Die Tsunamiwelle

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Die Tsunamiwelle rollt — nur nicht so, wie gedacht. Sascha Pallenberg muss sich derzeit einem Shitstorm stellen, weil er ursprünglich in einem Tweet von einem Tsunami gesprochen hat. Diese Tatsache allein reicht schon, um diverse Auswüchse zu bewerten. Wer auf Twitter jedes Wort auf die Goldwaage stellt, sollte vielleicht anfangen, zu häkeln, aber doch bitte das mit dem Internet sein lassen. Jeder Internetausdrucker da draußen weiß einen Tweet besser zu beurteilen, als die ganzen SEOs, manch pOPELiger Blogger oder andere finstere Gestalten, die mit ihrer unfassbaren Dämlichkeit dafür sorgen, dass das Internet nicht als große Chance wahrgenommen wird, sondern als gefährlich verdammt und gebrandmarkt wird. Ich habe mich auch schon einmal mit Sascha «gefetzt» — in einem Artikel sprach in vom «PR-Gebrabbel von netbooknews.de». Ehrlich gesagt, war es ursprünglich nur ein Füllwort, ich hatte mich vorher nicht mit netbooknews.de beschäftigt und wollte nur die Besonderheit von Caschy hervorheben. Wenn man denn so will, ein Stilmittel. Sascha schoss zurück, und damit war die Sache gegessen. Wenn ich mir die letzten Tage so anschaue, dann komme ich mittlerweile zu der Erkenntnis, dass Sascha durchaus eine ehrliche Haut ist, der sein Herz auf der Zunge trägt. Das muss aber kein Nachteil sein, im Gegenteil.

Doch das soll nicht das Thema sein. Wie gestern schon geschrieben, war zu erwarten, dass SEO-Jünger und andere Abzocker sich auf Sascha und seine Enthüllungen stürzen werden. Getroffene Hunde bellen, mehr braucht man kaum zu sagen. Es sind halt die Goldgräber des Internets, die selbst nur Katzengold anbieten. Die Vorwürfe, die Sascha nun treffen, sind haltlos. Unterm Strich wird ihm an den Kopf geworfen, dass er ja auch mit seinem Blog Geld verdient. Nein, welch eine Überraschung. Deswegen hatte ich ihn ursprünglich auch einmal «kritisiert». Wie bin ich damals darauf gekommen? Sascha und sein Team machen das alles öffentlich und völlig transparent — sonst hätte ich es damals nicht erwähnt, gar nicht mitbekommen, dass es netbooknews.de überhaupt gibt.

Und genau hier kommen wir zum großen Unterschied zu Basicthinking. Dort scheint die Intransparenz und Verschleierung System zu sein, Transparenz ist sogar bei Vertragsstrafe in Höhe von 5.001 Euro verboten. Die 5.001 Euro sind im Übrigen nicht ohne Grund gewählt, anstelle des jeweiligen Amtsgerichts ist ab einem Betrag von 5.001 Euro das jeweilige Landgericht zuständig. Vor dem Landgericht herrscht Anwaltspflicht, vor dem Amtsgericht nicht — von höheren Gerichtskosten ganz zu schweigen. Hier ist augenscheinlich eine systematische Drohkulisse aufgebaut worden. Weitere Berichte von Bloggern, die angesprochen wurden, bestätigen diese Vermutung.

Die Ertappten und so manche Kommentatoren reden sich derzeit um Kopf und Kragen. «Es seien nur Links verkauft worden», so die Ausrede. Dem ist nicht so. Es waren Links, die zugehörigen Keywords, gleichzeitig wurde betont, dass diese Dinge nicht gekennzeichnet werden sollten. Das ist eine ganz andere Hausnummer, als simple verkaufte Links. Überspitzt gesagt: es ist und war systematischer Betrug an Google und insbesondere den Lesern der unterschiedlichen Blogs. Von einer rechtlichen Bewertung der Schleichwerbung ganz zu schweigen. Jeder normal denkende Mensch sollte sich von solchen Machenschaften distanzieren, egal ob er mit seinem Blog Geld verdient oder es reines Hobby ist, wie es bei F!XMB der Fall ist. Die Blogs, die gerade lachen, sollte man mal genauer unter die Lupe nehmen.

Die abenteuerlichste Vorstellung gibt derzeit Christoph Berger, Geschäftsführer von Basicthinking und onlinekosten.de, ab. Heise zitiert Berger mit folgenden Worten: «Ich erachte die Geschichte ganz klar als eine Kampagne von Herrn Pallenberg gegen unser Blog Basic Thinking». Aha, mit einem Tweet und einem Artikel macht man also Kampagne gegen Basicthinking und onlinekosten.de? Das halte ich dann doch für ein schweres Gerücht, um nicht zu sagen, lächerlich. Leider wird er mit der Masche Erfolg haben, die Goldgräber wollen weiter im Internet ihr Glück suchen, ihr Katzengold anbieten — und so mancher Blogger wird in den nächsten Tagen sicherlich eine Initiativbewerbung an Berger rausschicken. Wollen wir also hoffen, dass Google der Sache ein Ende setzt und Basicthinking, onlinekosten.de und die beteiligten Blogs einfach mal aus dem Index schmeißt. Ich glaube ja, das wäre der Lacher des Jahres. :)

Sascha im Übrigen hat heute in einem sehr ehrlichen Artikel auf die ersten Vorwürfe geantwortet: «Ja, ich habe offenbar zu heftig getrommelt und muss nun damit leben, dass mir aus dem Tsunami ein Wellchen in einem Tümpel gemacht wird. Ich hätte da professioneller agieren und gewisse Begrifflichkeiten vermeiden sollen. Das war nicht richtig und die Konsequenzen trage ich nun.» Wenn ich die letzten Tage Revue passieren lasse, denke ich ja, dass Sascha zusätzlich von den Medien unter Druck gesetzt wurde. Das Boulevardportal Meedia war an der Geschichte dran, ebenso wie das Trashportal Spiegel Online.

Wer zuerst kommt, malt zuerst. Sascha «musste» mit der Geschichte raus, das hätte sich niemand nehmen lassen. Wobei mir beim nächsten Thema sind: Sascha hat ein Interview mit dem ehemaligen Nachrichtenportal mit folgenden Worten abgelehnt: «Die Qualität des Contents (von SPIEGEL ONLINE, Red.) lässt mich einfach nicht über meinen Schatten springen, um sie bei ihrer Recherche auch nur annähernd zu unterstützen.» Das hat verdammt nochmal Stil. Dass der Spiegel nun beleidigt reagiert und Christoph Berger eine Webeplattform zur Verfügung stelle — geschenkt und scheint dort mittlerweile alltäglich. Allein dieser Satz zu Spiegel Online hat mir heute meinen tag versüßt. Die Reaktion von Frank Patalong lässt mir ein süffisantes «q.e.d.» entfleuchen. 😀

Was bleibt? Ein unschöner Gedanke: es scheint, als sei es Mehrheitsmeinung, dass solche Machenschaften völlig normal seien und auch akzeptiert und gewollt sind. Judas soll für seinen Verrat vor gut 2000 Jahren 30 Silberlinge kassiert haben. Heute reichen 50 Euro, um das Internet und die großartige Idee, das es einmal war, zu verraten. Ihr habt es so gewollt. Ich möchte aber nie wieder eine Beschwerde hören, dass auf Seite 1 der Google-Suche nur Spam zu finden ist. Es sind die Geister, die Ihr gerufen habt. Die gleichen Blogger, die heute über das sogenannte Bloggergate lachen und es negieren, regen sich über die Mövenpick-Partei FDP auf. Es ist die gleiche Ideologie. In Ägypten kämpfen die Menschen gerade auf der Straße um ihre Meinungsfreiheit und riskieren ihr Leben. In Deutschland kann man Meinung kaufen. Für läppische 50 Euro. «Schöne» Freiheit, die Ihr Euch da ausgewählt habt, liebe SEOs und Anhängsel…

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9 Antworten zu “Die Tsunamiwelle”

  1. Dirk S. sagt:

    Danke! Ein guter Artikel zur Situation. Insbesondere das Fazit gefällt mir. Guter Content sollte die Suchmaschinenoptimierung of Choice sein.

  2. Oliver sagt:

    Ich halte den «Tsunami» die «Welle» für uninteressantes Geblubber. Das mit SPON fand ich allerdings auch gut. :-)

  3. wn sagt:

    Das war gut.

  4. Wer die beteiligten Blogs nennen möchte, mache das bitte unter seinem Namen und nicht feige anonym. Danke…

  5. […] habe mich heute nachmittag endgültig entschieden. Vielleicht auch wegen dem oder dem Artikel hier: Judas soll für seinen Verrat vor gut 2000 Jahren 30 Silberlinge kassiert haben. Heute […]

  6. faulit sagt:

    Man sollte meinen, dass der Verrat am Internet mehr wert ist, als 50 Euro. Oder anders: Dass jemand seine Seele verkauft, war abzusehen, aber dann so billig? Das ist beschämend. Für das Internet als Idee, ebenso wie für die Marktwirtschaft.

  7. Grainger sagt:

    Die lächerlichen 50 Euro finde ich für die Beteiligten auch (fast) am beschämendsten. 😉

    Vor allem in Anbetracht der Vertragsstrafe von 5.001 Euro. Ist eine Vertragsstrafe, die mehr als dem 100-fachen des Vertragswertes entspricht, nicht ohnehin sittenwidrig?

    Ich mag Werbung grundsätzlich nicht, aber wenn auf einem Blog (oder irgendeiner anderen Internetpräsenz) geworben wird und dies auch transparent und klar erkennbar geschieht, dann kann und muss ich damit leben (das meiste davon sehe ich Dank diverser Blockierungsmechanismen ohnehin nicht ;)).

    Aber Werbung (oder noch schlimmer: gekaufte Erfahrungsberichte und Testergebnisse), die nicht als solche erkennbar ist, sondern z.B. als scheinbar neutrale Produktempfehlung ihre Adressaten finden soll, ist eine ganz andere Geschichte.

    Inho beweist die Verschwiegenheitsvereinbarung sowie die vollkommen unverhältnismäßige Vertragsstrafe, dass auch die Urheber genau wissen, dass das nicht in Ordnung ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch beim Konsumenten so wahrgenommen wird.

  8. Hannibal sagt:

    Ich finde auch, dass der Content frei sein muss. Aber so wie ich die ganze Geschichte verstanden habe, ist er das auch, oder?! Es kann doch jeder schreiben was er will?! Dann sehe ich die Problematik nicht so.

  9. Gaston sagt:

    Dazu passt auch die Gestern veröffentlichte Meldung in Heise.de:
    Blogger sollen Schutz klassischer Medien in Anspruch nehmen können

    «Blogger sollen in den Genuss der Privilegien der Presse kommen, wenn sie sich an deren ethische Codes halten. Diesen Vorschlag machte die Menschenrechtsorganisation Article 19 bei einer Tagung der Unesco zur Presse– und Meinungsfreiheit vergangenen Woche. Presseräte in einzelnen Ländern wie den Niederlanden hätten bereits begonnen, sich mit der möglichen Integration der neuen Klasse von Journalisten auseinanderzusetzen, sagte Agnès Callamard, Chief Executive von Article 19, gegenüber heise online»

    Nur, wer sich unter dem Schutz der Pressefreiheit begeben will, muss auch dessen Regeln beachten, wie z.B. eben die Pressegesetze der Länder.
    So wie ich es hier schon als vermutlich für solche Vorgänge als Greifbar beschrieben habe (auch wenn ich da einem befragten Anwalt mit widerspreche): F!XMBR: Schleichwerbung in Blogs — Kommentar

    Und das sich die Gerichte inzwischen auch anders verhalten, das konnte man schon 2009 sehen: Taz: Pressefreiheit auch für Blogger -
    Die Grundsatzfrage

    «Weshalb Pressefreiheit nicht bloß für Journalisten gilt, sondern auch für Blogger — und die Klage der Bahn gegen Markus Beckedahl ins Leere läuft.
    […]
    Ob Internetblogger eher von der Presse– oder von der Rundfunkfreiheit geschützt sind, ist zwar noch nicht geklärt, macht aber in der Sache keinen Unterschied. »

    In diesem Sinne. Freiheit bedeutet auch Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft. Und dies sollte hier unter dem Deckmäntelchen der Verschwiegenheit nicht erfüllt werden.

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