Der Wikileaks-Coup? Markstein für Freiheit abseits der alten Medien?

Ist dies denn tatsächlich so? Was haben wir denn hier feines? Nun im Moment ereifern sich diverse Blogger und Netcitizens an dem «Wikileaks-Coup». Viele strenggeheime Frontberichte werden da feilgeboten, die uns vor allem eines zeigen: der Krieg ist tatsächlich ein Krieg, kein Polizeieinsatz, kein Blitzkrieg, Blumenfeldzug etc. pp. Da sterben Soldaten, Zivilisten, das alles ist brutal, da werden Fehlentscheidungen getroffen, Krieg eben. Krieg den ich pauschal verabscheue, Krieg den ich eben nicht zu relativieren vermag.

Anders die Medien, diese verkauften uns den Krieg noch für Jahre als Notwendigkeit, als Polizeieinsatz, als humanitärer Einsatz und verdingten sich damit als willige Steigbügelhalter opportuner Regierungen. Jetzt, nachdem diese Daten offen gelegt wurden, schreit der gemeine Netcitizen nach diesen zuvor gescholtenen Medien, eine Expertise möchte man sehen und zwar von jenen «Experten», denen man ansonsten nicht einmal zutraut, daß diese sich alleine die Schuhe zubinden können. Da wird plötzlich die tagesschau als Markstein für Qualität erkoren, ob der Erwähnung von Wikileaks. Welch «Nobilitierung», zuvor als fleischgewordene Propaganda-Maschinerie verschrien, nun wieder fit genug um ultrageheime Frontberichte mundgerecht fürs geifernde Volks zu analysieren. Auch Microsoft erlangte anno tobak «echte Größe», nachdem die Tagesschau mittels Erwähnung von Windows 95 diesen Konzern adelte. q.e.d.

Vor Jahren las ich Frontberichte im Rahmen des Studiums, erster und zweiter Weltkrieg. Résumé: einmal mehr konnte ich die Schrecken eines Krieges erahnen, mehr aber auch nicht. Darüber hinaus fehlten mir die nötigen Detailkenntnisse der Profis, die sich für Jahre nur mit dieser Materie beschäftigten. Und diese beschäftigen sich dann auch nur mit einem Detailaspekt, welcher u.U. mehrjährigen Dissertationen dient oder gleich zur Lebensaufgabe mutiert. Sicherlich werden das einige Journalisten stante pede abarbeiten und uns wöchentlich, wenn nicht gar täglich, mit aufgebauschten «Nichtigkeiten» heimsuchen. Wohlan, wem es gefällt.

Vielleicht sollten wir die Berge menschlichen Wissens insgesamt als geheim deklarieren? Man stelle sich nur die Legionen von Wissbegierigen vor, die sich auf diese stürzen würden. Was aber bekannt ist, profan nahezu überall zugänglich ist, ist langweilig. Insofern verschließt sich das Gros der Menschen, zumindest in unseren Breitengraden, diesem Wissen nur allzugerne. Wissen welches u.U. dazu dienen könnte darauf aufbauende Informationen überhaupt verstehen zu können. Von daher sieht man eines: befreite Informationen, wie in diesem Fall, sind nicht die halbe Miete, sie sind tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs. Das Gros der Informationen umgibt uns längst, liegt jedoch brach, ob fehlender Bildung unsererseits.

Ich hoffe, daß Assange erwachsen wird, nicht dem Größenwahn eines Michael Moore erliegt und Wikileaks tatsächlich als Mittel zum Zweck sieht, als Plattform, Netzwerk für Whistleblower, als Korrektiv neben anderen. Ich hoffe ebenso, daß dank dieses «Coups» der Rubel rollt und Wikileaks eine feste Basis erhält, um sich zukünftig tatsächlicher Brisanz in kleinem und großem Rahmen widmen zu können. Auch Wikitrivia-Jimbo mußte diesen Kreuzweg gehen und sein Baby ist noch lange nicht am Ziel angelangt.

Vielleicht klappt es auch noch irgendwie mit diesem deutschen Netzvolk, vielleicht findet dieses nach vielen Irrungen und Wirrungen seinen Platz in dieser Gesellschaft, als Korrektiv mitunter. So aber schauen wir abermals nur Leute ohne Plan, die wiederholt Medien empor heben oder in den Abgrund stürzen, ganz wie es dem eigenen Gusto schmeichelt.

Update:

Assange habe die Konferenz jedoch abgelehnt — er habe dazu keine Zeit. Gleichzeitig habe er damit gedroht, eine entsprechende Pressemitteilung zu veröffentlichen, wenn AI nicht bei der Sichtung helfen würde. Anschließend meldete Wikileaks per Twitter: «Das Pentagon will uns vernichten, indem sie bei der Recherche nicht helfen. Die Medien wollen keine Verantwortung übernehmen. Amnesty auch nicht. Was tun?»

golem

Größenwahn — weder noch dem Projekt, noch der Sache an sich von irgendeinem Nutzen!

Bild: Flickr, Creative Commons

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6 Antworten zu “Der Wikileaks-Coup? Markstein für Freiheit abseits der alten Medien?”

  1. Ich finde das Doppelspiel zwischen Spiegel/Guardian/Times mit Wikileaks interessant. Zu Zeiten von Watergate & Co. waren es noch die Zeitungen selbst, die die Quellen beibrachten, heute wird nicht mehr aus einem Guß geschrieben. Es ist keine Adelung, sondern eine Anerkennung veränderter Realitäten: Die Printmedien können nicht mehr nur ins Internet strahlen, sondern es ist ein wechselseitiges Geschäft geworden. Konnte man dies selbstverständlich schon früher erkennen, wenn man denn wollte, so ist dies nun unübersehbar geworden. Was Du ansprichst, ist der Reflex auf das Erkennen dieser Tatsache — mehr nicht.

  2. >Es ist keine Adelung, sondern eine Anerkennung veränderter Realitäten

    Welche veränderte Realität? Kleiner Informant gibt Infos an eine Art Zwischenhändler und jener reicht diese an die Medien weiter? Man sollte nicht mehr in das _Medium_ Internet hinein interpretieren, als denn tatsächlich vorhanden ist. Das Netzvolk ist groß darin nicht vorhandenes Wissen mit Folklore zu kompensieren und Jüngerschaft dem Hinterfragen bzw. der Quellenkritik vorzuziehen.

    >Ich finde das Doppelspiel zwischen Spiegel/Guardian/Times mit Wikileaks interessant.

    Doppelspiel? Beschäftige dich doch erst einmal mit der Realität, Quelle -> «Zwischenhändler» -> Medien ist keineswegs unüblich, wie schon erwähnt. Wikileaks möchte als zentrale Anlaufstelle und Vermittler fungieren, das Netz spielt dabei die Rolle eines «Boten», die Medien sollen auch laut Assange die «Expertisen» liefern. Die allgemeine Verfügbarkeit der Daten, macht diese dennoch nicht automatisch «frei», da beim Gros der User die nötige Basis fehlt. Es hat sich also nichts wirklich geändert, mitunter — und in diese Richtung geht meine Kritik gegen Assange — wird das Spektrum breiter, die Verfügbarkeit besser, wenn man es denn richtig angeht.

    Hast du den Artikel überhaupt verstanden bzw. gelesen? Mir schwant, da fiel nur Assange, Kritik und «doofes Netzvolk» ins Auge und schon war der «Lebensinhalt» des Netcitizens ad absurdum geführt …

  3. Tango sagt:

    Meinst du das jetzt zynisch sarkastisch? Statt das Wissen geheim zu halten, würde ich sagen sollte man aufhören an der Bildung zu sparen und diese verbessern…

  4. Zynisch ja. Bildung ist immer eine gute Sache, tatsächliche Bildung aber kann dir keiner geben, das ist harte Arbeit, Eigeninitiative. Man kann dir die Mittel an die Hand geben, der Nürnberger Trichter war und ist nicht das Ziel. Wenn man dir die Mittel nicht an die Hand gibt, kann «harte Arbeit» aber dennoch zum Erfolg führen. Die «Vogel Strauss»-Mentalität hilft jedenfalls keinen Iota weiter …

    Oder lange Rede kurzer Sinn: ein Abitur macht noch keinen gebildeten Menschen.

  5. Ares Augur sagt:

    /me nickt.
    ’nuff said.

  6. Thomas sagt:

    Es ist schon sonderbar ruhig geworden um Wikileaks und Julian Assange. Könnte natürlich auch sein, dass da im Hintergrund einge Deals abgelaufen sind. Bares, Straffreiheit bei der Vergewaltigungsgeschichte, einen gewissen Status, wie ihn nur Länder verleihen können, wer weiss? Zumindest fällt auf, dass nach dem anfänglichen weltweiten Hype, der seinesgleichen suchte, inzwischen gegen Null tendiert. Grüße aus Berlin

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