Die Deutsche Kinderhilfe als vermeintliches Opfer

Die so genannte Deutsche Kinderhilfe ist nach dem Hack wieder online. Die aktuelle Pressemeldung lässt dann auch nichts zu wünschen übrig — man kann schon fast von Demagogie und Tatsachenverdrängung par excellence sprechen. Es bleibt zu hoffen, dass der Journalismus in diesem Land nicht vergisst, um was für eine Institution es sich hier handelt — und vielleicht sogar noch weiter gräbt. Man mag es kaum glauben, aber die so genannte Deutsche Kinderhilfe stellt sich nun selbst als Opfer dar.

Sie schreibt (Nachtrag, ein paar Stunden später: Der Text ist verschwunden):

Nachdem Befürworter der Online-Petition gegen das Gesetz zur Bekämpfung der Kinder“pornographie“ in Kommunikationsnetzen mit einer regelrechten Schmutzkampagne gegen die Deutsche Kinderhilfe erfolglos versucht haben, den Auftakt der Kampagne „Stop! – Meine Unterschrift gegen Kinder“pornographie“ im Internet“ in der letzten Woche zu erschweren, wurde am Wochenende der Netzauftritt der Deutschen Kinderhilfe zunächst manipuliert und dann zum Absturz gebracht.

An diesem Satz stimmt so ziemlich genau eine Sache: Der Hack der Webseite der Deutschen Kinderhilfe, den — und darauf sei hier noch einmal hingewiesen — auch die Deutschen Blogger verurteilt haben. Der Rest ist Legendenbildung. Eine Schmutzkampagne wurde mit Sicherheit nicht gefahren, oder will die so genannte Deutsche Kinderhilfe hier zum Beispiel den Tagesspiegel (oder auch andere berichtende Medien) mit einbeziehen? Auch wurde nicht versucht, die Unterschriftenkampagne zu erschweren — das hat die so genannte Deutsche Kinderhilfe selbst besorgt. Der Protest der Menschen richtete sich ausschließlich gegen die geplante Internetzensur und die Parteinahme der so genannten Deutschen Kinderhilfe. Dass dabei die Vergangenheit dieser Institution eine Rolle spielte, sollte selbstverständlich sein. Man hat gegraben und Übles zu Tage gebracht.

Weiter im Text:

Persönliche Angriffe gegen Mitarbeiter, bis hin zum Vorwurf pädokrimineller Neigungen des Vorsitzenden sowie Anspielungen auf längst geklärte und aufgearbeitete Vorwürfe aus dem vergangenen Jahr dienten einzig dem Zweck, den Überbringer schlechter Nachrichten zu diskreditieren: Eine lautstarke und gut vernetzte Gruppe hat es durch die Mechanismen des Internets geschafft, Bedenken gegen das Gesetz so zu artikulieren, dass der falsche Eindruck entstand, es handele sich um die Meinung einer Bevölkerungsmehrheit.

Ich habe mit Sicherheit fast alle Nachrichten zu der so genannten Deutschen Kinderhilfe am Wochenende verfolgt, dass dem Vorsitzendem pädokrimineller Neigungen vorgeworfen werden, ist mir nicht bekannt. Wäre aber sicherlich interessant, zu recherchieren. Das einzige Gerücht, welches die Runde machte, liest sich wie folgt: Mir steckt gerade jemand das Gerücht, dass der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe sich ein Pferd mit einer Abteilungsleiterin im Familienministerium teilt. Aber auch da wurden die Blogger zu Folgendem aufgerufen: Recherchiert doch mal, um dieses schmutzige Gerücht zu widerlegen. Das sind wir der Kinderhilfe und dem Familienministerium schuldig. Das ist ja wohl das mindeste, was wir für eine Versachlichung dieser Diskussion leisten können. Und natürlich sind wir derzeit noch in der Minderheit — spricht das Halbblut Apanatschi unsere Zensursula doch mit gespaltener Zunge. Wie so häufig im Wahlkampf und der Politik wird den Menschen nicht die ganze Wahrheit und gewiss nicht die Folgen erzählt. Und genau das ist auch ein Kritikpunkt, Christian Bahls, selbst Missbrauchsopfer fühlt sich von Ursula von der Leyen — und sicherlich auch den Lobbyisten wie der so genannten Deutschen Kinderhilfe — ein zweites Mal missbraucht.

Dass in der Presseerklärung auch noch auf die manipulative und irreführende Umfrage von Infratest dimap hingewiesen wird, muss nicht weiter kommentiert werden. Hier stellen sich Täter als Opfer dar. Die Internetzensur soll eingeführt werden, Bürgerrechte, das gerade erst durch Karlsruhe geschaffene Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme ausgehöhlt werden. Dafür kämpfen Ursula von der Leyen und die so genannten Deutsche Kinderhilfe. Man muss nicht dieser Meinung sein, sicher, doch wenn man eine Versachlichung der Debatte fordert, sollte man auf die Argumente der Gegner der Internetzensur vielleicht einmal eingehen. Geschieht dies nicht, wie im aktuellen Pamphlet der so genannten Deutschen Kinderhilfe, verstärkt das den Eindruck als gehe es hier am wenigsten um Kinder, viel mehr um Lobbyismus pro Internetzensur.

Eine Versachlichung in die Debatte bringt jetzt im Übrigen die Gesellschaft für Informatik e. V. ein. In einer beeindruckenden Presseerklärung stellt sie noch einmal dar, dass Internetsperren nicht wirksam sind, weist auf die Folgen von Internetsperren hin und stellt Forderungen an die Politik, sollte diese an den Änderungen des TeleMedienGesetzes festhalten.

Wirksamkeit

Die Sperrung von Webseiten ist keine sinnvolle Maßnahme der Strafverfolgung. Es reicht keinesfalls aus, den Zugriff auf pädophile Inhalte im Internet zu erschweren. Vielmehr muss von vornherein verhindert werden, dass solche Inhalte überhaupt erstellt und dann auch noch veröffentlicht oder weitergegeben werden. Sperrungen bewirken nicht, dass diejenigen, die Verbrechen an Kindern begehen, gefasst und verurteilt werden. Dies können nur Polizei und Staatsanwaltschaften erreichen.

Die Gesellschaft für Informatik e.V. fordert die Behörden daher nachdrücklich auf, unverzüglich gegen die ihnen bekannten Provider von Kinderpornografie strafrechtlich vorzugehen, die relevanten und behördenbekannten Server stilllegen zu lassen und ebenfalls gegen alle diejenigen strafrechtlich vorzugehen, die kinderpornografische Inhalte gezielt abrufen und tauschen.

Nachteilige Auswirkungen

  • Meinungs– und Informationsfreiheit
  • Gewerbefreiheit
  • Datenschutz
  • Geheimhaltung
  • Kommerzielle Schäden

Anforderungen an eine nicht zu verhindernde gesetzliche Regelung

  • ISP ausschließlich Sperrverfahren einsetzen, die vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik auf der Grundlage der Common Criteria unter Sicherheitsaspekten zertifiziert sind,
  • das Sperrverfahren auf Kinderpornografie beschränkt ist und nicht auf weitere Inhalte des Internet – insbesondere nicht geheim – so erweitert werden darf, dass die Verbreitung nicht-strafbarer Informationen und Meinungen behindert wird.
  • keine Daten unbeteiligter surfender Nutzer erhoben werden, sondern tatsächlich nur solcher Nutzer, die es unternehmen, sich den Besitz kinderpornografischer Inhalte zu verschaffen und
  • die Bürger über die Technik und die Folgen der Sperrungen für sie endlich vollständig und verständlich informiert werden.

Zusammenfassung

  • Die zuständigen Strafverfolgungsbehörden sind so zu unterstützen, dass sie Kinderpornografie wirksam verfolgen können.
  • Deutschland darf nicht in den Verdacht kommen, zu den nicht-demokratischen Staaten zu gehören, die das Internet zensieren wie etwa China, Iran oder Kuba.
  • Die GI fordert alle ISP auf, ihnen bekannt gewordene Pädophile (Anbieter und Nutzer von Webseiten) unaufgefordert und unverzüglich den deutschen Strafverfolgungsbehörden oder einer (geplanten) EU-weiten Meldestelle für kriminelle Aktivitäten im Internet zu melden.
  • Die GI fordert die Bundestagsparteien auf, das allein dem Wahlkampf geschuldete Änderungsgesetz abzulehnen.

Dem ist Nichts hinzuzufügen. Eine Versachlichung der Debatte, liebe so gennannte Deutsche Kinderhilfe? Gerne — geht doch einmal auf die Punkte der Gesellschaft für Informatik e. V. ein. Das wäre ein Anfang. :)

, , , , , , , , , , , , , , ,

20 Antworten zu “Die Deutsche Kinderhilfe als vermeintliches Opfer”

  1. […] F!XMBR: Die Deutsche Kinderhilfe als vermeintliches Opfer […]

  2. no sagt:

    Hast du auch die verlinkten FAQ unter der Pressemitteilung gelesen, aus der du zitiert hast? (Auf einen Link verzichte ich) Dort wird es noch unsachlicher. Keines der Argumente der Gegenseite wird wirklich entkräftet. Dort finden sich noch solche Stilblüten: «Diese Sperren sind nur für den zu umgehen, der mit krimineller Energie an kinder“pornographische“ Dateien gelangen möchte.» Gähn.

  3. CThurner sagt:

    Zum Thema Versachlichung der Debatte hätte ich zusätzlich folgende Frage an den Herrn Ehrmann:

    Bei den Fragen und Antworten zur Stop!-Kampagne der Deutschen Kinderhilfe wird unter Punkt 1 folgendes behauptet:

    Zitat: „Das Betrachten eines kinder“pornographischen“ Bildes erfüllt den Straftatbestand des § 184 b StGB. Nach geltender Rechtslage macht sich derjenige, der das Bild betrachtet und damit in seinem Arbeitsspeicher lädt, strafbar, auch wenn es durch eine Spamwelle kommt. In Ermittlungsverfahren wird dies aber ermittelt und führt nicht zur Anklage. Wenn nun statt des Bildes ein Stop-Schild erscheint, entfällt die Strafbarkeit. Wenn jedoch der User die Sperre umgeht, macht er mit gesteigerter krimineller Energie deutlich, dass es ihm auf das Betrachten der Datei ankommt. Somit macht er sich strafbar. Eine Kriminalisierung Unschuldiger kommt durch dieses Gesetz damit nicht zustande.

    Antwort: Lt. FAZ.net Artikel «Wer das Stoppschild sieht, ist verdächtig» vom 15.05.: Strafbar ist schon der bloße Versuch, sich Kinderpornographie zu beschaffen. Damit begründet jeder versuchte Aufruf einer einschlägigen Internetseite laut Justizministerium einen Anfangsverdacht, der weitere Ermittlungen nach sich ziehen kann.

    Die Umgehung der Sperren kann jedoch nicht nachvollzogen werden und kann somit auf diesem Weg strafrechtlich nicht verfolgt werden.

    Diese derzeit vorgesehene Regelung würde aber die große Gefahr einer Kriminalisierung von Unschuldigen beinhalten und zugleich die tatsächlichen Konsumenten schützen. Mir ist unklar, wieso eine solche Vorgehensweise sinnvoll sein sollte — können Sie mir erklären, inwieweit diese Regelung hilft, Kinder vor Missbrauch zu schützen? Oder zumindest den Konsum von Kinderpornografie einzudämmen?

    Mit freundlichen Grüßen
    CThurner

  4. Nur ein kurzer Quak: Der Mensch von MOGIS heißt Christian Bahls. :-)
    Gruß, Frosch

  5. Chris sagt:

    Autsch.

    Ist korrigiert, danke für den Hinweis. :)

  6. V sagt:

    Das Volk sollte sich nicht vor seiner Regierung fürchten. Die Regierung sollte sich vor ihrem Volk fürchten“

    „Hinter dem Internet steht steht eine Idee und Ideen kann man nicht zensieren!“

    Geht euch Masken kaufen!

  7. Hat jemand das PDF gesehen, das wiederum in dem FAQ-PDF verlinkt ist? Ich frage mich fast, ob das am Ende ein Versehen ist, denn es liest sich meiner Meinung nach nicht wie gute Presse, auf die man an dieser Stelle verweisen würde. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur zu blöd das zu verstehen… (Ich meine die dpa-Meldung unter Punkt 7.)

  8. V: Geht euch Masken kaufen!
    Already done.

    Wir von Project Chanology — Anonymous Munich haben unsere Masken. Ebenso Hamburg und Berlin. Der Ratschlag ist so schlecht nicht. Je mehr desto besser. Wir als die Anonymen sehen dadurch eine Möglichkeit für den Bürger sich wehren zu können.

    Wir sind übrigens selber am umdenken und haben das Thema Internetzensur in unser Aufgabengebiet übernommen. Denn die ganze Scientologyaktion fing ja ursprünglich mit der versuchten (aber von uns erfolgreich verhinderten) Tom Cruise Videozensur los.

    Wir verlinken wir auf Anonmunich schon auf Fixmbr und werden uns bei Gelegenheit ebenso engagieren wie: Anonymous Hamburg

    Mfg Anonmunich

  9. Das oben verlinkte Statement in den News der Website wurde anscheinend entfernt. Die darin verlinkte FAQ ist aber noch da:

    PDF

  10. Cyberfux sagt:

    Was ich ja bis jetzt nicht begreife ist: Wie kann ein Defacement eine WEBSEITE zum Absturz bringen?

    Korrekt wäre doch:
    Durch den massenhaften Zugriff derer die sich über das Defacement totlachten brach unser viel zu schwachbrüstiger Server endgültig zusammen. Wir rufen alle pädokriminellen Internetnutzer auf unsere Seite nicht mehr zu besuchen.

    Mal ernsthaft, bei was für einem LOL-Verein werden die denn gehostet?
    Als ich mein Blog neu aufsetzen musste (INKL. Server) war das nach 1–2 Stunden getan, und hat beileibe nicht fast 3 Tage gedauert. Das müsste jeder noch so dämliche Webhorst doch wohl auch hinbekommen!

    In diesem Sinne: Benutze Kopf mit Keyboard!

  11. Das wird ja immer ekelhafter.
    Ich kann mir schlechterdings etwas perfideres vorstellen, wie diese rücksichtslose Kampagne auf dem Rücken und im Namen von Kindern.

  12. Chris sagt:

    @Cyberfux: Das kommt noch dazu. Auf den Quatsch bin ich gar nicht eingegangen.

  13. […] F!XMBR — Die Deutsche Kinderhilfe als vermeintliches Opfer: An diesem Satz stimmt so ziemlich genau eine Sache: Der Hack der Webseite der Deutschen Kinderhilfe, den — und darauf sei hier noch einmal hingewiesen — auch die Deutschen Blogger verurteilt haben. Der Rest ist Legendenbildung. Eine Schmutzkampagne wurde mit Sicherheit nicht gefahren, oder will die so genannte Deutsche Kinderhilfe hier zum Beispiel den Tagesspiegel (oder auch andere berichtende Medien) mit einbeziehen? Auch wurde nicht versucht, die Unterschriftenkampagne zu erschweren — das hat die so genannte Deutsche Kinderhilfe selbst besorgt. Der Protest der Menschen richtete sich ausschließlich gegen die geplante Internetzensur und die Parteinahme der so genannten Deutschen Kinderhilfe. Dass dabei die Vergangenheit dieser Institution eine Rolle spielte, sollte selbstverständlich sein. Man hat gegraben und Übles zu Tage gebracht. […]

  14. Sebastian sagt:

    Der Artikel ist immer noch/wieder online. Er ist nur von id=192 zu id=195 umgezogen.

    Klick

  15. Chris sagt:

    Irgendwie scheinen da täglich Artikel zu verschwinden. Auch der Artikel ist nicht mehr online…

  16. Phil sagt:

    Chris,

    wie wäre es, würdest Du über diese ominösen und verschwundenen Seiten auch mal einen Artikel erstellen?

    Btw.: Wo ist Oli?

  17. Chris sagt:

    Oliver hat sich auf seine kleine private Insel zurückgezogen.

    Artikel folgt, aber nicht zu dem Thema, habe gerade was Feines in meinem E-Mail-Postfach gefunden.

  18. Arno sagt:

    Hmm, der Eintrag auf Wikipedia wurde mal wieder geändert.
    Ich frage mich, wieso dort geschrieben steht :

    «Zuvor war der Umgang der Kinderhilfe mit Spenden als intransparent kritisiert worden.[6] Der immense Druck der Öffentlichkeit habe nach eigenen Angaben zu keinerlei Veränderung an den Strukturen geführt.[7]» und als Verweis [7] auf das das PDF «FAQs zur Kampagne „STOP! – Meine Stimme gegen Kinderpornographie im Internet“ (PDF) «. Das suggeriert irgendwie, dass der öffentliche Druck durch die aktuelle Geschehnisse zustande kam.

  19. […] Unwissenheit „das Internet“ als irgendetwas diffus gefährliches ansehen – wie beispielsweise F!XMBR treffend analysiert. Ich werde mich an dieser Stelle nicht entblöden zu behaupten, daß dieser Hack von der Deutschen […]

  20. Anonymous sagt:

    Sachich, ja, aber viel erfreulicher wirken die Forderungen der GI auf mich nicht — sie fordern letzten Endes nur eine aufgeräumte Version des Gesetzes, welches gerade im Prozess ist, verabschiedet zu werden, und befürworten von Sperren über Placebo– und Scheinwahrungspolitik (Da steht «Deutschland darf nicht in den Verdacht kommen, zu…», nicht «Deutschland darf nicht zu…») bis zu Aufzeichnung und Übermittlung von Besucherdaten eigentlich so ziemlich alle Knackpunkte. Die zugrundeliegende Denkweise scheint nach wie vor «Zensur ist in Ordnung, solange nur das zensiert wird, was ich moralisch verwerflich finde» zu sein. Da hilft es auch nicht, dass wieder implizit nach einer Verfolgung auf Basis der sexuellen Orientierung («ihnen bekannt gewordene Pädophile») gerufen wird; ein Schritt auf die soziale Akklimatisation zum mehrheitsgestützten Meinungsdiktat hin wird auch mit diesen Forderungen getan.

RSS-Feed abonnieren