Die mediale Hinrichtung eines Parteivorsitzenden

lafo_gute_besserung

Ich habe aus gutem Grund zur mediale Hetzkampagne der letzten Tage gegenüber Oskar Lafontaine nichts geschrieben. Selbst wenn man Gerüchte um die Liaison mit einer Parteikollegin kommentiert und die boulevardesken Trashblätter in die Ecke stellt, in der sie hingehören, trägt man die Information weiter, der berühmte Streisand-Effekt schlägt zu. Jens hat heute sehr gut nachgezeichnet, worum es ging: Oskar Lafontaine wurde auf infame Art und Weise eine Affäre mit Sahra Wagenknecht angedichtet. Dabei war des Rätsels Lösung so einfach wie tragisch: Oskar Lafontaine ist an Krebs erkrankt.

Der FOCUS machte den Anfang, die Unterstellungen wurden über die BUNTE und erstmals dem SPIEGEL weitergetragen. Schließlich durften die FAZ und schlussendlich der SPIEGEL in einem selten so offen gesehenen Schmierenjournalismus den finalen Schuss setzen. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie der Autor der FAS, Alexander Marguier, feixend auf dem Schulhof in der FAZ-Redaktion wie folgt die BUNTE zitiert hat: Die Kommunistin Sahra Wagenknecht, intime Kennerin von Lafontaines Positionen und nicht nur in Streitfragen mit ihm auf Augenhöhe, verlangt wie er regelmäßig französische Verhältnisse. Die SPIEGEL-Autoren Stefan Berg und Markus Deggerich setzen in einer unfassbaren Chuzpe noch eine Schippe drauf:  Es ist eine Geschichte, in der es um die Privatsphäre von drei Politikern geht, und die ist normalerweise für die Öffentlichkeit tabu. Scheinheilig dieses Verhalten zu nennen, wäre noch harmlos ausgedrückt. Das Privatleben von Prominenten wird täglich von den Medien ausgebreitet – die Oeffinger Freidenker vermuten, dass der Artikel den Autoren unappetitlich war und sie es besser hätten sein lassen.

Ich glaube das nicht. Es ist noch gar nicht einmal so lange her, da hat der Hüter des boulevardesken Trashportals, gemeint ist SPIEGEL Online, Mathias Müller von Blumencron, die Chefredaktion vom SPIEGEL übernommen. Schon damals war aus dem einstigen Sturmgeschütz der Demokratie ein neoliberales Sturmgeschütz geworden, auf unabhängigen Publikationen wird es nur noch ehemaliges Nachrichtenmagazin genannt. Zum neoliberalen Sturmgeschütz hat sich nun auch der Boulevard dazugesellt. Mathias Müller von Blumencron wirkt, mag man da denken. Warum der SPIEGEL gerade in der aktuellen Ausgabe seinem Artikel veröffentlichte, ist schnell erklärt: Der Agenda-Mann Sigmar Gabriel hat wie bekannt den SPD-Vorsitz übernommen und einen neuen Aufbruch der SPD verkündet – da muss man als neoliberales Sturmgeschütz sekundieren, schließlich hat man jahrelang die Agenda 2010 verteidigt, Verschärfungen gefordert. Die Geschichte rund um die angebliche Liebe zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht war offensichtlich nichts anderes als ein Liebesdienst für die SPD.

So sieht es im Übrigen auch Hans Peter Schütz vom STERN, der zwar im Glashaus sitzend mit Steinen ums ich wirft, dennoch richtige Worte zu diesem medialen Skandal gefunden hat: Hier liegt auch das Zentrum des medialen Skandals um Oskar Lafontaine. Es war nicht so, dass die Fakten hinter den Spekulationen wie ein Staatsgeheimnis gehütet wurden. Wer es genauer wissen wollte, konnte es erfahren. Einige Interpreten waren daran jedoch überhaupt nicht interessiert. […] Dahinter steckt die nicht akzeptable Absicht, ein ungeliebtes politisches Projekt insgesamt abzuschießen. Eine Art Liebesdienst für die SPD. Das zeugt von einem menschlich erbärmlich niedrigen Niveau und hat mit der demokratischen Wächterfunktion der Medien nichts zu tun. Viel mehr muss man zu dieser medialen Niedertracht kaum schreiben.

Ich denke, dass dieser medienpolitische Skandal uns noch lange begleiten wird. Wann immer Vertreter vom SPIEGEL oder der FAZ über Paid Content, seriösem Journalismus und angemessene Bezahlung schwadronieren, reicht ab heute die schlichte Erwiderung Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht. Der SPIEGEL und die FAZ täten gut daran, zu überlegen, ob es sich der Journalismus in Deutschland leisten kann, solche Autoren in ihren Reihen zu akzeptieren. Der Journalismus hat noch nie ein schlechteres Ansehen genossen, wie zur heutigen Zeit. Nicht nur, dass in diesem Fall eine demokratische Partei und ihr Vorsitzender offensichtlich zerstört werden sollten, man sollte niemals vergessen, dass solcher Gossenjournalismus Familien zerstören kann. Sahra Wagenknecht ist verheiratet und Oskar Lafontaine ist als Familienmensch bekannt, dessen Söhne für ihn das wichtigste sind. Hat vielleicht einmal einer der beteiligten Journalisten darüber nachgedacht, dass Kinder beteiligt sind?

Eine öffentliche Entschuldigung von FAZ und dem SPIEGEL wäre das Mindeste, was nun folgen muss.

Ich fürchte allerdings, dass dies nicht geschehen wird. Was in den letzten Tagen passiert ist, war nicht weniger als die Hinrichtung eines Parteivorsitzenden einer für den Journalismus unliebsamen Partei. Die Folgen für Familie und die Kinder wurden dabei billigend in Kauf genommen. Wie tief kann man als SPIEGEL– und FAZ-Journalist eigentlich sinken, wenn man feststellt, dass selbst die BILD bei diesem medienpolitischen Skandal nicht mitgewirkt hat? Der deutsche Journalismus hat heute einen neuen, unfassbaren Tiefpunkt erlebt. Was bleibt, ist Oskar Lafontaine alles Gute und viel Kraft für die kommenden Wochen zu wünschen. Wenn man sieht, wie verkommen dieses Land mittlerweile ist, muss man bei allen politischen Differenzen konstatieren: Das Land braucht einen Oskar Lafontaine, auch und vielleicht gerade wegen seiner politischen Zuspitzung. Was dieses Land nicht braucht, sind Journalisten, die offensichtlich ihre Machwerke über den SPIEGEL und die FAZ verbreiten. Man ist schon fast versucht, sich für diese Art des Journalismus zu entschuldigen. Distanzieren sollte man sich davon in aller Form. Das sei hiermit geschehen.

Gute Besserung, Oskar Lafontaine.

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11 Antworten zu “Die mediale Hinrichtung eines Parteivorsitzenden”

  1. Antje sagt:

    Jetzt mal völlig unabhängig davon, wie man in der politischen Sache zu Herrn Lafontaine steht, oder welches Privatleben der Mann führt.
    Die Verlogenheit des Spiegel-online zeigte sich für mich besonders darin, dass man heute zunächst groß mit dem Lafontaine/Wagenknecht Artikel «aufmachte». Als dann die Erklärung zur Erkrankung kam, «verschwand» der Artikel und man machte nun mit dem Artikel zur Krebserkrankung auf. Inzwischen gibt es dazu einen zweiten Artikel (auch wieder «Aufmacher») und ein Video!

    Der Rest ist Schweigen.

  2. Christian sagt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Eine solche Entgleisung vorgeblich seriöser Medien habe ich selten erlebt. Der Schmirgel begibt sich zunehmend auf das Niveau der Gosse.

  3. Conny sagt:

    Vielen Dank Chris [auch] für diesen Artikel.

    Die neoliberalen Hetzer [aus Wirtschaft und Politik sowie ihrer Journaille] kennen keine Hemmschwelle. Gestern bspw. in der Phönix-Runde benannte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die menschenfeindliche Kopfpauschale ganz klar als das was sie ist bzw. was deren Umsetzung bedeuten würde [für «Unbedarfte» mit entspr. Fakten unterlegt] — und worauf das FDP/Versicherungs-*** Jens Spahn nichts plausibles erwidern konnte sondern Lauterbach unterstellte, dieser würde WIDER BESSEREN WILLENS polemisieren … was Lauterbach sachlich zurückwies … und schließlich, kurz vor Sendeschluss [als «perfektes Timing»], Lauterbach erneut von Spahn dieser Unterstellung bezichtigt wurde — und nun sogar [also in einer Wortmeldung] gar DREIMAL!

    Es war ein erschütterndes Bsp. wie weit inzw. der «polit. Disput» in unserem Land verkommen ist. Und es zeigte in aller Dringlichkeit: Wenn die Menschen nicht aufwachen, werden die neoliberalen Menschenfeinde selbst das «solidarische Gesundheitssystem» zerstören.

  4. tyler durden sagt:

    ich sage ganz einfach: gute besserung oskar und schämts euch, ihr mediengeier…

  5. Yuggoth sagt:

    warum unterstellen sie ihm nicht gleich noch hebräische wurzeln?
    achja, das ist ja inzwischen verpönt,ich vergaß. wir sind ja inzwischen alle demokratisch und sowas.zeigefinger bringens nur noch bei marxisten und vermeintlichen ehebrechern…

    …ganz großes tennis. ich könnt kotzen.

  6. Solarix sagt:

    Als Fan von Oskar Lafontaine war ich noch nie bekannt, aber als ich besagten Artikel auf SPON gesehen/gelesen habe, war mein erster Gedanke «Das muss eine Kampagne sein» . Der Publikation die früher als Spiegel Furore gemacht hat, im positiven wie im negativen, kann man nur noch hinterher trauern. Aus meiner Sicht war das ganze nur beschämend was sich die Freunde vom Spiegel und auch von der FAZ geleistet haben.

    Meiner Meinung nach ist eine Publikation wie der Kicker, serioeser als SPON.
    SPON kann man als Publikation nicht mehr ernst nehmen, auch der Spiegel als Printausgabe ist teilweise wirklich erschreckend.

  7. dakira sagt:

    Oh Mann, wie peinlich. Wie viele anderen hier stehe ich Lafontaine und seiner Partei nicht besonders nahe. Solche Hetzkampagnen hat aber keiner verdient. Schämt euch Spiegel, FAZ, focus und taz, ihr seid das Letzte. Dem Herrn Lafontaine wünsche ich natürlich, dass seine OP optimal verläuft und er schnell wieder auf den Beinen ist. Dass sich Wagenknecht und Lafontaine bis zu letzt nicht zu diesem Schmutz geäußert haben, spricht auf jeden Fall für die beiden.

    Bleibt nur noch: Von Spiegel (speziell Online) bin ich diesen Müll mitlerweile gewohnt. Ich denke da nur an die Hetze gegen die G8-Gegner in Heiligendamm. Was dort geschrieben wurde war entweder dumm, oder einfache Weitergabe der Polizeipressemitteilungen.

  8. Conny sagt:

    Kopfpauschalist Jens Spahn ist nicht FDP– sondern CDU-Mitglied. (Hier unterlief mir wohl aufgrund der Tageszeit ein Fehler; was aber fast gleich ist, bei diesem neoliberalen Einheitsbreibrei.)

    Schade, die Regierungserklärung [einschl. Oppositionserwiderung] im Saarland scheint nirgends übertragen zu werden. Meines Erachtens wurden diese früher auf der Langwelle gesendet, doch ist hier «Funkstille».
    Hat jemand einen Tipp für mich?

  9. Conny sagt:

    Aaaahhhh … wurde fündig; wer Oskar hören will: Saarländischer Rundfunk. [Und sollte der Browser das Öffnen der mms-Verknüpfung verweigern, so mit Rechtsklick die Verknüpfung kopieren und im Player einsetzen; z. Zt. spricht H. Maas]

  10. Conny sagt:

    @Gioconda

    Danke noch für Deinen Hinweis.

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