Die SPD ohne Vorsitzenden

SPD-FahnenDie SPD steht am Abgrund — oder ist sie sogar schon ein Stück weiter? Nach Schröder, Müntefering, dem gesundheitstechnischen Unfall Platzeck sollte es Kurt Beck werden — der Vorsitzende, der die SPD wieder in die Erfolgsspur zurückbringt. Obwohl ihn bundesweit kaum jemand kannte, war der Vertrauensvorschuß, den er bekam, beeindruckend. Der nette Kumpel von neben war er, der Kurt Beck. Und wieder haben eine Menge Menschen in unserem Land gelernt, dass ein Politiker (in dieser Position) eben nicht der nette Onkel von nebenan ist. Nun muss man bei Umfragewerten immer vorsichtig sein — im Falle Kurt Beck jedoch sind sie zusätzlich ein Trend, ein Trend, der erschreckender nicht sein kann.

Manfred Güllner, Chef von FORSA, hat neue Zahlen veröffentlicht. Und auch diesmal werden diese von den SPD-Oberen mit einem Lächeln abgetan werden — unwichtig, Momentaufnahme, in einem Jahr wird alles anders aussehen. Man kennt die Ausflüchte, wenn es darum geht, die eigene Unfähigkeit zu kaschieren, wenn es darum geht, den Willen des Volkes zu interpretieren. 2005, bei der letzten Bundestagswahl, ist die SPD schon untergegangen — auch wenn Schröder das kleinere Übel nochmal gut hat verkaufen können. 34,2% haben damals der SPD (noch) ihre (Zweit-) Stimme gegeben. Von diesen 16.194.665 Menschen würden heute - nach einer repräsentativen Umfrage der FORSA — 40% der SPD die Stimme verweigern. Das ist nicht mehr dramatisch, das ist eine existenzielle Bedrohung. Doch wie wir die SPD kennen, wird es niemanden interessieren — das Hauptaugenmerk wird darauf liegen, die Umfrageergebnisse für den Vorsitzenden schönzureden.

Die Zahlen des Kurt Beck verwundern nicht wirklich, wenn man F!XMBR in den letzten Monaten verfolgt hat, und doch — so radikal denkt man dann doch nicht. Würde heute der Bundeskanzler direkt gewählt, würden ganze 16% der Leute Beck direkt ihre Stimme geben. 16% — und das bei einem Vorsitzenden einer (ehemaligen, großen) Volkspartei. Selbst bei den SPD-Anhängern ist seine Konkurrentin weit vorne — Angie kommt bei den Fahnenträgern der SPD auf immerhin 44%, Kurt Beck auch hier weit abgeschlagen bei knapp 30%. Über alle Parteigrenzen hinweg liegt der Vorsprung von Es-darf-kein-Denkverbote-geben-Merkel bei 40%. Für mich finden sich bei solchen Werten keine Superlative mehr, die diese Zahlen treffend beschreiben. Und wie bereits geschrieben, Vorschlusslorbeeren waren genügend vorhanden: Als Kurt Beck SPD-Chef wurde, waren 93% des SPD-Klientels der Meinung, er würde seinen Job gut machen. Ich mag gar nicht an die nächste Bundestagswahl denken, die auch immer medial begleitet ein stückweit eine Personenentscheidung ist — gerade in heutiger Zeit, wo Parteigrenzen kaum noch auszumachen sind. Es wird eine Beerdigung der SPD sondergleichen werden.

Als Kurt Beck noch kaum jemand kannte, vertrauten ihn 19% der Bundesbürger — heute, nachdem die Öffentlichkeit ein Jahr Zeit hatte, ihn kennenzulernen, sind es noch derer 13%. Im Land der Träume befanden sich vor einem Jahr noch 14% und glaubten, Beck wäre auf der Seite des kleinen Mannes — heute glauben diese Mär noch ganze 9%. Kurt Beck und modern? Ich habe nicht gedacht, dass dieses Attribut irgendwer überhaupt dem SPD-Vorsitzenden anheftet. Auch ich kann mich irren. 2006 waren es noch 12% — heute sind es sagenhafte 7%. Einstellige Prozentergebnisse bei einem Vorsitzenden der SPD — hat es sowas jemals bei eine der großen Volksparteien gegeben?

In den Medien werden in letzter Zeit öfter Vergleiche zu Rudolf Scharping gezogen. Ein kleiner Unterschied zu 1995 besteht allerdings — Rudolf Scharping hatte lange nicht so schlechte Umfragewerte wie der unrasierte Kurt Beck. Der SPD-Vorsitzende weist des öfteren darauf hin, dass er aus kleinen Verhältnissen stammt — Problem dabei: die Glaubwürdigkeit. Wenn man sich den Lebenslauf des SPD-Vorsitzenden anschaut, kann man nur müde lächeln. Schon früh war er Partei– und Gewerkschaftsmitglied. Mit 23 Jahren [sic!] wurde er bereits freigestellter Personalratsvorsitzender — so richtig arbeiten, Verantwortung übernehmen, für die Familie um die Existenz kämpfen, das hat der Herr nie gelernt. Seine Jugend war ein gut behütetes Biotop, regional verwurzelt, wie das SZ Magazin schreibt. Wenn also der Herr Beck darauf hinweist, dass er aus kleinen Verhältnissen kommt, ist das eine nette Umschreibung für die Wahrheit. Er dehnt diese halt ein wenig, wie es ihm gerade so passt. Gerhard Schröder hatte diesen Trumpf, die Mutter — rührend, wie er sie vor die Kamera zerrte, der Bruder Hartz IV-Empfänger. Und Kurt Beck? Ach, lassen wir das — das wird sonst nur peinlich für den Herrn.

Die SPD steht heute ohne Vorsitzenden da — auch wenn auf dem Papier anderes steht. Kurt Beck wird seit seinem Ausfall, viele sagen, er habe sein wahres Gesicht gezeigt, gegenüber Henrico vom Großteil des SPD-Klientels nicht mehr ernstgenommen — bei Unionswählern ist die liebe Angie der Superstar. Zuzuschreiben hat sich diesen Zustand die SPD selbst. Wer zulässt, dass die Grenzen derart verschwimmen, dass nicht mehr zu sehen ist, wo diese zwischen Schwarz und Rot verlaufen — wer von Reformen ohne Unterlass schwadroniert, und damit meint, die Schröpfung des kleinen Mannes, wer die Bevölkerung anlügt und die Bundeswehr in den Krieg schickt, hat nichts anderes verdient. Die SPD und ihr Vorsitzender stehen am Abgrund — bei Kurt Beck bin ich der Überzeugund, dass er schon ein paar Schritte weiter ist.

SZ Magazin — Kritik der Konturen

Der Untergang der SPD auf F!XMBR:

SPD — Der tiefe Fall hält weiter unvermittelt an

Die SPD auf dem Standstreifen, die Linke auf der Überholspur

Die SPD kurz vor dem Projekt 18

Die SPD taktiert und lügt offensichtlich die Bevölkerung an

Kurt Beck hat ein Problem: Kurt Beck

Die SPD, der Selbstbetrug und die eigene Inkonsequenz

Die Verkommenheit der SPD

Die SPD und die Trennung von der großen Liebe des Lebens

SPD — die Bedeutungslosigkeit

Die SPD am Ende

Die SPD und Kurt Beck — nur noch ein Trauerspiel

SPD — lasst uns das Grab zuschütten

Die ASozialdemokraten vor dem Aus

, , ,

6 Antworten zu “Die SPD ohne Vorsitzenden”

  1. Oliver sagt:

    Scharping muß man auch eines zu gute halten:

    a) er löste die CDU in der Pfalz nach über 40(!) Jahren ab; ähnlich wie Lafontaine im Saarland — das war schon in diesen beiden Bundesländern eine Glanzleistung

    b) man sägte ihn ganz einfach später ab und stempelte ihn zum Dorftrottel; das kann die SPD ganz gut

    c) man wollte ihn auch mal aus der Partei ausschließen, wegen seiner Revoluzzertätigkeit in der Jugend

    Vergleiche mit Scharping und Gasgerd finde ich daher arg befremdlich.

  2. Chat Atkins sagt:

    Ich finde die Zahlen gar nicht so erschreckend: Die Linke liegt derzeit bei 13 Prozent und bindet das Lager der Traditionsgewerkschaftler und Restproletarier, die SPD, die Teile des ‘neuen Mittelstands’ und das Angestelltenmilieu bindet, bei 24 Prozent. Macht summa summarum 37 %, etwa gleichauf mit den Swatten. Verhältnisse wie immer, nur neuerdings in zwei Parteien. Irgendwann gibt’s vielleicht mal wieder ‘ne Fusion. Viel interessanter finde ich es, dass Schwarzgelb jedes Mehrheitspotenzial komplett verloren hat, da gibt’s nur noch Jamaika oder Elefantenhochzeit …

  3. Oliver sagt:

    >Traditionsgewerkschaftler

    Na ehrlich diese zähle ich auch zum neuen Mittelstand, allenfalls halten sie den «Mob» im Zaum.

  4. Chris sagt:

    Irgendwann gibt’s vielleicht mal wieder ‘ne Fusion.

    Genau, ist bei den Grünen genauso gewesen. Es gibt im Übrigen immer wieder Umfrageinstitute, die sehen das bürgerliche Lager vorne. Ist aber auch egal. Wie ich schon oben schrieb — die Aussage

    Ich finde die Zahlen gar nicht so erschreckend […]

    ist eine Verniedlichung und Verkennung der Realität.

  5. Grainger sagt:

    Mit bürgerlich assoziiere ich unbewußt immer spießbürgerlich.

    Da will ich gar nicht dazu gehören. 😀

  6. […] Euer Vorstandschef Vorsitzender Kurt Beck ist nicht wirklich erfolgreich als Politiker. Oder kommt zumindest beim gemeinen Wähler nicht an. Und ich, liebe SPD, der kleine, unbedeutende fourtysomething, weiß auch warum: Sein Bart muss ab! […]

RSS-Feed abonnieren