Die Sterilität von Google+

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Krankenhäuser sind eine tolle Sache. Sie retten Leben, kümmern sich um Verletzte und Kranke, Schwestern und Pfleger arbeiten oft für einen Hungerlohn, um anderen Menschen zu helfen. Und doch gibt es kaum einen Menschen, der gerne ins Krankenhaus geht — ob nun als Patient oder auch nur als Besucher. Allein der Gedanke an den Geruch lässt viele Menschen übel werden, die vermeintliche Sterilität, überall Kranke, Verwirrte und Menschen, die stöhnen und schreien. Man möchte den Ort des Pflichtbesuches so schnell wie möglich wieder verlassen. Google+ könnte mit seinem Klarnamenradikalismus das Krankenhaus im Social Web werden. Dem täglichen Pflichtbesuch steht der innere Gedanke gegenüber, den Ort wieder verlassen zu wollen.

Besuche ich heute Google+, ist es eine tolle Sache. Ich kann mich mit meinen Kontakten austauschen, teile Informationen, erweitere meinen Horizont und lerne jeden Tag neue Dinge kennen. Und doch riecht Google+ unangenehm. An bald jeder Ecke hört man ein Schreien, ein Stöhnen und sieht verwirrte Menschen — ungeprüft würde ich schätzen, dass rund 80% meiner Follower die Begriffe Werber, Social Media Berater, SEO oder andere Lächerlichkeiten in ihrem Profil spazieren tragen. Eigentlich möchte man den Ort schnell wieder verlassen — und doch bleibt man länger, wie der Gaffer, der nach einem Unfall auf der Autobahn den Gegenverkehr blockiert.

Wir haben schon viele Projekte im Web kommen und gehen gesehen. Alle diese Projekte hatten eine Gemeinsamkeit: Bei jedem Projekt gab es einen entscheidenden Geburtsfehler, von dem sich die Macher nie erholt haben. Man braucht sich nur die sogenannten Säue anschauen, die in den letzten Jahren durchs Dorf getrieben wurden. Denken wir beispielsweise an Adnation, so war es Yahoo — oder lasst uns in die Politik schauen: Schwarz-Geld wird sich nie von der Hotelsteuer und der spätrömischen Dekadenz erholen.

Der Geburtsfehler von Google+ wird der Klarnamenradikalismus sein.

Wer mir und meinen Texten wie und wo folgt, ist mir egal — Hauptsache, man stört meine Kreise nicht, wie zum Beispiel durch nervige Kommentare, dann wird sofort geblockt. Was mir aber nicht egal ist, sind die Menschen, denen ich folge. Ich mag Don Alphonso, obwohl ich nicht immer einer Meinung mit ihm bin und wir uns auch schon arg gestritten haben. Genauso geht es mir mit lanu, von der ich bis heute nicht sicher weiß, ob sie nicht doch ein Kerl ist. Mit Moppelkotzer war ich schon gemeinsam auf einer Pro-Guttenberg-Demo in Hamburg — und wir hatten sehr viel Spaß. Gerne würde ich einmal Bembel kennenlernen, obwohl wir uns fast ausschließlich über Twitter und Identi.ca kennen. Ich könnte diese Liste fast endlos fortsetzen. Jeder dieser Nicks ist zugleich ein Mensch, der freundlich und witzig ist, mit dem sich diskutieren lässt, mit dem man Spaß haben kann. Jeder dieser Nicks, von denen sich viele in meinen Kreisen befinden, ist unwahrscheinlich wertvoll für ein Social Network. Fast jeder der selbsternannten Werber, Social Media Berater und SEO-Fritzen ist mehr Troll, als es die genannten und nicht genannten jemals sein werden.

Google+ ist im Prinzip eine tolle Sache. Und doch fasse ich mir fast täglich an den Kopf ob der Fehleinschätzung der Google-Führung. Da läuft mir ein Name über den Weg, von dem ich noch nie gehört habe — erst am Profilbild erkenne ich, mit wem ich es zu tun habe. Und wenn ich mir unsicher bin, frage ich nach — wie ich es bei Don Alphonso gemacht habe, ob er es denn nun wirklich sei. Namen sind oftmals Schall und Rauch — das Profilbild reicht in vielen Fällen schon aus. Obwohl das Durchschnittsalter von Google+ im Gegensatz zu anderen Plattformen sehr hoch sein soll, traut Google seinen Nutzern offensichtlich nicht, genau diese Medienkompetenz und Intelligenz zu zeigen und zu besitzen. Und wenn mir als Nutzer nicht getraut wird, warum soll ich dann Google vertrauen? Es ist an der Zeit, dass Google erkennt, dass die Nutzer durchaus in der Lage ist, zwischen Troll und angenehmen Kontakt zu unterscheiden. Egal, welcher Name im Profil steht.

Disclosure: Ich bin hier eingeliefert worden

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Eine Antwort zu “Die Sterilität von Google+”

  1. Otto Normalverbraucher sagt:

    Ich bin wirklich beeindruckt von Deiner Reflektionsfähigkeit — das meine ich ernst. Deinen Blog mag ich und auch Deine Begeisterungsfähigkeit — aber dass Du ausgerechnet Google so gut fandest, fand ich wiederum bedenklich.

    Ich kann verstehen, dass es Dir die reine Funktionalität, das Drumherum und die besseren Möglichkeiten angetan haben. Mir ging’s damals genauso, als ich plötzlich Google entdeckt hatte, als ich noch MetaGER als Suchmaschine nutzte — juchhu, endlich was einfaches.

    Heute sieht die Sache etwas anders aus — es reicht ein Youtube-Account und man ist drin im Radar von Google. So richtig beruhigend ist es nicht. Mit IPv6 wird auch ein Pseudonym nicht mehr viel zur Tarnung beitragen. Da muss etwas neues passieren, um uns zu schützen.

    Wie gesagt, ich finde es gut, etwas kritisches über Google+ von Dir zu lesen. Danke.

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