Der Tagesspiegel aus Berlin — Ein Synonym für das Verwesen des investigativen Journalismus in Deutschland?

TagesspiegelHier hatte ich mich — zugegeben — süffisant mit einem Artikel aus der SZ befasst. Ich schrieb in dem Artikel unter anderem, dass sich die Artikel aus den Politressorts dieses Landes kaum noch von denen aus den Parteizentralen unterscheiden. Mir persönlich fällt das besonders stark auf: In meinem Feedreader gibt es eine Rubrik Politik, da werden die verschiedenen Redaktionen und die Feeds der Parteien wild gemischt dargestellt. Es ist kaum ein Unterschied zwischen den verschiedenen Headlines zu erkennen. Ein Armutszeugnis sondergleichen, was dort Tag für Tag zu sehen ist. Nun hat Oliver mich auf einen Artikel im Berliner Tagesspiegel aufmerksam gemacht. Im Artikel geht es um Barack Obama — falsch, es ist vielmehr ein Angriff auf ihn, seine Person und seine Politik. Das kann man machen — man muss sogar mit und über ihn streiten. Doch im Artikel selbst heißt es:

Diesen Essay lehnte die „New York Times“ mit der Begründung ab, er enthalte keine neuen Informationen. Wir drucken ihn, leicht gekürzt, mit freundlicher Genehmigung des Wahlkampfhauptquartiers von John McCain in Arlington, VA.

Ich fasse zusammen: Ein PR-Artikel aus dem Wahlkampfhauptquartier von John McCain wird von der altehrwürdigen New York Times schon als das enttarnt, was er ist — purer Wahlkampf und pure Polemik. Ganze einfach irrelevanter Blödsinn. Man wird dort herzhaft gelacht haben, als dieser vom Team des John McCain vorgelegt wurde.Soweit so gut — aber eine deutsche Tageszeitung hat nichts besseres zu tun, als diesen zu übersetzen und seinen Lesern zu präsentieren. Online-Chefin ist dort im Übrigen Mercedes Bunz — die Dame, die schon den linken Neoliberalismus erfinden wollte. Wie sie und ihre Kollegen offensichtlich ticken, ist an diesem Beispiel perfekt zu erkennen.

Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer, als die Satire. Das ist peinlich, erschreckend, einer deutschen Tageszeitung — insbesondere eines Journalisten — nicht würdig. Nichtmal im Ansatz. Es ist einfach nur schlimm — gesellschaftlich, politisch, journalistisch. Woher will der (noch) interessierte Leser eigentlich wissen, ob andere Artikel nicht auch von PR-Abteilungen verfasst werden? Vielleicht sollten wir auf F!XMBR auch anfangen, PR-Meldungen zu verfassen. Diese werden sicherlich ihre 1:1-Abnehmer finden. Nicht die Leser sind schuld, nicht das Internet, nicht die neue schnelllebige Zeit. Nein. Am fortschreitenden Untergang der etablierten Medien sind Verleger und Chefredaktionen schuld, die so ein Verhalten fördern und fordern. Die Journalisten selbst, die solch ein Verhalten mittragen, sind am Untergang des eigenen Berufsstandes schuld. Wenn die etablierten Medien am Sterben sind, hat der Tagesspiegel heute gezeigt, dass er selbst schon am Verwesen ist. Dagegen war der Spiegel-Rant gegen Blogger hohe literarische und investigative Kunst. Lieber Tagesspiegel — wie wäre es damit: Ich schreibe Euch Tag für Tag einen Artikel über F!XMBR? Ich frag ja nur.

Ausriss: tagesspiegel.de

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6 Antworten zu “Der Tagesspiegel aus Berlin — Ein Synonym für das Verwesen des investigativen Journalismus in Deutschland?”

  1. Oliver sagt:

    Tja und darüber hinaus hat die NYT schon diverse Artikel Mccains veröffentlicht — nur dieser ist halt wirklich nur Mist.

  2. Usul sagt:

    Aus dem Amerikanischen übersetzt von … steht unter dem Beitrag. Bin ich der einzige, dem das ungewöhnlich vorkommt? Ich dachte, die sprechen (gepanschtes) Englisch. Mal gucken, wann die ersten Artikel aus dem Australischen übersetzt werden … Oder aus dem Kanadischen.

  3. Oliver sagt:

    >Ich dachte, die sprechen (gepanschtes) Englisch.

    Komparatisten beispielsweise unterscheiden zw. britischem Englisch und amerikanischem Englisch. Gemeinhin nennt man es jedoch mehr und mehr Amerkanisch, da es sich doch mehr und mehr entfernt. Und die Wertung von «Australisch» die z.B. in den Kreisen meiner Schwester kursiert, nenne ich dir hier jetzt besser nicht. In deutschsprachigen Gefilden verhält es sich ähnlich, alles Deutsch, aber man benennt es in der Regel ausschließlich gemäß der Nationalität, um den eigenen Charakter hervorzuheben.

  4. Gaston sagt:

    Die NYTimes ist traditionell links — natürlich ist es ein bisschen verwunderlich, dass sie Obama die Chance geben sich zu äußern und McCain nicht … Eine Wertung steht der NYTimes nicht zu, wenn sie explizit Platz für den Wahlkampf der beiden Kandidaten zur Verfügung stellt.
    Wenn die Artikel als Wahlwerbung gekennzeichnet sind, kann sich jeder Leser selbst ein Bild machen.
    Alles andere ist Zensur.

    Ich verstehe den Vorwurf an den Tagesspiegel nicht, der diese Kompetenz offensichtlich seinen Lesern zutraut.

  5. Oliver sagt:

    >dass sie Obama die Chance geben sich zu äußern und McCain nicht

    Mangels Substanz, selbst im Wahlkampf sollte man doch auf den anderen eingehen. Dies hier liest sich einfach nur wie «geh heim Obama». Mccain schrieb schon zuvor dort und abgelehnt wurden ebenso schon andere Artikel von diversen Leuten. Ein gewisses Niveau ist überall an der Tagesordnung.

    >Alles andere ist Zensur.

    Nein alles andere ist mangelnde Vernunft. Wir würden hier beispielsweise auch keine rechte Meinung dulden. Und wenn sich jemand auskotzen möchte kann er anderswo ebenso seine Meinung offerieren.

    >Ich verstehe den Vorwurf an den Tagesspiegel nicht, der diese Kompetenz offensichtlich seinen Lesern zutraut.

    Dazu muß man sich mit der Materie beschäftigen und ein wenig lesen/stöbern — das trauen wir unseren regelmäßigen Lesern ebenso zu. Und wo soll bei der NYT die Zensur sein? Diese traut ihren Lesern wohl ebenso zu sich Mccains Pamphlet anderswo zu besorgen.

    Links ist zudem Blödsinn in den Staaten, per se nicht existent und auch kaum vergleichbar mit unseren «Linken». Liberal ist dort das Stichwort, auch bei den Demokraten und dieser liberale Habitus zeichnet sich durch andere Ziele aus als beispielsweise die der «Linken» in Europa, allenfalls kreuzt sich manches mal der Weg. In aller Kürze, was viele hier gerne immer übersehen Deutschland != USA.

  6. Chris sagt:

    Ich hab den letzten Kommentar ins Nirwana geschickt. Ist mir zu blöd, wenn nichtmal kapiert wird, dass der Artikel von einer Person geschrieben wird und nicht von Euch.

    Die Kritik von Veröffentlichungen von PR-Fuzzis in Tageszeitungen ist klar definiert. Und wenn es dann schon mit dem Wissen, USA, links, liberal mangelt, kann ich und vor allen Dingen will ich nicht mehr helfen.

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