Die Glaubwürdigkeit der FAZ

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Die FAZ kämpft für das LSR . Das wäre in Ordnung, wenn es offen, transparent und den journalistischen Regeln entsprechend geschehen würde. Stefan Niggemeier dokumentiert heute noch einmal, welche Methoden die FAZ anwendet, mit Schrecken denke ich an zwei Artikel von Michael Hanfeld unter der Woche, nachdem Google (offen und transparent im Übrigen) seine Kampagne gestartet hat. Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich geschrieben:

Das Feuilleton der konservativen FAZ ist die wahrscheinlich modernste Redaktion [Deutschlands].

Damit war nicht die technische Ausstattung gemeint, sondern das Herangehen an das Internet, den Medienumbruch als Chance zu begreifen, die Blogs mit Don Alphonso an der Spitze, die Kolumnen von Constanze Kurz und Frank Rieger. Kurz: die FAZ hat sich das aufgebaut, was unzählige Mitbewerber, vom Spiegel in Hamburg bis zur SZ in München sich wünschen würden, aber regelmäßig kläglich scheitern.

Es hat der FAZ Jahre sicherlich sehr viel Investitionen gekostet, beim schnöden Mammon angefangen bis hin zur Überzeugungsarbeit im eigenen Haus. Das Resultat kann sich sehen lassen. Die FAS ist die einzige Zeitung, die ich mehr oder weniger lese, dafür muss ich sonntags zur Tankstelle oder nächsten U-Bahn-Station. Kein Klick im Internet, kein Griff in den Briefkasten, sondern mich Hamburgs Wetter aussetzen.

So lange aber es dauert, sich dieses Image, sich diese positive Reputation aufzubauen, so schnell kann es damit wieder vorbei sein. Solche Dinge können schnell passieren: jahrelange Arbeit kann in einem einzigen Augenblick zerstört werden. Und genau das passiert gerade. Es ist bezeichnend, dass folgende Worte auf DWDL.de zu finden sind, nicht in der FAZ.

Es geht viel mehr um das, was sich gerade ausgehend von diesem Thema in Medien-Deutschland abspielt, ohne dass es eine Empörung darüber gibt, wie wir sie eigentlich bräuchten. Denn Journalismus in Deutschland verliert gerade nachhaltig an Glaubwürdigkeit, weil ein Kartell aus Verlagen und verlagstreuen «Journalisten» statt journalistischer Tugenden lieber Propaganda verbreiten.

Vorgestern schrieb ich: Der Kampf um das Leistungsschutzrecht ist nicht nur ein Kampf Google gegen Verleger, Onliner gegen Offliner, es ist auch eine Generationenkonflikt. Vielleicht sollte man es direkter ausdrücken: die FAZ und alle beteiligten Medien, die gegen das LSR wettern, kämpfen nicht nur gegen Google, sondern auch gegen die eigenen Leser, gegen die eigene Zukunft. Zur Erinnerung: nur 10% der 14–19-jährigen sprechen sich für ein LSR aus.

Während man beim Axel-Springer-Konzern, deren politisch verlängerter Arm, der Union und FDP, nichts anderes erwartet, sieht es nach den letzten Jahren bei der FAZ schon anders aus. Ich denke gerade an 0zapftis zurück — und noch immer habe ich ein Lachen im Gesicht: die Enthüllung, die Artikel von Constanze, Frank und Frank Schirrmacher, nicht zuletzt das Interview mit Innenminister Friedrich.

All das ist heute nichts mehr wert. Was das Feuilleton der FAZ in den letzten Jahren in Frankfurt aufgebaut hat, wurde in dieser Woche eingerissen. Das stimmt traurig — und ich werde online verfolgen, was Frank Schirrmacher, Nils Minkmar & Co. in dieser Woche im Feuilleton veröffentlichen. Zum Thema Leistungsschutzrecht.

Vielleicht ist es auch ein stückweit Panik, die in der FAZ Einzug gehalten hat. Einem Bericht des Hamburger Abendblatts zufolge soll die FAZ das Jahr 2012 mit einem Verlust von 10 bis 20 Mio. Euro abschließen. Das würde die Sache erklären, das Vorgehen und Verhalten insgesamt aber nicht entschuldigen.

Die FAZ verspielt gerade jegliche Glaubwürdigkeit und Reputation, die über Jahre aufgebaut wurde. Kein Leser würde es ihr verübeln, wenn sie offen und transparent für das LSR kämpfen würde, von vielen Menschen würde es sicherlich, auch wenn man anderer Meinung wäre, als legitim angesehen werden. Doch den Weg, den die FAZ eingeschlagen hat, kann man nur als fatal und falsch bezeichnen.

Beim Thema LSR hat die FAZ jegliche journalistische Sorgfalt vermissen lassen. Es ist an der Zeit, das Runder herumzureißen — um eventuell die Glaubwürdigkeit, für die man jahrelang Blut, Schweiß und Tränen geopfert hat, zurückzugewinnen. Das LSR mag man als ein Standbein für die eigene Zukunft ansehen — doch die Zukunft können im ersten Schritt grundsätzlich nur die eigenen Leser sein. Und gegen die kämpft man gerade, mindestens gegen die nächste Generation.

Liebe FAZ, ich verstehe es nicht.

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14 Antworten zu “Die Glaubwürdigkeit der FAZ”

  1. MicSch sagt:

    Wo genau war eigentlich noch mal der Unterschied zwischen Journalismus und Propaganda? (Siehe z. B. Chomskys Propaganda-Modell) Konsens ist letztlich ein Produkt der Gewohnheit. Nämlich der Gewohnheit mit bestimmten Äußerungen und Vorurteilen in der Öffentlichkeit durchzukommen.

    Ich denke Journalismus ist immer genau das was man von ihm hält. Das erklärt auch die Flexibilität der FAZ. Wenn es ihr nutzt wird die FAZ auch sicher wieder «glaubwürdig» werden. Jedenfalls insoweit das bei so einem rechtskonservativem Blatt wie der FAZ überhaupt möglich ist. Aber vielleicht ist das ja die eigentliche Bedeutung von Glaubwürdig. Nämlich gläubig und würdevoll.

  2. […] nicht so sehr das Gesetzesvorhaben selbst, das ihn fassungslos macht, es ist vor allem die Schamlosigkeit, ja die Leichtfertigkeit, mit der nahezu alle Qualitätsmedien ihre journalistischen […]

  3. Philipp Joos sagt:

    Es geht hier ja um Mechanismen, die jeder Interessierte mit normaler Intelligenz und ohne großes spezielles Wissen in ihrer Funktion durchschaut. Man braucht kein Jurist und erst recht kein Urheberrechtler zu sein um zu erkennen, dass es überhaupt nicht darum geht, Verletzungen des Urheberrechts zu verhindern, sondern einem anderen Teilnehmer an der öffentlichen Meinung die Erträge abzujagen, die man selbst zu generieren versäumt hat. Jeder kenn diesmal erkennen, dass es hier nicht um Rechte geht, sondern dass Neid und Gier in Rechtsform gegossen werden sollen.

    Nachdem trotzdem eine Zahl von Verlegern und Journalisten, die wir bisher für leidlich seriös gehalten haben, sich nicht entblödet, mit dummer Begriffsverwirrung, Vernebelung und dreisten Lügen zu arbeiten, muss ich jedenfalls annehmen, dass wir auch in anderen Punkten systematisch und dreist getäuscht und belogen wurde, so wie es irgendwelche Lobby-Interessen gerade bestellt hatten. Für mich sind die großen Zeitungen (einschließlich NZZ, die auch auf die deutsche Linie einschwenkt) seit heute nicht mehr von Interesse.

    Und nachdem sogar z.B. der Chefredakteur einer Lokalgazette wie des «Schäbigen Tagblatts», auf das ich wegen der Veranstaltungstermine noch angewiesen bin, sich nicht schämt, die gleichen Verdummungsphrasen wiederzublöken, werde ich alles tun, damit für die Bündelung solcher Informationen eine zeitungsunabhängige Plattform im Netz entsteht. Wenn das gelingen sollte, hätte die Selbstentlarvung der Druckpressse sogar einen nachhaltigen Nutzen. Ich war selbst einmal Journalist und liebe noch immer den Geruch der Druckerpresse. Aber wo selbst die Leuchttürme das journalistische Ethos mit Füßen treten, hört jedes Verständnis auf. Schade um ein schönes Stück Kulturgeschichte.

  4. Friedrich sagt:

    http://www.faz.net/aktuel.….451.html
    Ich möchte daran erinnern, dass das Feuilleton der FAZ das druckte und online stellte, nicht jedoch ohne den Disclaimer unten am Artikel.

  5. Don Alphonso sagt:

    Faz Feuilleton ist nicht gleich FAZ, und wenn Politik, Recht oder Wirtschaft was schreiben, wird das auch nicht mit dem Feuilleton abgesprochen. Mach ich umgekehrt ja auch nicht. Im Prinzip ist LSR kein Tema, mit dem man was gewinnen kann, Ich finde es hirnrissig. Aber ich kann das auch nicht jeden Tag schreiben. wenn andere das andere dauernd schreiben, sind sie selbst schuld.

  6. Martin / Dimido IT sagt:

    Sind wir doch ehrlich, was das LSR angeht: Es geht nur ums Geld ;)

    Selbstverständlich muss Journalismus und Presse bezahlt werden, wenn diese die Arbeit machen. Das muss auch Google oder andere News-Staubsauger einsehen! Nur das Problem, Google — Youtube und GEMA ist auch nicht gelöst ;)

  7. Michael sagt:

    Jetzt habt euch doch nicht so, wärt ihr kurz vor dem abnippeln, dann würdet ihr auch alles erdenkliche machen um zu überleben! Der Lauf der Dinge…

  8. Frank Schirrmacher sagt:

    Ich sehe die Enttäuschung. Deshalb mit Hinweis auf unsere DMS zur Klarstellung.

    1.Ich sehe das FAZ Feuilleton als Debattenforum auch in dieser Angelegenheit, wo der Verlag Partei ist.

    2. Es handelt sich um ein Gesetzverfahren, in dem noch viel Zeit zur Debatte bleibt. Die erste Lesung ist nur ein Schritt — und fast der irrelevanteste.

    3.Wir haben diese Debatte im Feuilleton bereits geführt. Der Artikel von Constanze Kurz http://www.faz.net/aktuel.…..451.htm ist an Eindeutigkeit nicht zu überbieten. Die Gefahren, die sie sieht, sehe ich auch. Der Disclaimer macht klar, dass der Verlag (nicht die Redaktion) in dieser Sache Partei ist.

    4.Der Auslöser der seit ein paar Tagen aktuellen Debatte war Googles übereilte Reaktion auf der Suchmaschinenseite. In dem Artikel zu Google ist von Michael Hanfeld übrigens davon die Rede, ob das Urherberrecht nicht schon reichen würde und das LSR überhäupt nötig ist. Aber auch das ist eine erste Erwägung, ein Bestandteil der Debatte. Wenn ich mich richtig erinnere, redet er sogar von Rivva. Die Meinungsbildung über das Gesetz ist noch nicht abgeschlossen. So verständlich es ist, dass alle Beteiligten ein endgültiges Wort erwarten — wir können uns hier nicht wegen Informationskaskaden unter Druck setzen lassen. Das hiesse tatsächlich Zeitungen nur noch zu Echos von Netzdynamiken zu machen.

    5.Wir führen diese Debatte mit pro und contra weiter. Das mag manchem zu langsam sein. Aber es ist der einzige Weg die Kalte-Kriegs-Logik zu verlassen. Viele Redakteure interessieren sich genauso wenig wie viele Leser für das LSR — sie sind schlicht indifferent. Auch ich habe keine Lust mich von irgendeiner Seite in Geiselhaft nehmen zu lassen.

    6. Die FAZ ist eine Stiftung. Sie gehört niemandem als sich selbst. Niemand zieht Geld aus der Zeitung. Gewinne werden investiert, für Investitionen zurückgestellt oder gemeinnützig über die Stiftung ausgeschüttet. Es ist unmöglich für die Redaktion, dem Verlag Vorschriften zu machen. Das gilt aber auch umgekehrt. Damit sind wir kein regulärer Bestandteil traditioneller Medienökonomie. Obwohl es auch für uns keine leichten Zeiten sind haben wir damit als Redaktion einen längeren Atem und eine etwas anderen Blick auf die Entwicklung als hier suggeriert wird. Man sollte auch bei den Redakteuren, die anderer Meinung sind, vielleicht annehmen, dass es einfach ihre Meinung ist. Die mag man gut finden oder nicht — aber daraus eine Systematik abzuleiten ist falsch.

    Es ist unmöglich so etwas hier in der Tiefe zu diskutieren. Längst sind wir in einer Logik, wo jeder von jedem das Schlechteste denkt. Also ist der entscheidende Punkt, was sich im Feuilleton materialisiert. Die Homogenität von Meinungen, wo jeder Kommentator das Gleiche denkt, ist nicht das Ideal. Im Gegenteil: Zeitungen haben die Aufgabe, die in Frage zu stellen.

  9. vera sagt:

    Schade, Frank Schirrmacher, leider nichts verstanden. Es geht nicht um wer-schreibt-was-weshalb, sondern, wer-schreibt-was-wie. Es geht um das offene Visier und die schäbige Art der Berichterstattung.

    Ein oder ein paar Artikel sind ja auch nicht losgelöst zu betrachten, sondern ein bestimmter Eindruck ergibt sich gerade aus dem Gesamtbild, das gerade abgliefert wird — dramatisch unterlegt von den VDZ/BDZV-Heinen– und –Burda-Verlautbarungen, die es tatsächlich schaffen, die sogenannte Debatte noch einmal tieferzulegen.

  10. Nick sagt:

    Hervorragend, dass Schirrmacher sich hier äußert! Bin gespannt wie sie Debatte im Feuilleton weitergeht und wer da zum Zuge kommt. Vielleicht ja auch mal Google selbst. Bemerkungen wie die von Vera Bunse «nichts verstanden» sind aber leider einfach nur dämlich.

  11. Ute sagt:

    Ich jedenfalls bin froh über die Äußerung Frank Schirrmachers, sie hilft beim verstehen der Zusammenhänge. Es ist eben nicht schwarz und weiss. Dass die FAZ das LSR seit langem von mehreren Seiten zum Thema hat, ist nicht zu bestreiten, der angegebene Artikel ist vom März. Da krähte kaum ein Hahn nach dem LSR. Natürlich könnte ich mich immer wieder ärgern über die unsäglichen Texte von Reinhard Müller in der FAZ, der zum LSR besonders. Aber er bildet eben nur einen Teil des Spektrums ab, nicht eben den progressivsten. Doch eh ich vom lesen Ausschlag kriege, blättere ich lieber weiter zum Feuilleton. :)

  12. […] ist möglich, über alle Grenzen hinweg die journalistische Zukunft in Deutschland neu zu denken. Frank Schirrmacher schrieb schrieb: Wir führen diese Debatte mit pro und contra weiter. Das mag manchem zu langsam sein. Aber es ist […]

  13. […] Philipp Klöckner wirft einen unaufgeregten aber detailreichen Blick auf Google und sein Geschäftsgebaren – uneingeschränkt lesenswert. Was das für die aktuelle Debatte heisst, hat wieder um Stefan Plöchinger hier festgehalten. Spannend auch Frank Schirrmachers Kommentar hier. […]

  14. […] und Meinungsbeiträge zu veröffentlichen, in denen Journalisten und führende Medienmanager die angebliche Notwendigkeit des Leistungsschutzrechtes hervorheben. Es handelt sich hierbei um unverfrorenen Lobbyismus unter dem Deckmantel von professionellem […]


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