Die Netzeitung ist pleite

Praktisch jedenfalls — so schreibt die FAZ. Von einer Hand in die andere ist die Netzeitung in den letzten Jahren gewandert. Mich hat das ganze Spektakel nur am Rande interessiert — die Artikel haben mich kaum angeprochen und interessiert, da gab es nur wenige Ausnahmen. Anfang Juni wurde bekannt, dass die Netzeitung von der BV Deutsche Zeitungsholding GmbH übernommen wurde. Die Holding wurde von einer Investorengruppe gegründet — man kann also zu dem Schluß kommen, dass hier Heuschrecken am Werk sind.

Und wie Heuschrecken so sind, wird gleich ein neuer Geschäftsführer eingesetzt, der erstmal mit dem Besen durch das Unternehmen fegt — so auch im Fall Netzeitung. Robert Daubner verkündete der Belegschaft gleich seine Pläne:

In einer kurzfristig einberufenen Redaktionskonferenz kündigten Grauber und dessen Stellvertreter Sven Heller an, man werde das Produkt von Oktober an ganz neu ausrichten. […] Redakteure, so hieß es, würden nämlich für die künftige Arbeit nicht mehr gebraucht. Zuständig für die neuen Bereiche würden bereits vorhandene freie Mitarbeiter, die derzeit als Nachrichtendienstleister die Bildschirmtextseiten des Senderverbundes Pro Sieben Sat.1 pflegten und aktuell hielten.

30 Redakteure sollen bei der Netzeitung nun vor der Kündigung stehen. Darüber, dass die Netzeitung nun in SAT.1-Text-Niveau verfällt und dem Projekt nun endgültig der Todesstoß versetzt wird, muss man kein Wort verlieren — wie schrieben heute die Kollegen von DWDL passend, aber zu einem anderen Thema:

Journalismus ist eben keine Frage der Rendite.

Mich interessiert in diesem Zusammenhang viel mehr die Begründung, die den Mitarbeitern mitgegeben wird:

Offenbar, so war zu vernehmen, sei der neue Besitzer, die BV Deutsche Zeitungsholding, bei der Durchsicht der Bücher von etlichen «ungedeckten Schecks» überrascht worden: Es gäbe einige «merkwürdige Verträge» mit überdurchschnittlich hohen Gehaltszahlungen, welche dem neuen Eigentümer nicht bekannt gewesen seien. […] Praktisch jedenfalls sei die «Netzeitung» pleite.

Ich halte diese Aussagen für Luftwolken, wenn nicht, sogar für bewusst geplante Lügen, um den Personalabbau vorantreiben zu können. Das ist aber nur eine Vermutung. Die BV Deutsche Zeitungsholding GmbH ist keine wirklich kleine Holding. Sie hat schon ganz andere Zeitungen übernommen, wie z. B. die Hamburger Morgenpost. Und dann soll die dortige Controllingabteilung von so einem kleinen Online-Angebot übers Ohr gehauen worden sein? Um das mal überspitzt zu formulieren, mir ist durchaus klar, dass der Vorbesitzer die Orkla ASA war, auch kein kleines Unternehmen — die Netzeitung war aber ein ganz kleiner Teil dessen.

Wer das glaubt, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Wenn ein Unternehmen übernommen wird — und ich habe eine Übernehme begleitet — dann wird jeder kleine Furz nachgerechnet, überprüft und ist an den zukünftigen Besitzer zu übergeben. Da gibt es ab einem gewissen Stadium keine Geheimnisse mehr — erst recht nicht, wenn die Verträge unterzeichnet wurden. Glaubt hier wirklich irgendjemand, dass die so erfahrenen Controller und deren Kollegen aus der Buchhaltung da im Nachhinein überrascht worden sind? Wenn ja, sollte man genau dort, in diesen Abteilungen der BV Deutsche Zeitungsholding GmbH mal mit dem Besen durchkehren. Wenn nein — ist diese Übernahme, wie jegliche Übernahme, die in den letzten Jahren zu beobachten wahr, nicht vielleicht doch dazu benutzt worden, Personal abzubauen? Was ist wahrscheinlicher?

R.I.P. Netzeitung.

4 Antworten zu “Die Netzeitung ist pleite”

  1. Grainger sagt:

    Also ich wundere mich ja auch, das erst nach der Übernahme eine Durchsicht der Bücher erfolgt.

    Gutgläubig wie ich nun mal bin 😉 unterstelle ich natürlich, dass das der Wahrheit entspricht und dann bleiben ja nur noch zwei Möglichkeiten offen:

    1) da hat jemand ganz eindeutig seine Hausaufgaben nicht gemacht

    oder

    2) jemand anderer hat die Unstimmigkeiten in den Büchern so gut versteckt das ich persönlich fast kriminelle Energie vermuten könnte.

    Könnte natürlich auch beides zutreffen.

  2. Oliver sagt:

    >Also ich wundere mich ja auch, das erst nach der Übernahme eine Durchsicht der Bücher erfolgt.

    Erinnere dich mal an Siemens und den Verkauf der Mobilsparte — die Überraschung kauft doch heute nun wirklich keiner mehr ab bei den Firmen.

  3. […] Netzeitung vor radikalem Kurswechsel Wie, der SPIEGEL gibt sich kritisch und bezweifelt ebenso die Ausssagen über Unregelmäßigkeiten bei der Netzeitung? Das kann ich ja gar nicht glauben. Die Kollegen werden doch nicht etwa hier mitlesen… […]

  4. Don Alphonso sagt:

    Hmmmm… dank der etwas losen Formulierungen eines gewissen Herrn Niggemeier musste man bei der FAZ beizeiten wenig vergnügliche Schriftstücke unterzeichnen. Ich würde mal vermuten, dass die inzwischen allgemein dementierten Gerüchte der FAZ auch unter dem Eindruck der Vergangenheit entfleucht sind. Allgemein kann ich mir bei einer Due Diligence durch Kapitalgeber vom Schlage einer Mecom nicht vorstellen, dass die gravierende Dinge übersehen.

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