Der Twitter-Hoax

Es geistert seit ein paar Stunden durch die Medien — über Twitter wurden bereits um 16.30h die Prognosen zu den Landtagswahlen veröffentlicht. Die Qualitätsjournalisten vom SPIEGEL fragen geheimnisvoll, ob die Landtagswahlen beeinflusst wurden. Auch wenn Accounts und Tweets gelöscht wurden — per Suche lassen sich bekanntlich gelöschte Tweets wiederfinden.

twitter_prognose

Wir halten folgende Twitter-Prognosen fest:

Sachsen
CDU 40%, SPD 10%, Linke 21%, FDP 10%, Grüne 5%

Thüringen
CDU 34%, SPD 20%, Linke 25%, FDP 8%, Grüne 6%

Saarland
CDU 36%, SPD 25%, Linke 21%, FDP 10%, Grüne 5%

Und stellen dagegen die wirklichen Prognosen.

ARD:

Sachsen
CDU 41%, SPD 10%, Linke 20,5%, FDP 10,5%, Grüne 6%

Thüringen
CDU 32,5%, SPD 18,5%, Linke 26%, FDP 8%, Grüne 5,5%

Saarland
CDU 34,5%, SPD 25%, Linke 21%, FDP 9,5%, Grüne 5,5%

Wir halten fest: Die Prognosen von Infratest dimap, die von der ARD verwendet wurden, wurden nicht über Twitter verbreitet. Die Zahlen lagen zwar nah an den realen Zahlen und den Prognosen, aber ungefähre Werte gibt es nicht.

ZDF:

Sachsen
CDU 40,5%, SPD 10%, Linke 21%, FDP 10,5%, Grüne 6%

Thüringen
CDU 31%, SPD 19%, Linke 27%, FDP 8,5%, Grüne 6%

Saarland
CDU 35%, SPD 26%, Linke 19,5%, FDP 8,5%, Grüne 6%

Auch die ZDF-Prognosen konnten nicht gemeint gewesen sein, auch hier unterscheiden sich die Ergebnisse. Der Scherzbold auf Twitter ist sicherlich ein Kenner der politischen Szene, vielleicht auch ein Mitarbeiter eines Umfrageinstitutes. Wenn aber der deutsche Qualitätsjournalismus über unzählige Kanäle die Mär veröffentlicht, über Twitter seien die Prognosen veröffentlicht worden, dann muss man sich schon einmal die Fragen stellen: Welche denn?

Bei Zahlen — bei Prognosen — gibt es keinen Raum für Interpretationen, 2×2=5. Vielleicht hätte man als deutscher Qualitätsjournalist einfach mal die Zahlen vergleichen sollen? Ich kann auch am Nachmittag des 27. September einen Tweet absetzen, mit einer Prognose, aufbauend auf den letzten Umfragen vor der Wahl.

Eventuell sollte man den so genannten Journalisten in den Redaktionsstuben einfach mal den Tipp geben, dass nicht jeder Tweet auf Twitter der Wahrheit entspricht. Manchmal kann es durchaus sein, dass man angeschwindelt wird, dass übertrieben wird, oder dass die Leute scherzen. Ja ehrlich, liebe Journalisten, dass soll es wirklich geben, habe ich zumindest gehört. Morgen setze ich dann auf Identi.ca einen Dent ab, mit der Prognose für die Bundestagswahl am 27. September. Und dann warte ich auf den SPIEGEL-Artikel mit der Überschrift:

Wahlergebnis schon 4 Wochen vorher bekanntgegeben.
Muss Blogger nun 50.000 Euro Strafe zahlen?

Oder so…

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14 Antworten zu “Der Twitter-Hoax”

  1. […] Zum ehemaligen Nachrichtenmagazin und den »geleakten« Zahlen siehe auch bei F!XMBR. […]

  2. Flori sagt:

    Es werden ja auch schon nachmittags an die Politiker Prognosen herausgegeben, damit die wissen, in welcher Größenordnung sie gewonnen haben (Verlierer gibt es ja nicht).

    Mal angenommen, diese Prognosen werden auf Datengrundlage von 16 Uhr (oder noch früher?) erstellt. Dann gibt es noch mindestens zwei Stunden, in denen Exit Polls durchgeführt werden können.

    Ich denke, dabei sind durchaus Verschiebungen von einem Prozentpunkt möglich.

    Ich denke nicht, dass um 16.30 bereits die Prognose für 18 Uhr feststand. Deshalb könnte ich mir schon vorstellen, dass jemand eine frühere Prognose wirklich geleakt hat und das dann auf Twitter gelandet ist. Natürlich ist ebensogut ein Hoax möglich.

    Meine Annahmen basieren aber kaum auf Hintergrundwissen zum Ablauf der Exit Polls und Prognoseerstellung, einfach nur so wie ich mir es momentan vorstelle. 😉

  3. oneiroid sagt:

    Die Argumentation kann ich nicht nachvollziehen. Wenn jemand so gut tippen kann, dann müsste man ihm ein Millionengehalt zahlen und könnte sich dafür alle zukünftigen Wahlen im wahrsten Sinne des Wortes sparen.

    Gut, es gibt leichte Abweichungen — die können aber damit zusammenhängen, dass die Twitter-Zahlen auf den Wählern bis maximal 16 Uhr basieren, während die ARD/ZDF-Prognosen bis 18 Uhr das eine oder andere Update bekommen haben. Dazu noch ein bisschen auf-/abrunden für den kurzen Tweet, und schon haben wir ein paar Zahlen, die auf den ersten Blick nicht voneinander abstammen.

  4. hein sagt:

    Ich denke die hier muss man mehrere Ebenen trennen.

    Die Probleme der klassischen Printmedien mit dem Internet haben letztlich einen gewissen Beissreflex erzeugt der den Blick auf das eigentlich dargestellte Problem verzerrt. Und als Grundlage für eine ausgewogene Debatte ist das nicht allzu gut.

    Die Wahlgesetze waren bisher annerkannt und effektiv. Weitere Möglichkeiten für Plebeszite, dem Bürger etwa Möglichkeiten wie in der Schweiz einzuräumen wurden selbstverständlich von allen Parteien als Untergang Deutschlands verdammt. Also bitte nicht zuviel Demokratie, das können die Deutschen nicht. Der Bürger ist auf diese eine Stimmabgabe alle vier Jahre begrenzt. Und die Möglichkeit der Beeinflussung des Wahlergebnisses über die zu frühe Bekanntgabe der Prognose war dem Gesetzgeber auch schon in Analog-Zeiten des guten alten Radios bekannt.

    Es hat keinen Sinn hier nach Massnahmen zur Lösung zu suchen: keines der auslösenden Phänomene kann man mit Gesetzen beeinflussen. Die gestiegene Indiskretion der politischen Kaste etwa wird sicher nicht durch Gesetze besser, im Gegenteil : die haben doch den größten Gewinn davon in Zeiten der voll durchgesetzten Mediendemokratie. Nur erwischen lassen darf man sich nicht. Und hier Stoppschilder für Twitter am Wahltag zu fordern kann hier ernsthaft nur als geschacklose Entgleisung betrachtet werden.

    Der Grundkonflikt kann nur dadurch hinreichend sicher unterdrückt werden, wenn die Politiker keinen Zugang mehr zu den Exit-Polls bekommen, also gleiche Prognosen für alle nach Schluss der Wahllokale. Und das werden die Politiker ebenso wieder als den Untergang Deutschlands darstellen.

    Und Chris: so sehr ich Deine Fähigkeiten auch schätze, denn ich lese hier gerne und oft, das mit der Vorhersage vier Wochen früher wirst Du nie schaffen, mach Dir da keine Sorgen 😉 . Das haben schon alle Vollprofis vergeigt, und die Wahlen werden dank schlechterer Parteienbindung für ebensolche Vorhersagen immer ungenauer.

    Warten wirs ab, der Erstfall kommt bestimmt! :-)

  5. Und dann wäre ja noch die Frage, was man denn dagegen tut. Wenn das nicht einfach billige Kampfansage an Social Media ist, dann sollte man halt einfach die Exit Polls untersagen. Muss man dann halt was länger auf Zahlen warten und sich solange nichtssagende Interviews im TV anschaun.

  6. Chris sagt:

    @hein: Ironie ist nicht Deine Stärke, oder? 😉

    @All: Ich hätte auch nur einen Satz schreiben können, es waren ganz einfach nicht die Zahlen, Punkt. Unstrittig ist, dass sie nah dran waren und wahrscheinlich aus dem inneren Zirkel kommen, sei es eines der Umfragsinstitute, Politiker, was auch immer.

    Es sind aber nicht die Zahlen. Der Ursprungsartikel des SPIEGEL sah im Übrigen noch ein wenig anders aus.

    Aber die Headline «Ungefähre Prognosen auf Twitter veröffentlicht» hätte halt Niemanden hinter dem Ofen hervorgeholt. 😉

    Schönenborn hat das hier auch noch einmal klargestellt

  7. Chris sagt:

    Achja, und weil es mal wieder notwendig ist:

  8. Anonymous sagt:

    > Wahlergebnis schon 4 Wochen vorher bekanntgegeben.
    > Muss Blogger nun 50.000 Euro Strafe zahlen?

    Erinnert mich hieran: Diebold Accidentally Leaks Results Of 08 Election

    Ich bin aber auch der Meinung, dass man auch als «Kenner der politischen Szene» nicht so gut raten kann. Ich würde daher auch auf jemanden tippen, der in irgendeiner Form mit den Exit-Poll-Zahlen in Berührung gekommen ist.

  9. Anonymous sagt:

    Wo ist da jetzt eigentlich genau die Gefahr? Der Wähler denkt, «hach, jetzt wollte ich doch gerade noch zum wählen gehn, aber eben lese ich auf twitter, dass irgendsoein Joe getwittert hat, dass die gute CDU sowieso gewinnt. Da spar ich mir die Mühe, könnte ja sein, dass der Joe von twitter irgendwie mehr weiß.»?

    Sorry, wessen Wahlverhalten so beinflußbar ist, dem ist doch eh nicht mehr zu helfen. Statt «Joe» könnte es ja auch der Rentner von nebenan in Reallife sein, der da «was weiß». Mal wieder eher ein Beispiel für die Hysterie unserer bekloppten Medien. Vor vier Jahren hatte man dann wohl furchtbar Angst, in Second Life könnte jemand rumlaufen und Wahlergebnisse bekanntgeben. Und in vier Jahren wird dann die nächste Sau durchs Mediendorf getrieben. Sommerloch eben.

  10. Nathanael sagt:

    Wenn Du das über identi.ca absetzt, wird es nur niemand mitbekommen. Also ist identi.ca wohl so ein Internet-Geheimbund-Dingens für Eingeweihte, das nur erfunden wurde, um anonym gefährlichen Unsinn zu verbreiten. Gehört also noch mehr verboten als Twitter. Oder so…

  11. Um die Twitter-«Prognose» für Thüringen zu machen, hätten genau so gut die letzten Umfrageergebnisse 10 Tage vor der Wahl gereicht, siehe Sonntagsfrage Infratest dimap

    Twitter:
    CDU 34%, SPD 20%, Linke 25%, FDP 8%, Grüne 6%
    Infratest am 20.08.:
    CDU 34%, SPD 19%, Linke 24%, FDP 8%, Grüne 6%
    Exit-Poll-Prognose ARD (siehe oben):
    CDU 32,5%, SPD 18,5%, Linke 26%, FDP 8%, Grüne 5,5%

  12. Georg sagt:

    Zum einen: Wenn ich die Zahlen kennen würde, würde ich nicht die Originalzahlen twittern, sondern 0,5–1% Abweichungen rein machen. Um die Quelle zu schützen.

    Vielleicht hätte man das auch raten können, anhand der Umfragen. Das Problem bleibt jedoch und wird zur BTW größer, da das Interesse höher ist und mehr Leute direkt und indirekt eingeweiht sind.

    Und wenn es nur aus Versehen ist, wenn jemand seinem Mit-Präsidiumsmitglied die Zahlen twittert und das «d» für Direktmessage bei der Aufregung vergisst.

    Mal klar zu sagen: Es geht nicht darum, etwas «einzudämme» mit guten Worten und Drohungen, sondern wenn es einmal passiert, kann es schon ungeahnte Folgen haben.

    Die Konsequenz kann nur ein Verzicht auf die Exit-Polls sein.

  13. Flori sagt:

    Und wenn es nur aus Versehen ist, wenn jemand seinem Mit-Präsidiumsmitglied die Zahlen twittert und das “d” für Direktmessage bei der Aufregung vergisst.

    Herrliche Vorstellung! Twitter ist ja so ein sicherer Kanal. Da würde ich auch solche sensiblen Infos weitersagen. Oder einfach aus dem Fenster rüberrufen. 😀

    Mir ist auch unklar weshalb die Prognosen erst ab 18 Uhr veröffentlicht werden dürfen, aber vielleicht sind ja einfachere Naturen wirklich durch so eine Prognose doch noch zu mobilisieren (oder zu demobilisieren), oder die Entscheidung ändert sich dadurch («Ich wähle immer den, der wahrscheinlich gewinnt, weil ich ungern einer Minderheit angehöre!»).

    Wobei solche Leute ohnehin keinen großen Gewinn für die Demokratie darstellen würden. Trotzdem wären solche Exit Polls von diesen Personen fernzuhalten. Für mich persönlich wäre es aber garantiert auch spannend, schon vor 18 Uhr von den möglich Ergebnissen zu erfahren, werde also bei der Bundestagswahl so gegen 16:30 Twitter checken. 😉

  14. […] die Sache  auch erledigt sein dürfte. Gute Geschichten müssen ja nicht immer stimmen. Natürlich haben wir vor 18.00 Uhr […]


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