Die Vergesslichkeit des Günter Grass

Günter Grass war noch nie ein Mann demütiger Worte. Aktuell reist Grass wieder durchs Land, um sein neues Buch «Günter Grass auf Tour für Willy Brandt» vorzustellen. Dabei machte er auch Halt im Willy-Brandt-Haus — um mit SPD-Chef Sigmar Gabriel über sein neues Buch zu sprechen, natürlich ging es «nebenbei» auch um die aktuelle SPD-Politik. Beim Spiegel ist Befremdliches zu lesen. Kapitalismuskritik nennt es das Handelsblatt, in anderen Medien wird darüber berichtet, dass Grass der SPD die Leviten liest. Entschuldigend-defensiv argumentiert Gabriel, dass Wissenschaft und Wirtschaft der Politik die Mär vom «freien Markt» eingeredet haben. Grass soll mit den Worten «diesen ganzen Blödsinn» und «Ihr habt es Euch einreden lassen» dazwischen gefahren sein. Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 2004: Die SPD hatte voller Stolz die Agenda 2010 erfunden, Peter Hartz war ein gefeierter Mann. Doch was tat das undankbare Volk? Es ging unter dem geschichtsträchtigen Namen «Montagsdemonstration» auf die Straße, um gegen den Raubbau an unserem Sozialstaat zu demonstrieren. Die Demonstrationen bekamen immer mehr Zulauf, Menschen solidarisierten sich, selbst die Medien kamen an dem Thema nicht mehr vorbei. Doch dann kamen Günter Grass und andere Prominente.

Grass und 61 andere Personen aus Wirtschaft, Show und Wissenschaft veröffentlichten eine Anzeige, die in allen großen Tageszeitungen erschien. Der Titel: «Auch wir sind das Volk». Allein in der Süddeutschen kostete eine Anzeige über 40.000 Euro, eine beeindruckende Vorstellung von der Macht des Geldes. Günter Grass unterschrieb folgenden Text und die Montagsdemonstrationen gegen die Agenda 2010 endeten damit abrupt, die sogenannten Reformen waren ab diesem Zeitpunkt von den selbsternannten Intellektuellen unserer Republik «legitimiert»:

Auch wir sind das Volk

Die unter dem Angst machenden und abschreckenden Schlagwort Hartz IV beschlossenen Änderungen in der Arbeitslosen– und Sozialhilfe sind überlebensnotwendig für den Standwort Deutschland. Der ist gepflastert mit den Grabsteinen verblichener Chancen. Totengräber sind in allen Parteien zu Hause. In der Vergangenheit haben alle Regierungen dem Wähler versprochen, was nicht zu halten war.

Umso schmerzlicher ist nun die Stunde der Wahrheit. Jetzt hilft nur noch ein radikaler Kurswechsel. Solche Einschnitte tun weh wie alle schweren Operationen, aber aus Furcht vor Schmerzen nichts zu tun, wäre verantwortungslos.

Nur Demagogen, die ihre Zukunft hinter sich haben, reden dem Volk nach dem Maul. Ihre Rezepte sind so simpel wie ihre Motive durchsichtig. Deswegen unterstützen wir Bundeskanzler Gerhard Schröder — ungeachtet aller unserer sonstigen politischen Präferenzen — in einer großen Koalition der Vernunft. Wir hoffen, dass er den Parolen der Populisten von links und rechts, die gnadenlos die Sorgen der Betroffenen für ihre Zwecke ausbeuten, Stand hält.

Wir, die Initiatoren dieser Anzeige, wählten und wählen ganz unterschiedliche Parteien. Wir arbeiten in diesem Land, wir bezahlen Steuer n in diesem Lad, wir bekennen uns zu diesem Land. Wir haben das Jammern über Deutschland satt.

Wer mutig ändert, was geändert werden muss, hat uns auf seiner Seite.

Günter Grass mag Unterstützer von Willy Brandt gewesen sein — doch das ist lange her. Heute ist Günter Grass nur noch ein Schatten seiner selbst. Spätestens seit der Anzeige ist Günter Grass eines ganz bestimmt nicht: Kapitalismuskritiker. Er gehört zu denen, die der Politik «das alles» eingeredet haben, es sogar aktiv gefordert haben. Er war und ist bedingungsloser Unterstützer und Förderer von Gerhard Schröder und der Agenda 2010. Wenn Günter Grass heute kritisiert, was in den letzten Jahren geschehen ist, vergisst er seine aktive Rolle dabei: Er war Wegbereiter der Deregulierung und des Raubbaus an unserem Sozialstaat. Unterbewusst scheint ihm dies vielleicht doch klar zu sein, wenn er sagt: «Gegen das, was die gerade an Kürzungen ertragen müssen, war die Agenda 2010 ein laues Sommerlüftchen.» Günter Grass ist einer der entscheidenden Wegbereiter des grenzenlosen freien Marktes und des Neoliberalismus. Glaubwürdigkeit sieht anders aus. Vielleicht will Grass aber auch nur ein Buch verkaufen.

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11 Antworten zu “Die Vergesslichkeit des Günter Grass”

  1. Grainger sagt:

    «Vielleicht will Grass aber auch nur ein Buch verkaufen.»

    Das wird es wohl sein, auch ein Günter Grass schreibt seine Bücher nicht nur für sich selbst und Geld stinkt heute genau so wenig wie vor fast zweitausend Jahren, als Kaiser Vespasian den berühmten Spruch «Pecunia non olet» prägte.

  2. Finmike sagt:

    Schön, dass daran mal jemand erinnert.

  3. Gaston sagt:

    Das Vergessen ist Günter Grass sozusagen in die Biografie gelegt worden. Oder wie war das mit seiner Rolle im «Dritten Reich»?
    Hat er seine Biografie bis zum Beweis des Gegenteils da nicht auch durch «Vergessen» geschönt?

    Fehler darf man machen, man darf auch seine Meinung ändern. Aber dann hat man sich erst in seiner «neuen Rolle» zu beweisen. Vorher spreche ich jedem das Belehrungsrecht anderen gegenüber ab.
    Sei es eine «Das», die plötzlich als Physikerin das Undenkbare angeblich anfängt zu denken oder einem Schriftsteller, der sein Fähnchen schneller dreht, als der Wetterhahn auf dem Kirchturm nebenan bei mir.

  4. bloedbabbler sagt:

    Hi Chris,

    sehr schön ausgegraben.
    Der werte Herr Grass vergißt ja manchmal eine ganze Menge, sofern es ihm nicht in seinen aktuellen Lebenslauf hineinpassen mag.
    Ob er nun als Jugendlicher freiwillig bei der SS war, ist mir tatsächlich inzwischen ziemlich wumpe; da hat er sich demokratisch in den Jahrzehnten danach bewährt.
    Dieses Kapitel, mit der Agenda 2010 Bresche die er hier mit– und aufmacht, seines Lebens allerdings eitert bis in die Gegenwart der BRD hinein.
    Sehr schön auch die hehren Mitunterzeichner die inzwischen Kapital in rauhen Mengen verbrannt haben, wie der werte Herr Middelhoff, oder BILD Zeitungsbewerber wie der ewige Wiedergänger Westernhagen.
    Das Jim Rakete bei der Scheisse auch mitgemacht hat, enttäuscht mich heute immer noch; egal.

    Alles wie gehabt, Heute wollen sie von ihren Verbrechen nichts mehr wissen und halten es zitatmäßig mit dem alten Adenauer Sack.

    Blödbabbler

  5. Tango sagt:

    Schlimm genug, dass man den paar Männekin überhaupt Beachtung geschenkt hatte.
    Wäre jederzeit weiter mitgelaufen.

    Zu dem Einschlafen der Montagsdemos in Deutschland haben Gewerkschafter mit beigetragen, die Bürger sollten den Ball flach halten, und schwupp die wupp, waren die Montagsdemos vorbei. Hartz IV war geboren und die Menschen wurden Dikriminiert, mussten Erniedrigungen über sich ergehen lassen, wurden in den Selbstmord getrieben, weil man Menschen ungerechtfertigt die Leistungen gekürzt hatte. Betroffene können ein Lied davon singen.

    Hartz IV wird deswegen nicht abgeschafft werden, nur weil ein Herr Grass an Gedächtnisverlust leidet. Kohl hatte ja das gleiche Schicksal, muss in diesen Regionen wohl ansteckend sein.

  6. MarkS sagt:

    Günter Grass wird überbewertet. Der Mann lebt von vergangenem Ruhm und sollte mal wieder versuchen, ein halbwegs gutes Buch zu schreiben.

  7. […] Der Typ war mir ja schon immer unsympatisch*, wusste nur nie genau warum. Hier gibt’s jetzt bei F!XMBR einen guten Grund. […]

  8. saito sagt:

    Auch ich möchte mich für die Information bedanken.
    Jetzt ist mir endgültig klar, daß Grass nur ein Wendehals ist, der sein Fähnchen nach dem Wind richtet.

    mit freundlichen grüßen

  9. Anonymous sagt:

    Er hat aber auch,ich weiss nicht mehr wann,gesagt
    Jagt die Lobbyisten aus dem Bundestag,sie sind der
    Untergang der Demokratie–und da hatte er recht
    das ist nämlich eingetreten

  10. E.Schneider sagt:

    Die grösste Enttäuschung in diesem Land sind leider die
    Gewerkschaften.Wie sagte Herr Huber in der letzten Metallzeitung
    Wir brauchen mehr Europa.Anstatt seine eigentliche Klientel
    auf die Strasse zu bringen redet er die gleiche gequirlte
    Scheisse wie unsere Politdeppen

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