Die Traumwelt des Mathias Döpfner

Nein, diesmal kein profanes BILD-Bashing — irgendwann wird sich auch ein Mathias Döpfner für das größte mediale Krebsgeschwür unserer Zeit rechtfertigen müssen. Natürlich für die Methoden, mit denen Menschen vernichtet wurden — wie versucht wurde, so manches Mal, die Politik zu erpressen, wie man einzelne Politiker offenbar gekauft hat und so vieles andere ebenso. Nun war die Einleitung doch länger als gedacht, kommen wir nun zum eigentlichen Thema. Der Vorstandschef von Springer hat dem SPIEGEL ein Interview gegeben — es zeigt, in was für einer Traumwelt Mathias Döpfner lebt, wie sehr er, geht es um eigene Interessen, heute eine andere Position vertritt, wie gestern. Ich halte Mathias Döpfner mit seiner Medienmacht und mit dem Wirken seiner Blätter für einen sehr gefährlichen Mann.

Mathias Döpfner verbreitet natürlich weiter die Mär vom Mindestlohn — der sei schuld, dass die Pin AG gescheitert ist.

Der [Anm. Mindestlohn] ist jedenfalls der Grund, dass wir der Pin keine weiteren Finanzmittel mehr zur Verfügung stellen. Wir waren ja ohnehin die letzten Gesellschafter, die noch Geld nachgeschossen haben.

Interessant hier, dass er sich dann gleich im zweiten Satz widerspricht. Der Mindestlohn ist schuld, dass Springer kein Geld mehr in die Pin AG Investiert — zugleich sagt aber auch, dass vorher schon die anderen Gesellschafter kein Geld mehr in das Unternehmen gesteckt haben. War vielleicht doch schon vor dem Mindestlohn die Luft raus? Man könnte zumindest zu diesem Schluss kommen.

Die Aktionen der Politik haben allerdings unsere Vorstellungskraft übertroffen, was in einem Rechtsstaat möglich ist: Einerseits tat die Politik so, als wolle sie das Briefmonopol beenden. Andererseits schützt sie es durch den Mindestlohn besser als je zuvor. Außerdem ist die Post auch noch von der Mehrwertsteuer befreit. Ein solch hohes Maß an Willkür hatten wir nicht erwartet.

Oha, jetzt wird es natürlich wild — aber was soll man von Mathias Döpfner auch anderes erwarten. Räumen wir das Feld von hinten auf. Die Befreiung der Mehrwertsteuer, die manche sicherlich als einziges Argument durchgehen lassen würde, hat einen ganz einfachen Hintergrund: Die Post muss selbst einen einzigen Brief in Hintertupfing ausliefern — während die Konkurrenz wie die Pin AG oder auch TNT freudig Geschäftskunden aquirieren und somit die Sahnehäubchen abgreifen. In der Vorstellung des Springer-Chefs wird es mit der Post also zukünftig so sein, wie immer noch in vielen ländlichen Gebieten mit dem DSL — mancher liegt zu weit außerhalb, also wird er nicht beliefert. Die Post darf das nicht — die Konkurrenz schon. Wenn dies bedeutet, ein Monopol zu schützen, na dann — ich kann mich mit der Argumentation Döpfners nicht wirklich anfreunden. Wenn die Pin AG oder auch TNT sich verpflichten würden, jeden Brief auszuliefern, der an sie herangetragen wird, würde die Politik wegen einer Befreiung der Mehrwertsteuer sicherlich mit sich reden lassen. Aber hier gilt: Das Geschäftsmodell ist darauf aufgebaut, der Post das Unangenehme liegen zu lassen, den Brief von Oma Herta nicht auszuliefern — Geschäftskunden interessieren, nicht aber der Mensch, die Gesellschaft.

Pin zahlt Basisstundenlöhne von 7,40 Euro, in den profitablen Regionen sogar 8,20 Euro. Das ist mehr als das, was Franz Münteferings SPD als Maximalforderung für einen generellen Mindestlohn gestellt hat. Also entweder hat sie Dumpinglöhne gefordert, oder Pin hat nie welche gezahlt. Wir hätten sogar noch mit 8 Euro leben können.

Nun wird es ganz schlimm. Vielleicht kann ich ja auch nicht lesen — aber Berichte von (ehemaligen) Pin-Angestellten sehen anders aus. Von 4,50 Euro spricht Lothar D — der mit 49 Jahren wieder zu seiner Mutter ziehen musste. ver.di spricht laut der Wikipedia von einem Stundenlohn von 5.86 Euro — dadurch geschuldet, dass es keinen Tarifvertrag gibt und eine Grundvergütung gezahlt wird. Für mich ist in diesem Fall ein Mathias Döpfner nicht wirklich glaubwürdig — zumal er und seine Blätter vor einem Jahr noch gegen Hungerlöhne zu Felde gezogen sind, heute aber generell den Mindestlohn verdammen, auch den von schon sehr knapp bemessenen 7,50 Euro. Glaubwürdigkeit ist hier das Stichwort — mit der hat es der Herr Vorstandsvorsitzende nicht wirklich, zumindest in meinen Augen.

Unser Vertrauen in Politikerzusagen war nie sehr hoch. Jetzt ist es unter null.

Hach, wie süß. Der Journalist in Deutschland, der am meisten Politik mit seinen Publikationen macht, fangt fast an zu heulen. Glaubwürdigkeit? Zum Regieren brauche ich nur BILD, BamS und Glotze — so soll der ehemalige Kanzler und jetzige Gasgerd Gerhard Schröder einmal gesagt haben. Und es trifft zu. Wenn man sich das heutige Kabinett anschaut, die Opposition in Form der FDP, wird Politik über die BILD gemacht. BILD besitzt eigene Politiker, BILD schafft und zerstört Karrieren — da ist der Spruch, ähm, einfach mal lächerlich. Gerade diese ganze Verwobenheit innerhalb der Politik macht das Imperium Döpfner so gefährlich.

Das Mindestlohngesetz ist besonderes Gift für den Wirtschaftsstandort. Die Prognoseinstitute haben ja auch prompt ihre Wachstumserwartungen gesenkt. Schon der flächendeckende Mindestlohn wäre ordnungspolitisch falsch gewesen — wenn auch bei 7,50 Euro noch verkraftbar.

Ja, seit dem professoralen Unsinn von Professor Sinn wissen wir, dass sich der Teufel den Mindestlohn ausgedacht hat und dass — das ist jetzt kein Scherz, das hat er wirklich gesagt — die brennenden Schulbusse in Frankreich ihre Ursache im Mindestlohn haben. Ich denke nicht, dass man bei Mathias Döpfner davon sprechen kann, dass er papageienartig den Blödsinn mancher abhängiger Unsachverständigen nachplappert — im Gegenteil. Hier greift jetzt ein Rad ins andere, verschiedene Interessen spielen zusammen — natürlich will der Vorstandsvorsitzende eines großen Konzerns keine Mindestlöhne, schließlich müsste er sie dann auch zahlen. Die Menschen, die Gesellschaft, die Kinder — das alles ist Mathias Döpfner offensichtlich völlig egal. Er wird wissen, welche Dumping-Löhne in unserem Land gezahlt werden, wie die Menschen ausgenutzt werden.

Es ist an Zynismus und Wahrheitsverdrehung kaum noch zu überbieten, wenn man uns nun vorwirft, wir würden die Politik als Alibi für unseren unternehmerischen Misserfolg missbrauchen. Die Deutsche Post hat schon […] einen Kostenvorteil […].

Was war es denn, lieber Herr Döpfner? Sie und Ihre Manager, Ihr habt schlicht und ergreifend versagt. Und wer sein Geschäftsmodell auf Dumpinglöhne aufbaut, macht sowieso etwas verkehrt, da gibt es dann auch nichts zu beschönigen. Ihr hattet ebenso viele Vorurteile gegenüber der Post, wie anders herum. Die Post hat vielleicht ihre Vorteile genutzt — die Pin AG die ihren aber nicht. Springer hat da ganz einfach versagt, Punkt. Es wirkt verdammt lächerlich, wie Sie hier rumjammern. Man muss sich das mal vorstellen: Da wurde die Postauslieferung der Stadt Berlin, wie gesetzlich vorgeschrieben, ausgeschrieben. Die Pin AG konnte diese Ausschreibung gewinnen. An diesem Punkt spart die Stadt nun Geld, da die Pin AG günstiger war, als die Post. Aber: Da die meisten Pin-Angestellten zusätzlich Hartz IV beantragen müssen, um zu überleben, muss hier die Stadt ebenso eingreifen. Unter dem Strich bleiben doppelt so viele Kosten, als wenn die Post mit ihren überhöhten Mindestlöhnen den Auftrag bekommen hätte (Sachverhalt so dargestellt von Berlins regierenden Bürgermeister Wowereit in der Sendung Hart aber Fair).

Die BILD als Opfer — in seinen grotesken Äusserungen gegenüber dem SPIEGEL kommt selbst das zum Ausdruck:

Jeder, dem eine BILD-Meldung missfällt, klagt mittlerweile sofort über eine angebliche Kampagne. Das nimmt allmählich groteske Züge an. BILD war und ist gegen Hungerlöhne. Und Pin hat nie Hungerlöhne gezahlt. Unser publizistisches Selbstverständnis ist von meinungsstarken und in ihrem Urteil freien Chefredakteuren geprägt.

Das muss man einfach mal für die Nachwelt so stehen lassen. Ich befürchte fast, er meint das ernst und ist wirklich davon überzeugt, was er tut — ich wiederhole mich: Gerade auch das macht ihn zu einem sehr gefährlichen Mann für unsere Gesellschaft, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für dieses Land.

Hanebüchen wird’s auch, wenn Mathias Döpfner von seiner Leserzahl spricht — BILD erreicht Fantastilliarden von Lesern, naja fast. Wie, Ihr glaubt das nicht?

BILD ist heute eine Markenfamilie mit fast 30 Millionen Lesern. Und das gedruckte Wort ist noch lange nicht am Ende.

Herrlich — im Hause Springer glaubt man offensichtlich immer noch Page Impressions = Anzahl der Leser. Ich glaube, besser kann mein seine Internetinkompetenz nicht zur Schau stellen, wie es Döpfner hier gemacht hat. Lassen wir ihn in dem Glauben — Maria soll ja auch jungfräulich ihren Jesus empfangen haben. Hey, wir sind Papst.

Einsilbig wird der Herr Döpfner, wenn es um sein eigenes Millionengehalt geht — ganz im Gegensatz zu Postchef Klaus Zumwinkel oder auch anderen Kollegen. Von den laut mehreren BILD-Kampagnen, upps, da war es wieder, das böse Wort, überbezahlten Politikern mal ganz abgesehen. Lest Euch das Interview einfach mal durch. Es fällt wirklich schwer, ernst zu bleiben. An vielen Stellen schüttelt man einfach nur mit dem Kopf, an anderen Stellen lacht man schon fast — doch immer daran denken: Mathias Döpfner ist Vorstandsvorsitzender von Springer, eines der mächtigsten und einflussreichsten Medienhäuser der Welt — er kann Politiker ins Amt des Bundeskanzlers heben und sie dort schnell wieder verschwinden lassen. Sein Einfluss auf die Gesellschaft ist enorm. Ich bin zu der Meinung gelangt, das Springer diese Macht extrem missbraucht — Mathias Döpfner dementsprechend ein sehr gefährlicher Mann ist.

SpOn — Hohes Maß an Willkür

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