der Mythos der freien kulturellen Entwicklung

Lauscht man heutzutage diversen Zeitgenossen, welche Urheberrecht, Copyright und ähnliche Dinge argumentativ verdammen, so wird als Argument immer gerne auf die früheren Zeiten zurückgegriffen. Jene Zeiten, in welchen ein irgendwie geartetes «Urheberrecht» jenseits der Vorstellung lag, jene Zeiten in denen Kultur sich schrankenlos verbreiten konnte und sich dem Einzelnen ein Eldorado an Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung bot.

Kurzum, wir sehen uns einem Irrglauben gegenüber, ebenso wie jener Glaube an die Unzulänglichkeit der Menschen der «Steinzeit», die Mär vom «dunklen Mittelalter», die vermeintliche «Dummheit» der Menschen in jener Zeit, der Mythos der flachen Erde, etc. pp. Unausrottbare Folklore, die wir einer nur mäßigen historischen Bildung verdanken, die immer noch große Männer und Weltpolitik absurderweise als Marksteine der Menschheitsentwicklung ansieht und die Menschheit selbst, die Kulturgeschichte, außen vor läßt.

Die Steinzeit war fortschrittlicher, als viele heute glauben mögen, das «dunkle» Mittelalter war kein Paradies, aber auch kein fundamentalistischer Albtraum, der Mythos der «flachen Erde», also der Glaube die Erde sei eine Scheibe, war eigentlich schon in der Antike bestritten und im Mittelalter keiner Diskussion mehr würdig. Was diese Beispiele jedoch zeigen, daß die Menscheit heute, trotz ihrer gewaltiger Ressourcen, nicht in der Lage ist, mit stetig steigendem Wissen adäquat umzugehen bzw. dieses entsprechend zu vermitteln. Heutzutage konkurrieren Wissen und Amusement, letzteres behält allzuoft die Überhand. War zu früheren Zeiten das Wissen spärlich aber heiß begehrt, so ist es heut mannigfaltig, jedoch oft verschmäht.

Wie dem auch sei, warum ist diese Folklore unausrottbar. Warum zum Beispiel glauben wir an diesen Mythos der freien kulturellen Entwicklung in früheren Zeiten? Nun wir betrachten nicht das gesamte Bild, sondern nur einen Ausschnitt. Wir sehen die Situation heute und folgern, ob einer nachweislich stattgefundenen kulturellen Entwicklung, die zu früheren Zeiten vermeintlich freie Kultur. Was wir dabei aber übersehen, ist das Wirken der Kultur über lange Zeiträume, teils tausende von Jahren mußten überbrückt werden, bis einzelne Regionen kulturell aufschlossen zu ihren «Nachbarn».

Zu früheren Zeiten, z.B. in der «Steinzeit», gab es eine nur verhältnismäßig kleine Population, die zu überbrückenden Distanzen waren teils gewaltig, kulturelle Einflüsse somit eher zufälliger Natur. Und selbst wenn diese zustande kamen, existierte immer noch das Problem des persönlichen Vorteils, denn der Fortschritt des einen Stamms garantierte beispielsweise eine bessere Verpflegung bzw. mehr an Schutz, dem anderen Stamm gereichte dies zum Nachteil, ließ man diesen denn nicht am Wissen teilhaben. Da Ressourcen (Wild, etc.) knapp waren, wurde auch jeder Vorteil genutzt. Ein «Urheberrecht» konnte zwar nicht die Verbreitung unterbinden, aber das Prinzip «security by obscurity» verhalf auch damals, neben den zu überbrückenden Distanzen, zu einem temporären Schutz, der zwar die kulturelle Entwicklung per se nicht aufzuhalten vermochte, welcher aber zu einer teils massiven Verzögerung der Entwicklung beitrug und somit zu regional ausgeprägten Differenzen.

Blicken wir heute zurück, sehen wir den Sieg der Kultur. Die Domestikation der Ziege beispielsweise verdanken wir den neolithischen Bauern, die aus den Gebieten des heutigen «Orients» einwanderten und daneben auch noch die Praxis des Ackerbaus mitbrachten. Hier fand man sich noch in Zeiten des Mesolithikums wieder, d.h. man ging der Jagd nach und sammelte noch mehr zufällig Feldfrüchte von wilden Feldern ein, ohne diese Praxis tatsächlich systematisch zu kultivieren.

Es existieren Beispiele für recht freie kulturelle Entwicklungen, aber auch Beispiele die Vorteile für lange Zeit zur Verschlußsache eines Volkes, respektive einer dortigen Kaste erklärten. Betrachten wir beispielsweise den Klerus im alten Ägypten, ein Hort des Wissens, ein Hort der Macht. Abseits des Ritus sammelte man dort Wissen, forschte und ließ keinen anderen außerhalb daran teilhaben, die Druiden wären ein anderes Beispiel, der Klerus im Mittelalter, insbesondere jener in klösterlichen Gefilden, ein weiteres.

Vom Paläolithikum, über die Antike, das Mittelalter, bis in die Neuzeit und nun ganz aktuell in unserer Zeit, galt und gilt «Wissen ist Macht». Mehr denn je verschließt man sich heute freiwillig dem vorhandenen Wissen, wie üblich verschließen andere den Zugang zu ihrem Wissen, da dieses ihnen zum persönlichen Vorteil gereicht. «Urheberrecht» oder ein «Copyright», wird die Kultur nicht aufhalten können. Hier und jetzt vielleicht, in hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren jedoch wird man von freier kultureller Entfaltung sprechen und über die regionalen Differenzen diskutieren. Gutenbergs Buchdruck entfaltete seine Wirkung nicht in Jahren, sondern in Jahrhunderten und die Technik galt damals dem Geschäft eines Einzelnen, nicht der Wohltat an die Menschheit.

Wir müssen uns trennen von dem Gedanken, daß Kultur sich in irgendeiner Epoche zeitnah frei entwickeln konnte. Aber ähnlich der Naturgewalt des Wassers, bahnt sich Kultur ihren Weg. Wasser formt Kiesel, Wasser treibt Wege durch die Erde, Wasser durchbricht Berge und Kultur vermag dies ebenso unaufhaltsam, wie es die Menschheitsgeschichte bis dato anschaulich zeigt.

Dies ist kein Plädoyer für ein starkes Urheberrecht, massive Einschränkung etc. pp., aber wenn man Ursache und Wirkung betrachtet, die Zeiträume in denen Kultur wirkt, dann brauchen wir uns gewiß keine Sorge um den kulturellen Fortbestand zu machen. Kultur wirkt, nicht unbedingt in zwei Jahren, aber mitunter in zwanzig, zweihundert oder auch zweitausend Jahren. Im Nachhinein wird die Menschheit auch dann keine tatsächliche Einschränkung sehen, einzig lokale Gegebenheiten von relativ kurzer Verweildauer.

Bild: «Egyptian chess players», Wikimedia Commons, Public Domain

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5 Antworten zu “der Mythos der freien kulturellen Entwicklung”

  1. Heldt sagt:

    Gibt es wirklich Leute, die das Bild des dunklen Mittelalters als Referenz dafür nehmen, dass es keine Urheberrechtsschutz gab? Zumindest das Prinzip «Security through Obscurity» wurde durch die Kirche lange Jahre erfolgreich durchgesetzt…

    Was ich noch anmerken möchte: Wissen wurde auch früher hinten an gestellt. Vielleicht nicht der Vergnügung wegen sondern eher wegen der Versorgung. Vielen jungen Menschen wurde von ihren Eltern der Weg zu höherer Schulbildung versagt, weil sie ihre Familie mitversorgen sollten oder Bildung allgemein nicht so hoch bewertet wurde (Wissen allein ernährt nun mal nicht).

  2. >Wissen wurde auch früher hinten an gestellt.

    Das ist ein klassischer Denkfehler, Wissen sollte man nicht mit schulischer oder universitärer Bildung gleichsetzen.

    >Vielen jungen Menschen wurde von ihren Eltern der Weg zu höherer Schulbildung versagt

    In den Anfängen hätte nicht einmal Geld zur Bildung geführt und «kostenlos» war die Bildung für begabte junge Menschen in Klosterschulen etc. möglich, aber dies nur am Rande.

    >Gibt es wirklich Leute, die das Bild des dunklen Mittelalters als Referenz dafür nehmen

    Nein, es ist ein Beispiel für Folklore.

    >Zumindest das Prinzip «Security through Obscurity» wurde durch die Kirche lange Jahre erfolgreich durchgesetzt…

    Auch dies ist nur zum Teil korrekt, der Rest ist Basis heutiger Verschwörungstheorien, hat jedoch mit den historischen Fakten nicht gemein. Die weltliche Herrschaft versuchte schon früh einen unabhängigen Gegenpol zu bilden (siehe z.B. Verbreitung der Universitäten).

  3. Gaston sagt:

    Ich weiß, das ich mir seit Jahren den Mund fusselig rede und die Finger wund schreibe.
    Aber ich bleibe dabei, das «Urheberrecht» ist ein Meilenstein in der Geschichte gewesen. Gemeint ist die Idee des Schutzes von geistigem Eigentum, also dem unverrückbaren Recht des Urhebers.
    Was man kritisieren kann, ist das die «Idee» des unübertragbaren Recht des Urhebers in vielen Bereichen zu Perversion (auch durch Höchstrichterliche Urteile gedeckt) geführt wird.
    Die GEMA z.B. hat die «Urheber» entmündigt. Meiner Meinung nach ein glatter Rechtsbruch, aber wie gesagt durch höchstrichterliche Urteile gedeckt. Das schlimme dabei ist, das auch Urheber, die sich nicht dieser Organisation angeschlossen haben mit entmündigt werden (zumindest in gewissen Bereichen).

    Aber das ist ja eigentlich nicht das Thema.
    Das Urheberrecht wird meiner Meinung nach, von seiner Idee her zu lax, bzw. zu interessensorientiert (man kann auch Lobbyistisch sagen) gehandhabt.

    Um es mal genauer zu sagen, früher war es so, das diejenigen, die bestimmte Interessen verfolgten oder die Macht hatten, das Wissen und Werke von Urhebern sich aneigneten.
    Das heute (und auch schon zu Ihren Schöpfungszeiten) z.B. Komponisten hoch angesehene Stücke geschrieben haben, aber sprichwörtlich arm wie eine Kirchenmaus waren, ist keine Jammergeschichte nach dem Motto «jammern auf hohem Niveau». Viele dieser Schöpfer wurden wie Leibeigene gehalten und mit einem geringen Lohn für Ihre Werke abgespeist. Hatte solch ein Werk dann Erfolg waren es die Landesherrn oder Monarchen, die das Geld für die Aufführungsrechte einsackten. Ja auch damals schon, weil «alle» Rechte veräußert wurden. Der Schöpfer musste zusehen, wie tausende von seiner Musik begeistert waren und das Geld für die Arbeit von anderen eigesteckt wurde.
    Dies sollte mit dem «Urheberrecht» verhindert werden.
    Um es einfach zu sagen, der Kern des «Urheberrechtes» ist die Unveräußerbarkeit der Urheberrechte. Also, es können Verwertungsrechte veräußert werden, aber das Recht der Urheberschaft und das Recht zu Entscheiden, was mit seinem Werk geschieht, bleibt beim Urheber und eine gewisse Referenzzeit bei den Erben.
    Ich finde, das gerade im Theaterbereich dies für beide Seiten recht gut geklärt ist. Am Beispiel von Brecht kann man sehen, was es bedeutet, wenn der Urheber oder wie in dem Fall dann die Erben ganz bestimmte Vorstellungen haben, was mit der Schöpfung geschieht. Etliche Theatermacher warten mit Ungeduld auf das Ende der Urheberrechte seiner Werke. Dies ist nach derzeitigem Recht 2026. Der Hintergrund ist, das die Eben sich ausdingen, zu entscheiden, ob Sie eine Inszenierung eines Brechtstückes zulassen wollen oder nicht. Das mag manch einen Nerven und es ist auch die hier die spezielle Frage, ob die Erben nicht übers Ziel hinausschießen. Aber ist es nicht mein gutes Recht als Schöpfer, zu entscheiden, welche «Interpretation» meiner Schöpfung ich zulassen will?
    Aber zurück zu den Lebenden.
    Will man ein Theaterstück inszenieren, so wendet man sich (soweit der Schöpfer dieses Stück bei einem Verlag publiziert hat) an einem Verlag und erwirbt die Aufführungsrechte. Diese erwirbt man für eine Bestimmte Zeit und einem bestimmten Gebiet. Dies bedeutet, das der Urheber einem Theater/Regisseur, etc. für eine Bestimmte Zeit das Recht gibt, die Schöpfung zu verwerten.
    Nicht nur das, er gewährt dem Verwerter sogar das Recht diese Schöpfung in dem Verwertungsbereich exklusiv zu verwerten. Das heißt, das der Schöpfer (oder der Verlag in Vertretung) dem Verwerter für einen gewissen Zeitraum garantiert, das dieser sozusagen Exklusivrechte für die Stadt, den Kreis, das Bundesland oder dem ganzen Land gewährt.
    Dafür wird dann eine entsprechende Gegenleistung in Form einer Bezahlung erbracht.
    Bis auf Ausnahmefälle koppelt sich die Kosten der Rechte an eine Grundsumme, der Aufführungsmenge und der Zuschauerkapazität, so das auch kleine Theater die Möglichkeiten haben, sich die Rechte (im Verhältnis zu den Einnahmen) leisten zu können.
    Wie gesagt, bis auf einige seltenen perversen Auswüchsen ein System, das sich in der Theaterwelt bisher gut etabliert hat und für beide Seiten seine Vorteile hat.
    So haben z.B. relativ kleine Theater auch zum Teil über Jahre erfolgreich Erfolgsstücke Spielen können, ohne das die Kosten ins unermessliche gestiegen sind. Als Beispiel sei da z.B. «Kunst» von Yasmina Reza zu nennen, das in Aachen von einer kleinen Bühne gespielt wurde und in Köln seit Jahren ein Zugpferd eines freien Theaters ist. Oder von Dario Fo die «Offene Zweierbeziehung», die in Köln über Jahre immer für ausverkaufte Vorstellungen in einem freien Theater gesorgt hatte.
    Nur um mal zwei Beispiele von Erfolgsstücken zu nennen.

    Ein Umgang von Schöpfungen, ähnlich wie sie im Bereich Theater praktiziert wird halte ich für einen guten Weg. Nicht das non plus ultra, aber nur weil es in bestimmten Bereichen Auswüchse gibt, die an Perversität nicht zu übertreffen sind, muss man nicht den Bock zum Gärtner machen. Ich will immer noch selbst entscheiden, was ich mit meinen Schöpfungen mache. Und dieses Recht erstreite ich mir notfalls gerichtlich. Auf der anderen Seite habe ich auch schon Schöpfungen von mir ganz frei gegeben oder mit entsprechender CC-Lizenz frei gegeben. Was, das Entscheide ich immer noch selbst!

  4. Diese Art des Schutzes, selbst für Veröffentlichungen von Texten, gab es ebenso schon zu früheren Zeiten. Man betrieb Lobbyarbeit zu Hofe und konnte sich so selbst des Schutzes vor ähnlichen Arbeiten versichern. Drum schrieb ich es auch in Anführungszeichen, ich habe hier mit Absicht nicht das Augenmerk auf lokale Gegebenheiten irgendeiner Legislative gerichtet. In China beispielsweise gab es ähnliches schon früher in Worte gegossen. Die Idee ist nicht neu, die Idee ist sehr alt, die Praxis per se so alt wie die Menschheit. Der Entwicklung jedoch tat dies kein Abbruch. Wir sind in Kleinheit befangen, wenn wir das Iota Zeit in welchem wir verweilen, der Menschheitsgeschichte selbst gegenüberstellen und Alleinstellungsmerkmale für dieses Fragment beanspruchen.

    Man kann die kulturelle Entwicklung nicht unterdrücken. Beeinflussungen seitens z.B. des Klerus oder auch die Zeit des Vormärz konnten etwas unterdrücken und dennoch bahnte sich der menschliche Geist seinen Weg und schuf wunderbare Dinge, entwickelte sich weiter. Verbiete dem Kreativen etwas zu nutzen und er wird Mittel und Wege finden, diese Einschränkungen zu umgehen. Was sind z.B. die letzten hundert Jahre gegenüber z.B. ca. zwei bis drei Millionen Jahre Entwicklung seit dem Altpaläolithikum?

    Das Urheberrecht, ist mitnichten ein Novum, es ist der immer wiederkehrende Versuch Besitzansprüche mehr oder weniger geschickt zu regulieren.

    Es ging mir auch nicht darum, die Kritiker zu ächten. Vielmehr wollte ich den Blick auf das gesamte Bild lenken, weg von dem Fragment unserer Zeit. Denn somit alleine wird der Blick geschärft für Kultur und man versteht mitunter was man da zu verteidigen gedenkt. Kultur wurde und wird oft für allerlei biedere Zwecke mißbraucht, selbst der honorige Verteidiger, bemerkt mitunter überhaupt nicht, daß er dieser schützenswerten Kultur einen Bärendienst erweist. Die Kultur benötigt keinen Schutz, die Menschen selbst suchen Schutz voreinander. Und diese Angst vor dem Gegenüber treibt zu «Urheberrecht» bzw. der vehementen Kritik an diesem. Beide Ansätze sind in gewissen Grenzen völlig legitim und diese «Grenzen», sind jene Details die du u.a. anführst.

  5. Ich sagt:

    Super Artikel, super Kommentare. Ich habe die Thematik «Urheberrecht» noch nie aus dieser Perspektive betrachtet. Es eröffnet sich mir gerade eine ganz neue Welt :)

    Ich will (pardon ich möchte…) noch mehr solcher Kommentare lesen!
    Ein Wanderer

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