Die Opportunisten vom Linuxtag

Feuer-JongleurOliver hatte hier schon ein paar Zeilen getippselt — das Thema geht mir dort aber zu sehr unter. Ich fasse das nicht, was ich da heute gelesen habe, und je mehr ich recherchiere, desto schlimmer wird es. Wolfgang Schäuble, schon öfter hier Thema, übernimmt die Schirmherrschaft des Linuxtages 2007 — wie übrigens schon in den vergangenen Jahren. Der oft pervertierte Begriff der Freiheit steht in großen Buchstaben auf der Fahne der Open Source-Community. Verfassungsfeind Schäuble wird die Schirmherrschaft des Linuxtages übernehmen — das nenne ich mal Opportunismus in der reinsten Form.

Die öffentliche Verwaltung der Bundesrepublik Deutschland arbeitet mit Microsoft zusammen, gerade erst wurden die Verträge bis 2010 [sic!] verlängert. Das sind ja die besten Voraussetzungen um auf dem Linuxtag Werbung in eigener Sache zu betreiben. Ich frag mich bei sowas immer, wie kann man sich mehr zum Affen machen, als es die Organisatoren des Linuxtages augenscheinlich tun. Schäuble selbst weist auf die Vorteile von freier Software und Open Source hin — genau, kann mir vielleicht einer der Leser sagen, wer hier die größeren Opportunisten sind, Schäuble selbst oder die Macher des Linuxtages? Das macht mich echt sprachlos.

Leute, jeder Mensch da draußen, der ein wenig Anstand, Moral, Ethik am Leib hat, ein jeder von Euch, der jemals das Wort Open Souce, Freiheit geschrieben hat, wird doch wohl nun dem Linuxtag fernbleiben, oder nicht? Wer dies ankündigen möchte oder einfach mal die Kollegen fragen will, wie man auf so eine selten dämliche Idee kommen kann, sollte hier klicken.

Wie F!XMBR im Übrigen erfuhr, werden demnächst weitere Schirmherrschaften bekanntgegeben:

  • George W. Bush übernimmt die Schirmherrschaft des nächsten Al Kaida-Geheim-Treffens.
  • F!XMBR übernimmt die Schirmherrschaft der Düsseldorfer Messe für Online-Werber.
  • Der Papst übernimmt die Schirmherrschaft des Pornofilmfestivals in Berlin.
  • Das Literaturnobelpreiskomitee übernimmt die Schirmherrschaft der BILD-Weihnachtsfeier.
  • Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt übernehmen die Schirmherrschaft des G8-Gipfels in Heiligendamm.
  • Die NPD übernimmt die Schirmherrschaft über das Holocaust-Mahnmal.

Weitere Ideen?

16 Antworten zu “Die Opportunisten vom Linuxtag”

  1. kobalt sagt:

    Moi hat E-Mails an den LinuxTag und die Unterstützer der Veranstaltung geschickt. Besonderes Schmankerl ist diese Sponsor, der sich für VOIP einsetzt. Im Hinblick auf die Telephonüberwachung finde ich den witzisch.

    Ich könnte mir vorstellen, daß Interessierte entweder von einem Besuch des LinuxTages absehen, oder, so sie Freikarten haben, mit Trillerpfeifen und Stasi2.0-T-Shirts dort auftauchen und die Veranstaltung nach beendetem Protest wieder verlassen. Andere könnten im Umfeld der Veranstaltung protestieren.

  2. m!cele sagt:

    Das wär was — Ich würde gern SSchäubles Gesicht sehen, wenn die versammelte Manschaft mit Stasi 2.0 T-Shirts auftaucht. Aber vermutlich wird sich der Antidemokrat dort gar nicht blicken lassen.
    Mail ist raus. Nachdem ich vom letzjährigen Linuxtag ohnehin eher enttäuscht war, fällt das Canceln des diesjähirgen Besuchs nicht schwer..

  3. Mellowbox sagt:

    Es ist zwar richtig, dass Schäuble die Schirmherrschaft übernommen hat, aber der Bundsinnenminister übernimmt wohl regelmässig Schirmherrschaften, eben auch beim Linuxtag. Dennoch wird sich Schäuble sicher nicht weiter mit dem Linuxtag beschäftigen oder dort auftauchen.

  4. Jochen Hoff sagt:

    Ich halte das für systemtypisch. Unser Technologieminister der gute Onkel Michel Glos hat keine Ahnung von Technologie, der Minister für Unfreiheit ist Schirmherr für freie Software.

    Damit ist auch Ulla Schmidt als Gesundheitsministerin und Müntefering Arbeitsminister

  5. Santi sagt:

    Frage steht, ob das jetzt eher gut oder schlecht ist. Aus Gründen der Schadensbegrenzung bleibter wohl lieber weg…

  6. kobalt sagt:

    Minister Schäuble bringt Open-Source-Software in Verruf. Man stelle sich vor, da kommt einer, der Alles und Jeden überwachen will und empfiehlt den verstärkten Einsatz von OSS. Welche Assoziationen bilden sich da wohl aus?

    Wenn der LinuxTag an diesem Schirmherren festhält, sich quasi mit Herrn Schäuble und dessen Projekten gemein macht, schadet er der OSS-Community. Deswegen muß entweder der LinuxTag sich einen anderen Schirmherren suchen oder die OSS-Gemeinde muß sich vom LinuxTag distanzieren.

  7. Oliver sagt:

    Das Bundesinnenministerium selbst ist dort auch mit einem Stand vertreten und über den symbolischen Charakter der damit einher geht brauchen wir wohl nicht zu reden.

  8. Chris sagt:

    @Mellowbox: Die typische Relativierung habe ich auf netzpolitik.org gelesen. Man muss mittlerweile alles hinterfragen, was dort auf der Plattform veröffentlicht wird. Es ändert nicht, aber auch rein gar nichts am Sachverhalt.

    Ansonsten das was Oliver sagt. :)

  9. Finkregh sagt:

    da wäre wohl ein Flashmob angebracht… in entsprechender Größe und entsprechender Aggressivität (bzgl. der Aufmerksamkeitswirkung)
    *grml*

  10. m!cele sagt:

    @Mellowbox:

    Das Argument bekommt man im Moment wirklich überall an den Kopf geworfen. Ich frag mich jedoch, was das Relativieren soll. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass die Schirmherrschaft regelmäßig durch den Bundesinnenminister übernommen wird, ist eigentlich die perfekt Chance im Namen der Community mal Meinung zu zeigen und den guten Herrn Antidemokrat NICHT zum Schrimherren zu machen. Diese Entscheidung hätte wenigstens Charakter und wäre vermutlich deutlich mehr im Sinne der Community

  11. Plasma sagt:

    Aggressivität bringt doch überhaupt nichts, außer Ausschnitten von verhüllten Demonstranten in der Boulevardpresse (Hinweis auf Parallelen zu Killerspielspielern nicht vergessen) und der Tatsache dass die OSS-Gemeinde mit so einer Aktion endgültig den Terroristenruf weg hätte.

    Wem diese Formulierung zu weit geht, der hat verstanden was ich meine, und was man uns nach einer plumpen Randaledemo unweigerlich aufstempeln würde. Siehe auch die Polizeiaktionen gestern in Hamburg, Bremen, Berlin. Es bestünde die Gefahr dass OSS in Verbindung gebracht wird mit Anarchie und Extremismus. Der deutsche ist schnell damit, Dinge über einen Kamm zu scheren.

    Und jetzt reg ich mich auch gleich wieder ab 😉

  12. Oliver sagt:

    >Es bestünde die Gefahr dass OSS in Verbindung gebracht wird mit Anarchie und Extremismus.

    Ziel erreicht, die Masse eingeschüchtert.

    >Siehe auch die Polizeiaktionen gestern in Hamburg, Bremen, Berlin.

    Ja was sollen wir da sehen? Das du nicht verstanden hast um was es geht.

    >Der deutsche ist schnell damit, Dinge über einen Kamm zu scheren.

    Der Deutsche hat auch schon oft Mitläufer-/Schreibtischtätertum unter Beweis gestellt.

  13. […] Gruppe erwartet und mit RFID Chips beworfen wird. Des weiteren kann ich nur, genau wie bei f!xmbr, dazu aufrufen mal ne Mail zu schreiben, damit man in Berlin merkt, was man sich da für einen […]

  14. nonamenotitle sagt:

    Opensource beschirmt durch die personifizierte Unfreiheit

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    mit befremden habe ich vernommen, das ausgerechnet der Deutsche
    Innenminister die Schirmherrschaft für den linuxtag übernommen hat.

    Vielleicht ist es den Verantwortlichen entgangen, dass eben dieser
    Minister ständig mit freiheitsbeschränkenden Ideen in der Presse
    auftaucht und Gesetzesvorlagen verantwortet die regelmäßig gegen das GG
    verstoßen und vom Verfassungsgericht oder dem Bundesgerichtshof wieder
    einkassiert werden.

    Diese Person ist die Negativfigur in Sachen Freiheit.

    OpenSource hat dagegen sehr viel mit Freiheit zu tun, wie sie
    hoffentlich wissen.

    Wenn Sie so weiterarbeiten und noch mehr Leute nicht nur so denken wie
    ich sondern auch dieselben Konsequenzen ziehen, machen Sie sich als
    Organisator selbst arbeitslos. Freilich ist dies nur ein schwacher Trost
    für Unsereins.

    Wird es eine Presseerklärung geben, in der die Beweggründe erläutert werden?

    Mit freundlichen Grüßen,
    und der Hoffnung Gelesen zu werden,

  15. Sitzpisser sagt:

    Schäuble Schirmherr von LinuxTag…

    Wie gerade bei Pro-Linux berichtet wurde, ist Schäuble offenbar an OpenSource-Software interessiert. Allerdings nur bedingt aus den richtigen? Gründen.

    Das Bundesministerium fördert den Einsatz von freier und Open-Source-Software als Ergänzung…

  16. […] interessant. Kleiner Tipp: Es ist nur eine Verlinkung unsererseits, Oliver und ich waren nicht in Berlin anwesend — das nächste Mal solltet Ihr vielleicht auch die von Euch verlinkten Seiten lesen, […]

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