Die Heuchelei und das Versagen der Medien am Beispiel Afghanistan

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Wenn man heute die Zeitungen aufschlägt, traut man kaum seinen Augen. Die ZEIT fragt, was in der Kundus-Affäre vertuscht wurde und benutzt das Wort Kriegsverbrecher in einem Artikel über Oberst Klein. Die SZ hat in den letzten Tagen ein ganzes Feuerwerk an Artikeln veröffentlicht. Sie spricht vom Betrug an der Öffentlichkeit, kritisiert Kriegsminister zu Guttenberg  — selbst der sehr geschätzte Heribert Prantl spielt mit. Da muss man schon fragen, wie viel Heuchelei ein Land und eine Demokratie von Seiten der Medien ertragen kann. Deutschland befindet sich im Krieg – seit Jahren und nicht erst seit der Bundestagswahl oder dem Bombardement der Tanklastzüge. Deutsche Soldaten sterben und töten seit Jahren am Hindukusch Taliban und Zivilisten – während die Medien die Mär von der Ausbildung der heimischen Polizei verbreitet haben.

Michael Spreng spricht davon, dass der Afghanistan-Krieg im Bundeskanzleramt angekommen ist. Warum erst jetzt? Vor über 8 Jahren hat der Deutsche Bundestag das erste Mal dem Afghanistan-Krieg zugestimmt. Zum Vergleich: der 1. Weltkrieg dauerte vier Jahre an, der 2. Weltkrieg 6 Jahre. Nein, so einfach darf man es Angela Merkel und Gerhard Schröder nicht machen. Schröder war, Merkel ist oberste® politische® Verantwortliche®. Beide haben die Reihen im Deutschen Bundestag hinter sich versammelt, als es jeweils daran ging, den Einsatz zu verlängern. Deutschland nimmt seit 8 Jahren an einem Krieg teil – der Deutsche Bundestag hat diesem jeweils mit einer großen Mehrheit beschlossen.

Die Medien haben dieses unwürdige Spiel vom Friedens-Einsatz mitgespielt, sogar vorangetrieben. Die Linke wurde in ihrem Wahlkampf dafür verteufelt, für den Frieden und gegen den Afghanistan-Krieg auf die Straße gegangen zu sein. Der Frieden wird um Hindukusch verteidigt. Diese Worte Peter Strucks wurden unreflektiert verbreitet – wie die US-Medien nach 9/11 haben sich die deutschen Journalisten hinter die kriegsführenden Politiker gestellt. Das ist nicht nur ein äußerst schwaches Bild, es ist ein weiteres Armutszeugnis für den deutschen Journalismus.

Dass Deutschland Krieg führt, war bekannt. Wer sich ein wenig neben den Mainstream-Medien informiert, wusste um den Einsatz in Afghanistan. Selbst der berühmt-berüchtigte Stammtisch hat gewusst, dass es in Afghanistan nicht um den Bau von Brunnen geht. Auch die deutsche Lebenslüge, dass im Norden Afghanistans kein Krieg geführt wird, selbstverständlich nur im Süden, wird und wurde weitestgehend belächelt. Ich behaupte: Den Medien waren die Verhältnisse in Afghanistan selbstverständlich bekannt. Sie haben im vollen Bewusstsein die deutsche Bevölkerung belogen, waren Lakaien des Berliner Politbetriebes. Dass sie sich jetzt als Kritiker aufspielen, ist eine Heuchelei sondergleichen.

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16 Antworten zu “Die Heuchelei und das Versagen der Medien am Beispiel Afghanistan”

  1. Viktor sagt:

    Nur ist nicht Angela, sondern der Karl-Theodor sowas wie der Oberbefehlshaber.

  2. Chris sagt:

    Stimmt, habe ich korrigiert. Ich wollte damit die Verantwortlichkeit ausdrücken. Danke für den Hinweis.

  3. Dennis sagt:

    Im ersten Moment habe ich das Bild für echt gehalten und mich über «persönlich» mit «h» gewundert 😉

  4. Chris sagt:

    Autsch. Das ist nun arg peinlich. Korrigiert… 😉

  5. My 0,02 Euro sagt:

    Nette Leselektüre übrigens bei Wikileaks:

    Klick

    «Es sind nur noch minimalste Spuren von Humanmaterial zu finden» und ähnliches… dagegen verblassen selbst Georg Schramms zynischsten Polemiken.

  6. Jo. So isses. Aber wie kurz die Beine der verbreiteten Lügen sind, das werden wir womöglich wieder nicht erfahren. Denn der Ex-Aussenminister und damit die lendenlahme SPD werden im UA ihre Fehler wohl schwerlich herausarbeiten.

  7. Markus Teichmann sagt:

    @Viktor:

    Nur so als Hinweis: Der Verteidigungsminister ist nur im Friedensfall der Oberbefehlshaber der Bundeswehr. Wenn wir in Afghanistan Krieg führen, dann ist damit die Kanzlerin die Oberbefehlshaberin der Streitkräfte. Aber wenn sich Deutschland wirklich im Krieg befände, dann hätte das noch viel weitreichendere Konsequenzen. Die letzte Bundestagswahl hätte dann nicht stattfinden dürfen…

  8. Ob die noch bei ‘vollem Bewusstsein’ sind, frage ich mich oft…

  9. Anonymous sagt:

    Problem ist ja auch, dass sie selber überhauptnicht nachdenken. Ich habe nie verstanden, wieso man immer sterbensarm auf die Amerikaner wartet — bis die sagen wo’s langgeht. Das nervt mich total ab. Als ob die Deutschen nicht eigenständig wären. Oder hat Amerika doch Drohpotenzial in der Sache? Können die Amis sich das erlauben? Im übrigen erwähnte ein Herr der Opposition im Bundestag, Kanada hätte es gemacht und die eigenen Truppen abgezogen?

  10. Vincent sagt:

    Eine solche Berichterstattung wie sie momentan von den Medien über Afghanistan geführt wird braucht einen Aufhänger; ein Ereignis das zeigt, was schief läuft. Ich vermute einmal, dass sich in diesem Fall viele Leute mächtig angestrengt haben um zu erreichen, dass ein solches Ereignis nicht publik wird. Dies zeigt sich ja schon darin, dass sich diese Affäre nicht nur um Leute in der Bundeswehr selbst dreht, sondern ganz hoch geht bis zu Guttenberg.
    Wir wissen auch jetzt von ganz anderen Misständen in der Welt an denen Deutschland/Deutsche/deutsche Unternehmen durchaus beteiligt ist/sind (Waffenlieferungen, Giftmüllentsorgung, medizinische Versuche in der dritten Welt etc etc) und doch gibt es keine Öffentlichkeit für diese Dinge: Es fehlt an einem Nachrichtenereignis das diese Gegebenheiten aus dem abstrakten in unsere Welt hineinholt so wie es der Bombenabwurf in Afghanistan und insbesondere Guttenbergs Reaktion darauf getan hat.

  11. phoibos sagt:

    mmmm, irgendwie fehlen die linktipps, dafür kommt hier mein offtopic rein :) betrachtet dieses posting als von einem bildungsstreikenden besetzt *g*

    mein zitat des tages:
    Diejenigen, die nicht mehr wählen können, weil ihr Studium beinahe vollständig verplant ist, bekamen Zuspruch von denen, die nicht mehr gewählt werden, weil sie wohl zu verplant waren.
    quelle: SPD-Spitze drückt die Hörsaalbank

    ciao
    phoibos

  12. Oliver sagt:

    @phoibos: Linktipps diverser Natur: lallus bzw. from hades

  13. JoJo sagt:

    Dass das in Afghanistan ein Krieg ist, sollte jeder halbwegs vernunftbegabte, intelligente Mensch mitbekommen haben. Wer das nicht realisiert hat, ist verdammt naiv und blauäugig.
    Die aktuelle Aufregung um das Bombardement ist mir auch vollkommen unverständlich. Das ist ein Krieg. In Kriegen passieren Fehler, bei denen Zivilisten umkommen. Ist Scheiße, liegt aber in der Natur der Sache. Ist halt keine Knuddelparty. </cynism>
    Entweder man gibt dem Oberst Klein eins auf den Deckel, weil er die Vorschriften sehr großzügig ausgelegt hat (ums freundlich auszudrücken), versucht, so gut wie möglich weiterzumachen und akzeptiert, dass sowas passieren kann…oder die Bundeswehr muss komplett aus Afghanistan abziehen.

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