Die geschröpfte Intelligenz

Dass die FAZ in den letzten Jahren verkommen ist, zwischen den Eskapaden ihres Mitherausgebers Frank Schirrmacher’s und der sozialpolitischen Hetze wie die Kugel im Flipperautomat hin und her geschlagen wurde, ist bekannt. Der Spiegel wird heute noch von den Menschen als links bezeichnet, dementsprechend die FAZ als konservativ. Unter dem Strich jedoch bleibt die gleiche, niveaulose Grütze — die gleiche Lehre wird dem Leser verkauft, als Heilsbringer unserer Gesellschaft. Die FAZ und ihre Redakteure frönen dem Neoliberalismus — alle Macht dem Kapital, die Schwachen unserer Gesellschaft bleiben auf der Strecke, ich habe dazu schon mehr als genug geschrieben. Frohe Weihnachten möchte man heute der FAZ zurufen — kommt deren Weihnachtsbotschaft doch besonders perfide daher. Holger Steltzner erfreut uns mit seiner Form der Weihnachtsgeschichte. Ganz auf Linie des Springer-Konzerns und der Kollegen in der Brandstwiete.

Es herrscht ein Gefühl der Ungerechtigkeit — schon nach dem ersten Satz kann man eigentlich aufhören zu lesen, nein, es ist nicht nur ein Gefühl. Wir leben in einem der reichsten Industrieländer der Welt — und wenn in diesem Land (wieder) Menschen hungern, insbesondere Kinder, dann ist es nicht nur ein Gefühl, dann ist diese Ungerechtigkeit Tatsache, traurige und perverse Gewissheit. Und gleich im ersten Absatz kann der noch eigenständig denkende Leser sehen, wohin die Reise geht — es sei zwar alles verständlich, aber mehr Umverteilung doch bitte nicht, es würde nicht der tatsächlichen Lage entsprechen. Holger Steltzner schafft es hier gleich, ein wunderbares Bild aufzubauen. Man drückt ein wenig auf die Tränendrüse, heuchelt Interesse um dann Hilfe mit einer angeblichen Realität abzulehnen.

Im zweiten Absatz spielt der gute Herr Holger Steltzner ein wenig Opposition — er klagt zurecht an, dass den Bürgern im letzten Jahr tief in die Tasche gegriffen wurde, er weist daraufhin, dass der Aufschwung nicht bei jedem ankommt und dass die Politik eine Scheindiskussion über Managergehälter führt — diejenigen, die genommen haben, rufen nun Haltet den Dieb!. Auch dem mag man zustimmen, ja, der Pöbel ballt schon die Fäuste in der Tasche — das ganze aber mit Berechnungen der FDP zu unterlegen, hat dann was von wir messen den Rechtsradikalismus in unserem Land mit Hilfe der NPD. Auch hier befinden wir uns in dem Pamphlet Holger Steltzner noch in der Einleitung, in der aber schon klar erkennbar ist, wohin der Hase läuft.

Im folgenden Absatz geht Holger Steltzner dann in die Vollen. Gerade eben noch verurteilt er die Scheindiskussion der Managergehälter, um dann den Lesern der FAZ mit auf den Weg zu geben, dass die Gehälter der Manager oder Geschäftsführer unter der Ebene der DAX-30-Unternehmen seit 30 Jahren so schwach gestiegen sind wie die Löhne der Arbeiter und Angestellten. Will er hier den Teufel mit dem Beelzebub austreiben? Oder einfach seine Wahrheit unter das Volk bringen? Kein Mensch, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe, hat ein Problem mit den höheren Gehältern der Manager — Im Gegenteil, viele sind sogar froh, keine Verantwortung zu tragen. Man will nur halbwegs in Ruhe leben. Es gibt nur extreme Auswüchse, die keine Entlohnung bedeuten, sondern reine Abzocke sind. Das aber nur am Rande. Holger Steltzner scheint sich hier die Welt zu machen, wie sie ihm gefällt — gerade noch die Debatte verurteilt, um dann selbst damit zu argumentieren — das Prekariat habe doch bitte den Mund zu halten.

Was dann folgt, ist schwerlich in menschliche Worte zu fassen. Die Globalisierung muss wieder einmal als Ausrede dafür herhalten, dass die Schere zwischen arm und reich auseinanderdriftet. Dieser Mythos wurde schon mehrfach widerlegt, dazu sage ich hier nichts. Was dann folgt, kann man nur mit dem Wort ekelerregend bezeichnen. Die, die diese Ungerechtigkeiten anprangern, sind, wie immer Populisten, natürlich gibt es eine Verschwörung, Holger Steltzner spricht von medialen Helfern. Holger Steltzner kommt dann schnell zum Punkt seiner Sichtweise auf die Probleme in unserem Land: Armut ist relativ. Ist das noch gedanklich zu fassen? Ich tue mich gerade sehr schwer, mich überhaupt mit solcher sozialpolitischer und menschlicher Hetze auseinanderzusetzen. Wie oft hat man rhetorisch selbst schon den Satz gesagt — xyz ist relativ. Es soll nichts anderes heißen, es ist nicht vorhanden. Quintessenz: Armut ist in unserem Land nicht vorhanden.

Natürlich kann Holger Steltzner auch seine Ansicht begründen — verdoppelten sich über Nacht Einkommen und Vermögen der Deutschen, gälten statistisch die Armen mit doppeltem Einkommen als so arm wie zuvor. Was Holger Steltzner hier vergisst — die Menschen hätten aber etwas zu essen und könnten wieder leben. Kinder könnten wieder mit einem Lachen aufwachen. Selten zuvor habe ich eine derart verquerte Argumentation gelesen, lasst die Armen doch hungern, sie bleiben sowieso arm. Hier offenbart sich dann die Gedankenwelt von Holger Steltzner, die man eigentlich kaum kommentieren muss. Das ist neoliberale Lehre in Reinkultur — alle Macht und alles Geld den Reichen, die Armen haben zu (ver)hungern. Nicht vergessen, sowas erscheint in der FAZ, die gemein als eines der Leitmedien in unserem Land gilt.

Was folgt, muss man kaum noch erwähnen — es ist das altbekannte Spiel. Die Statistiken werden wieder hervorgekramt, aus denen hervorgeht, dass die Reichen die meisten Steuern zahlen — klar, nach den Statistiken hat auch jeder Deutsche ein Gesamtvermögen von 115.000 Euro. Was beschwere ich mich hier eigentlich so? Die Reichen finanzieren dieses Land, und wir alle haben ein Vermögen von 115.000 Euro zur Verfügung. Laut Statistik. Die Worte Holger Steltzners enden dann in dem typischen Blödsinn — die ominöse Mitte der Gesellschaft wird aus dem Hut gezaubert, diese seien die Leistungsträger der Gesellschaft.

Ohne das jetzt großartig verneinen zu wollen — mit der Argumentationsstruktur im Vorfeld, werden, wie so häufig, die unterschiedlichen Gesellschaftsgruppierungen aufeinander gehetzt. Holger Steltzner schließt dann mit der Lüge der heutigen Zeit, dass Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten. 22 von 27 Ländern in Europa haben Mindestlöhne — viele unsere Nachbarn haben höhere Mindestlöhne, als die bei uns angedachten 7,50 Euro, bei denen ich mich immer frage, wer ohne zusätzliche staatliche Unterstützung davon leben soll. In diesen Ländern hat es trotzdem nicht zu einem Rückgang der Beschäftigung geführt, ebenso wenig, wie bei uns in der Baubranche — und die Mär aus der Postbranche, die Springer-Chef Mathias Döpfner verbreitet, glaubt sowieso kein intelligenter Mensch mehr.

Das Pamphlet Holger Steltzners ist eigentlich nicht der Rede wert — ist ist so offensichtlich, in der FAZ erwarte ich schon keinen eigenen Gedanken mehr, gar soziale oder menschliche Ansätze — aber mir war gerade danach. Essen im Ofen — da kann man ruhig mal den Leuten vor Augen halten, was sie da täglich lesen. Ebenezer Scrooge war zum Schluss geläutert, er hat erkannt, wie sehr er sich selbst am meisten geschadet hat, wie sehr er selbst verloren war. Bei den Vertretern der neoliberalen Lehre ist das nicht zu erkennen — sie werden eines Tages untergehen. Menschlich untergegangen sind sie heute schon. Das beweist diese wunderbare Weihnachtsgeschichte der FAZ. Frohe Festtage Euch. :)

P.S. Liebe FAZ — das Symbolbild ist auch grandios. Das hat ungefähr so viel mit einer Durchschnittsfamilie zu tun, wie Ihr mit sozialer Verantwortung. 😉

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5 Antworten zu “Die geschröpfte Intelligenz”

  1. Grainger sagt:

    Das Argument Armut ist relativ höre ich (in der einen oder anderen abgewandelten Form, aber das Prinzip bleibt grundsätzlich das Gleiche) auch immer wieder.

    Natürlich mag ein Hartz 4-Empfänger in Deutschland immer noch ein besseres Leben haben als ein Ghetto-Bewohner in Brasilien (oder ein Unberührbarer in Indien oder ein Wanderarbeiter in China oder …), aber ich lebe immer noch in Deutschland und messe die relative Armut immer noch im Vergleich zu den Maßstäben hier.

    Man kann natürlich unendlich relativieren und letztendlich alles auf die absoluten physischen Grundbedürfnisse reduzieren, aber dann bleibt dann ja nicht mehr viel über das nackte Überleben hinaus übrig.

  2. derhans sagt:

    Was nützt es dem Armen, das ein anderer irgendwo auf der Welt noch ärmer ist?

  3. Chris sagt:

    Du sagst es — da scheint im Moment aber auch eine Kampagne zu Weihnachten laufen. Egal wo — überall schreien sie im Moment ihre Propaganda heraus…

  4. deprigirl sagt:

    Den Armen nützt es freilich nichts, wenn wo anders die Armut größer ist, aber es ist gut für das Gewissen der Menschen, die Armut wegreden wollen (aus welchen Gründen auch immer)

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