Deutschland hat ein Spießerproblem — Wenn es doch nur das wäre

Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der Zeit. In einem Video-Podcast spricht er — durchaus an einer Stelle diskussionswürdig — Klartext:

Natürlich hat er in den meisten Dingen recht, eine Stelle wird ihm aber nun mehr oder weniger zum Verhängnis:

Man fragt sich doch, ob dieser Rentner, der sich das Rauchen in der Münchener U-Bahn verbeten hat, und damit den Auslöser gegeben hat zu einer zweifellos nicht entschuldbaren Tat, eben sicher nur in einer Kette und einer unendlichen Masse von Gängelungen, blöden Ermahnungen, Anquatschungen zu sehen ist, die der Ausländer, namentlich der Jugendliche hier ständig zu erleiden hat.

Hervorhebung von mir. Jens Jessen spricht davon, dass Deutschland ein Spießerproblem habe. Wenn man sich die Entwicklung nach diesem Video-Podcast anschaut, muss man mittlerweile zu dem Schluss kommen, dass das Problem weitgehender, tiefgehender, erschreckender ist. Frank Schirrmacher machte in der FAZ den Anfang, im Text selbst stellt er es durchaus korrekt da, er stelle die Frage, so Jessen, ob unser Problem in Wahrheit nicht darin bestehe, dass es zu viele besserwisserische deutsche Rentner gibt, die den Ausländern hier das Leben zur Hölle machen und vielen Deutschen auch. Dieser Satz wird aber gleich durch die Kapitelüberschrift ad absurdum geführt: Die Schuld soll der Rentner tragen.

Das ist schlicht und ergreifend gelogen und soll meiner Meinung nach nur die Stimmung anheizen. Pures Aufhetzen der Leserschaft, ein falsches Darstellen des Sachverhaltes. Eine kleine Überschrift liest sich besser, als ein öder langer Text. Was soll ich diese ganzen vielen Buchstaben lesen, wenn ich diese eine griffige Headline habe. Und wie das dann so ist, die braune Masse ist nicht wirklich mit viel Intelligenz gesegnet, der braune Mob von PI und auch die BILD fallen darauf rein. Die BILD zitiert sogar den letzten Satz, den man unterstrichen als Paradebeispiel für unsere Gesellschaft so stehen lassen kann:

Ich würde dagegen dann tatsächlich auch gern mal die Frage stellen, ob es nicht auch zu viele besserwisserische deutsche Rentner gibt, die den Ausländern hier das Leben zur Hölle machen und vielen anderen Deutschen auch. Mit anderen Worten: Ich glaube, die deutsche Gesellschaft hat nicht so ein Problem mit ausländischer Kriminalität, sondern mit einheimischer Intoleranz.

Wobei man selbstverständlich das Wort Rentner weglassen kann — einfach das Wort Deutsche verwenden, dann passt es für unser Land schon. Nachdem die Geschichte dann von den 3 benannten Publikationen verbreitet wurde, bekam Jens Jessen viele Zuschriften, von denen er nun einige ins Netz gestellt hat:

Herr Jessen ist ein geistiger Brandstifter und eine Dreckschleuder der schlimmsten Art.

Ich fühle mich durch Herrn Jessens Dummheit angemacht. Darf ich ihm bei Gelegenheit den Schädel eintreten?

Ich hoffe Sie werden bald Ihren Job verlieren und besser noch, verschwinden Sie aus Deutschland. Ihre jahrelange Hetze hat so viel Schaden angerichtet. Ich klage sie an wegen Verbrechen gegen das deutsche Volk.

Sie charakterloser Wurm!

Ich bin mir sicher, dass man die besten Zuschriften noch im Giftschrank lassen und zensieren musste. So grandios und richtig ich den Kommentar von Jens Jessen finde, so falsch ist er doch, wenn er zu dem Schluss kommt, Deutschland habe ein Spießerproblem. Das ist es beileibe nicht mehr. Deutschland hat ein ekelerregendes braunes Problem. In Deutschland entwickelt sich zur Zeit der Rassismus mal wieder in wahnsinniger Geschwindigkeit. Man kann von Glück reden, dass sich diese Dumpfbacken immer selbst schnell outen und dass nicht wirklich ein Rattenfänger daherkommt und sie bei der nächsten Wahl bündelt. Kommt ein charismatischer, vielleicht im Beruf erfolgreicher Rassist daher, liegt das Wählerpotential bei durchaus 25% — das müsste doch gerade Jens Jessen wissen, schließlich war genau das hier in Hamburg der Fall. Man denke daran, von wem Ole von Beust sich hat ins Rathaus wählen lassen.

Nein, Deutschland hat kein Spießerproblem. Das Problem liegt viel tiefer. Minderheiten werden mittlerweile wieder in unserem Land systematisch diskriminiert, immer flankiert von FAZ und BILD, von rassistischen Internetseiten wie PI mal abgesehen. Das Problem dabei: Unsere Damen und Herren Politiker geben diesen sogenannten Zeitungen ihren Segen. Wenn Tante Merkel mit der BILD spricht, Onkel Steinmeier mit der FAZ — dann können die Blätter ja gar nicht so schlimm sein. Wie sagte meine Oma früher immer, die übertreiben halt nur ein bisschen. Aber Wahrheit steckt trotzdem drin.

Und dieser Rassismus ist von der Politik gewollt und wird massiv gefördert. Das aktuelle Beispiel heißt da Roland Koch. Aber um von den Ausländern auch mal weg zu kommen, man denke nur mal an die Clement’schen Parasiten oder an den unvergessenen Satz Münteferings: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Deutschland hat noch nie aus der eigenen Geschichte gelernt. Über Jahrhunderte hat dieses Land Leid über Millionen von Menschen gebracht — Oliver kann dazu viel mehr erzählen, als ich — doch anstatt Vorbildfunktion zu sein, wird immer wieder in diese alten Denkmuster verfallen.

Es ist ja auch viel einfacher. Anstelle das eigene Verhalten zu reflektieren, siehe Koch — massive Kürzungen im sozialen Bereich, gerade bei der Jugendhilfe und anderen Institutionen — wird gehetzt, polarisiert, der Ausländer per se verantwortlich gemacht. Ein grandioser Artikel in der taz schließt mit den Worten: Jene haben ein Zentralorgan: Es ist die Bild, und sie beweist dies täglich. Mit Jene ist der braune, rassistische Mob gemeint. Leider wurde in diesem Schlussstatement die FAZ vergessen. Man nennt die FAZ gerne konservativ. Das ist sie beileibe nicht mehr. Grenzen, die früher das demokratische Miteinander zierten, zählen heute nicht mehr. Die FAZ und die BILD sind Garant dafür, wie rasch diese Gesellschaft, das menschliche Miteinander immer mehr zerfällt.

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16 Antworten zu “Deutschland hat ein Spießerproblem — Wenn es doch nur das wäre”

  1. Marc sagt:

    Einfach super analysiert!

  2. mireri sagt:

    Faschismus ist es meiner Meinung nach in erster Linie, nicht Rassismus. Dogmatische Diskriminierung von Minderheiten ist in meinen Augen faschistisch.
    Prima Text!

  3. henteaser sagt:

    Ich habe mir die Kommentare auf PI durchgelesen, danach das von der ZEIT zusammengestellte Best-of samt den Comments auf diese Zusammenstellung. Und finde es erstaunlich, dass es den Kommentatoren offenbar nichts ausmacht, wenn purer Hass aus ihren Antworten trieft.

    Diese stolzen Deutschen reagieren allesamt mit übertriebener (verbaler) Härte auf die Meinung eines ‘führenden Kopfes’, regen sich tierisch über diesen «linken Spießer» auf und wünschen ihm Gewalttäter auf den Hals, die ihn auf den rechten(!) Pfad prügeln sollen.

    Ähnlichkeiten zur Kurzschlussreaktion der Jugendlichen auf die potentielle Bitte dieses Münchner Rentners sind nicht zu übersehen.

    Der Unterschied liegt darin, dass sich die Aufgebrachten zu fein dazu sind, Jessen und andere ‘Kültürbeauftragte’ direkt selber kaputtzuschlagen. Weil: Lynchmord ist was für Hinterwäldler. Darum sollen das doch bitte lieber die kriminellen Untermenschen übernehmen.

    Dieser Wunsch nach Ironie des Schicksals ist für Hasskommentatoren wahrscheinlich noch nicht einmal unlogisch. Sonst würde er ja nicht zu jedem heftigereren Ereignis wieder geäußert.

    (Zum Beispiel, wenn Durchschnittsbürger fordern, Sexualstraftäter in normale Gefängnisse zu stecken, weil sich die übrigen Gefangenen schon um die Perversen ‘kümmern’ werden.)

  4. Grainger sagt:

    Kein Mensch mag Spießer oder Besserwisser.

    Und den meisten dürfte es schon mal passiert sein, das man von einem dieser Besserwisser oberlehrerhaft auf irgendein (echtes oder eingebildetes) Fehlverhalten hingewiesen wurde.

    Ich unterstelle jetzt mal, dass nur eine verschwindend kleine Minderheit darauf mit exzessiver körperlicher Gewalt reagiert hat.

    Für die Betrachtung der Situation ist es vollkommen unerheblich, ob die Täter Ausländer sind oder das Opfer Deutscher oder Rentner (oder beides) ist.

    Weder das eine noch das andere kann als Rechtfertigung oder Entschuldigung dienen, und genau hier liegen Koch ebenso wie Jessen falsch.

    Zweifelsohne wurde eine Straftat begangen, dass die Täter (jugendliche) Ausländer sind darf sich imho weder strafmindernd noch straferhöhend auswirken, ob das Opfer ein besserwisserischer Rentner oder ein unbescholtener deutscher Staatsbürger (je nach Betrachtungsweise) ist allerdings ebensowenig.

    Das sind doch alles vollkommen sachfremde Argumente.

  5. Chris sagt:

    Grainger, oben nochmal Hervorhebung lesen. Danke.

  6. Grainger sagt:

    Habe ich schon vorher gelesen und verstanden (hoffe ich), den Podcast habe ich mir auch vorher schon angeschaut.

    Danke. 😉

  7. Chris sagt:

    Ich denke, Du hast es nicht verstanden. :)

    Um es in einem Satz zusammenzufassen: Jessen wollte unsere besserwisserische, denunzierende und intolerante Gesellschaft anprangern.

  8. Grainger sagt:

    Doch, das habe ich schon verstanden. 😉

    Allerdings hat diese Form der Argumentation absolut gar nichts mit dem konkreten Fall zu tun, da besteht für mich bestenfalls ein oberflächlicher und arg konstruierter Zusammenhang.

    Da könnte ich die Besserwisserei, Denunziation und Intoleranz unserer Gesellschaft (deren Vorhandensein ich grundsätzlich gar nicht mal bestreiten will) mit fast gleicher Berechtigung auch für das Waldsterben verantwortlich machen.

  9. Chris sagt:

    Ach Grainger, wenn so ein ehemaliger Lehrer Jugendliche «auffordert» nicht zu rauchen, dann kann ich mir ungefähr vorstellen, wie das gelaufen ist. 😉

    Zudem solltest auch Du wissen, dass die Medien immer auch Bezug zu einem aktuellen Fall nehmen müssen.

    Damit ist jetzt hier auch gut.

  10. […] ablehnenden Deutschen in die Hände spielt, so eine weitere Spaltung beschleunigt. Zum anderen Chris bei F!XMBR, der findet, dass Jessen prinzipiell Recht hat, aber ruhig das Kind bei seinem Namen nennen […]

  11. Trac3R sagt:

    Diesmal wirklich sehr treffend kommentiert. Und die Zusammenfassung des deutschen Problems liefert die TAZ gleich mit:

    «eine Nation von Hausmeisterinnen, Gestapozuträgern und Pöblern, die hinter jeder Ecke ihrer Nachbarschaft jenen Gestank vermuten, den sie ja vornehmlich selbst verströmen: Es sind die Giftpilze gesellschaftlichen Zusammenlebens, und seien sie noch so sehr Opfer im ganz wörtlichen Sinne.»

    Es überrascht mich doch immer wieder, wie gern die Leute diese Rolle ausfüllen wollen. Von den Nichts-zu-verbergen-habern bis zur konkreten Denunziation. Es ist ja nicht so, dass der Boden auf dem Koch, die BILD und FAZ ihre braune Saat sähen dafür unfruchtbar wäre…

    Jetzt gilt es Nägel mit Köpfen zu machen und der BILD ebenfalls nicht mehr durch Scheininterviews euren Segen zu geben. 😉

  12. Chris sagt:

    Du warst nur zu blöd es zu verstehen. Oder bist einfach nicht den Links gefolgt. Kann auch sein. Ich diskutier darüber auch nicht, schon gar nicht mit jemandem, den ich nicht kenne. Ich hab mir dabei durchaus etwas gedacht. Und damit ist auch gut.

  13. […] Mut und seine Courage mit dem Bambi ausgezeichnet. Die — dezent gesagt — peinliche Laudatio hielt Frank Schirrmacher. Nun geht ein Video um, welches die offensichtlich völlige geistige Umnachtung des Herrn […]

  14. Oliver sagt:

    Auch die Sueddeutsche greift die Thematik *jetzt* auf und nutzt diese auch stante pede dazu, um eine neuerliche Tirade gegen Blogs bzw. die Internet-Community per se zu schmieden.

    Blogs: Jessen und die «Zeit» — Wenn sie losgelassen

  15. […] Dreistigkeit der FAZ kennt im Fall Jens Jessen keine Grenzen. Wir erinnern uns: Der Feuilleton-Chef der Zeit hatte ein Video-Podcast veröffentlicht, welches an einer Stelle durchaus diskussionswürdig war. Die Reaktionen, die Jessen daraufhin […]

  16. […] kennt im Fall Jens Jessen keine Grenzen. Wir erinnern uns: Der Feuilleton-Chef der Zeit hatte ein Video-Podcast veröffentlicht, welches an einer Stelle durchaus diskussionswürdig war. Die Reaktionen, die […]

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