Die Glaubwürdigkeit der Bahn und des Bahnchefs Mehdorn

Die letzten Tage waren sicherlich nicht einfach für Bahnchef Mehdorn. Da kam doch tatsächlich heraus, dass die Bahn 173.000 Mitarbeiter ausspioniert hat, er sich dafür überrachenderweise jede Menge Kritik eingefangen hat, und sich nach und nach die Politik von ihm distanzierte, auch Politiker, die ihn vorher noch hofiert haben und sich in seinem vermeintlichen Erfolg gesonnt haben. Angefangen bei Wolfgang Tiefensee, zum Schluss war es unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Heute musste dann der ewig unter Strom zu stehende Bahnchef zurückrudern. Die Jubelperserpresse im gesamten Land veröffentlicht die Entschuldigung Mehdorns:

Der Chef der Deutschen Bahn beugt sich dem Druck der Öffentlichkeit. Nach massiver Kritik wegen der Datenaffäre hat sich Hartmut Mehdorn in einem Mitarbeiterschreiben an die Beschäftigten gewandt. Darin räumt er «falsch verstandene Gründlichkeit» bei dem umstrittenen Datenabgleich ein — und fügt hinzu: «Aus heutiger Sicht waren wir hier übereifrig.“

SZ — Falsch verstandene Gründlichkeit

Die Frage, die sich nun stellt: Wie glaubwürdig sind diese Worte? Offenbar sind sie nur Schall und Rauch. Auch Deutschlands Vorzeigeblogger begehen Fehler und so veröffentlichte netzpolitik.org ein Memo des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten zu der Rasterfahndung der Bahn. Es kam wie es kommen musste – heute bekam Markus Beckedahl die Rechnung präsentiert, in Form einer Abmahnung:

Die Deutsche Bahn AG hat mir soeben meine erste Abmahnung für dieses Blog geschickt. Konkret geht es um das interne Memo zur Mitarbeiter-Rasterfahndung bei der Deutschen Bahn, das ich am Samstag hier publiziert habe.

Nun weiß ich nicht, wie die Chancen sind, mich vor Rechtstreitigkeiten mit dem Konzern zu schützen, bzw. ob ich Chancen habe, dagegen vorgehen zu können. Und bitte daher die mitlesenden Juristen um Rat.

Nach meiner Einschätzung wird ausschließlich politischer Druck etwas bewegen können. Rechtlich wird es da sehr schwierig – auch sollte man vielleicht einmal überdenken, das Abmahnschreiben im Originalwortlaut wiederzugeben. Auch dagegen könnte ein findiger Jurist wegen des Urheberrechts vorgehen. netzpolitik.org wird meiner Meinung nach keine große Chance haben. Wie bereits erwähnt, ist politischer Druck der einzige Ausweg. Auch werden 1.000 Blogger und 1.000 Twitterer nichts bewirken. Wen interessiert da draußen in der realen Welt dieser kleine Mikrokosmos? Markus würde gut daran tun, seine gesamten grünen Kontakte spielen zu lassen. Zudem hat er mit Sascha Lobo einen derer neben sich stehen, der bei der SPD ein– und ausgeht. Dann zeigt mal, was Ihr könnt, Jungs. :)

Die Bahn indes zeigt, auch wenn so wohl aufgrund der perfiden Rechtslage in Deutschland im Recht ist, ihr wahres Gesicht. Die Erklärung Mehdorns am heutigen Tag dienen offensichtlich dazu, Politik und die Massen zu beruhigen. Man kann nicht wirklich davon ausgehen, dass hier Ehrlichkeit mit im Spiel ist. Es wird eine Entschuldigung ausgesprochen, mit den Worten, man sei übereifrig gewesen, gleichzeitig verschickt man eine Abmahnung an eine Webseite, die sich kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Die Verlautbarungen sind nichts als reine PR, den Anschein hat es zumindest. Glaubwürdigkeit geht anders.

Die Worte Mehdorns sind offensichtlich das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden. Es wird wirklich Zeit, dass Hartmut Mehdorn seinen Posten verlässt und die Bahn von Grund auf neu strukturiert wird. Es kann nicht sein, dass das größte deutsche Volksvermögen verramscht wird, Kinder um ihr Leben bangen müssen, wenn sie ihre Bahnkarte vergessen haben und nachts aus den Zug geschmissen werden und das kritische Zeitgenossen per Abmahnung mundtot gemacht werden sollen. Die deutsche Bahn ist Staatsvermögen und gehört den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes. Es wird Zeit, dass dies wieder in den Vordergrund gerückt wird. Es darf nicht sein, dass genau das Gegenteil geschieht und dass das Volksvermögen und die dahinter stehende Macht gegen das Volk, gegen die Bürgerinnen und Bürger eingesetzt wird. Die Politik ist gefordert. Jetzt und hier. Welche Partei, welcher Politiker hat den Mut? Bitte vortreten.

, , , , , , , , , , ,

16 Antworten zu “Die Glaubwürdigkeit der Bahn und des Bahnchefs Mehdorn”

  1. es ist ja schon sehr bezeichnend, wenn diese öminöse erklärung von mehdorn und die abmahnung offenbar am gleichen tag rausgehen…

  2. Schnüffel-Affäre der DB AG — netzpolitik.org abgemahnt…

    “netzpolitik.org ist ein Blog und eine politische Plattform für Freiheit und Offenheit im digitalen Zeitalter.” Im Zuge der “Schnüffel-Affäre” bei der Deutschen Bahn hatte auch die Plattform “für Offenheit” netzp…

  3. Fettnäpfe in 1435er Spurweite…

    Immer wenn du denkst, noch peinlicher könne es jetzt nicht mehr werden, setzt Mehdorn-Airlines noch einen drauf … Grade erst hat die Bahn fürchterlich schlechte Presse für ihre Mitarbeiterbeschnüffelung im großen Stil bekommen, und schon wieder …

  4. PZK sagt:

    Ist das nicht eigentlich mal ein gutes Beispiel, dass die Blogosphäre auch als Gegenöffentlichkeit Macht ausübt? Ich weiß, nicht immer, aber bei diesem Thema funktionert es doch anscheinend .… Um mal auf frühere Gespräche hier im Blog Bezug zu nehmen.

  5. Chris sagt:

    Nope, die paar Blogger, noch viel weniger die Twitterer interessieren eine Sau. Mehdorn hat andere Probleme…

  6. Grainger sagt:

    Ich bin der festen Überzeugung, Herr Mehdorn gibt (wie alle Manager, Politiker und Bankster) immer nur genau so viel zu, wie nan ihm sowieso gerade beweisen kann.

    Ebenso sicher werden weitere Enthüllungen folgen.

    Das der Aufsichtsrat nun Entsetzen heuchelt ist allerdings mehr als nur ein bißchen lächerlich, denn entweder haben sie davon gewußt und weggesehen, oder man konnte mehrere derart großangelegte Aktionen vor den Aufsichtsratsmitgliedern verbergen, dann sind sie einfach nur unfähig.

    In beiden Fällen sollte man sich entschädigungslos vom kompletten Aufsichtsrat (und am besten auch vom Vorstand, auf den prinzipiell das Gleiche zutrifft), trennen.

  7. Martina sagt:

    Was mich doch sehr irritiert ist, dass offensichtlich nur Heise.de es geschafft hat, die aktuelle Abmahnung in die Berichterstattung aufzunehmen. Alle anderen Medien scheinen (und das obwohl die Abmahnung nur so vertwittert wurde) diese Info zu ignorieren.

    Allein «Indiskretion Ehrensache» hat sich dieser Angelegenheit angenommen.…

  8. My 0,02 Euro sagt:

    Die Datenschutzaffäre bei der Bahn weitet sich immer mehr aus. Der Konzern überprüfte 2005 offenbar die komplette Belegschaft von damals rund 220 000 Beschäftigten.

    Mehdorn verschweigt weiteren Daten-Skandal

  9. Chris sagt:

    Schon lange bekannt

    P.S. Ich mag keine Focus-Links…

  10. Oliver sagt:

    >und das obwohl die Abmahnung nur so vertwittert wurde

    Ich erkläre dir mal das Problem: who the fuck cares? Ich beispielsweise durchwandere das Web sei ’95, spiele hier herum, mische dort mit, kenne mich mit den techn. Interna leidlich gut aus — aber netzpoli und der dortige Dunstkreis gehört nicht zu meinem Aufmerksamkeitshorizont. Warum? Es gibt wichtigeres und meine Quellen zeichnen sich mittels Inhalt aus. Desweiteren Twitter — lese ich ebenso, aber o Wunder … auch dort kein besagter Dunstkreis.

    Aber natürlich, die Presse, die muß das wissen. Warum? Ob einer arroganten Grundhaltung, weil deren ferner Traum vom Bürgerjournalismus über die Zeit — teils wegen Unerfüllbarkeit — zur Manie mutierte? Diesem Noise gehören auch wir hier an und wir leben gut damit, verfallen nicht dem Größenwahn un haben unseren Fun, als auch ernste Momente. Und wenn man «drei» Mann herumreißt und nicht dem Lawinenprinzip hinterherträumt, dann kommt man gar ganz authentisch rüber :-)

    Das nun der Noise von der Bahn und den etablierten Medien derart abgefertigt wird — heise hat im Mainstream übrigens auch wenig bis gar keine Relevanz — verwundert nicht. Die Reaktion war zu erwarten, die fehlende Einsicht ist usus in derlei Gefilden — btw. auf beiden Seiten. Die eine Seite hat keine Zeit für den Noise, die andere betrachtet den von Chris erwähnten Microkosmos ausschließlich mit der Lupe. Kann nicht gutgehen …

    Ach und ich bin kein Moralapostel, jeder wird mal früher oder später auf seine Tatsächliche Größe bzw. Relevanz zurechtgestutzt — der eine lernt was draus und wird kein Held, der andere wird der Held des Noise und hebt endgültig ab. Der Rest der Welt dreht sich unbeeindruckt weiter, ja gar 99.9% des Internets bemerkt überhaupt nichts. Ich würde jetzt ja nun gerne schließen mit einem «sucht mal wieder die reale Welt auf», aber dort würde man nur das Bahndilemma schauen — adäquater also wäre «sucht mal wieder das Netz auf, abseits der Route im Unterholz». Guten Abend.

  11. Chris sagt:

    Nur als Ergänzung: Die reale Welt da draußen interessiert sich ja nicht einmal für den Datenschutz-Skandal…

  12. Das zerfallende Empire sagt:

    Die personelle Aufräumarbeit vor den (verschobenen) Börsengang ist wohl für Herrn Mehdorns mit dieser Datenschutzaffäre gescheitert. Der Zwang um Personalabbau in der DB um die zukünfigen Aktionäre in Jubel Laune zu versetzen ist und bleibt Steinzeitkapitalismus in Reinform.

  13. […] Sven Scholz, gegenglueck, trash-wissen, fefe, Micha Schmidt, der Bembelkandidat, off the record, F!XMBR, Telagon Sichelputzer, Basic Thinking :-) und sogar 3sat bloggt […]

  14. kkanzler sagt:

    ist mein kommentar von gestern abend im spamfilter hängengeblieben oder habt ihr den mit absicht nicht freigeschaltet? falls ja, darf man erfahren warum?

    gruß

  15. Chris sagt:

    War mir juristisch zu heikel, da mit irgendwelchen Paragraphen zu spielen, Stichwort Rechtsberatung. Zudem völlig unnütz. Ob nun eine Abmahnung von dritter Seite veröffentlicht wird oder eine, die mir direkt zugestellt wird, ist urheberrechtlich völlig ohne Belang.

    Und können wir jetzt das Thema sein lassen? Danke. In der realen Welt ist das nämlich, wenn überhaupt, nur noch Fußnote.

RSS-Feed abonnieren