mich heute nicht mehr damit auseinandersetzen… 😉

  43. Parteibuch sagt:

    Hi, Du hast recht, bin gerade über den Link im aktuellen Beitrag hier gestolpert und wollte eigentlich nur kurz anmerken, dass noch ganz andere Gründe für das offensichtliche Medienversagen denkbar sind.

    Die vierte Gewalt ist stark wie nie, nur sie tut nicht was sie der Demokratietheorie entsprechend tun sollte. Seit fast zwei Jahren versuche ich nun schon herauszufinden, warum das so ist. Die These, dass die Medien über Geheimdienste und transatlantische Zirkel wie die Atlantik-Brücke kontrolliert und gesteuert werden, erscheint mir derzeit als die plausibelste.

    Dein Artikel ist aber ansonsten auch heute noch durchaus lesenswert.

  44. Oliver sagt:

    >Demokratietheorie

    Das haben Theorien nun einmal so an sich.

    >Die vierte Gewalt ist stark wie nie, nur sie tut nicht was sie der Demokratietheorie entsprechend tun sollte. Seit fast zwei Jahren versuche ich nun schon herauszufinden, warum das so ist.

    Weil sie es nie wirklich tat? Im weitesten Sinne, jedenfalls in puncto Kanalisierung von Informationen, existiert diese seit knapp 400 Jahren. Im engeren Sinne, sprich heutigem Stil, vielleicht seit knapp 200 Jahren. Die Menschheit hatte diese Art von heutiger Kanalisierung nie benötigt und war auch ohne diese in der Lage grundlegende Begriffe wie Freiheit oder Demokratie zu formulieren und zu verbreiten. Und mit zunehmender Kommerzialisierung, definierte man sich auch neu und gemäß der weitverzweigten Vorherrschaft des eigenen Mediums als einzigartig und unabdingbar. Vielleicht schafft es die Menschheit heute wieder dank auch des Internets eine neue geistige Selbstständigkeit zu erlangen.

    Das dies erst seit kurzem für manche Zeitgenossen auffällig ist, ist doch recht erstaunlich — zu dieser Problematik existieren schon Arbeiten die knapp 100 Jahre alt sind :-)

    Die Medien heute sind teils ihrer omnipotenten Macht beraubt, jedoch blieb die Konditionierung über Generationen hinweg nicht ohne Folgen.

  45. Parteibuch sagt:

    Ich hoffe, Du hast Recht damit, dass die Medien bereits eines Teils ihrer omnipotenten Macht beraubt sind, befürchte aber leider, das der Teil noch sehr, sehr klein ist.

  46. Oliver sagt:

    Du mußt auch den Satz zu Ende lesen, die Macht zuvor basierte auf dem Meinungsmonopol: ohne Medien keine aktuellen Informationen, abgesehen vom eng umgrenzten lokalen Bereich. Mit dem Internet wurde dieses Meinungsmonopol aufgebrochen und die vehemente Verleugnung, ja gar die Tiraden einiger Vertreter dieser sprechen Bände. Allerdings will das Internet auch genutzt werden, das Internet ist eben nur ein Medium und ohne echte Partizipation des Volkes wird es auch nie Momentum erlangen. Im Moment sehen wir den Übernahmeversuch seitens der Raubritter des Netzes. Nicht schön, aber auch selbstverschuldet, wenn man die Gefilde unbewohnt läßt und allenfalls zum weiden nutzt :-)

  47. Parteibuch sagt:

    Ich seh das ja fast genauso — nur ein klitzekleiner Widerspruch: Die Macht beruhte und beruht noch immer in erster Linie auf dem Faktenmonopol der Medien. Anders ausgedrückt: Wahr ist, was in der Tagesschau kommt.

    Davon, das zu knacken und selbst herausbekommen, was wahr ist, sind wir meiner Einschätzung nach bisher leider noch ziemlich weit entfernt.

    Aber was soll’s, lass uns gemeinsam daran gehen, das Stück für Stück zu ändern. Mal schauen, wie weit wir kommen. Ach, übrigens, dürfen wir f!xmbr in unseren Parteibuch Ticker aufnehmen?

  48. Anonymous sagt:

    Klicke ich im Internet auf «Vierte Gewalt», so erscheint uneingeschränkt das Wort «Medien», eine Tatsache, die nach dem Grundgesetz nicht sein darf. Aber viel schlimmer empfinde ich es, dass sich in dieser «Vierten Gewalt» auch die «Zweite Gewalt» und die Dritte Gewalt» wieder findet. Sie klagt an und urteilt zugleich! Dieses in einer derart oberflächlichen Form, dass das Urteil nicht einmal einen Tag Bestandskraft hat. Kann eine derart «oberflächliche Vierte Gewalt» überhaupt einen Anspruch auf «Moral» erheben? Ich sage NEIN! Ich habe die Bildzeitung, angefangen bei «10 Pfennig Bild» bis heute gelesen. Da ich derzeit in Spanien lebe, auch die überteuerte Spanien-Ausgabe. Ab heute
    nicht mehr. Danke Bild, aber für mich sind sie kein «moralischer Ratgeber» (mehr)!

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