Der Schrei nach Zensur

Deutschlands Qualitätsmedien stellen sich gerade mal wieder ein Armutszeugnis aus, Oliver schrieb hier schon etwas zu Tante Merkel und dem Dalai Lama. Die Chinesen hat der Besuch des Oberhauptes der Tibeter im Kanzleramt nun ein wenig verstimmt. Wenn man sich die Zeitungen unseres Landes so durchliest, könnte man fast meinen, dass wir auf einen Krieg mit dem Reich der Mitte zusteuern. Unsere Justizministerin zum Beispiel wollte sich mit den chinesischen Kollegen austauschen. Wie es offiziell heißt, wurde der Rechtsstaatdialog aus technischen Gründen abgesagt — auf fast gleicher Augenhöhe hätte man da gute Gespräche führen können. Frau Zypries hätte da mit Sicherheit sehr gute Tipps geben können, wie man es geschafft hat, dass unser Land in der weiten Welt immer noch als Demokratie gilt. Und wenn man sich mal weiter durch unsere Qualitätsmedien klickt, zeigt sich, welch Qualitätsjournalismus in den Redaktionsräumen dieses Landes vorherrscht. Wie ein kleines Kind, wird nach Zensur der staatlichen Behörden in China geschrien.

Die dpa hatte wohl mal wieder nichts zu schreiben und da haben sie die Praktikanten in chinesische Foren geschickt um dort nach dem nächsten Artikel zu fischen. Als Hexe soll Angela Merkel bezeichnet werden. Es soll einen Aufruf zu einer Demonstration vor der deutschen Botschaft in Peking geben — das Übliche halt, denn eines ist klar: In deutschen Foren ist es keineswegs anders. Man durchsuche das Forum seiner Wahl einfach mal nach George W. Bush oder gar nach Wolfgang Schäuble — nichts, was man nicht schon unzählige Male gelesen hätte.

Erschreckend an dieser Tatsache ist nicht, dass sich mancher Chinese in der Wortwahl vergreift, oder gar so etwas Unverschämtes wie eine Demonstration vor der deutschen Botschaft fordert. Erschreckend ist der jämmerliche Ruf unserer deutschen freiheitlichen *lol* Qualitätsmedien nach Zensur der chinesischen Behörden — dem Zensor. Da wird unverhohlen gejammert, dass unsere Bundeskanzlerin beleidigt wird, da wird nach dem Zensor geschrien, dass dieser nicht einschreitet und kein Redakteur, CvC findet es befremdlich nach staatlichen Zensur zu rufen, nur weil mancher Foren-Poster in China über die Stränge schlägt. Niemand in den Redaktionsräumen dieses Landes kommt auf die Idee, dass ein Ruf nach Zensur, nach dem chinesischen Zensor ein wenig befremdlich sein könnte, kein CvC kommt auf die Idee, den Artikel so schnell wie möglich von der Seite zu nehmen. Die dpa ist über jeden Zweifel erhaben, niemand kommt auf die Idee, sie zu hinterfragen, es wird aus dem Material sogar noch ein eigener Artikel gestrickt.

In unzähligen anderen Artikeln über China, die Menschenrechte und die Zensur zu berichten und diese dann anzuprangern, hier dann genau das zu fordern, was man an anderer Stelle kritisiert, macht unsere Qualitätsmedien nicht wirklich glaubwürdig, das Gegenteil ist eher der Fall. Man vergisst, sich an die eigene Nase zu fassen — jeder Redakteur einer ausländischen Zeitung würde in deutschen Foren ebenso fündig werden — deutsche Foren sind keinen Deut besser wie die in anderen Ländern, interessant an der Geschichte ist lediglich der unverhohlene Schrei unserer Qualitätsmedien nach Zensur. Vielleicht ist es ja doch die Geisteshaltung manches Redakteurs da draußen — der Pöbel hat sein Maul zu halten, wenn nicht, hat der Staat einzugreifen. Oder ist das Ganze etwa nur Propaganda unserer Politik? Unabhängige Journalisten sind wohl nur noch eine blasse Erinnerung an frühere Zeiten. Wer am Piccolo Freitagabend nippen möchte, wer am Buffet neben den Damen und Herren Politikern den Lachs genießen will, der hat zu funktionieren — und wenn es nur der Schrei nach Liebe Zensur ist. Mal wieder Qualitätsjournalismus par excellence.

SZ — Hexe Angela — Chinesen beschimpfen Merkel

SPIEGEL — Chinas Zensoren lassen Merkel-Mobber von der Leine

Disclaimer: Natürlich sind Beleidigungen sofort zu löschen, auch hier in Deutschland, das Thema hatten wir schon des öfteren. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der hier nach dem staatlichen Zensor geschrien wird, hat eine besondere journalistische Qualität.

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