Der VfL Osnabrück und die Wetten — doch nicht mein Verein

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Wenn ich mich an ein Fußballspiel an der Bremer Brücke erinnere, dann ist es das DFB-Pokalspiel vom 09. Oktober 1992. Unser VfL Osnabrück spielte gegen den Erstligisten Borussia Mönchengladbach. Es herrschte an dem Abend eine Eiseskälte. Lange hielt der VfL ein 0:0 – wir freuten uns schon auf die Halbzeit. Aber dann geschah das fast Unvermeidliche: Kurz vor dem Pausentee schossen die Borussen das 1:0. Wir waren uns auf der Tribüne einig, dass sich unser VfL von diesem Rückschlag nicht erholen wird. Doch es kam anders, der Pokal hatte zu allen Zeiten seine eigenen Gesetze: In einer davor und danach nie gesehenen furiosen zweiten Halbzeit traf der VfL noch viermal das Tor der Gladbacher, der Erstligist wurde mit 4:1 nach Hause geschickt. Die Bremer Brücke glich — viel mehr als sonst — einem Tollhaus.

Ich bin mit der Bremer Brücke, dem VfL Osnabrück groß geworden. Und obwohl ich nie der Prototyp eines Fans war, ich besaß nie ein Dauerkarte, nenne kein Trikot mein eigen, schlug mein Herz immer für den VfL. Wann immer der VfL hier in Hamburg zu Gast ist, versuche ich heute noch das Spiel zu besuchen. Der Fußball war für mich immer Spaß, Ablenkung, ein stückweit Entertainment. Dass es auch in den unteren Ligen ums liebe Geld geht, wussten gerade wir Osnabrücker nur zu gut. Jahrelang waren wir froh, haben über ihn geflucht und doch gemeinsam mit unserem Präsidenten gefeiert – die Rede ist von Hartwig Piepenbrock. Der VfL war einer der ersten Vereine, der seinen Stadionnamen verkaufte – jahrelang hieß unsere Bremer Brücke Piepenbrock-Stadion an der Bremer Brücke. Damit konnte man sich noch arrangieren und vielleicht auch identifizieren – zum heutigen Namen, Osnatel-Arena, schweige ich am besten.

Schon früh habe ich mich mit der Sportpolitik beschäftigt – Ende letzten Jahrtausends gehörte Das Milliardenspiel. Fußball, Geld und Medien. vom grandiosen Jens Weinreich und seinem Co-Autor Thomas Kistner zu meinen Lieblingsbüchern. Entscheidend ist auf’m Platz – wer schon ein wenig hinter die Kulissen des Sports geblickt hat, wird diesen Satz infrage stellen. Der Fußballsport ist heutzutage eine Milliardenbranche – und manipuliert wird nicht nur im Verborgenen. Bilanzen sind wichtiger als Tore geworden, die Spitzenvereine der Fußballbundesliga sprechen in der Endphase der Bundesliga mittlerweile offen aus, dass ein zweiter Platz, also die direkte Qualifikation für die Champions League, mit der Meisterschaft zu vergleichen ist. Der sportliche Erfolg hat den gleichen Stellenwert, wie die Gelddruckmaschine Champions League bekommen.

Der Fall Robert Hoyzer hat mich nicht wirklich überrascht. In einer Branche, in der Milliarden umgesetzt werden, wird auch manipuliert und natürlich auch betrogen. Vielmehr habe ich mich gefragt, warum wir nicht öfter von solchen Dingen hören. Ich bin und war mir sicher, dass solche Machenschaften gang und gäbe sind. Robert Hoyzer war in meinen Augen ein Bauernopfer – beim DFB hat sich nichts geändert, die Vereine gingen schnell wieder zur Tagesordner über, von weiteren Hintermännern hat man nichts weiteres gehört. Business as usual.

Nun erschüttert ein neuer Skandal die Fußballwelt – wobei neu sehr frei interpretiert werden kann. Es gibt Meldungen, dass die gleichen Hintermänner die Fäden gezogen haben, wie schon im Fall Hoyzer. Als Ende letzter Woche die ersten Nachrichten über meinen Newsticker liefen, dass mein VfL Osnabrück involviert sein soll, war meine erste Reaktion: doch nicht mein Verein. Nach kurzem Nachdenken jedoch wurde mir die Absurdität dieses Gedankenganges bewusst. Und doch – wieder werden Millionen Fußballfans beruhigt sagen können, dass es ihren Verein nicht betrifft. Es handelt sich nur um einen kleinen Verein aus der 3. Liga. Es wird weitergehen, es bleibt die Ausnahme.

Das ist selbstverständlich falsch. Es betrifft jeden Verein, die in der 1. Bundesliga, die in der 2.  Bundesliga bis tief runter in die Kreisklasse. Dabei ist gar nicht mal das Problem, dass gewettet und manipuliert wird. Wo Licht ist, da ist auch Schatten – mit solchen Dingen muss man auch in anderen Bereichen des Lebens umgehen können. Vielmehr stinkt der Fisch vom Kopf her. Fußballfunktionäre haben den Sport meistbietend verkauft – bei der FIFA, der UEFA und dem DFB. Wer den Blick aufs Geld richtet – man denke nur aus den völlig aus den Fugen geratenen Spielplan – vergisst den Sport und die Menschen, die ihn groß gemacht haben. Und die Fans, die haben es – sicherlich auch zum Teil hilflos – hingenommen.

Die Entwicklung wird sich selbstredend nicht mehr aufhalten lassen. Zu viel Macht und zu viel Geld wird verdient, an wenige verteilt. Ich bin aber mir auch sicher, dass den Fans diese Machenschaften weitestgehend egal sind. Der Fußball ist Spaß, Ablenkung vom Alltag, die Seele baumeln lassen. Er ist Hobby und Zeitvertreib – und nach einer gewissen Empörung wird alles weiterlaufen wie bisher. Die Menschen haben in ihrem eigenen Leben mit genug Sorgen zu kämpfen – der Fußball lenkt sie schlicht und ergreifend ab. Diese wichtige, soziale Komponente besitzt der Fußball ohne Zweifel. Das heißt natürlich nicht, dass diese Skandale nicht aufgedeckt werden müssen – doch auch wenn in der Frühstückspause die Menschen darüber diskutieren, wichtiger ist das Spiel vom Wochenende, die Aufstellung am nächsten Spieltag.

Doch nicht mein Verein – den Fans vom VfL Osnabrück wird dieser Satz in Zukunft nicht mehr so leicht von den Lippen gehen. Im Gegenteil, nun hat der Verein endlich eine Entschuldigung für den Abstieg in der letzten Saison. Auch das kann positive Auswirkungen auf die Fans des VfL haben. Und doch ist der Fußball allgemein betroffen – und die Fans, die Spieler und insbesondere die Funktionäre haben es zugelassen. Irgendwo müssen die Gelder für die 100-Millionen-Transfers nun einmal herkommen. Der DFB freut sich über neue Stars, die Fans jubeln diesen zu – Funktionäre realisieren diese Spielerwechsel.

Diese Spirale hat in den letzten Jahrzehnten niemand hinterfragt – im Gegenteil: immer waren die Vereine auf der Suche nach dem goldenen Kalb, jeder Vertragsabschluss wurde auch von den Fans lauthals gefeiert. Der Wettskandal ist kein Skandal über üble Machenschaften – es sind die Geister, die wir alle riefen. Er ist die Folge der Entwicklung, dass Geld diversen Kreisen wichtiger geworden ist, als die Leistung auf’m Platz. Und auch die Fans, die dies jedes Wochenende ausblenden, tragen eine Mitverantwortung – von den Herren in Nadelstreifen einmal völlig abgesehen.

Mir ist der Widerspruch in diesem Artikel durchaus bewusst – die soziale Komponente Fußball und die üblen Machenschaften, die der Fußball birgt. Doch ist es ein gordischer Knoten, der sich wohl nur auflösen lässt, wenn alle an einem Strang ziehen. Daran ist wohl nicht zu denken. Die Zukunft wird es zeigen – we will see…

Foto: Kurrat unter dieser Creative-Commons-Lizenz stehend.

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9 Antworten zu “Der VfL Osnabrück und die Wetten — doch nicht mein Verein”

  1. […] Chris macht sich Gedanken zum Wettskandal und zum VfL Osnabrück. […]

  2. Glawen sagt:

    Als die Nachrichten über den «neuen», mal aufgedeckten Wettskandal über den Äther gingen, habe ich direkt nachgeschaut ob auch «mein» Verein betroffen ist. Zur Zeit steht er noch nicht zu dem Thema in den Schlagzeilen und ich muss zugeben, dass ich erst einmal erleichtert war ihn nicht bei den schwarzen Schafen zu sehen. Allerdings ist diese Einstellung wirklich blauäugig. Im Profisport und insbesondere im Fußball werden solche Geldsummen umgesetzt, da ist mit Sicherheit mehr im Argen, als jetzt raus kommt. Gibt ja auch noch das offensichtlich im Argen liegende, das du ansprichst, Geld und Macht sind wichtiger als Leistung.
    Ob es zu einer «Verbesserung» kommt sehe ich auch skeptisch. Um bei deinem Bild zu bleiben, die beste Lösung des gordischen Knotens gelingt mit dem Schwert. Also eine rigorose Abkehr von den Entwicklungen des Profisports samt seiner Funktionäre der letzten Jahre, Jahrzehnte. Da bin ich allerdings ein zu großer Pessimist um daran zu glauben.
    Eine «falsche» Entwicklung sieht man ja auch immer an den «Dopingskandalen». Zu glauben, dass die paar die aufgedeckt werden nicht nur die Spitze des Eisberges sind ist gelinde gesagt optimistisch.

    Glawen

    PS Wirklich fieser Name Osnatel-Arena. Wenigstens heißt das Stadion hier noch nach Fritz Walter, wobei das glaube ich auch nur mit ganz viel Geld vom Land und der Stadt ging, hätte wahrscheinlich besser ausgegeben werden können. Wieder mal der schnöde Mammon. Hieß das Stadion vom HSV eigentlich mal nach Uwe Seeler oder war es direkt die AOL-Arena. Irgendwie war da doch was?

  3. Phil sagt:

    Auch unserer «Hausmannschaft», die in der jetzigen Regionalliga spielt, ist auch irgendwie darin verwickelt. Es wurde auf das Spiel ein großer Betrag gewettet und dem Torhüter wurden 1500 Euro fürs Verlieren zugesagt, obwohl sie die meisten Spiele in der aktuellen Saison verloren hatten.

    Es scheint, dass auch aus Asien gewettet wird, wie ein Kommentator in der Zeitung schreibt.

    Nunja, Fussball interessiert mich nicht mehr, da es mittlerweile eine reine Werbeveranstaltung mit ein wenig Beiprogramm ist.

  4. Phil sagt:

    @Glawen: Das Stadion hieß nach meinen Informationen Volksparkstadion und der Name wurde dann an AOL verkauft.

  5. phoibos sagt:

    @Phil:

    und jetzt heisst das volksparkstadium hsh-nordbank arena.

  6. Strothi sagt:

    Jup,

    dein Artikel trifft es auf den Kopf. Als Osnabrücker denkt man in der Tat — das kann doch gar nicht sein. Allerdings muss man sich dann natürlich auch die Frage stellen, warum eigentlich nicht. Wie du schon sagst, Geld regiert die Welt und das in vielen Fällen nicht nur (auch nicht unbedingt moralisch, aber juristisch) legal, sondern eben auch illegal. Insofern lauert die Gefahr überall. Naja, mal abwarten, was die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wirklich ergeben. Wenn Reichenberger wirklich da die Finger im Honigtopf gehabt hat, bricht glaub ich für viele Fans eine Welt zusammen. Abwarten.

    Und weg, Strothi

  7. Rob sagt:

    Hab ich das jetzt richtig verstanden? Der Mensch wird die ganze Woche über reingelegt. Er weiß das, und um das zu kompensieren («wichtige Funktion»), wird er am Wochenende zum Fußballfan, mag dann aber nicht zur Kenntnis nehmen, dass er wieder reingelegt wurde.

    Ich stelle mir den Fußballfan als einen Menschen vor, dem schwer zu helfen ist.

  8. Anonymous sagt:

    Ich wiederhole mal: Der Gordische Knoten lässt sich dadurch auflösen, dass alle an einem Strang ziehen?! Mir als altem Knoten-Fan wird da ganz warm ums Herz.

  9. Phil sagt:

    @phoibos:

    Ach deswegen ist die Bank jetzt Pleite …

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