Der Gang nach Canossa des Hans-Ulrich Jörges

Hans-Ulrich Jörges war vor dem Merkel-Wahlsieg 2005 der neoliberale Vordenker im Hause Gruner & Jahr. Unvergessen zum Beispiel seine Angriffe auf die Schwächsten dieser Gesellschaft, die Hartz-IV-Empfänger. Vor der Wahl 2005 machten Gerüchte die Runde, dass er sich Hoffnungen auf den Job des Regierungssprechers machte. Er wurde es Gott sei Dank nicht. Mittlerweile scheint bei Hans-Ulrich Jörges ein Umdenken stattgefunden zu haben. Wenn er vor wenigen Jahren noch der neoliberale Vorsprecher war, so schafft er es heute, ab und zu sich kritisch mit dem Kahlschlag des (sozialen) Miteinanders auseinanderzusetzen. Das ist erfreulich — auch wenn er häufig nicht aus seiner Haut kann und ähnlichen Blödsinn verfasst wie zu früheren Zeiten. Doch die Hoffnung stirbt nie — wollen wir doch mal schauen, was Hans-Ulrich Jörges ab September in einer Schwarz-Gelben Regierung für Loblieder singt. In seiner aktuellen WebTV-Kolumne-Kolumne beschäftigt er sich mit dem Börsengang der Bahn. Ich war bisher, muss ich gestehen, ein Anhänger des Börsengangs, weil ich geglaubt habe, denn nur dadurch kann die Bahn modern bleiben und sich Kapital verschaffen. Ich bin inzwischen dagegen, wegen dieser Berliner Erfahrung. Ich muss einsehen, die Gegner hatten immer recht. Hier wird gespart auf Kosten der Menschen. Ein sauberer Gang nach Canossa.

Sebastian Christ hat das Thema auf dem Wahlfisch-Blog des STERN noch ein wenig vertieft und spricht nach den ganzen Privatisierungen des Staates nicht mehr von einem schlanken Staat, sondern von einem magersüchtigen Staat. Fast würde man sich da ja wirklich eine Schwarz-Gelbe Regierung ab September wünschen, nur im zu sehen, wie Ideologien unter der Last der Realität zusammenbrechen. Wenn diesem Neoliberalismus nicht bald vollständig abgeschworen wird, werden wir nicht nur eine Weltwirtschaftskrise erleben, die heute schon unzählig viele Menschen in die Armut gestürzt hat. Wir werden den Untergang des sozialen Miteinanders erleben. Der Neoliberalismus gefährdet unsere Gesellschaft, unsere Demokratie. Zeit, den Stecker zu ziehen.

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6 Antworten zu “Der Gang nach Canossa des Hans-Ulrich Jörges”

  1. SZenso sagt:

    Erst wenn sie selbst die S-Bahn brauchen und sie selbst auf einem leeren Bahnsteig stehen und die Konsequenzen selbst erleben, ist ein geringer Bruchteil bereit, einen Lernprozess in Erwägung zu ziehen. Es ist kein leuchtendes, mehr ein glimmendes Beispiel menschlicher Intelligenz, aber immerhin, es ist eines.
    Danke für das Ausgraben dieser Hoffnungsschimmern aus dem trostlosen Meer der Massenmedien. Es war bestimmt eine lange und schwierige Suche mit viel Fährtenlesen :-)

  2. rbt sagt:

    an dieser stelle wünscht man sich dann nur noch eine sychrone rückrufaktion für oberklassevehikel verschiedener hersteller …

    sollte die tragweite der problematik noch eindrucksvoller unterstreichen.

  3. Grainger sagt:

    Ich würde gerne glauben, dass bei Herrn Hans-Ulrich Jörges ein wirkliches und grundlegendes Umdenken stattgefunden hat.

    Soll es ja bei Menschen hin und wieder geben, und auch ich habe im Laufe der Jahre die eigene Position hin und wieder überdenken müssen.

    Bei Hans-Ulrich Jörges handelt es sich aber um einen Menschen, der politische Karriere machen wollte (und dies vermutlich immer noch will, man läßt ihn nur nicht) und deswegen habe ich eher den Verdacht, dass es sich bei seinem scheinbaren Umdenken um den Versuch handelt, sein Fähnlein in einen (noch sehr lau wehenden) Wind zu hängen.

  4. John Dean sagt:

    Sorry, Jörges war niemals ein Vordenker. Ein Nachbeter — und zwar von der bekloppten Sorte mit autoritativen Stil. Seine eigentliche Stärke ist gewiss weder das Nachdenken, noch die Analyse, und zuallerletzt das Vordenken — seine primäre Stärke ist das Abkanzeln. Der autoritäre Habitus. Insofern gleichen seine Gedanken ziemlich genau dem, was man von dieser Sorte Mensch gewöhnlicher Weise denkt: Das diese Sorte nur nachbeten kann — und das dann mit besonderer Geste tut, stets so, als sei ihnen ein Licht aufgegangen.

    Wo Jörges «denkt», tjanun, da leuchtet kein Licht. Nicht einmal ein kleines.

  5. WB sagt:

    Tja, wenn für Jörges keine S-Bahn mehr fährt, da muss ich doch unwillkürlich daran denken, dass auch für Mitläufer seines Schlages wie für alle Menschen gilt: Erst das Fressen, dann die Moral. Danke für das neue Indiz.

  6. peet sagt:

    «Wir werden den Untergang des sozialen Miteinanders erleben.»

    Aus meiner Sicht, ist das schon eingetreten. Diese Krise läuft. Danke für den ausformulierten Gedanken.

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