Der heutige Journalismus – Realsatire pur

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Foto: F!XMBR

Die Antworten der Legitimisten und Neokonservativen bewegen sich im Medium eines Zeitgeistes, der nur noch defensiv ist; sie drücken ein Geschichtsbewusstsein aus, das seiner utopischen Dimension beraubt ist. Das sind die Worte vom Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas. Dieser Satz passt jedoch nicht nur auf die Legitimisten und Neokonservativen, sondern ebenso auf den Journalismus der heutigen Zeit. Verlage, Manger und Redakteure haben seit über einem Jahrzehnt die Zeichen der Zeit verschlafen – das Internet wurde zuerst nicht ernstgenommen, dann dachte man, es reiche weiter zu senden, um nun festzustellen, dass dieses komische Internet seine eigenen Regeln entwickelt hat. Wenn das Hamburger Abendblatt aus dem Axel-Springer-Verlag sich nun in einem Artikel voller Selbstmitleid auf ein Zitat Habermas’ beruft, dann ist das Realsatire pur.

Es ist schon ein sehr schlechter Witz – das Abendblatt spricht vom kostenlosen Internet und mutet allein im verlinkten Artikel seinen Lesern 7 (in Worte: sieben) Werbeplätze zu. Blinkzappeldiwink wohin das Auge blickt, dazu die Datenkrake Google – gleichzeitig von Qualitätsjournalismus zu sprechen, von einer seriösen Seite spottet jeglicher Beschreibung. Das Internet, an dem jeder Mensch – zumindest in Deutschland – teilnehmen, partizipieren, Inhalte veröffentlichen kann, wird verspottet. Mutter-Theresa-Prinzip nennt das Abendblatt dieses so grandiose demokratische Medium. Dieser Satz des Abendblatts allein beweist, dass man beim Axel-Springer-Verlag immer noch nicht im Jahr 2009 angekommen ist. Das Internet ist immer noch nicht Partner — es ist Gegner. Und genau an diesem Punkt lässt sich abschätzen, dass die Pläne des Axel-Springer-Verlages scheitern werden.

Mal völlig abgesehen von der Frage, wer außer ein paar Stammtischbrüdern die Erzeugnisse aus dem Axel-Springer-Verlag bezahlen soll – die Menschen haben sich mehrheitlich entschieden, nicht für Online-Inhalte zu zahlen. 10 Prozent der User wären bereit, für die Nachrichten im Internet zu bezahlen – doch selbst bei dieser schon niedrigen Zahl akzeptiren nur 5 Prozent der Nutzer beim Paid Content zusätzlich Werbeschaltungen. Unsere so genannte Vierte Gewalt akzeptiert das nicht und beschimpft die Kunden — Paid-Content-Muffel und Geiz-ist-Geil-Mentalität schallt es aus den Kanälen. Der Leser ist nicht Kunde, nicht Partner, er ist wie das Internet der Gegner, den man förmlich zwingen muss, zu bezahlen – und sei es mit unsäglichen Gesetzesänderungen oder anderen Machenschaften. Es scheint, als würden diverse Verlage und Medien Krieg gegen die eigenen Leser führen.

Es offenbart sich, dass der Mensch nicht einmal mehr Kunde ist, zumindest das sollte er doch sein, wenn man vom Geschäftsmodell Journalismus spricht – er ist Werkzeug im Ringen mit der Politik und den Entscheidungsträgern. Würde unsere Vierte Gewalt den Menschen wenigstens als Kunden sehen, und so auf seine Wünsche und Bedürfnisse eingehen – von Partner gar nicht erst zu reden – wäre für die Verlage schon viel gewonnen. Die Vergangenheit aber hat gezeigt, dass selbst dies nicht möglich ist. Entscheidungsträger sitzen in ihren Elfenbeintürmen, schreien wie die Kleinkinder nach der Politik – dabei bräuchten sie nur einmal die Treppe hinab zu steigen und auf die Menschen zugehen. Wenige positive Beispiel beweisen, dass dies möglich ist. Doch das ist nicht gewollt – der Leser soll förmlich besiegt werden. Dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, scheint in den Elfenbeintürmen noch nicht angekommen zu sein.

Der Axel-Springer-Verlag spricht von Kontrollinstanz, von unabhängigen Medien. Ich glaube, mein lautes Lachen hat sogar meine Nachbarin vernommen. Die BILD betreibt selbstverständlich knallharte Politik, für die Welt ist alles links, was nicht dem rechten Flügel der CDU angehört und das Abendblatt nehme ich selbst als Lokalpostille nicht mehr ernst. Guter Journalismus ist wichtig für eine Demokratie, einverstanden – doch dann sollten die Medien, die Verlage und Manger endlich mal wieder anfangen, sich auf ihren demokratischen Auftrag als Vierte Gewalt konzentrieren. Die Menschen in diesem Land sind keine Melkkühe, noch nicht einmal Kunden – sie sind gerade im Internet Partner. Und wenn man von der demokratischen Kontrollinstanz ausgeht, wie es das Abendblatt überschwänglich tut, dann kann man vielleicht in dem großen Dickicht von Politik, Elite, Wirtschaftsführern und Lobbyisten von Schutzbefohlenen sprechen. Doch diesen Weg, diese Seite haben unsere Medien schon lange verlassen. Paid Content ist nicht die Antwort auf die angeblichen Probleme der Verlage und Manager – es ist der Beweis, dass unsere Vierte Gewalt schon vor langer Zeit begraben wurde.

Ich sehe diese ganzen Paid-Content-Bemühungen durchaus mit einem lachenden Auge. Meine Informationen bekomme ich, ob nun irgendwo bei Springer, Murdoch oder wie sie alle heißen ein Vorhang hochgezogen wird oder nicht. Sollen sie in aller Ruhe scheitern. Wo die Großen versagen, haben kleine, wirklich unabhängige Publikationen eine Chance und geraten in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Vierte Gewalt gibt sich aufgeklärt, als Kontrollinstanz der Mächtigen und der Politik – in Wirklichkeit sind es alte Dinosaurier, die den Blick zum Himmel gerichtet sehenden Auges dem Meteoriten entgegen blicken. Ein alter Bekannter sagte immer: Geht sterben, aber leise. Ich ergänze: Und jammert nicht wie Kleinkinder, die ihren Willen nicht bekommen. Es steht Euch nicht im Ansatz zu. Macht Eure Portale dicht, setzt Eure Paid-Content-Pläne in die Tat um. Vielleicht wäre das der letzte Dienst, den ihr Euren Lesern und Menschen erweisen könnt. Ihr werdet scheitern  — andere Angebote werden aus dem Boden sprießen. Ich werde dem Treiben weiterhin – größtenteils fassungslos – zusehen, ab und zu lachen, meistens jedoch einfach nur mit dem Kopf schütteln.

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16 Antworten zu “Der heutige Journalismus – Realsatire pur”

  1. luttz sagt:

    Jepp, das solln se machen.

    Für ne Bahnfahrt werde ich auch weiter gern mal so ne Zeitschrift/Zeitung kaufen. Und ansonsten bleibe ich eben bei euch, fefe, dem Spielfechter und heise / golem (zumindest heise wird wohl nicht so dämlich sein, da sitzen ein paar recht gescheite Burschen^^)

  2. Anonymous sagt:

    Mich wundert, dass die Zeitungen bisher noch nicht auf die Idee gekommen sind, für ihre Aktualität Geld zu verlangen, d.h. Abonnenten bekommen sofortigen Zugriff auf die Nachrichten und ohne Werbung und Nicht-Abonnenten eben erst einen halben/ganzen Tag später und dann mit Werbung.
    Dann kann der Benutzer entscheiden, bei welcher Zeitung ihm die Aktualität wichtig ist und die Informationen bleiben dem Netz erhalten und verschwinden nicht hinter einer Payment-Mauer.

  3. Maschinist sagt:

    Einspruch!

    Man hat noch seine Würde und kann frei entscheiden.
    Der Mensch ist noch ein «Kunde».
    Zumindest in den ARGEn…

  4. tante sagt:

    Alles richtig zusammengestellt, guter Artikel. Vor allem Lob für das Photo oben, tolles Bild!

  5. horst sagt:

    der zapp-beitrag beschreibt doch genau, warum diverse zeitungen verrecken werden. sehen die das nicht selber ?

    so etwas wie watergate wäre bei der personaldecke, wie es sie heute in großen zeitungen gibt, nicht mehr möglich.

    die aufgabe von journalisten als mächtige recherche-fachleute gerät so stark in den hintergrund, dass es nur noch 3–4 große deutsche zeitungen gibt, die durch qualität überzeugen. die zeit ist zum beispiel die einzige große zeitung, die seit jahren steigende abbonentenzahlen hat — weil man darin (meistens) davon ausgehen kann, dass der verantwortliche redakteur fachkenntnisse verbreiten möchte.

    bleibt zu hoffen, dass das management der bild-zeitung weiter den kurs der unfähigkeit fährt — eine welt ohne bild, das wäre ein traum 😛

    gruß

  6. SZenso sagt:

    @Anonymous: Frage ich mich auch. Es müssten aber nicht mehrere Stunden sein, ein paar Minuten reichen vollkommen aus. Allein die Illusion zum lesenden Elitariat zu gehören ist doch ein Abo wert :-)

  7. Vincent sagt:

    @Anonymous

    Ich denke, dass eher das genaue Gegenteil ein realistisches Geschäftsmodell sein könnte: Den Leser dafür zahlen lassen, dass er die Zeitung erst Abends lesen kann.
    Neuigkeiten, News, Aktuelles — das sind Dinge bei denen wir keine Zeitungen brauchen. Es wird immer jemanden geben der einen Flugzeugangriff, eine Pressekonferenz oder die Bundesgartenschau im Internet verkündet.
    Wo Zeitungsverlage wertvoll werden ist bei tiefgehenderen Analysen, lange ausgearbeiteten Texten, verständlichen Erklärungen komplexer Zusammenhänge. Und das sind auch Dinge für die viele Menschen meiner Meinung nach bezahlen würden.

    c.f. Bring Back The Evening Paper!

  8. wanderer2 sagt:

    Dazu fällt mir der kurze Beitrag zum Thema Hamburger-Abendblatt:Qualitätsblatt ein. Allein die Bilderstrecken rechts legen immer wieder wunderbar Zeugnis ab über den hohen Anspruch.

    Der Start in die Kostenpflichtigkeit scheint auch etwas schief gegangen zu sein: Vorhin gab es zu jedem Artikel noch kostenfreie Links mit einer leicht anderen ID, mittlerweile erhält man als Googlebot sämtliche aktuellen Artikel in Gänze.

  9. Jehuda sagt:

    Ich habe mir einmal aus neugier das «Bezahlwunderwerk» der Morgenpost angesehen. Habe mal rein zufällig einen Artikel von der ersten Seite (mit Bezahlsymbol davor) ausgesucht und angeklickt — da konnte man nur den Teaser lesen, klar.
    Nun habe ich nach dem entsprechenden Titel des Artikels bei Google gesucht, auf den Artikel geklickt und siehe da — auf dieser Weise kann man den Artikel ijn voller Länge ohne Bezahlung lesen (Beispiel: Google — Berlin muss mehr für Hartz-IV-Wohnkosten zahlen)

    Hmm, ich meine, ist das Absicht oder bekommen die Jungs nicht einmal fertig «ordentlich» abzukassieren? Merkwürdig, das…

  10. Chris sagt:

    Schon gesehen, da sind Experten am Werk. Es reicht auch, seinen eigenen Useragent (möglich unter anderem per Firefox-Addon) auf Googlebot umzustellen und man kann weiterhin alle Artikel lesen. Was für eine Farce…

  11. Yehuda sagt:

    >Schon gesehen, da sind Experten am Werk.

    Unbedingt…

    >Was für eine Farce…

    Wie Du bereits geschrieben hast: «…Realsatire pur…«
    Offensichtlich schämt sich dort aber keiner — wegen dilletantisch und so…Ohne Worte, diese lächerliche Maskerade…

  12. Yehuda sagt:

    Chris, bevor wir die «vierte Macht im Staate» hier weiter kostenlos in Sachen Paid-Content technisch «aufklären», sei so nett und schreibe ihnen eine Kostennote. Gute Recherche und Kompetenz für gutes Geld — oder nicht? 😉

  13. Chris sagt:

    Ach, es ist bald Weihnachten… 😉

  14. Yehuda sagt:

    Worüber in diesem Zusammenhang kaum gesprochen wird:

    1. Bleibt nur Title und Teaser für Suchmaschinen und Online-Nutzer lesbar, entfällt ein Grossteil der Suchmaschinenbesucher –> Die Nutzerzahler sinken, eine Katastrophe für kaufmännisch ehrgeizige Medien 😉
    2. Die Provisionen sind im Micropayment-Bereich (für die Lösungsanbieter) verhältnismäßig beachtlich, so dass für den Verlag nicht unbedingt viel übrigbleibt
    3. Die Morgenpost setzt seit geraumer Zeit auf AdSense-Klicks, bekanntlich eine Angelegenheit für «unbdarftere» Nutzer. Dezimiert man eine Grossteil der Online-Leser, werden deren Einnahmen in diesem bereich auch signifikant sinken…

    Wäre interessant zu wissen, ob diese Faktoren in den Jubelarien der Paid-Content-Befürworter, Berücksichtigung erfahren haben…

  15. Jens Fabian Neldner sagt:

    Seit den ersten Zeitungen, seit es Radio und das Fernsehen gibt, bestand die Legitimation dafür, die eigene Analyse von Welt, Kultur und Politik den Massen überhaupt als Leitbild zu verkaufen primär in der idealistischen Selbstverpflichtung, bemüht um größtmögliche Neutralität einen Beitrag zu leisten, den Bürger politisch zu bilden.
    Dass der Rezipient nicht eben selten nur das zu sehen oder zu lesen bekam, was im Sinne des Staates oder der Wirtschaftswelt die gerade richtige Sichtweise für die Regierten war, hat uns skeptisch fragen lassen, ob es wirklich so weit her sein kann mit der behaupteten Unabhängigkeit der Medien. Natürlich waren die niemals wirklich unabhängig und schon gar nicht weltanschaulich neutral : Zu eng sind die Verflechtungen mit anderen Sektoren der Wirtschaft, zu willig Politiker und Lobbyisten, «ihre» Journalisten mit meist nicht weltbewegenden «Exklusiv»-Enthüllungen über politische Konkurrenten in ein Netz der Abhängigkeiten zu verstricken, das enger geflochten nur noch in Fragen der existentiellen Abhängigkeit von Werbekunden die Vorstellung ad absurdum führt, Journalismus könne wirklich «frei» sein.
    Wenn heute nun die Meinungsmacher und die Leitwölfe der etablierten Medien zum Monde aufheulen, ihr Territorium der Weltdeutung sei nicht mehr so hübsch umfriedet wie zu Zeiten, in denen ein klares Machtgefälle zwischen Sender und Rezipient produktionstechnisch noch garantiert war, dann kann vermutet werden, dass es überwiegend diejenigen Journalisten sind, die am lautesten klagen, die den Mächtigen immer am nächsten gewesen sind.

    Obwohl ich Zweifel hege, inwieweit Bürgermedien und Hobby-Blogger ohne die Arbeitsgrundlage redaktioneller Aufgabenteilung und Spezialisierung tatsächlich einen Job machen können, der im Endergebnis Vetrauen verdient, ist es prinzipiell durchaus zu begrüßen, dass den etablierten Meinungsmachern Konkurrenz (immerhin im Kleinen) erwächst. Blogger dürfen nur nie vergessen, dass ihnen wirklich umfassende Archive fehlen, dass sie meist keinen Zugang zu den überaus teuren Datenbanken haben, in denen _gesichertes_ Wissen der Ökonomie, der Medizin, etc. zu haben ist. Sich hingegen blind auf jeden Google-Fund zu verlassen ist die denkbar schlechteste Art und Weise, Zusammenhänge zu beleuchten, die in den herkömmlichen Medien mitunter zu kurz kommen oder ganz verschwiegen werden.
    Wünschenswert wäre es hingegen, dass die bloggende Minderheit sich nicht nur an ihrem Exotenstatus meinungsfreudiger Netzbüger delektiert, sondern ihre Aufgabe tatsächlich ernst nimmt, immer wieder auf den «Blinden Fleck» der Massenmedien hinzuweisen.
    Und natürlich gilt es an erster Stelle, wenigstens die Schere im eigenen Kopf zu entsorgen und sie wahr werden zu lassen: Die machtvolle Idee einer Meinungsfreiheit, die nicht einmal ansatzweise politische Praxis ist, sondern auch bei uns nur Vorspiegelung falscher Tatsachen.

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