Die SPD und ihr Lord Voldemort — Kurt Beck

Beck VoldiUnd wieder heißt es: Falsch gedacht. Nein, nicht Oskar Lafontaine ist die Reinkarnation von Lord Voldemort — nein, es ist Kurt Beck. Der gewaschene aber unrasierte SPD-Vorsitzende muss derzeit für die Schizophrenie, die Unfähigkeit das eigene Verhalten zu reflektieren, den eigenen und weiten Rechtsschwenk der SPD-Bundestagsfraktion als Sündenbock herhalten. Man kann und muss den SPD-Vorsitzenden kritisieren, auch für diverse Entscheidungen während seiner SPD-Regentschaft. Wenn die SPD-Fraktion Kurt Beck aber nun für den Niedergang der Partei verantwortlich machen will, dann kann man nur noch mit dem Kopf schütteln. Liebe SPD-Bundestagsfraktion: Ihr selbst seid für den eigenen Untergang verantwortlich, Ihr selbst habt die Wähler, die Menschen in diesem Land verraten — und wenn mancher von Euch schon so jämmerlich tut: Wenn Ihr Euch die Pistole an den Kopf haltet, dann werdet Ihr daran denken — an die Agenda 2010, die Kinderarmut, die Altersarmut, der Überwachungsstaat — alle Entscheidungen, die Ihr selbst getroffen habt, aufgrund derer sich die Menschen angewidert von Euch abgewendet haben. Ihr allein seid schuld an dem Niedergang der SPD. Ihr habt die Hand gehoben, Ihr habt Euch für diesen Weg entschieden. Wenn überhaupt Vorsitzende der ehemaligen Volkspartei schuld sein sollen, dann klingelt doch einfach mal bei Gasgerd Schröder und Franz Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen Müntefering.

Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass innerhalb 24 Stunden zwei politische Hauptakteure aus Berlin als Lord Voldemort wiederauferstehen. Nach Oskar Lafontaine nun Kurt Beck — und es ist schon süffisant zu sehen, dass beide Schicksale miteinander verknüpft sind. Einer wird am anderen scheitern. Zur Zeit sieht es so aus, als würde Kurt Beck scheitern. Nicht aber am eigenen Verhalten — das würde ja fast schon ausreichen. Nein — die eigenen Genossen aus der SPD-Bundestagsfraktion meutern hinter verschlossenen Türen. Das ist schon wieder so perfide, dass man kaum Worte findet, dieses Schauspiel zu kommentieren. Der STERN gräbt wieder einmal die eigenen zweifelhaften Umfragewerte von FORSA aus — würden sich diese Ergebnisse bestätigen, würden 1/3 aller SPD-Parlamentarier ihr Mandat verlieren. Die Wut über das eigene Versagen, die Wut über den eigenen Verrat an der Gesellschaft, an den Menschen in diesem Land wird an Kurt Beck ausgelassen. Der Provinzfürst aus Mainz könne niemals Kanzler werden, heißt es in Berlin. Prominente Unterstützer sind die ehemaligen Stürmer von Gasgerd Schröder, Peter Struck und Franz Müntefering. Und wenn dieser Verrat an Kurt Beck und auch am deutschen Volk nicht bald beendet wird, will es die SPD-Bundestagsfraktion so, dass der Hartz IV-Technokrat, der Konstrukteur der Agenda 2010 — Frank-Walter Steinmeier — Kanzlerkandidat wird. Das ist schon so wahnwitzig, dass man als Kritiker des Kurt Beck auf diese Weise gezwungen wird, diesen zu verteidigen. Das hat fast den Hessen-Effekt — auch da war das alte Feuer wieder da.

Der Lord Voldemort der SPD: Kurt Beck. Man glaubt es kaum. Was hat er nicht alles verschuldet. Die SPD ist nur noch bei 24% (laut FORSA), die CDU wird in diesem Jahr erstmals mehr Mitglieder haben, als die ehemals stolzen Sozialdemokraten — von derzeit 222 Abgeordneten würden 70 ihr Mandat verlieren. Die SPD-Linke erträgt Kurt Beck, die SPD-Rechte macht ihn für einen angeblichen Linksrutsch verantwortlich. Was für ein Trauerspiel in der SPD. Man hat schon fast Mitleid mit den Genossen. Aber auch nur fast — hätten sie doch nicht Wähler und Volk verraten sollen. Für die SPD gibt es kein Ausweg aus dieser Misere. Sie kann nur hoffen und beten, dass sie 2009 noch als Juniorpartner in einer Großen Koalition landet — andernfalls sieht es ganz düster aus. Zynische Stimmen innerhalb der Fraktion sprechen davon, dass wenn die SPD nach so einem Aderlass in der Opposition landet, auf der harten Oppositionsbank neben der Linksfraktion, man gleich den Parteitag zur Vereinigung der beiden Parteien planen kann — mit Oskar Lafontaine als neuen, alten Vorsitzenden. Natürlich ist das völlig überspitzt — und doch zeigt es, wie groß die Verzweiflung ist. Kommentatoren der politischen Szene in Berlin haben die Angewohnheit, altkluge Vorschläge für jede Krise zum Besten zu geben — wie auch der Autor dieser Zeilen das sehr gut kann. Mir persönlich fällt aber kaum eine Lösung für die SPD ein. Nicht bei dem noch vorhandenen Personal. Da spielt zum Beispiel Vertrauen und Glaubwürdigkeit eine große Rolle. Wem innerhalb der SPD soll man noch vertrauen? Da ist auf breiter Front niemand, wirklich niemand zu erkennen.

Natürlich wird niemand ernsthaft daran glauben, dass die Politik der letzten Jahre zurückgenommen wird. Und dennoch — Steigerung der Hartz IV-Sätze, Vermögenssteuer, Spitzensteuersatz, das sind Werkzeuge, über die man sprechen kann und muss — wir müssen hin zu einer gerechten Verteilung des Volksvermögens. Es muss auf öffentlicher Ebene eine Privatisierungsstopp her — völkerrechtswidrige Kriege dürfen von deutscher Seite nicht unterstützt werden. Diese Gesellschaft muss wieder zu einem Miteinander finden — aber nicht nur die Politik muss daran arbeiten. Arbeitslose und Rentner, Angestellte und Studenten — alle gemeinsam müssen sich wieder gegenseitig fördern, nicht fordern. Wer fordert, fordert von sich selbst am wenigsten und zeigt mit dem Finger auf andere. Doch das alles wird ein Traum bleiben. Die Politik lebt ausschließlich davon, die unterschiedlichen Interessengruppen gegeneinander aufzuhetzen — die Menschen lassen es bereitwillig mit sich geschehen. Muss man sich doch nicht mit dem großen Ganzen beschäftigen und hat so jemanden, den man für die eigene Misere verantwortlich machen kann.

Und, um wieder zum Thema zurückzukommen — wer soll diese Punkte glaubwürdig und kompetent für die SPD vertreten? Kurt Beck kann es nicht — selbst wenn man es ihm zutrauen würde, er ist verbrannt. Die Schröder’schen Stürmer Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück? Wir haben schon eine CDU, das Original — da braucht es keine SPD wie die letzten Jahre, sonst führen wir 2010 die gleiche Diskussion — nur verschärft. Und der Nachwuchs? Keine da. Ypsilanti macht sich gerade derart lächerlich, dass sie Al-Wazir in die Hände Roland Kochs treibt. Andrea Nahles tritt für eine Koalition mit der FDP ein. Wer soll es sein? Es ist niemand da. Die geringste Schuld daran trägt Kurt Beck. Jeder einzelne Abgeordnete sollte sich selbst mal fragen, inwieweit er für dieses Desaster, sowohl aus SPD-Sicht als auch aus gesellschaftlicher Sicht für unser Land, verantwortlich ist. Seid ehrlich zu Euch selbst, liebe SPD-Bundestagsfraktion. Vielleicht gibt es dann einen Neuanfang. Es liegt an Euch. Ich glaube nicht mehr an Euch. Widerlegt mich.

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2 Antworten zu “Die SPD und ihr Lord Voldemort — Kurt Beck”

  1. Oliver sagt:

    >Diese Gesellschaft muss wieder zu einem Miteinander finden — aber nicht nur die Politik muss daran arbeiten.

    Exakt, denn eben dieser Umstand macht auch das «Material» in allen Parteien aus, respektive das fehlende «Material». Und wenn die Spitzenpolitik mehr und mehr abdriftet, dann ist es auch das Mitverschulden eines Großteils des Volks, denn es steht dahinter — hinter dieser vorherrschenden asozialen Poltik, der Mißgunst gegenüber Minderheiten etc. Die «I don’t care»-Mentalität ist groß in Deutschland und deswegen frohlockte man auch ob des «Medienkanzlers» Schröder. Natürlich jammert letztendlich jeder, aber wieviele betrifft es tatsächlich und wieviele derer die jammern kümmern sich dabei um andere? Und wenn du meinst, das ist zu arg pauschalisiert, nimm dir einen «Hartzer» und stell ihn in die Menge, sag den Leuten «der Mensch braucht auch ein würdiges Leben» und du wirst sehen wie sie ihm sein «Leben» aufrechnen ohne irgendeinen Politiker. Das gleiche kannst du mit einem Studenten tun, mit armen Kindern — zu denen immer ein ärmeres Pendant im Ausland existieren wird, so das die Situation gekonnt relativiert werden kann etc. Die Politik hat trotz der asozialen Politik einen Rückhalt in der Bevölkerung. Die Minderheit in diesem Land nennt sich «links», fernab jeder Parteifärbung. Und die Politik könnte auch nichts an diesem Habitus des Volks ändern, aber vice versa wäre es möglich, wenn denn die Asozialen die Minderheit in diesem Land stellen würden.

    Heutzutage jedoch ist dies Wunschdenken, ich kann mir als Prügelknaben irgendwelche asozialen Politiker aussuchen, jene kulminieren jedoch nur Volkes Stimme. Das Volk ließ sich mehr und mehr zu einer Ellbogengesellschaft konditionieren, aber auch schon bei diesem Fall tritt die «Henne-Ei»-Problematik ans Tageslicht, was war zuerst da? Zeige mir die Leute die Jammern und sich gleichzeitig auch für andere interessieren, tatsächlich für andere und dies nicht nur als Grund für ihre eigenen Gelüste vorschieben?

    Denn dieses «gemeinsam Handeln» ist zwar recht einfach, aber ziemlich scheiße, denn diverse persönliche Vorteile gehen dabei flöten. Ja aber wer mag das hören? Eher hört man «die $Partei machte mich dazu», aber den Judaslohn kassiert man dennoch willig.

    Ich brauche nicht mit irgendwelchen Zahlen zu wedeln, dem Gros der Deutschen geht es recht gut. ABER als Mensch hat man einfach die Pflicht jegliche Armut auszumerzen. Und es geziemt sich insbesondere für diese honorige Demokratie in keinster Weise, wenn Menschen — egal wieviele oder welcher Altersklasse — am «Rand der Gesellschaft» leben und geächtet werden. Und gewisse Dinge müssen/dürfen einfach nicht sein, egal wie «gut» es dem Volk geht. Dieser Staat hier ist keiner derjenigen, die jemals besonders sparsam mit Steuern und Abgaben umging bzw. dem Völk tatsächlich eine soziale Hängematte bescherte.

    Kurzum, ohne eine maßgebliche Änderung der Gesellschaft wird sich nichts ändern. Da muß kein massiver Umbruch geschehen, nein es langt eine kleine Richtungsänderung für den Anfang. Aber dafür bräuchten wir vielleicht noch einmal so etwas wie damals die 68er-Bewegung. Auch da fehlt der massive Rückhalt der Bevölkerung, aber insgesamt hat man dieser Bewegung doch recht viel zu verdanken. Im übrigen sieht man auch hierbei geht, wer tatsächlich die Bremse war und selbst einen gemäßigten Umbruch verhinderte: die Majorität des Volks. Wir leben eben nicht in einer Diktatur, in der man im Nachhinein alles auf irgendwelche Führer schieben kann, um die eigene Unzulänglichkeit zu kaschieren.

  2. […] heutige Podcast des Tages ist ganz eindeutig der Podcast von hr2 zum Artikel auf F!XMBR, ähm, natürlich im STERN. Kurt Beck ist die Reinkarnation von Lord Voldemort — so sehen […]

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