die Angstpsychose der alten Medien

Die deutsche Blog-Szene will eine Alternative zu den etablierten Medien werden. Doch zwischen Wunsch und Wirklickkeit klafft eine große Lücke.

SZ

Mal ehrlich liebe Sueddeutsche, wo klafft denn da die Lücke? Es ist eure Angst, euer Unverstand der zu dieser Annahme führt. Die deutsche Blog-Szene existiert per se überhaupt nicht, allenfalls in den Albträumen der Redaktionsleitungen. Die große Masse an Weblogs in Deutschland, informiert, diskutiert, fabuliert, was-auch-immer Spaß macht. Blogger laufen nicht umher und fabulieren von Unabhängigkeit und Überparteilichkeit, wie es die einzelnen Blätter von sich selbst fortwährend behaupten. Das hat man dort nicht nötig, man ist ehrlich, man besitzt eine Meinung und diese gibt man wieder, unverblümt. Thema? Egal, was interessiert eben, abseits irgendwelcher Quoten.

Haeuslers Fehler: Ausgerechnet der wegen Kollaboration mit den chinesischen Behörden harsch kritisierte Konzern Yahoo war einer der ersten Vermarktungspartner von adical. Ein Fauxpas in der mehrheitlich werbe– und konsumkritischen Szene der Weblogs.

Ich könnte ja jetzt den Spreeblick-Johnny in die Pfanne hauen und ein Nelsons typisches Lachen, ha ha, absondern — tue ich aber nicht. Denn eure Verbindlichkeiten möchten wir erst gar nicht näher hinterfragen, Abgründe tun sich da immer wieder auf. Den Fehler den er machte: monetäre Interessen mit professionellem Bloggen gleichzusetzen, aber das ist eben nicht der Fall. Ihr dort, in der Holz verarbeitenden Industrie, gebt euch dem gleichen Trugschluß hin. Euer so genanntes Handwerkszeug lernt jeder aufmerksame Student schon vor der Zwischenprüfung bzw. dem Vordiplom: Recherche, Quellenkritik, Schreiben, Archivarbeit, Umgang mit den Medien, detailiert oder abstrahierend etc. — wie es eben die Lage erfordert, dazu kommt noch eine Menge Fachwissen als Plus. Fachwissen das der Presse fehlt und welches auch nicht durch noch so einen süffisanten Schreibstil wett gemacht werden kann.

Deutsche Leser wollen spezialisierte Angebote zu ihren Lieblingsthemen anstatt eines weiteren Versuches, klassische Zeitungen zu imitieren.

Genau das vermitteln die Blogs auch, spezialisierte Informationen oder manchmal auch einfach nur Leben. Auf spezialisierte Informationen wird man immer wieder treffen, da selbst Blogs, die eine Vielzahl von Interessensgebieten abdecken, nur über jene Dinge schreiben die auch für die Betreiber von Interesse sind. D.h. man kennt sich aus und glaubt nicht, wie so mancher Redakteur, sich kurzfristig in ein umfangreiches Gebiet einarbeiten zu können. Das Gros der Artikel der etablierten Zeitungen im Blätterwald hat allenfalls Proseminar-Niveau. Tut mir leid, besitzt man jedoch Fachwissen in einem Bereich, kann auch behände auf die anderen abgedeckten Bereiche des Blattes schließen — da tun sich qualitative Abgründe auf.

Keinesfalls aber besteht sie in ihrer gesellschaftlichen Relevanz.

Das ist korrekt, Weblogs sind eine Facette des Internets. Das Internet selbst jedoch besitzt eine zunehmende gesellschaftliche Relevanz, die sich dem Gros der Redakteure nicht wirklich zu erschließen scheint. Drum herscht dort FUD, fear, uncertainty and doubt. Die Furcht vor dem Unbekannten, die Unsicherheit wie man dem ganzen begegnen soll und letztendlich der Zweifel um die eigene Position bzw. die vermeintliche Gefahr. Man kann sich einreihen wie der Spiegel und teils von dieser ach so irrelevanten Blog-Welt zehren oder man kann wie FAZ und Sueddeutsche Tiraden bezüglich Weblogs verbreiten und den Betreibern die Intelligenz absprechen.

Insgesamt gesehen habt ihr natürlich die bessere Position inne, etabliert in der Gesellschaft, mimt ihr das Sprachrohr eben jener Gesellschaft und könnt nach herzenslust manipulieren — eben auch indem man eine mögliche Gefahr, die man nur als Gefahr ob des begrenzten Horizonts sieht, versucht im Keim zu ersticken. Für das Internet oder die Blogger, wen-auch-immer man eben als Feindbild tadeln möchte, ist es nur eine Frage der Zeit. Denn man braucht keine Rücksicht zu nehmen auf parteiliche Interventionen innerhalb des Verlagshauses oder die Quote damit auch zukünftig Werbegelder etc. fließen. Man kann sich der Meinung und dem Wissen hingeben, welches dem _eigenen_ Kopf entspringt. Eben dies ist der große Unterschied, der Unterschied der die Spreu vom Weizen trennt — eben den hölzernen Blätterwald der alten Medien vom gesellschaftlich relevanten Internet in seiner Gesamtheit.

Der gemeine Blogger ist ein Individuum, besitzt eigene Gedanken, eigene Gefühle, die Schlagzeilen der alten Medien machen da allenfalls eben nur jene Schlagzeile aus. Der Rest wird gespickt mit eigenem Wissen, eigener Erfahrung, echter Meinung eben — in der Form eine Art Katalysator. Man reichert oberflächliche und vermeintlich objektive Informationen, mit tatsächlicher Informationen an, Erfahrung, kann vergleichen fernab von Quote.

Wie schon erwähnt die rundum-glücklich Blätter verlieren an Relevanz, denn man kauft ihnen die Allwissenheit nicht mehr ab, das Internet deckt schon seit langem, auch ohne Weblogs, derlei Stilblüten der alten Medien fortwährend auf ohne zu beschönigen, brutal eben wie es nur tatsächlich unabhängigen Menschen möglich ist. Unabhängiger jedenfalls als so manches Blatt. Die Spezialblätter wie GEO, Spektrum der Wissenschaft etc. werden auch zukünftig Relevanz besitzen, denn diese setzen Fachleute ein, die quasi nebenher den Redakteur mimen und sich mit einem Gebiet beschäftigen in dem sie tatsächlich firm sind.

Weblogs kosten nichts, die freien Informationen des Netzes kosten nichts — dort kann sich der Bürger die Information zusammenstellen, die er eventuell benötigt. Er konnte es bisher und wird es auch zukünftig tun. Und genau dieser Punkt ist eben die echte Gefahr im Netz, ihr verliert Leser bei den alten Medien und ihr gewinnt kaum welche bei euren Internetauftritten hinzu. Zudem werfen eure Onlineangebote nicht wirklich Gewinn ab, Gewinn der es erst lohnend machen würde mehr Qualität in diesen Auftritt zu invenstieren. Nun solange es freie Angebote im Internet geben wird, solange werdet ihr auch nie wirklich Fuß fassen und könnt weiterhin von der Hinterbank aus eurer Gift versprüchen. Die alten Medien eben, als sie noch das Wissensmonopol in den alten Tagen besaßen ging es ihnen gut — nun aber nicht mehr, denn mit dem Advent des Internets verursachte ging ein Wachrüttler, wie seinerzeit schon mit dem Buchdruck.

Die Begriffe Bürgerjournalismus, wir nennen es Arbeit, digitale Boheme oder gar Gegengesellschaft, den prägten nur einige wenige, keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der Weblogs und meist gar noch aus euren eigenen Reihen stammend. Man müßte es doch eigentlich bemerken, oder? Worthülsen, kein Inhalt, Werben? Genau das Metier der alten Medien. Blogger? Mitnichten, allenfalls euer ureigenes Spiegelbild. Der Rest, die Majorität jener Weblogs hat einfach nur Spaß und teilt sich anderen mit. Das kann professionell sein, muß es aber nicht — jedenfalls muß man dergleichen nicht ob monetärer Interessen fortwährend heucheln oder mittels irgendwelcher Studien bzw. illustrer Medienwissenschaftler, Sozialwissenschaftler usw. belegen. Man hat es einfach nicht nötig, die Angst, die geht von euch aus. Hier hat keiner Angst, warum auch? Wir können herzlich drüber lachen und auch derlei Dinge hier schreiben :)

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16 Antworten zu “die Angstpsychose der alten Medien”

  1. Chris sagt:

    Grandios — hab den Timestamp mal aktualisiert. 😉

    Das Problem ist halt, dass die, die am lautesten auf den Podien, auf irgendwelchen Kongressen schreien, am ehesten von den Medien wahrgenommen werden. Da wird dreist behauptet, reden Sie mit Bloggern, reden Sie mit uns — eine Anmaßung sondergleichen. Und diese Herrschaften werden dann als Maßstab genommen. Mit diesen Leuten wird dann tatsächlich geredet.

    Dass dann dieses falsche und «grausame» Bild von Bloggern entsteht — ja mei, ist halt wie mit den Artikeln, wie Du schon beschrieben hast, man kratzt an der OBerfläche ohne jegliches Wissen — dieses wird einem von ein paar Werbern verkauft. Na super. Sollen sie machen — Hauptsache wir haben unseren Spaß. 😀

  2. Andreas sagt:

    Danke für den IMHO sehr guten Text.

  3. derhans sagt:

    Interessant finde ich eigentlich nur, dass die sueddeutsche sich die Mühe macht, zwei Seiten mit dem Thema zu füllen, obwohl doch die Ansicht vertreten wird, dass Blogs so unwichtig und unbedeutend sind. Das wiederspricht sich doch irgendwie, oder?

    Aber insgesammt top geschrieben, hatte den SZ Artikel schon auf der todo Liste, aber da war mal wieder einer schneller 😀

    Werd mal nachher einen Lesebefehl hierfür in meinen Blog packen, wüsste nicht, was ich noch inhaltlich großartig ergänzen könnte…

  4. Mark_S sagt:

    «Euer so genanntes Handwerkszeug lernt jeder aufmerksame Student schon vor der Zwischenprüfung bzw. dem Vordiplom: Recherche, Quellenkritik, Schreiben, Archivarbeit, Umgang mit den Medien, detailiert oder abstrahierend etc.«
    Hmmja, soweit der Idealzustand. Ich kenne allerdings genügend Studenten, die beherrschen das auch zum Abschluss noch nicht. Sollen die alle Journalisten werden? 😉
    Ansonsten übrigens alles richtige Aussagen.

  5. Oliver sagt:

    >lernt jeder _aufmerksame_ Student

  6. Mark_S sagt:

    Oha, da hab ich mich soeben ungewollt als unaufmerksamer Leser geoutet…

  7. Erik sagt:

    Just for kicks. Ich bin gerade über diesen Beitrag bei ABC gestolpert: Spy Agency OK’s Bloggers as Journalists (Spy Agency OKs Bloggers as Journalists).

    Ob das nun gut oder schlecht ist, lasse ich mal dahingestellt. Mal sehen, was die SZ dazu sagt (schreibt). :mrgreen:

  8. Chris sagt:

    Dazu wird die SZ nichts schreiben — aber vielleicht willst Du ja etwas schreiben. Hier einfach nen Link reinrotzen kann jeder…

  9. Hendric sagt:

    Ein Hoch auf die Bildergallerien. Ein Hoch auf den wachsenden Boulevardanteil. Ein Hoch auf die oberflächlichen Berichte. Ein Hoch auf die kopierten Agenturmeldungen. Ein Hoch auf die Recherche — besonders bei Großereignissen wie dem G8-Gipfel. Ein Hoch auf das Fachwissen in Bereichen Technik und Internet. Ein Hoch auf die Bürgerreporter mit ihren Handys.
    Ein Hoch auf den Qualitätsjournalismus.

  10. baynado sagt:

    Der Artikel spricht mir aus der Seele. Wie wäre es mit einer Google Bombe?
    Also alle Blogger verlinken den SZ-Artikel mit den Linktext «total inkompetent»?

  11. Chris sagt:

    Keine Chance — F!XMBR ist evil… 😀

    Die Weicheier auf diversen deutschen Blogs mögen uns nicht so… *fg*

  12. Mark sagt:

    Prima Text, zeigt sehr treffend, dass Selbstbeobachtung mit dem nötigen Quentchen Nachdenken über die eigene Position jeden Soziologen in die Tasche stecken kann.

  13. […] F!xmbr Blog hat sich über den Sueddeutsch Zeitung Artikel luftgemacht und mir vollkommen von der Seele […]

  14. […] dafür Haue gibt) ausmacht, jemand anders holt da ganz tief Luft und nimmt den Artikel auseinander. Oliver von F!XMBR hat den Artikel der SZ als das demaskiert was er eigentlich von Anfang an war, als eine […]

  15. […] dafür Haue gibt) ausmacht, jemand anders holt da ganz tief Luft und nimmt den Artikel auseinander. Oliver von F!XMBR hat den Artikel der SZ als das demaskiert was er eigentlich von Anfang an war, als eine […]

  16. […] und die Medien über Blogger denken. Ich erinnere doch gerne an die ehrwürdigen Medien, wie die Süddeutsche Zeitung, die uns Blogger zu unwürdigen Journalisten abstempeln. Die Frage die mir […]

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