Die Krise des Journalismus ist hausgemacht

Anfang 2001 zog ich in die große, weite Welt nach Hamburg. Es wartete ein Job bei der damals größten europäischen TV-Nachrichtenagentur auf mich. Das Geschäft einer TV-Nachrichtenagentur ist ähnlich dem der dpa und anderer Agenturen gelagert, nur halt mit Bewegtbildern. Kein Fernsehsender der Welt hat die personellen Kapazitäten und finanziellen Möglichkeiten, rund um die Uhr Kameraleute zu beschäftigen, die dann bei Unfällen und anderen wichtigen Ereignissen raus fahren und die entsprechenden Bilder liefern. Hier kamen wir ins Spiel. Zwei klein Beispiele zur Verdeutlichung:

Das ICE-Unglück von Eschede ist den meisten sicherlich noch im Gedächtnis. Unsere beiden Kameraleute waren als erstes vor Ort und konnten das Unglück dokumentieren. Wer die Nachrichten damals verfolgt hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass es — zumindest am ersten Tag der Berichterstattung — auf allen Kanälen die gleichen Bilder gab. Wir hatten sie geliefert. Sprich: Die Bilder wurden an jeden Fernsehsender verkauft, abgerechnet wurde im Minutenpreis pro Sendung. Und genau hier liegt das Geschäft: Einmal drehen, so oft wie möglich verkaufen. Eine kleine Anekdote dazu am Rande: Unser CvD hat damals die grandiose Entscheidung getroffen, einen Hubschrauber in die Luft zu schicken, dieser hatte gerade eine Runde geflogen, da wurde er in Wild-West-Manier vom Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes beiseite und wieder Richtung Boden gedrängt. Diese Bilder des ersten Rundfluges gingen am ersten Tag um die Welt.

Ein zweites Beispiel wäre, nicht lachen, Britney Spears. Die Bilder einer erstmals betrunkenen Britney Spears in Deutschland, in Leipzig, gingen ebenfalls um die Welt. Es war einer unserer Kameraleute, der das unverschämte Glück hatte, diese Bilder zu schießen — selbst die kleinste Zeitung in Thailand hat uns die Bilder abgekauft. Britney Spears betrunken in Leipzig — das war damals auf dem Höhepunkt ihres sauberen, jungfräulichen Images die Sensation schlechthin. Wir haben noch Monate später Belegexemplare bekommen und Rechnungen geschrieben. Und ich bin mir sicher — uns sind viele Zeitungen und TV-Sendungen, wo diese Bilder liefen und abgedruckt wurden, nicht bekannt geworden.

Wir lassen die Moral mal beiseite — es war teilweise Boulevardjournalismus, Blut und Sperma, keine Frage. Nicht vergessen zu erwähnen möchte ich aber, dass ein beträchtlicher Teil des Umsatzes natürlich auch Auftragsarbeiten waren — wenn die Obstblüten im Alten Land in voller Pracht blühten, RTL oder SAT.1 in ihren regionalen Sendungen darüber berichteten, dann war die Chance groß, dass auch diese Bilder von uns waren.

An diese Zeit muss ich in letzer Zeit immer denken, wenn ich darüber lese, dass die Medienunternehmen nun auch bei den Printjournalisten kräftig einsparen, gerade die freien Mitarbeiter müssen Verträge unterschreiben, die eine einmalige Bezahlung des Artikels vorsehen, das Medienunternehmen (der Verlag) aber die Arbeit mehrfach verwenden, drucken, publizieren will und es dann selbstverständlich auch tut.

Immer wieder wird argumentiert, dass man sich den Marktverhältnissen anpassen muss — und überhaupt irgendwie ist das Internet ja an allem schuld. Was erdreistet sich zum Beispiel F!XMBR jetzt mitzureden und eigene Artikel zu veröffentlichen? Das ist natürlich alles Unsinn. Die Krise des Journalismus begann nicht erst mit dem Massenphänomen Internet — sie begann damit, als Kaufleute und Controller die Macht in den Medienunternehmen übernommen haben.

Die Krise ist schlicht und ergreifend hausgemacht.

Ich weiß noch genau, was meine erste Aufgabe in meinem neuen Job war: Zwei Organigramme zu erstellen. Auf der linken Seite Bertelsmann mit allen Beteiligungen — auf der rechten Seite Kirch mit all seinen Töchtern und Schwestern. Damals gab es noch das Kirch-Imperium, wenn man es so sehen will, als Gegenpart zu Bertelsmann. Heute gibt es Bertelsmann und ein von Heuschrecken gerupfte Ruine, die sich ProSiebenSat.1 Media AG nennt. Kein Vergleich zu früher — es gibt einen Marktführer, wenn man die Öffentlich-Rechtlichen mal beiseite lässt, einen Monopolisten: Bertelsmann. Die ProSiebenSat.1 Media AG ist kaum noch eine Rede wert. Und wenn Stefan Raab das Unternehmen irgendwann Richtung ZDF verlässt — um Nachfolger von Thomas Gottschalk zu werden — gehen die Lichter ganz aus.

Gehen wir wieder zurück in die Zeit. Wie gesagt, wir nahmen die Bilder auf, boten sie den verschiedenen Fernsehsendern an und verkauften sie dann beispielsweise an RTL, RTL 2 und VOX von Bertelsmann sowie an SAT.1, Pro Sieben und Kabel 1 von Kirch. Damit ließ sich ein mittelständisches Unternehmen halten. Doch dann hatten Bertelsmann wie auch Kirch eine glorreiche Idee: Beide Unternehmen kamen damals auf uns zu — innerhalb weniger Wochen, ich will jetzt nicht von Absprache reden — und setzten uns als Großkunden, die sie waren, extrem unter Druck. Heißt: Wir sollten zukünftig die Bilder einmal an n-tv (Bertelsmann) und N24 (Kirch) liefern, den Unternehmen gleichzeitig das Recht einräumen, die Bilder dann auch auf ihren anderen Sendern der Unternehmensgruppe zu zeigen. Bertelsmann und Kirch wollten nur noch einmal pauschal zahlen, anstelle die wirklich gesendeten Minuten.

Damit war natürlich das Geschäftsmodell einer TV-Nachrichtenagentur, die einen großen Teil ihres Umsatzes mit dem Verkauf tagesaktueller Bilder an die Fernsehsender generiert, extrem gefährdet. Und wenn ich heute die Ausführungen freier Journalisten lese, dann ist das alles nur die Folge der unsäglichen Kostenminimierung in den Medienunternehmen. Kaufleute und Controller haben das Sagen übernommen — die sagenumwogende Vierte Gewalt hat sich der Macht des Geldes unterworfen. Was heute den freien Autoren passiert, ist bereits seit Jahren im TV-Geschäft gang und gäbe.

Nun ist gerade mir bewusst, dass auch ein Medienunternehmen Geld verdienen will und muss. So blauäugig bin ich dann doch nicht. Doch die Krise des heutigen Journalismus begann nicht erst mit dem Internet — sie begann schon viel früher. Der freie Autor ist nur ein kleiner Kostenpunkt im Budget, wenn ich es einmal so ausdrücken darf. In den letzten Jahren wurden andere, wichtigere, Prioritäten — in den Augen der Kaufleute und Controller — gesetzt. Um mal Zahlen zu nennen: Pro angefangener Minute wurde von uns den Fernsehsendern ab 600,- Euro und mehr in Rechnung gestellt. Da kommt schnell einiges zusammen — erst Recht wenn man bedenkt, dass manche Bilder beispielsweise bei RTL um 12.00 Uhr liefen, in den Hauptnachrichten und im Nachtjournal. Für jede angefangene Minute wurde eine Rechnung geschrieben.

Damals begann also — so habe ich es zumindest erfahren — diese unsägliche Fixierung auf die Kostenminimierung. Wir weigerten uns natürlich, entsprechende Verträge zu unterzeichnen — und wie der Zufall so spielt, kamen auf einmal kaum noch Bestellungen von Bertelsmann und Kirch ins Haus. Es gab dann eine Einigung, die aber ein Jahr später in der Übernahme des Unternehmens durch eine Bertelsmann-Tochter endete. Es gibt mittlerweile ein neues Unternehmen, welches ich selbst damals noch in den Anfängen begleiten durfte, mit vielen tollen Menschen, die ich alle sehr schätze — doch die guten alten Zeiten sind schon lange vorbei.

Es wird alles noch viel schlimmer werden, da muss man sich nichts vormachen. Die Ideale des Journalismus, ich will es mal pragmatisch ausdrücken, kann sich ein Medienunternehmen heute nicht mehr leisten. Unsere Gesellschaft trägt natürlich auch ihr Scherflein dazu bei. Geiz ist geil, mitnehmen was geht — der Neoliberalismus, der in den letzten 10 Jahren etabliert wurde. All das spielt zusammen — nur das Internet trägt an den Entwicklungen die wenigste Schuld.

Und wenn ich heute davon lese, dass unsere wichtigsten Pressevertreter in Hamburg die Charta für Pressefreiheit unterzeichnet haben, dann weiß ich, dass auch dieser Treppenwitz der Geschichte, so will ich es mal ausdrücken, Folge der Verschiebung der Machtverhältnisse ist. Diese Charta wäre niemals nötig gewesen, wenn unsere Vierte Gewalt nach 2001 ihren Job getan hätte. Die so genannten Sicherheitsgesetze betreffen heute, oh Wunder, nicht nur die Bürgerinnen und Bürger — nein, auch die Journalisten. Hätte man vielleicht auch früher drauf kommen können. Die aufgeführten Artikel sollten nicht allein Journalisten zugute kommen. Es sollten die Grund– und Bürgerrechte eines jeden Menschen sein.

Die Krise des Journalismus ist hausgemacht.

Das Internet macht diese Krise nur transparent, ist aber nicht der Auslöser gewesen. Die Macht des Geldes im Zusammenspiel mit devoten Journalisten, die den Politikern nach dem Mund geredet haben und deren Propaganda ohne zu hinterfragen übernommen haben, es täglich immer noch tun, ist der Hauptgrund für die Sinn-, Schaffens– und Finanzkrise des heutigen Journalismus. Ein selbst schuld mag jetzt vielleicht nicht helfen — jedoch muss man sich erst einmal die eigenen Fehler eingestehen um einen Neuanfang zu wagen. Noch ist es nicht zu spät, aber 5 vor 12.

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20 Antworten zu “Die Krise des Journalismus ist hausgemacht”

  1. carlo di fabio sagt:

    vieles spricht dafür, daß die krise des journalismus im wesentlichen hausgemacht ist!

    mein engagement für die umsetzung von artikel 146 grundgesetz z.b.:

    > bundesverfassungsgericht » BvR 1203/08 fällt (bisher) unter den tisch, wird verschwiegen, weil ich die machtfrage stelle: einberufung eines verfassungskonvents der bürgerInnen + anschließend volksentscheid über deine g e s a m t –deutsche verfassung. anläßlich der überprüfung des EU-verfassungsvertrages von lissabon.
    es würde auch der förderung freiheitlicher kommunikation im sinne von artikel 5 grundgesetz dienen, wenn ergänzend zu den parteien, interessenverbänden, lobbyisten, kirchen, wissenschaftlerInnen, firmen…
    die bürgerInnen selbst, also der souverän ein (ständiges) forum haben, um die anstehenden probleme ausschließlich aufs gemeinwohl hin zu diskutieren und zu entscheiden. eben einen verfassungskonvent, dessen mitglieder wie im alten athen und bei anderen auswahlverfahren per los bestimmt werden und zusätzlich ein ständiges bürgerparlament, das immer dann — ergänzt durch expertInnen zusammentritt, wenn eine volksentscheid-initiative vom parteienparlament bundestag abgelehnt wird.

    > «carlo di fabio» GOOGLE

  2. Syndication ohne nachhaltige prozentuale Beteilung der Urheber ist, wie Du richtig schreibst, ein tödliches Geschäftsmodell.

    Und Buy-Out Honorarmodelle mit angemessenen Preisen werden einfach nicht angeboten. Es ist wie Du es schreibst: Die Honorare gehen runter und die abgeforderten Nutzungsrechte sind kaum noch steigerungsfähig.

    Also raus aus dem Markt der sterbenden Geschäftsmodelle (sage ich als ehemaliger Agenturfotograf).

    Nebenbei: Auch die dpa (da war ich nie) hat damals (und heute wahrscheinlich auch) nur relativ kleine Pauschalen bezahlt, je nachdem in welchen der Dienste die Fotos gingen. Da man das nie vorher wusste, trug ach hier bereits der Urheber das volle Risiko.

  3. Oliver sagt:

    Das Internet ist schlicht ein Multiplikator, manchmal auch Katalysator. Im Endeffekt hat es die Erkenntnis bei vielen beschleunigt, dass da mehr ist als kanalysierte Information oder schlicht ein Meinungsmonopol. Knapp 400 Jahre hielt dieser Nonsense, doch die Menschheit schaffte es schon zuvor Informationen zu verbreiten — inkl. aller Risiken und Nebenwirkungen. Gewonnen wurde nicht viel, ausser dass einige nun damit ihren Unterhalt bestreiten konnten. Es tut mir leid für den Journalismus, aber gegenüber der Menscheitsgeschichte ist dieser schlicht bedeutungslos.

  4. Phil sagt:

    Unsere Gesellschaft trägt natürlich auch ihr Scherflein dazu bei. Geiz ist geil, mitnehmen was geht — der Neoliberalismus, der in den letzten 10 Jahren etabliert wurde. All das spielt zusammen — nur das Internet trägt an den Entwicklungen die wenigste Schuld.

    Einspruch: Vorallem in den letzten jahren wurden die löhne so drastisch gesenkt, dass vielen leuten nichts anderes mehr übrig bleibt als nach der «geiz-ist-geil»-doktrin zu zu leben; es wird ihnen aufdiktiert während andere sich diese gelder unter den nagel reiszen. Und genau das ist es, was letztlich diese abstürze der wirtschaft verursachen, unter denen millionen von menschen leiden müssen.

  5. Oliver sagt:

    >dass vielen leuten nichts anderes mehr übrig bleibt als nach der “geiz-ist-geil”-doktrin zu zu leben

    In dubio pro reo — sicherlich, aber ein Diktat ist etwas anderes — ich kann auch anders, andere ebenso. Sprich man muss nicht alles haben, lernen sich auch einmal beschränken zu können. Ich bin keiner der einem irgendetwas vorschreibt, allerdings lebt das Gros gedanklich nur noch die Völlerei und verfällt dementsprechend recht schnell in eine Depri-Phase, wenn denn nicht alles beisammen kommt was denn so gewünscht ist. Ein beliebter Spruch von jene beispielsweise ist du kannst es dir eben leisten und an dieser Stelle gehe ich meist weiter und lasse diese in ihrer Dummheit verharren.

    Es muss vieles nicht sein und dagegen kämpfe ich auch vehement an, aber würde es den Deutschen wirklich schlecht gehen würden sie handeln oder zumindest anfangen politisch zu denken.

    Wir können vom Diktat fabulieren oder auch eine Art Biedermeier konstatieren — wie dem auch sei, die Wahrheit möchte weder der Politiker vernehmen, noch der so arg gebeutelte Bürger. Die tatsächlich Bedürftigen die ich des öfteren sehe und mit denen ich zu tun habe, besitzen keine Lobby — nicht einmal auf Weblogs.

    Geiz ist geil, mitnehmen was geht … logisch ist dass derartiges gefördert wird, logisch ist aber auch dass dazu ein willfähriger Geselle gehört. Sprich Konditionierung andererseits, der Wille konditioniert zu werden andererseits.

  6. Phil sagt:

    Geiz ist geil, mitnehmen was geht … logisch ist dass derartiges gefördert wird, logisch ist aber auch dass dazu ein willfähriger Geselle gehört. Sprich Konditionierung andererseits, der Wille konditioniert zu werden andererseits.

    Ja und nein. Durch beständiges wiederholen wird ja suggeriert, dass etwas stimmen würde, gleiches wird ja beim lernen in der schule ja auch angewandt. Ist jetzt nun der mensch nicht darauf geeicht bzw. sagt es niemand, dass er letztlich betrogen wird, wie soll er sich dann gegen die manipulationen wehren?

    Doch auch wenn er von der manipulation weisz, so wurde dem gemeinen deutschen in der erziehung die eigenschaft sich aufzulehnen/wiederspruch zu erheben abtrainiert wurde.

  7. Bert sagt:

    Ich glaube, dass ich die Problematik grundsätzlich verstehe. Ich betreibe eine Firma und möchte das, was ich da betreibe, bezahlt haben.

    Speziell bei dem Eschede-Bild weiß ich allerdings nicht, wo der verkaufbare Mehrwert sein soll, außer ich definiere Sensationsgier als Geldwert.

    Von diesem Unglück erfuhr ich erstmals in den Radionachrichten, während ich just in dem Moment auf der Autobahn an der Rennstrecke von Le Mans vorbeifuhr. Das hat als Information gereicht, +/- 100 Tote sind viele. Wozu brauche ich dazu Bilder?

    Genauso bei diesem ultimativen Tsunami. Wozu die Bilder?

    Staatsempfang, 90 Sekunden im Fernsehen: xy schüttelt yz die Hand. Erkenntniswert ohne Ton? Null.

    Mit null Information Geld zu verdienen ist ein seltenes Glück, dessen man sich erfreuen kann, solange es gedeiht. Und nicht jammern, wenn es sich seinem echten Wert nähert.

  8. Naiver Lemming sagt:

    Die sogenannte Krise des Journalismus ist doch nur eine folgerichtige Entwicklung, wenn dieser in einem kapitalistischen System eingebettet ist. Ob neoliberal oder nicht, man kann der Kapitalvermehrung und der neutralen Information nicht gleichzeitig dienen.

  9. Dexter sagt:

    Die Kernaussage des Textes ist ja «die Krise ist hausgemacht». Dem kann man zustimmen. Nur finde ich deinen Text aber irgendwie nicht ganz schlüssig. Wenn du schreibst, «die Krise ist hausgemacht», welches Haus meinst du denn da genau? Und welche Krise? Ich verstehe es im Kontext deines Textes irgendwie nicht ganz.
    Ist das «Haus» die profitorientierte Medienindustrie? Dann kann man nur sagen, dass das eben so ist (und schon immer so war) wenn mit Medieninhalten im Kapitalismus Geld verdient werden muss. Nur frage ich mich dann, was du früher «bei euch» in der «größten europäischen TV-Nachrichtenagentur» eigentlich besser war?! Ist es heute schlechter, wenn die (völlig belanglosen) Bilder besoffener Teenyidole von Bertelsmann selbst produziert werden? Historisch sind Nachrichtenagenturen übrigens auch nur ökonomisch motivierte Einsparmodelle.
    Was meinst du genau mit «Krise»? Ist die Krise eine finanzielle, oder eine irgendwie qualitative? Eine finanzielle Krise würde heißen, das die Branche weniger Gewinn (bzw. Umsatz) macht. Also das weniger Leute die feilgebotenen Informationen «konsumieren». Da es aber nicht so ist, dass sich die Leute heutzutage weniger als früher informieren, wird es wohl so sein, dass die Leute einfach weniger dieser gewerblichen Informationen nutzen und sich einfach woanders mit «unkommerziellen» Informationen versorgen. Klar könnte man an der Stelle argumentieren, dass dadurch DER Journalismus, der von einzelnen Journalisten und seinen Finanziers getragen wird in einer Krise ist, also die Krise auch eine qualitative ist. Aber kann nicht aus der neuen Breite, die journalistische Betätigung heutzutage erfährt etwas neues, besseres entstehen? Allzumal dieses Neue nicht mehr den ökonomischen Zwängen der «Holzpresse» unterliegt?
    Das Internet hat einfach das Broadcast-Monopol der gewerblichen Anbieter gebrochen. Wenn die Krise also deshalb nur die Profiteure der systemischen kommerziell motivierten Volksverdummung trifft: Um so besser!
    BTW: Es gibt ja noch unkommerzielle Arbeitgeber für richtige Journalisten aus dem alten Holz: Die öffentlich-rechtlichen Anstalten! Bedauerlich in dem Zusammenhang ist halt nur, dass die Kommerz-Medienlobby in ihren letzten Zuckungen in Berlin gerade nochmal richtig loslegt.
    Budgetbeschneidungen für den ÖR-Rundfunk und die evtl. Beibehaltung spezieller Sonderregelungen (Listenprivileg) beim Datenschutz sind nur einige Resultate dieses verderblichen Wirkens(Audit im Bundestag, schöne Doku).
    Leider finden diese Vorgänge nicht sehr viel Aufmerksamkeit. Wird die Aufmerksamkeit der halben Welt doch von so wahnsinnig relevanten Themen wie Kinderpornografie in Anspruch genommen.

  10. Wiebke Priehn sagt:

    Zitat aus einem internen Bertelsmann-Papier, in denen der EU-Parlamentarier Elmar Brok ausführlich über seine Lobbytätigkeit für den Medien-Kraken Bertelsmann berichtet:
    „Wir verhinderten die Einführung eines Rechtes der ausübenden Künstler auf angemessene Vergütung bei Weiterverbreitung ihrer Darbietung über Kabel und Satellit.“
    (aus einem Bericht des Brüsseler Verbindungsbüros 1.10. — 31.12.1993)

  11. Jens sagt:

    In Wild-West-Manier? Wenn ich mich recht erinnere, hat die zuständige Polizei– und Katastrophenschutzbehörde ein Flugverbot angeordnet.

  12. Chris sagt:

    Blödsinn. Nicht zu dem Zeitpunkt, zu dem wir schon vor Ort waren.

  13. John Dean sagt:

    Vielen, vielen Dank Chris, für Deinen Bericht!!!

    Was mir dazu einfällt:

    Die böse Macht des Oligopols

    Ich finde, es wurde hier sehr schön und nachvollziehbar beschrieben, dass die Vermachtungen und Vereinseitigungen der Marktstrukturen im Fernsehmarkt am Ende diesen Markt (bzw. das Thema: fairer Preis) an wichtigen Stellen so gut wie erledigt (!) haben.

    Im Kern ist es m. E. ein Problem von Vermachtung und von einseitigen Marktstrukturen im Medienmarkt.

    Diese Art der Selbsterledigung wurde von BWL´lern und Kaufleuten massiv vorangetrieben, von gierigen (ja!) Verlagshäusern — und all dies wurde von einer neo«liberal«isierten Politik sogar noch unterstützt.

    Was dagegen hilft? Wie man Strukturen wieder lebendig bekommt, wie man wieder Vielfalt hinein bekommt?

    Macht brechen! Konzerne zerschlagen!

    Sorry, dass ich gerade mit linksliberalen Doktrinen um die Ecke komme, aber ich finde, es passt. Und es ist nicht so, dass es mich freut, zumal sehr ähnliche Entwicklungen sich auch im Druck abspielen.

    Tja, und die [selbstzensiert] Zypries kapiert rein garnichts, und redet letztlich einer weiteren Vermachtung der Verlagskonzerne das Wort. Schlimmer noch, sie plant eine weitere Deformation des Rechts zugunsten verkehrter Machtakkumulationen (d.h. Großverlage) — während sie als echt miese Politikerin für die Vielzahl der Kultur– und Informationsschaffenden praktisch NICHTS tut — ausgesprochen überfällig wäre eine Stärkung dieser gegenüber den Medien– und Verlagskonzernen.

    Auch daher müsste es im höchst eigenen Interesse der Journalisten liegen, den Bürgern aufzuzeigen, warum die Politik von Zypries & Co scheiße ist, und mehr noch, warum dieser herrschende und Konzernmacht stärkende Neo«liberalismus» scheiße ist, warum es falsch ist, wenn er — in Kumpanei mit der Politik — die falsche Macht der Konzerne stärkt.

    Denn am Ende schadet es uns allen.

  14. Waschbrettkopf sagt:

    Schönen Dank für den Artikel, hat mir gefallen.

    Mal ein selten erwähnter Teilaspekt:

    Ist es nicht interessant, wie vehement sich die Eliten in der Bundesrepublik gegen die Einführung des «Kabelfernsehens», also der privaten Fernsehsender gesträubt haben und wie seit 25 Jahren fast kein gutes Haar am «Unterschichtenfernsehen» gelassen wird?
    Kaum jemand macht deutlich, dass unsere gesamte Printlandschaft ausschliesslich nach privatwirtschafrlichen Grundsätzen existiert? Das Feuilleton der ZEIT werbefinanziert? Ja wo kommen wir denn hin? Ist aber so. In der Bundesrepublik gab es nie ein «Staatsorgan» wie in der DDR, und alle fanden das richtig so.

    Das öffentlich-rechtliche Fernsehen stellt ein solches «Staatsorgan» dar, und leider muss man beobachten, wie eben diese «Anstalten» systematisch versuchen mit den privaten TV-Sendern gleichzuziehen. Quotengeilheit und die Jagd nach Marktanteilen der ÖR schöpfen bei den Privaten Zuschauer und damit zahlende Werbekunden ab. Als Resultat wird das Programm der Privaten immer kommerzieller, denn irgendwie muss ja die Butter aufs Brot kommen — kritischer privater Journalismus wie in der Presse kann sich so nicht entwickeln. Die ÖR senken ihr Nievau daraufhin um Marktanteile (die man eigentlich nur auf dem Papier braucht, da Gebührenfinanziert) zurückzuerobern.
    Was kommt raus? Boulevardisierung, Rentnerverdummung, Teenagerklamauk… kurz gesagt niederes Niveau auf allen Kanälen.

    Mit dem Internet scheint sich eine Art «Gleichnis» abzuspielen: Die etablierteren Medien stellen nicht die Frage nach ihrer eigenen Berechtigung oder ihren Stärken, sondern reden das neue Medium anhand seiner Eigenheiten schlecht. Gleiches muss man Journalisten unterstellen, die Blogger-Bashing betreiben.

    Wie geht’s weiter? Journalisten werden zu Bloggern, Blogger zu Journalisten. Beide schreiben voneinander ab und zeigen zusammenhangslos Bildchen und Filmchen aus anderer Leute Handykameras und erzählen mir was in der Wikipedia steht. Keiner wird gewinnen.

  15. John Dean sagt:

    @ Waschbrett

    [Zuschauer schauen teils öffentliches Fernsehen] «(…) kritischer privater Journalismus wie in der Presse kann sich so nicht entwickeln.»

    Weil es in der werberelevanten Zuschauergruppe (14 bis 49 Jahre) einen Zuschaueranteil von deutlich unter (!) 20 Prozent gibt, welcher öffentliche Medien guckt — weil der verfügbare Werbemarkt für die Privaten etwas kleiner ist im Vergleich zur Nichtexistenz öffentlichen Fernsehens, deshalb kann sich partout «kein kritischer Journalismus» in den Privatmedien entwickeln??

    In einem bislang im Anzeigenvolumen ständig wachsenden (!) privaten Markt fürs Fernsehen, wo Jahr für Jahr Milliardengewinne erzielt werden, herrsche ein schlimmer Sparzwang, deshalb, weil nicht das komplette Werbegeld in Richtung Privatfernsehen fließt?

    Wasn das für ne Deppenlogik?

    Das ist, sorry, in seiner haltlosen und verdummenden PR-Sprachlichkeit eine gute Demonstration dafür, was passieren kann, wenn zuviel Verblödungs-TV geglotzt wird:

    Dann geht halt irgendwann jede Logik perdü.

    P.S.
    Waschbrett, stimmts, du hast schon mal beruflich PR-Texte verfasst, oder? Und du hast null Probleme mit intellektueller Unredlichkeit bzw. du bist ein typischer 0815-Rechtsliberaler?

    Gute Besserung!

  16. Waschbrettkopf sagt:

    @John Dean, Sie schmeicheln mir.
    P.S. Waschbrett, stimmts, du hast schon mal beruflich PR-Texte verfasst, oder? Und du hast null Probleme mit intellektueller Unredlichkeit bzw. du bist ein typischer 0815-Rechtsliberaler?

    Ich könnt mich echt beömmeln über sowas. Wie kommen Sie so schnell auf die Verschwörungstheorie, ich würde hier in professionellem Stil «rechtsliberale» Propaganda verbreiten?
    Wollen Sie die Staatsmedien verteidigen? Für sage und schreibe 8 Milliarden Euro Jahresetat wird uns doch hauptsächlich Polit-Krawall a la «Hart aber Fair, Frontal 21, Report» usw. serviert. Das Rezept ist das gleiche wie bei «BILD»: Angst machen, betroffen sein, Verbote und Gesetze fordern — immer schön Parteienkompatibel. Auf das Gewusel der ganzen Berg-, Forst-, Helikopter– und Afrika-Doktorsoaps will ich hier nicht eingehen.

    Ja, die ÖR TV Sender haben lediglich 20% Marktanteil. Man muss aber schon recht neoliberal durchgeknallt sein um Marktanteil mit Qualität zu verwechseln. Die ÖR verstehen sich eben nicht als komplementär zu den Privaten sondern geben sich einem –für beide Lager– sehr ungesunden Wettbewerb hin.

  17. […] seine Ursachen schreibt F!XMBR einen sehr ehlichen Artikel. Mal wieder. Der Frust war mal wieder Oberkante. Was ich verstehe. Die […]

  18. […] weil schon Legionen von Quotenschreibern sich dieser Praxis ergaben, sprich dem Netz die Schuld am hausgemachten Versagen zuwiesen, von Vernunft fabulierten und tatsächlich eine Vorwärtsverteidigung […]

  19. […] Die Krise des Journalismus ist hausgemacht Immer wieder wird argumentiert, dass man sich den Marktverhältnissen anpassen muss – und überhaupt irgendwie ist das Internet ja an allem schuld. Was erdreistet sich zum Beispiel F!XMBR jetzt mitzureden und eigene Artikel zu veröffentlichen? Das ist natürlich alles Unsinn. Die Krise des Journalismus begann nicht erst mit dem Massenphänomen Internet – sie begann damit, als Kaufleute und Controller die Macht in den Medienunternehmen übernommen haben. […]

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