Die Perfektionierung des AAL-Prinzips beim Freitag

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Einer der größten Kritikpunkte zu Beginn des neuen Freitag waren neben den technischen Unzulänglichkeiten die von Anwälten und vom Verleger ausgearbeiteten AGB. Blogger auf freitag.de verlieren alle Rechte an ihren eigenen Artikeln, sobald sie sie dort veröffentlichen. Auf die Kritik wurde damals relativierend geantwortet, es wurde versprochen, sich darum zu kümmern – nur passiert ist selbstverständlich nichts. Man kann die damaligen Aussagen der Verantwortlichen durchaus Lügen nennen. Nun hat auch der Freitag Flattr integriert – und in einer Aussage von Jörn Kabisch, immerhin stellvertretender Chefredakteur, zeigt sich, dass das AAL-Prinzip durchaus gewollt ist und sich bereits in den Köpfen der Verantwortlichen des Freitag manifestiert hat. In der Debatte, ob Flattr auf freitag.de auch auf den Community-Seiten integriert werden soll, schreibt Kabisch:

Ich finde trotzdem, darüber sollte man jedoch noch ein Wort verlieren, obwohl ich unsere AGB auf unserer Seite weiß, laut der ein Urheber, der bei freitag.de bloggt, alle Rechte an dem Text verliert, wenn er ihn auf freitag.de veröffentlicht hat. Die AGB sind auch ohne Flattr schon eine Unverschämtheit – allein darüber diskutieren zu wollen, ob der Freitag nun auch Flattr auf den Blogs integriert, geht noch einen großen Schritt weiter. Es ist eine Provokation und Dreistigkeit. Kabisch weiter: Wäre es nicht ein Traum, mal einen von der Community bezahlten Online-Redakteur zu haben? Meiner wäre es. Der Freitag profitiert von den Texten, dem großen Wissen seiner Community – und dann soll diese auch noch dafür bezahlen, dass sie eigenen Content zur Verfügung stellt und alle Rechte abtritt? Eine sehr befremdliche Ansicht.

Die AGB sind in mehreren Punkten problematisch für die Freitag-Blogger. Nehmen wir das Beispiel der großartigen Anne Roth. Anne bloggt im Normalfall auf annalist.noblogs.org. Auch führt sie auf freitag.de ein Blog. Ausgewählte Artikel veröffentlich sie beim Freitag und ihrem Privatblog. Was heißt das? Sobald sie einen Artikel beim Freitag veröffentlicht hat, hält sie am eigenen Werk keine Rechte mehr. Die parallele Veröffentlichung auf ihrem Privatblog wäre somit eine Urheberrechtsverletzung. Strenggenommen dürfte sie Artikel, die auf freitag.de veröffentlicht wurden, nur mit Genehmigung des Freitag auf ihrem Privatblog veröffentlichen. Sie hat an ihren eigenen Texten alle Rechte abgetreten. Selbstverständlich wäre das eine rechtliche Zuspitzung – aber das Beispiel Kabisch zeigt, dass der Freitag immer wieder selbst auf die AGB verweist.

Ein weiteres Beispiel: Margareth Gorges übernimmt alle Artikel der NachDenkSeiten auf freitag.de. Die Artikel der Kollegen Wolfgang Lieb und Albrecht Müller stehen unter Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial. Gorges überträgt mit der Veröffentlichung der Artikel auf freitag.de dem Freitag Rechte, die sie selbst gar nicht hält. Nicht nur, dass dies der CC-Lizenz zuwider läuft – ich glaube nicht, dass dies, sollte es einmal hart auf hart kommen, Wolfgang Lieb und Albrecht Müller wirklich gefällt.

Der Freitag ist ein kommerzielles Produkt, allein an diesem Punkt ist eine Übernahme schon fraglich. Sollte der Freitag tatsächlich planen, Flattr auf den Community-Seiten integrieren, würde die Creative-Commons-Lizenz endgültig ad absurdum geführt werden. Wie halten es der Freitag und die Freitag-Blogger damit, wenn fremde Texte eingestellt werden, die auf einer anderen Plattform unter CC-Lizenz veröffentlicht wurde – oder auch Bilder, Videos? Es muss nicht nur Creative Commons sein. Auch Texte, Bilder, die unter GPL veröffentlicht wurden, dürfen auf den Blogs des Freitag nicht eingestellt werden, weil Rechte übertragen werden, die der Verfasser gar nicht besitzt. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Auch sei noch einmal auf folgenden Punkt hingewiesen: Die Freitag-Blogger übertragen dem Freitag alle Rechte an den eigenen Artikeln, die Verantwortung bleibt aber bei Anne Roth, Margareth Gorges & Co. Sprich: Sollte einmal ein Fehler passieren, und jeder Blogger da draußen weiß, wie schnell eine Abmahnung ins Haus flattern kann, wird sich der Freitag schadlos halten und sich an die Blogger wenden. Heißt: Der Freitag sichert sich an fremden Texten alle Rechte, die Haftung aber wird durch den Freitag verneint, sie verbleibt beim Blogger.

Es ist und bleibt eine Perfektionierung des AAL-Prinzips.

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12 Antworten zu “Die Perfektionierung des AAL-Prinzips beim Freitag”

  1. tja, wenn ich mich richtig erinnere, hieß es damals* doch, daß die AGB nachgebessert werden sollten und dieser Rechte-Abtreten-Passus rausfliegen sollte, oder irre ich mich da???
    dieser Passus ist mir übrigens beim Lesen des Artikels von Jörn Kabisch zur Integration von Flattr auch wieder aufgestoßen, wobei die Urheberrechte natürlich nicht abgetreten werden können, die bleiben für immer und ewig beim Autor/der Autorin, allerdings sieht es bei den Nutzungsrechten schon ganz anders aus, diese umfänglichen Rechte-Verschenken-AGBs sind eigentlich ein absolutes Unding, was aber den meisten AutorInnen in seiner Konsequenz kaum bewußt sein dürfte.

    *damals:
    als wir alle noch vereint mitdiskutiert haben und fleißig den Freitag unterstützt und sogar massiv promoted hatten, unentgeltlich natürlich und ohne ein Dankeschön

  2. Jürgen sagt:

    „Echtes Bloggen“ ist rein ideell. Der Freitag hat ja schon damit begonnen, seine wirtschaftlichen Interessen rücksichtslos gegenüber der eigenen Belegschaft durchzusetzen, es würde mich deshalb nicht wundern, wenn er damit auch in der Community begänne, wie von Jörn Kabisch angedacht („Ich finde trotzdem, darüber sollte man jedoch noch ein Wort verlieren, obwohl ich unsere AGB auf unserer Seite weiß, laut der ein Urheber, der bei freitag.de bloggt, alle Rechte an dem Text verliert, wenn er ihn auf freitag.de veröffentlicht hat.“) Ist doch nett, daß er darüber „ein Wort verliert“, und bisher gibt es ja vorwiegend Zustimmung zu seinem Blogbeitrag. Die Linie ist mittlerweile klar: Wenn es einem nicht paßt, kann man ja gehen.

    Das Urheberrecht ist ein höchstpersönliches und unveräußerliches Recht, das immer beim Urheber verbleibt. Er räumt nur Nutzungsrechte ein, und wenn es sich nun um ein exklusives Nutzungsrecht handeln sollte, so dürfte die Einführung eines neuen Systems wie Flattr, das die Nutzung zu einem gewissen Maße kommerzialisiert und die abgelieferten Texte in einem ganz neuen Bezahl-Rahmen erscheinen läßt, eine neue Sachlage eingetreten sein, die ein außerordentliches Kündigungsrecht seitens des Bloggers zu begründen vermag. Ich wäre deshalb der Auffassung, daß jeder einzelne Blogger hierzu gefragt werden müßte und zustimmen muß. Das habe ich auch in den Kommentaren geschrieben.

    Es gibt derzeit zwei Diskussionen, an denen die Netzgemeinde sich teilt: Google Street View (Datenschutz vs. Blogger wie Klaus Graf oder Jörg Kantel) und die Kommerzialisierung der Blogosphäre, hier: mithilfe von Flattr.

  3. olhe sagt:

    >„Echtes Bloggen“ ist rein ideell.

    Ita est! Alles andere findet man in den alten Medien wieder. Wobei nichts dagegen spricht, wenn jemand diese Pfade beschreitet — nur mit diesem Bloggen, hat dies dann auch nicht mehr viel gemein. Zumindest wenn man diesen «Long Tail» in puncto Community, Gesellschaftskritik etc. pp. mitschleppt, Breitenwirkung betreibt, dem homo sapiens förderlich … also den Pathos, den einige Krämerseelen — wie obiger Freitag — verkaufsfördernd zu nutzen gedenken.

  4. Jürgen sagt:

    @olhe: Ich glaube, wir sollten die Unterschiede zwischen den „echten Bloggern“ und den Kommerziellen einschließlich solcher „Communities“ wie Freitag.de stärker herausstellen, sonst geht das bei den Lesern unter.

  5. olhe sagt:

    Ich weiß nicht, ob dies überhaupt möglich ist. Wir versuchten es hier vor Ort schon in vielerlei Beiträgen, mit dem «Erfolg» als «elitär» bezeichnet oder gar «fundamental» eingestuft zu werden. Die Darstellung eines Ideals geht natürlich immer mit Pathos einher — die Abgrenzung zu jenen, die dies verkaufsfördernd nutzen, erfolgt nicht selten wortgewaltig. Ausgangspunkt ist wohl der Versuch den Lesern eines klar zu machen: Kultur, Remixe dieser usw. sind nur möglich wenn denn diese Kultur frei ist. Und freie Kultur bezeichnet nicht nur Dinge nach denen es mir persönlich gelüstet, sondern es setzt auch voraus, daß ich mich daran beteilige — ebenso freigiebig. Geben ist eben seliger als Nehmen.

    Der hier angeführte Freitag versucht natürlich diesen Community-Ritt, betrieb Pathos im Vorfeld, im Endeffekt jedoch führte man diese Community zur Weide, ließ diese dort öffentlich grasen und möchte nun den Gewinn einfahren,
    indem man jene human zum «virtuellen Schlachthof» führt.Es ist legitim Geld zu verdienen, jedoch ist die Art und Weise entscheidend, wie man zu diesem kommt. Hier schaue ich abermals den Wolfs im Schafspelz, der zuvor noch eine Menge Kreide fraß.

  6. vera sagt:

    Ja, ich hab‘s auch (heute erst) gelesen und werde daraufhin beim Freitag nichts mehr schreiben und mein Blog löschen (falls das geht).

  7. bobby sagt:

    Kluge Kinder sterben freitags. Ein abgeschlossener Teil eines Fortsetzungskrimis.

  8. Anonymous sagt:

    Zeigt eigentlich nur, dass die «Verzweiflung» bei Jakob Augstein sehr groß sein muss. Stellt sich schlicht die Frage: Wie lange geben wir dem Freitag noch?
    Schade, sehr schade, hätte Augstein da wirklich mehr zugetraut. Da wird ein Blatt richtig runtergerockt!

  9. Anonymous sagt:

    Der Freitag verlangt also das ausschließliche, nicht das einfache Nutzungsrecht für Beiträge? Das wäre geradezu unlauter.

  10. mcbexx sagt:

    Und ich überleg’ noch die ganze Zeit, was denn wohl «AAL» bedeuten könnte…
    Hatte mich dann innerlich auf «am Arsch lecken» geeinigt, dann aber doch mal gegooglet. Ironischerweise liegen meine und die gängige Definition dann gar nicht soooo weit auseinander.

  11. […] und die Beiträge anderer Benutzer kommentieren darf. Die Geschäftsidee dabei war, auf diese Weise nicht nur billig, sondern kostenlos Inhalt („content“) zu erlangen, den man aufgrund der Geschäftsbedingungen auch im Blatt […]

  12. […] unter gleichen Bedingungen ist für Blogger auf kommerziellen Seiten wie z.B. der FAZ oder beim Freitag auch anders, als es auf den ersten Blick scheint: Die Einräumung eines (teilweise exklusiven) […]

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