Die Arroganz des Journalismus am Beispiel “Wir-in-NRW”

area_51
Foto: F!XMBR

Vor gar nicht allzu langer Zeit haben ich nicht nur die Ruhrbarone, sondern auch Wir-in-NRW als die Tops-Blogs aus dem Pott bezeichnet. Für Wir-in-NRW war das ein Fehler. In Wir-in-NRW manifestiert sich für mich nicht nur die Arroganz und Abgehobenheit eines ganzen Berufsstandes, sondern offensichtlich auch gänzliches Versagen beim Schutz der eigenen Informanten. Passend zum NRW-Wahlkampf erschien das so genannte Blog Wir-in-NRW auf der Bildfläche.

Alfons Pieper, ehemaliger Stellvertretender Chefredakteur der WAZ, führt eine Redaktion an, deren Redakteure – selbstverständlich — zum eigenen Schutz anonym bleiben müssen. Einen Namen machte sich Wir-in-NRW als sie Internes aus dem innersten Zirkel der NRW-CDU veröffentlichte, Miet-mich-Rüttgers war geboren. Nicht nur Kollegen aus Presse, Funk aus Fernsehen sprangen auf die Machenschaften von Jürgen Rüttgers und Co. an, sondern auch andere Publikationen. An dieser Stelle zeigte sich zum ersten Mal die hässliche Fratze der zum eigenen Schutz anonymen Journallisten von Wir-in-NRW.

Man mag es kaum glauben, aber Wir-in-NRW war auf einmal das erfolgreichste Blog in Deutschland, zumindest laut eigener Darstellung. Dass wir so erfolgreich werden würden, dass im Normalfall Tag für Tag mehr als 5000 Besucher unsere Seiten aufrufen, am vergangenen Mittwoch sogar 11 000 Leser mit 35 000 Seitenabrufen, hatten wir nicht gedacht, es war nicht unser Ziel. Dass wir nun zum erfolgreichsten Politik-Blog in Deutschland geworden sind, verdanken wir auch der Landesregierung und der sie tragenden CDU.

Wenn man sich Journalist schimpft, sollte man zumindest die wenigen Fakten kennen, wenn es um die eigene Publikation geht. Süffisant wurde dann auch in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass es nicht wenige politische Blogs gibt, die erfolgreicher sind und weitaus mehr Besucher täglich zu verzeichnen haben. Als Beispiel seien hier netzpolitik.org oder gar die NachDenkSeiten genannt, eine andere Publikation sei hier unerwähnt. Auch die unflätigen Angriffe auf die Ruhrbarone unter dem Deckmantel der Anonymität zeugen von keiner guten Kinderstube.

Ich kommentierte entsprechend: Der Rest ist typisches Polit– und Werbesprech, wir sind die besten, die anderen sind die bösen und überhaupt, wo bleibt der Pulitzer-Preis. Ohne Verlinkungen und Empfehlungen der anderen wärt Ihr eine kleine Webleiche im großen, weiten Web. Nicht mehr und nicht weniger. Nein, das ist hier kein Journalismus, der betrieben wird, sondern Selbstbeweihräucherung der ganz üblen Sorte. Das Netz hat ohne Wir-in-NRW funktioniert, funktioniert derzeit mit Wir-in-NRW und wird auch weiter funktionieren, wenn die hohen Herren wieder verschwunden sind. Das alles könnte man als ein wenig Ping Pong in den großen Weiten des WWW abtun — ob sich Wir-in-NRW mit dieser Einstellung den Lesern und anderen Publikationen gegenüber lange halten wird, wird sich zeigen.

Doch dann las ich heute beim angenehm unaufgeregt und sachlichen Post von Horn, dass Wir-in-NRW offensichtlich beim Schutz der eigenen Informanten völlig versagt hat und dass der Maulwurf innerhalb der NRW-CDU vor seiner Enttarnung steht. Bei der Enttarnung des CDU-Maulwurfs, so ist dem Beitrag des Deutschlandfunks zu entnehmen, sollen ausgerechnet seine Nutznießer, die anonymen Autoren des Blogs „Wir in NRW“, Beihilfe geleistet haben. An Hand der PDF-Dateien, die „Wir in NRW“ veröffentlichte, ist es offenbar möglich, den Standort des Gerätes zu ermitteln, über den die skandalträchtigen CDU-Dokumente eingescannt wurden, berichtet Bernd Dicks in seinem Beitrag für den Deutschlandfunk.

Sollte sich dieser Umstand bewahrheiten, was ich persönlich nicht hoffe, zeigt sich, was vom großen Blog Wir-in-NRW wirklich zu halten ist: Erst setzt man sich selbst eine Krone auf, die ein paar Nummern zu groß ist, dann versagt man bei der täglichen Arbeit. Guido Westerwelle lässt grüßen. Dieser Umstand scheint Wir-in-NRW bewusst zu sein, wie Post von Horn berichtet: Am Donnerstagmittag zwischen 12.01 Uhr und 12.27 Uhr tauschten sie in ihrem Blog schlagartig alle Dokumente aus, die Rückschlüsse auf die Herkunft ihres Informanten zulassen. Was bleibt? Weiter die Ruhrbarone lesen und Post von Horn in den Feedreader packen und schauen, wie es sich entwickelt. Und bevor ich es vergessen, liebes Wir-in-NRW: Es heißt das Blog. :)

Deutschlandfunk – Meinungsmache

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

, , , , , , , , ,

11 Antworten zu “Die Arroganz des Journalismus am Beispiel “Wir-in-NRW””

  1. vera sagt:

    Ich kannte ‘n Mann, der war noch dicker.

  2. Chat Atkins sagt:

    Nun ja, was sollte deiner Ansicht nach im Falle eines Falles passieren? Der ‘Maulwurf’, wenn man ihn denn so nennen will, würde bei der CDU wohl fristlos rausgekegelt. Das wäre auch rechtens. Ansonsten wäre die strafrechtliche Relevanz seines Handelns in meinen Augen minimal, das würde ausgehen wie das Hornberger Schießen — zumindest dann, wenn er sich auf Gewissenszwang oder ähnliches beruft. Er hätte in meinen Augen schlicht ein unappetitliches, wenn nicht sogar illegales Handeln seines Arbeitgebers oder aber seiner ‘Parteifreunde’ aufgedeckt. Es wäre bestenfalls Illoyalität gegenüber der ‘Familie’. Bautzen droht ihm jedenfalls nicht. Ferner, wenn die CDU ab Mai absehbar gar nicht mehr regieren sollte — wo wäre denn dann das Problem für seinen weiteren Lebensweg geblieben? Dumm käme das doch eher für die braven schwarzgelben Parteisoldaten dort im Rüttgers Club …

  3. Chris sagt:

    @Chat: Das ist nicht die Frage. Wenn ich auf dicke Hose machen, sollte ich zumindest die Kompetenz besitzen, meine Informanten zu schützen.

  4. tanine sagt:

    Nunja, heikle Dokumente online stellen mit Informationen, die Rückschlüsse zulassen, ist schon ein wenig.. nun, dusselig. Solche Informationen abschneiden oder entsprechend wirklich ganz simpel neue Dokumente aufzusetzen sollte als Punkt 1 im Schutze der Anonymisierung gelten.

    lg

  5. Grainger sagt:

    Die Weitergabe jeder Form von elektronischen Dokumenten in einem Format, das Metainformationen enthalten kann, ist natürlich auch von Seiten eines Informanten extrem blauäugig.

    Nun kann ich mir aber nur schwer vorstellen, das in PDF eingebettete Scans von Dokumenten sich zu dem Scanner, mit dem die Bilder erstellt wurden, zurück verfolgen lassen.

    Das würde voraussetzen, dass der Scannertreiber (mit hoher Wahrscheinlichkeit ein TWAIN-Treiber) eine einmalige Watermark in den Scan einbettet (oder je nach Format als EXIF-Tag schreibt) und das diese Watermark auch noch die Einbettung in ein PDF übersteht.

    Ich will das nicht ausschließen, würde es aber bei einem handelsüblichen Scanner der (maximal) 200 Euro-Klasse, wie er üblicherweise in den Büros herum steht, doch für eher unwahrscheinlich halten.

    Wahrscheinlicher ist wohl, dass die Dokumente selbst Rückschlüsse zulassen (Verteilervermerke, evtl. Ein– oder Ausgangsstempel, Handzeichen, usw.), die es erlauben, den Kreis möglicher Informanten stark einzugrenzen. Obwohl man eigentlich annehmen sollte, das ein Informant alle derartigen Hinweise nach dem Scannen mit einer simplen Bildbearbeitung (da reicht sogar Paint) entfernt.

  6. Anonymous sagt:

    @Grainger

    In Büros stehen oft diese großen Kopier/Druck/Scan-Maschinen, die können heutzutage auch direkt eingescannte Dokumente als PDFs ausgeben, eine weitere Software oder TWAIN-treiber etc sind dazu nicht nötig. Was diese Geräte so an Metainformationen mit hinein packen weiss ich nicht, halte es aber durchaus für denkbar, dass möglicherweise z.B. der (Netzwerk-)Name des Druckers drin steht.

    Ob ein durchschnittlicher Büroarbeiter/Informant so ein Wissen besitzt, überhaupt weiss, was Metainformationen sind? Fraglich. Wer eine Webseite betreibt, auf der solche Dokumente veröffentlicht werden, sollte es jedoch definitiv wissen.

  7. Grainger sagt:

    Ob ein durchschnittlicher Büroarbeiter/Informant so ein Wissen besitzt, überhaupt weiss, was Metainformationen sind?

    Also wenn ich mich an meinen Kollegen orientiere, dann weiß der durchschnittliche Büroarbeiter so gut wie gar nichts über den (internen) Aufbau der Dokumente, die er so erstellt, weiterverarbeitet oder auch weiter gibt. Das da u.U. jede Menge an Informationen mitgespeichert (und weitergegeben) werden, die man Dritten vielleicht gar nicht zugänglich machen will, dürfte den meisten Anwendern gar nicht bewusst sein.

    Vor etlichen Jahren wurde auch mal eine Studie zum ökonomischen Nutzen der damals geplanten Transrapid-Strecke Berlin Hamburg als Worddokument ins Netz gestellt. Scheinbar war aber in Word die Funktion «Änderungen verfolgen» (oder so ähnlich) aktiviert, so dass man hinterher wunderbar rekonstruieren konnte, wer an welchen Stellen der Studie so lange gedreht hatte, bis das gewünschte positive Ergebnis zu Stande kam. 😀

    Gab darüber sogar einen Artikel bei heise (bin zu faul, den jetzt heraus zu suchen).

    In so fern halte ich es durchaus für möglich, dass ein Informant sogar Dateien weiter gibt, die seine eigene «Signatur» enthalten.

  8. Tim sagt:

    Provinz-Jourmalisten. Wären lieber bei ihren Bratwurst-Artikeln geblieben. Welche eine Dämlichkeit.

  9. tschill sagt:

    Ich finde die Fokusverschiebung auf das Blog kontraproduktiv. Das hätte Rüttgers selbst nicht besser initiieren können. Mir ist der selbstgerechte Tenor auf Wir in NRW unangenehm, aber hier muß man doch wohl eine Wichtung vornehmen im Vergleich zur Rüttgersaffäre.

    Was die Metadaten angeht — ärgerlich. Vor allem für den Informanten. Aber hinterher ist es immer einfach, alles besser zu wissen. Ebenfalls eine Art von Selbstgerechtigkeit.

  10. Batzi sagt:

    Darf ich auf einen Tippfehler hinweisen:

    Alfons Pieper, ehemalige, Stellvertretender Chefredakteur der WAZ

    Ich kann leider keine Lösung vorschlagen; da ich nicht wirklich weiß, was gemeint ist.

    Ist

    Alfons Pieper, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der WAZ

    oder

    Alfons Pieper –ehemals stellvertretender Chefredakteur der WAZ–

    damit gemeint?

    Batzi, dem bisweilen auch der ein oder andere Tippfehler unterläuft.

  11. Chris sagt:

    Danke, ist korrigiert.

RSS-Feed abonnieren