der «innere Reichsparteitag» des ZDF

Redewendungen, die im Dritten Reich gängig waren und heute noch in der Umgangssprache weiterleben finden nicht nur über eines der reichweitenstärkste Fernsehformat einen Weg in den öffentlichen Sprachgebrauch, sondern werden auch noch als einfache Redewendung entschuldigt[…]

Reichsparteitagmärchen im ZDF

Als Historiker ist man ja vielerlei Geschichtsklitterung in den Öffentlich-Rechtlichen gewohnt, insbesondere bei diesen Spezialexperten des ZDF, gemeinhin ist dies jedoch entschuldigt, wenn größtenteils Laien oder gar Historiker, unter der Führung von Laien, angehalten werden eine größtmögliche Abstraktion zu wirken. In diesem Fall jedoch, wenn von einem inneren Reichsparteitag die Rede ist, muß man sich natürlich fragen, welche Qualitätskriterien überhaupt noch beim ZDF wirken?

Wenn man sich darüber hinaus auch noch dazu entblödet, diesen anfänglich augenscheinlichen Fauxpas zu rechtfertigen als heute übliche Redewendung, dann jedoch muß man sich doch eines Fragen: sieht man mit dem Zweiten tatsächlich besser? Eine historisch-politische Bildung sollte man sich jedenfalls anderswo suchen — nicht beim ZDF und am besten auch überhaupt erst nicht im Fernsehen.

Meiner Meinung nach kein Sturm im Wasserglas, sondern Zeichen für eine unverantwortliche laissez-faire-Attitüde, die Einzug in unsere Gesellschaft gehalten hat.

Update:

Immerhin reagierte hernach endlich auch der Sender. Schadenbegrenzung eben. ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz: »Es war eine sprachliche Entgleisung im Eifer der Halbzeitpause. Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Im Eifer dieser Zeilen: Wie zur Hölle fühlt sich so etwas eigentlich an? Ein innerer Reichsparteitag?

via 11 Freunde

Update 2:

Für mich ist das eine alltägliche Redewendung, um einen besonderen Triumph zu beschreiben, ein Gefühl von Schadenfreude oder die Genugtuung, es allen gezeigt zu haben.

Schreibt der Journalist, der auf seinem BILD-Blog nicht nur legitime Kritik übt, sondern auch allerlei Spitzfindigkeiten nachgeht. Also doch nur eine Fehde mit Axel Springer und keine exemplarische Medienkritik wie von mir naiverweise vermutet? Ich hakte auch gleich mal bei einem Bekannten in einer demokratisch gesinnten Burschenschaft nach, weil die haben es da mit vielerlei Traditionen, aber ein innerer Reichsparteitag ist auch dort kein übliches Sprachgut.

Stefan Niggemeier

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13 Antworten zu “der «innere Reichsparteitag» des ZDF”

  1. Ormus sagt:

    Auch mir ist die Bemerkung direkt aufgefallen und ich dachte noch so: «Mist, ein Eigentor und dass in der Halbzeitpause…»

  2. […] Auch die Welt und die taz haben das Thema schon aufgegriffen. F!XMBR widmen dem Thema zwei […]

  3. ZEITungsleser sagt:

    Mir persönlich ist dieser Spruch erst im nachhinein durch das Netz aufgefallen. War selbst in der Halbzeitpause nicht vor dem TV. Kenne den Spruch aber abgewandelt als geflügeltes Wort zu DDR Zeiten, da war es dann nicht der Reichsparteitag, sondern nur der «innere Parteitag». Letzteres höre ich heute noch ab und an Menschen in meiner Umgebung sagen. Ich muss auch sagen, dass ich die Prägung dieser Aussage auch schon als Jugendlicher in der DDR eigentlich so aufgefasst habe, dass jener, welche diesen Spruch über seine eigene Person bringt, sich selbst ein wenig auf die Schippe nimmt. Denn die Parteitage waren zu DDR Zeiten eine einzige Selbstbeweihräucherungsveranstaltung. Insofern schwingt im Gebrauch dieser Vokabel immer eine leise Kritik an derlei pompösen Veranstaltungen mit. Ich kenne mich jetzt zwar nicht mit der Entstehung des Spruches bzgl. des Reichsparteitages aus, würde jetzt aber für mich den Gebrauch auch dieses Spruches von einer anderen Person ähnlich deuten.

    Aber wie schon viele Informationstheoretiker sagten, glaube ich, dass genau in diesem konkreten Fall die Aussage «Die Botschaft entsteht beim Empfänger» angewendet werden muss. Bei Historikern wie Oliver wird klar sein, wie sie eine solche Redewendung an Hand ihrer Entstehung einzuordnen, und dementsprechend nicht zu verwenden haben. Die rechten Gruppierungen freuen sich jetzt wahrscheinlich ein 2. Loch in ihren Hintern, und fühlen sich noch, zu unrecht, hofiert.

    Mir selbst wäre zwar die Abstammung aus dem 3. Reich aufgefallen, da ich jedoch die Redewendung ohne das «Reich» als mir geläufig empfinde, würde ich nicht auf den Gedanken kommen dies trotz dieser sprachlichen Abstammung als primär rechten Ausdruck wahrzunehmen. Ich denke, dies wird für einige andere auch zutreffen, dass diese Aussage bei ihnen nicht negativ bewertet erscheint.

    Gruß ZEITungsleser

  4. olhe sagt:

    @Mertens: man könnte die Sau bei weitaus mehr Anlässen durchs Dorf treiben, tut man aber nicht — auch wenn man diese kennt. Dennoch gibt es einige Phrasen/Begrifflichkeiten die eben derart negativ belegt sind und in der Regel nur bei recht willfährigen Zeitgenossen ein Schulterzucken hervorrufen, dem Bildungssystem sei Dank.

    Nun, es hat etwas mit Respekt zu tun, es hat auch nichts mit dem vermeintlichen Fauxpas per se etwas zu tun, sondern der Vertiefung dessen durch abstruse Wortgleichungen bzw. Wiki-Trivia. Wie abartig die Sache ist, bemerkt man erst wenn man sieht, wie sich dieses Netzvolk ereifert, wenn jemand seine Terminologie in puncto _Dingen_, wie «Browser», nicht verinnerlicht hat. Da wird Zeter und Mordio geschrien, in puncto Geschichte oder Politik ist es jedoch im Netz «politisch korrekt» nicht vorhandenes Wissen mit Wiki-Trivia, Google-Fundstücken oder gar Verschwörungstheorien zu kompensieren und eine Respektlosigkeit sondersgleichen zu wirken.

    Ignoranz ist kein Argument!

  5. olhe sagt:

    @ZEITungsleser: wohl wahr, aber Ignoranz ist eben kein Argument. Und die Dummheit beginnt erst, wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht, dieser Ignoranz durch weitere Relativierungen freien Lauf läßt. Wie gesagt, der initiale Fehler ist kein Problem …

  6. ZEITungsleser sagt:

    @olhe

    Okay — da bin ich dann wieder vollkommen bei dir :-)

  7. pit sagt:

    der kontext ist nun eben ein deutschlandspiel, bei dem zum auftakt das deutschlandlied gesungen wird. und die nation unschuldig die deutsche fahne schwenkt, sich massenhaft versammelt und jubelt. das ist mehr als ein eigentor im wettbwerb von ard:zdf. es sollte die rote karte folgen. vielleicht war es ein freudscher versprecher, vielleicht und das waere bedenklich fuer einen professionellen journalisten, war der ausdruck gewaehlt und vorbereitet. und genau hier wird wohl das ZDF auch ohne linkslastigen intendanten mal genauer mit der dame beschaeftigen. das die politische korrektheit der frau die ueber fussball redet und das geduze mit kahn derartig konterkarriert wird, stimmt leider bedenklich. mit den methoden der verwischung von grenzen arbeiten die neuen rechten, die z.b. einen rechtsradikalen nationalen feminismus vorantreiben oder sich wie linksautonome kleiden oder auch sich mal mit derrida lektuere versuchen.

  8. olhe sagt:

    … und ich wiederhole es an dieser Stelle auch noch einmal. Mädl, Autobahnen und anderen Begrifflichkeiten sind eher grenzwertig zu sehen. Bei Phrasen wie jedoch «Arbeit macht frei», geht diese mit einer völlig anderen Bedeutung schwanger, die ich keinem hier weiter erklären muß. Und doch, auch dieser Begriff ist älter. Ist Tradition aber neuerdings im Netz ein Argument und Ignoranz ebenso?

    Es existieren gewisse ächtenswerte Kernbegrifflichkeiten/Phrasen, die alleine beim grundlegend historisch gebildeten Menschen gewisse Assoziationen hervorrufen (sollten). Nehmen wir auch den Mohrenkopf, das Zigeunerschnitzel usw., mittels Traditionen in der Gesellschaft verankert und dennoch sind diese Begriffe eine gelebte Respektlosigkeit, wenn man die Bedeutung, den Kontext dieser kennt. Die Unkenntnis dieser Sachverhalte ist keine Schande, wohl aber die Ignoranz und die daraus resultierende Verharmlosung.

    Wundern wir uns tatsächlich noch über die Rechtspopulisten innerhalb diverser Parteien? Die Saat für diese wird in der Gesellschaft gelegt, wenn auch teils nur latent.

  9. feronia sagt:

    Mir entglitten gestern so die Gesichtszüge bei dieser Äußerung, dass mir von meinem Mann versichert wurde: «Das hat Sie wirklich gesagt!»

  10. Griesgram sagt:

    Die Freude über das erfolgreiche Auftreten der Deutschen Nationalmannschaft wurde schlug bei mir jäh in Zorn um, als in der Halbzeitpause Frau Müller-Hohenstein iim Zusammenhang mit dem Tor von Miroslaw Klose von einem «inneren Reichsparteitag» plauderte. Die Verharmlosungsversuche des Senders sind empörend. Eine «Entgleisung», ja ein Ausrutscher sind nichts Anderes, als das verborgene Gedankengut versehentlich preiszugeben. Wie sorgfältig wählt den das mit dem Geld der Gebührenzahler finanzierte ZDF sein Personal? Oder ist ein Reichsparteitag bei diesem Sender ein üblicher Synonym für besonderen Erfolg, für Triumph?Ein Skandal! Unerträglich!

  11. nica sagt:

    naja, wenn sie’s es aus versehen benutzt hat, dann heißt es ja, dass diese redewendung so in ihr drinne ist, dass sie es ständig benutzt. immer wenn ich das mit dem reichsparteitag oder «polen offen» oder «etwas bis zur vergasung machen» von menschen kommt, dann zieht’s meinen magen richtig zusammen. Warum kann man selbst wenn man diese redewendungen aus dem elternhaus mitgebracht hat nicht so reflektioniert sein und sich das sparen. Ich denke diese menschen haben sich irgendwann in ihrem leben dazu entschieden, dass das schon in ordnung geht. ist halt umgangssprache. Aber das ist falsch!

  12. […] Kommentare: Fixmbr 1 und 2, Niggemeier (dem ich nicht zustimmen kann) « […]

  13. Eric Sturm sagt:

    Im Grunde passt die peinliche, unprofessionelle und geistlose Sprach-Entgleisung von Frau Müller-Hohenstein gut zur sonstigen WM-Präsentation im ZDF:

    Südafrika wird (z. B. im WM-Trailer des Senders) dargestellt als ein Land, das sich zusammensetzt aus
    a) Savanne,
    b) wilden Tieren und
    c) neuerdings auch einigen Fußballstadien.

    Dazu wird dann ca. 20 min vor einem Spiel der deutschen Mannschaft ernsthaft noch eine Pseudo-Dokumentation aus einem Zulu-Museumsdorf o. ä. gesendet (so geschehen vor dem Australien-Spiel). «Südafrika heute» à la ZDF.

    Bitte, bitte: gebt in Zukunft der ARD alle Spiele. Oder schenkt mir ein Sky-Abonnement …

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