Der Marktschreier und die Staatsmännin

Ich könnte jetzt schreiben — auf F!XMBR stand es zuerst, bereits vor knapp einem Jahr. Während die etablierten Medien Kurt Beck groß geschrieben haben, wurde der SPD-Vorsitzende hier bereits scharf kritisiert. Unterm Strich muss man wohl konstatieren, dass der SPD-Vorsitzende nun auf die Größe seiner Partei zurechtgestutzt wurde. Kurt Beck hat nicht erst seit Hessen ein Problem — schon vor, insbesondere während und natürlich nach dem SPD-Parteitag waren seine Schwächen allgegenwärtig. Zu dem Inhalt seiner Rede auf dem Parteitag hier in Hamburg schrieb Wolfgang Lieb, es wäre leichter einen Pudding an die Wand zu nageln. Und auch hier auf F!XMBR wurde der Parteitag seiner wahren Größe entsprechend gewürdigt. Doch nicht seine Anfangszeit, der Parteitag oder sein Nicht-Dasein während der Krise in Hessen charakterisiert Kurt besser, wie seine derzeitige Reise durch unsere Republik. Deutschland-Dialog: Nah bei den Menschen — so heißt seine Tour, die ihn derzeit quer durch Deutschland führt.

Bürgersäle, Festzelte, SPD-Ortsgruppen und Marktplätze — Kurt Beck ist der geborene Marktschreier. Die Parteibasis beruhigen, den Menschen begegnen — sich feiern lassen. So machen es Provinzfürsten, so verkaufen die Händler auf den Marktplätzen der Republik ihre Blumen, ihre Waren. Kurt Beck ist in seinem Element — und wenn ihm hier Kritik begegnet, dann, aber auch nur dann kann er den Kritikern endlich mal auf Augenhöhe begegnen. Hier ist Kurt Beck zu Hause, hier kann er sich beweisen, hier ist die Berliner Republik, die Berliner Politik entfernter, als sie es jemals war. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kurt Beck immer der kleine Provinzfürst bleiben wird — Blumen würde er an den Mann bringen. Aber mal ganz im Ernst: Wer will diesem Herrn schon die Führung dieses Landes anvertrauen?

Ganz anders unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie beherrscht die Macht der Symbolik wie kaum ein anderer Politiker, eine andere Politikerin in unserem Land. Das Aussitzen der innenpolitischen Probleme hat sie von ihrem großen Vorbild Helmut Kohl gelernt, ebenso das Kaltstellen innerparteilicher Kontrahenten. Und so beschränkt sich der Einsatz der Kanzlerin sich inmitten der Mächtigen, wie beim G8-Gipfel in Szene zu setzen, sich als Miss World feiern zu lassen oder auch heute in Israel vor der Knesset eine Rede zu halten. Diese Bilder gehen um die Welt, diese Bilder haben eine ungeheure Kraft — und selbst der Autor dieser Zeilen kommt nicht drumrum, dies schon fast bewundernd zur Kenntnis zu nehmen.

Und doch — allein diese Bilder unserer beiden wichtigsten Politiker beschreiben unser Land perfekt. Auf der einen Seite die Konservativen, die die Macht der Bilder perfekt zu nutzen wissen, die Vergangenheit hoch halten, aber die Gegenwart, die wirklichen Probleme nicht erkennen, die Nöte und Sorgen der Menschen manchmal sogar mit dem Satz, früher ging es uns noch schlechter abtun. Auf der anderen Seite die Weltverbesserer, die sich doch auf den Marktplätzen dieser Welt wohlfühlen und  nie über das Niveau hinauskommen, es sei denn sie machen einen der anderen zu ihren Vorsitzenden wie es zum Beispiel bei Gerhard Schröder der Fall war. So wollen es wahrscheinlich, sie können es aber nicht.

Dieser Zustand wird uns noch bis 2013 begleiten — und wahrscheinlich noch darüber hinaus. Die kleinen Parteien werden sich den großen anpassen, sobald sie in Regierungsverantwortung kommen, Angela Merkel wird weiter innenpolitische Probleme aussitzen, ihre Macht erhalten und wer auch immer Kurt Beck folgt, wird nicht verhindern können, dass es mindestens ein bis zwei Generationen dauern wird, dass die Menschen den Verrat der Sozialdemokraten vergessen — verzeihen werden sie der SPD nie. Wenn die Linke sich stabilisiert und ernstzunehmende Politik betreibt, besteht sogar die Möglichkeit, dass wie in anderen europäischen Ländern die neue Linke die alte Linke überholt. Im Moment ist daran aber nicht zu denken — erst heute wieder hat die Linke bekannt gegeben, dass man die Zusammenarbeit mit der DKP, zumindest auf kommunaler Ebene, fortsetzen wird. Die Linke unternimmt alles um die größere Lachnummer unter den roten Parteien zu werden. Und so wird dieses Land auf Jahre hinaus gelähmt bleiben — Unfähigkeit trifft unbedingten Machtwillen, getrieben durch eine Hatz der Medien, die nur die Macht und Symbolik der verkauften Auflage kennt. Trübe Aussichten.

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