Der Mozilla Thunderbird zerfällt in seine Einzelteile [Update]

ThunderbirdWir waren damals die ersten im deutschsprachigen Raum, die das Thema aufgriffen, und in dieser direkten Weise interpretierten, nachdem Mozilla-Chefin Mitchell Baker in ihrem Weblog über die Zukunft des Thunderbirds philosophiert hatte. Letzte Woche dann kündigte Thunderbird-Chefentwickler Scott MacGregor an, die Mozilla Foundation zu verlassen. Ein sehr kurzer Blogeintrag — und wer einmal ein Forum, eine Community geleitet hat, kann diese Worte, besser die, die nicht dort stehen, ganz gut interpretieren. Oliver hatte dazu auch ein paar passende Sätze geschrieben. Heute dann die nächste aufschlußreiche Nachricht für die Thunderbird-Fans — der zweite hauptamtliche Entwickler, David Bienvenu, wird die Mozilla Foundation ebenfalls verlassen — sein ebenso kurzer Blogeintrag.

Ich glaube, ich habe es im ersten Artikel, nachdem Baker ihren Blogeintrag verfasst hatte, ganz gut beschrieben. Der vermeintliche Erfolg des Firefox-Browsers lässt Mozilla größenwahnsinnig werden. Sich im Glanze des Firefox sonnend, lässt man nun ein anderes Produkt ebenso über die Klinge springen, wie die zugehörigen Mitarbeiter. Es ist normales unternehmerrisches Denken — ein Unternehmensteil, der nicht mehr die Umsätze bringt, die man erwartet, wird geschlossen, an anderer Unternehmensteil — das Aushängeschild — wird gestärkt. Vergessen werden bei dieser Entscheidung die User, die Nutzer, die Community, die die Mozilla Foundation erst dahin gebracht haben, wo sie heute ist. Und das ist auch ein Unterschied zu anderen Unternehmen in der freien Wirtschaft: Die User, die die Foundation groß gemacht haben, die Spread Firefox und Spread Thunderbird in die Welt getragen haben, werden nun — sorry — in den Arsch getreten. Kunden sind vielleicht nicht Teil eines Unternehmens — die User jedoch sind Teil der Mozilla Foundation.

Wir haben hier auf F!XMBR schon immer den Firefox und die damit einhergehende Politik kritisiert. Wir haben schon immer kopfschüttelnd daneben gestanden, wenn andere diese Bloatware, Adware und was es nicht schon alles war, hochgejubelt haben — tja, wir wussten schon, warum wir dies getan haben, sagen wir es mal diplomatisch: Die Politik derer, die Entscheidungskompetenz innerhalb des Firefox-Projektes haben, sollte man nicht nur kritisieren, man sollte sie ablehnen. Aber ich bin ja schon ruhig — wollen wir den Leuten hier nicht weiter ihr liebstes Spielzeug madig machen — nur, wir schauen uns das Schauspiel ja auch nicht erst seit gestern an, es ist, wie es ist.

Es wird Zeit, sich über Alternativen Gedanken zu machen, ich selbst nutze seit geraumer Zeit — und praktisch nur wegen dem Plugin Enigmail — den Thunderbird. Ich habe aber auch noch eine Lizenz von Outlook 2003 hier rumfliegen — vielleicht ist ja mittlerweile das zugehörige Plugin GPGol stabil genug — bevor ich auf Thunderbird und Enigmail umgestiegen bin, habe ich Outlook mit Gpg4Win genutzt, nur stürzte Outlook damit immer ab. Weitere Alternativen listet das EFB auf — schau m’er mal. Gefallen tut mir das nicht, zumal bei einem Umstieg die Befürchtung eines Datenverlustest nicht unbegründet ist. Geht das mit der Mozilla Foundation so weiter, gibbet hier bald nen Button Spread Microsoft — da weiß man wenigstens, woran man ist. 😉

Nachtrag: Eindrucksvoller wie Mozilla-Chefin Mitchell Baker in ihrem aktuellen Artikel, gerade mal 40 Minuten alt, kann man meine Worte nicht bestätigen. Danke. :)

Thunderbird has been a part of the Mozilla Foundation since the Foundation was created in 2003. Initially the developers did all the work, including build, release and QA. After a while I arranged for the organization to provide the full range of resources to Thunderbird as well, meaning build, release, QA and marketing. We did not make separate groups to support Thunderbird (other than the actual application developers, where we had one Firefox developer and two Thunderbird developers).

That setting remained unchanged but started to grow uncomfortable as the web started exploding in 2005 and 2006. Not only did Firefox marketshare and mindshare explode, but the web (and the browser) as a delivery platform for new applications also came of age. Firefox was at the center of a new wave of activity and a giant ecosystem. Through this Mozilla acquired a stronger voice for openness, innovation and participation on the web.

Thunderbird remained an important product with a significant and dedicated userbase.

Der Abgesang beginnt — Thunderbird war seit 2003 Teil der Mozilla Foundation, 2005 und 2006 expandierte weltweit das Netz, auch der Firefox. Nicht direkt genannt, der Thunderbird wurde dabei alt, übersetzt: Er war das fünfte Rad am Wagen. Und doch: Der Thunderbird war wichtiger Bestandteil der Community. Blablubb — eine typische Rede für einen gefeuerten, ungeliebten Angestellten, der aber noch Freunde innerhalb des Unternehmens hat. Einfach mal durchlesen, da kann sich dann jeder seinen Teil selbst denken. 😉

Interessant finde ich die Aussage, dass auf der einen Seite das Netz explodiert, auf der anderen Seite die Kommunikation per Mail sinkt — das halte ich für ein Gerücht. Vielleicht die indirekte Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden, Unternehmen bieten nun RSS an, etc. pp. — aber die direkte Kommunikation läuft immer noch und überall per Mail ab — mal abgesehen vom Telefon oder persönlicher Kommunikation. Bei einer weltweit expandierenden Online-Welt davon zu sprechen, die Kommunikation per Mail sinkt, einem Mail-Client praktisch die Relevanz zu nehmen, ist eine sehr gewagte Theorie. SMS kosten immer noch Geld, Mails sind umsonst — und mit 95% meiner Kontakte würde ich mich hüten per IM in Kontakt zu treten — Mail reicht da völlig aus. Aber vielleicht lebe ich auf einem anderen Planeten wie die Mozilla-Chefin. Man merkt hier, dass man im Hause Mozilla förmlich nach einer Begründung gesucht wird.

Es ist und bleibt eine unternehmerische Entscheidung, das kann man akzeptieren — nur muss jedem da draußen damit klar sein: Die Mozilla-Community gibt es nicht mehr. Es gibt, wie so häufig, ein Unternehmen und jede Menge kleine Helferlein, die viel Herzblut in ein Produkt stecken, die sogar für lau in ihrer Freizeit arbeiten. Einzig und allein für ein Unternehmen, welches — wie überall auf diesem Planeten — in irgendwelchen verqualmten Hinterzimmern Entscheidungen dem Unternehmen nützend fällt, dem die Community aber völlig egal ist. Spread Microsoft. 😉

Nachtrag 2: Der Versuch, sich zu rechtfertigen, mehr fällt mir auch nicht ein, wenn diverse Entscheidungen aus dem Hinterzimmer hinaus, erklärt werden…

13 Antworten zu “Der Mozilla Thunderbird zerfällt in seine Einzelteile [Update]”

  1. TAL sagt:

    So ist es halt auf dieser Welt, es geht nur um den Größenwahn und das liebe Geld. Seit der Version 2 hatte ich schon so ein gefühl, dass Thunderbird langsam nurnoch vernachlässigt wird und nichtmehr als tolles Doppelpack FFX & Thunderbird. Das problem ist halt immernoch das Firefox bzw. die Gecko Engine nicht mehr richtig weiterentwickelt wird. Ich persönlich mag ja auch KHTML sehr gerne, denn es is eine ziemlich fortschrittliche Rendering Engine die wenigstens sauber weiterentwickelt wird die aber leider kaum brauchbare Programme unter GTK+ hat. :( Naja was solls, so ist das Leben…

  2. Chris sagt:

    Ich habe im Artikel einen Nachtrag eingefügt. Baker bestätigt mehr oder weniger meine Worte. Den Kommentar von Name habe ich im Übrigen mal als abschreckendes Beispiel freigeschaltet — da haben Oliver und ich zig Artikel, die uns allein Stunden an Arbeit gekostet haben, die alle auch aufeinander aufbauen, geschrieben, wir haben uns mit der Materie durchaus beschäftigt, und das nicht erst seit Stunden, Tagen, Wochen oder Monaten — und da kommt dann so ein Kommentar. Ein wenig mehr mit Substanz darf es dann doch sein. 😉

    //Name nun doch gelöscht: Niveaulosen Dreck muss ich hier nicht haben. Verschwinde von dieser Plattform!

  3. dakira sagt:

    Ich warte ja immer noch auf die PGP-MIME/S-MIME Implementation in OperaMail 😉 So lange wird sie uns schon versprochen. Es gibt zwar gute Gruende sie zu verschieben (Neuimplementation von IMAP), aber langsam bin ich das Warten auch satt ;(

  4. phoibos sagt:

    mmm, ich nutze immer noch thebat 1.irgendwas (aber originallizenz…). verschlüsselung und andere plugins waren mir bisher zu anstrengend (abgesehen davon, dass das niemand in meinem umfeld unterstützt :-( ).

    das mit mozilla ist schon traurig, ff ist eh nur noch eine zumutung imo. kein vergleich mit opera. bin gespannt, wann die da ein werbebanner einbauen (oder ein paar toolbars). mit ebay und google kooperieren sie schon.

    ciao
    phoibos

  5. Oliver sagt:

    Man ihr Nasen, wenn ihr schon mit unsäglichen Frontends eurer virtuelles Leben ruiniert, nehmt wenigstens Sylpheed oder Sylpheed Claws 😀

  6. phoibos sagt:

    pfff, du kommandozeilenfetischist!

    ich installier den mal… kann der unicode?

  7. Oliver sagt:

    >ich installier den mal… kann der unicode?

    Natürlich.

  8. DonTermi sagt:

    Schade eigentlich. Ich fand ihn bisher sehr praktisch, besonders wegen dem Enigmail Plugin, was super funktioniert.

    Ein Kumpel hat mir claws-mail empfohlen. Dafür gibt es auch ein GnuPG Plugin. Mal anschauen bei Gelegenheit.

  9. phoibos sagt:

    moin,

    claw ist richtig fix (naja, hat ja auch keine 5000 mails zu laden wie thebat), sieht aber hääääääääßlich aus. haben *nix-user keine probleme damit, dass die gui unendlich viel platz verbrennt? konfig und sonstiges ist aber sehr funktional und einfach zu begreifen.

    ciao
    phoibos

  10. Oliver sagt:

    >haben *nix-user keine probleme damit

    Nein weil man bei gtk unter *nix einfach selbiges konfiguriert mit anderen Fonts, einem völlig anderen Aussehen etc.

    Auf dem EFB habe ich mal etwas in puncto Theme Selector gepostet. Sollte man sich mal anschauen.

    Schau dir es unter *nix an, Klick — du wirst erstaunt sein was da alles möglich ist. 😀

  11. Johann sagt:

    Hm, irgendwie schade.

  12. Keks sagt:

    Das berührt mich nicht wirklich.
    Zum e-mailen benutze ich mutt (seit Ewigkeiten 😉 )
    Und bin total zu frieden!
    Zum surfen benutze ich den Firefox bzw. Iceweasel 😉 (seit Ewigkeiten)
    Und bin im großen und ganzen auch zufrieden.
    Die fülle an Plugins ist wahrscheinlich dafür verantwortlich :)

  13. […] gesetzt dass es nicht so einfach geht die Grundrechte der Bürger zu beschneiden1. Leider schlechte Nachrichten gibt es zu Thunderbird, den auch ich (noch) als Mail-Client benutze. Doch auch ich stelle fest, […]

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