Der Freitag 0.0 oder Schweigen im Walde zum Thema Zensursula

Über das Versagen des Freitag hatte ich mich schon ausgelassen, auch über den kleinen Lichtblick Freitagsfragen. Heute ist es aber mal wieder an der Zeit, klar zu äußern, dass der Freitag völlig neben der Spur ist, mit mir als Leser so gut wie nichts mehr gemein hat und auch seine neue Rolle, die er von Jakob Augstein aufgedrückt bekommen hat, ein deutscher Guardian zu werden, nicht ausfüllt. Ja, er führt diese Idee gar ad absurdum — ich finde kaum Worte für die schwache Vorstellung der letzten Tage. Da geht eine Welle durch unsere Online-Welt, Zensursula lässt grüßen. Es fällt schwer, Gehör für andere Themen zu finden. Wo auch immer:

Die deutschen Blogs sind weitestgehend einer Meinung, auf Twitter lassen sich alle Meinungen zu Zensursula gar nicht mehr verfolgen, ist man mal eine Stunde vom Rechner weg. Sogar die etablierten Medien berichten seit Tagen fortlaufend — und das ist wirklich neu, sprangen sie doch in der Vergangenheit erst auf den Zug nach Verabschiedung so genannter Sicherheitsgesetze. Dann war natürlich das Heulen groß und es wurde die Frage gestellt, wie es nur so weit kommen konnte. Heute ist das anders — es ist eine, wenn auch, kleine Bewegung. Und was macht der Freitag, das Medium, welches Web 2.0 wie kein anderes leben wollte, das deutsche Pendant zum Guardian? Nichts. Schweigen im Wald. Sogar das Gegenteil ist der Fall. Dadurch, dass ein selten dämliches Pamphlet aus den Tiefen der eigenen Blogs geholt wurde, man aus direkt auf der eigenen Frontpage einbindet, positioniert man sich gegen die Online-Petition, verunglimpft man die Mitzeichner und stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus.

Ich möchte jetzt gar nicht auf den Inhalt dieses unglaublichen Textes eingehen, nur so viel: Alle, die ich (persönlich) kenne, über Blogs, Identi.ca, wo auch immer kennengelernt habe und von denen ich weiß, dass sie diese Petition unterschrieben haben, setzen sich selbstverständlich auch für andere Dinge ein und kämpfen für diese. Die Vorratsdatenspeicherung, alle so genannten Sicherheitsgesetze nach 2001, viele sind innerhalb einer Partei aktiv, sei es eine der 5 großen Parteien, die Piratenpartei oder in einer anderen Organisation wie der Humanistischen Union, Attac, Tafeln — oder wie sie alle heißen. Die  Petition in Misskredit zu bringen, nur weil andere Petitionen nicht den Zuspruch erhalten, den Zensursula bekommt, ist zutiefst undemokratisch. Es gefällt mir auch nicht, dass die BILD mehr Besucher hat, als F!XMBR. Muss ich wohl auch mit leben. Nun kann der Herr Freitagsblogger da schreiben was er will, das tue ich auch — aber, dadurch dass der Freitag diesen ungeheuerlichen Text auf die Frontpage holt, als einzige Nachricht zu dem Thema Zensursula, offenbart die hässliche Fratze des neuen Freitag.

Dadurch, dass diese Zeilen als einzige zum Thema auf der Homepage erscheinen, macht man sich diese Meinung in der Folge zu eigen. Diese Positionierung des Freitag ist erschreckend, aber entlarvend zugleich. Entweder fehlt es an der eigenen Kompetenz, einen Artikel zu dem Thema zu verfassen, man spricht lieber über DSDS oder schwules Eis — halt, ein Text ist zu finden, wen wundert es da noch, dass sich Twister dafür verantwortlich zeigt — oder man lehnt diese (kleine) Welle, die gerade die Online-Welt erfasst, aus welchen Gründen auch immer, ab.

Ich kann es nicht nachvollziehen.

Gerade der Freitag, so wie er sich verkaufen will, wie er es angekündigt hat, hätte hier durchaus eine Vorreiterrolle übernehmen, ich schreibe jetzt nicht können, müssen. Auf den Freitagsblogs sind mittlerweile mehrere Blogger aus der Bürgerrechtsbewegung, die sich sehr gut mit dem Thema auskennen, registriert — und auch aktiv. Diese man hätte einbinden können, Anne Roth zum Beispiel — man hätte hier auf einer Subomain die ganze Bewegung begleiten können. Es gibt mittlerweile unzählige Videos, Artikel, Interview und was noch nicht alles. Stattdessen Schweigen im Walde. Es kann natürlich sein, dass es eine Geldfrage ist und die Stärken der Redaktion woanders liegen, man nicht die Mittel zur Verfügung hat, entsprechend die Blogger zu bezahlen — aber dann hätte man vorher nicht so laut tönen müssen.

Lieber Freitag, Ihr wollt Online– und Printjournalismus miteinander verzahnen, wie kein Medium in Deutschland zuvor? Dann tut es auch. Ich habe so langsam das Gefühl, dass Euer Anspruch einfach nur ein Werbegag ist, der sich besser verkaufen lässt.

Dass ihr gerade beim Theme Zensursula versagt, lässt tief blicken.

Eine kleine Fortbildung:

Google News

Zensursula live @ Rivva
Netzsperren live @ Rivva

Zensursula @ Twitter
Zensursula @ Identi.ca

Zensursula @ YouTube
Zensursula @ flickr

Zensursula @ F!XMBR

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12 Antworten zu “Der Freitag 0.0 oder Schweigen im Walde zum Thema Zensursula”

  1. Phil sagt:

    Im Grunde hat ja der Autor irgendwo recht, nur wie er es ausgedrückt hat ist meiner Meinung nach die falsche. Er macht halt den Fehler, dass er verallgemeinert, was aber auf einige Mitbürger gar nicht zutrifft. Viele engagieren sich nebenbei noch ehrenamtlich, schreiben ihre Meinungen nieder, machen auf Probleme aufmerksam.

    Und hier sind beispielsweise auch die (Massen-)Medien nicht ganz unschuldig, vorallem, wenn sie Kenntnis darüber erlangen.

  2. truetigger sagt:

    Naiv nachgefragt: Das Problem ist doch eigentlich, dass der Freitag die aktuelle Zensur-Diskussion nicht als Schwerpunkt erkennt und es deshalb keine Rubrik gibt, in der Pro & Contra-Meinungen zusammen– und gegenübergestellt werden?

    In welchem Medium ist dies aber momentan der Fall? Bis auf die Angewohnheit bei heise.de, die eigenen Meldungen zu einem Thema zu einer Linkliste zusammenzufassen, finde ich NIRGENDS in den Mainstream-Medien diese Auseinandersetzung, weder beim Freitag noch bei der Süddeutschen, weder bei der FAZ noch bei SpOn.

  3. Chris sagt:

    @truetigger: Steht alles oben im Artikel. Es geht auch, insbesondere, um die besondere Stellung, die der Freitag sich selbst gibt. Mehr ist nicht zu sagen, da muss ich nicht den Erklärbär spielen.

    @Phil: Der Mann hat in keinster Weise recht. Das sind infame Unterstellungen, die die Petition diskreditieren.

  4. […] hat sogar die Presse in Teilen kapiert bzw. widerwillig anerkannt (jedoch nicht z.B. DER FREITAG), um was es hier geht. War vor Tagen noch von »sogenannter Onlinepetition« die Rede (tagesschau), […]

  5. Phil sagt:

    Chris,

    ich sehe es etwas anders. Wo wird denn beispielsweise in den Massenmedien etwas über das Leid von Flüchtlingen, die nach Europa machen wollen, geschrieben? Somit ist es vielen Menschen aus den Sinn.

    Das sind infame Unterstellungen, die die Petition diskreditieren.

    Die Art wie er Kritik übt ist in meinen Augen die falsche.

  6. no sagt:

    Der Artikel ist mir auch schon vor diesem Posting negativ aufgefallen. Und zwar deshalb weil der Autor einen merkwürdigen Lobbyismus-Begriff zugrunde legt. Von mir aus kann man das Unterstützen der Petition und einer kritischen Diskussion über das Vorhaben der Regierung als Lobbyismus bezeichnen. Nur ist Lobbyismus per se weder gut noch schlecht. Es kommt auf die Transparenz, die realen Kräfteverhältnisse und die Sache an. Insofern ist auch der Gleichsetzung mit dem ADAC fehl am Platze.

  7. wannaberoot sagt:

    Er redet von Scheuklappen aber windet sich in 1000’Zeiler gleich gegen jede Kritik. Ich sag’s mal so wie ich kann, «Bitte den Troll nicht füttern…» :)

  8. Grumpy sagt:

    Bin auch nicht gerade der Fan vom Freitag, aber die hatten doch in den Blogs am 8.5. einen Beitrag von Joachim Losehand It’s Not About Porn, Stupid! inkl. Links und allem Zipp und Zapp — oder bin ich auf dem falschen Pferd unterwegs?

  9. […] Der Freitag 0.0 oder Schweigen im Walde zum Thema Zensursula » F!XMBR […]

  10. Wir haben versucht, eine Menge an Infos aus unseren und anderen Blogs sowie sonstigen Medien via Twitter, Identi.ca und Co zu streuen. Dass ausgerechnet dieser Artikel/Blog auf der Mainpage landete, ist sicher etwas «unglücklich» gelaufen. Per se aber haben wir schon versucht, über die verschiedensten Meinungen (tendenziell pro Petition) zu informieren.
    Auch unsere Redaktion hat mitbekommen, was wir hier an Informationsflut reinbekommen haben. Nur leider hat sie etwas spät auf uns reagiert. An der Kommunikation arbeiten wir. 😉
    Fernab dessen ist aber völlig klar, dass ich und auch viele (alle?) andere hier im Büro absolut mit den Petenten sympathisieren. Meine Stimme steht jedenfalls schon lang auf dem Zettel.
    Ganz abgesehen davon, dass ich als Blogger (knicken.blogspot.com) es wahnsinnig interessant finde, in welchem Umfang sich die Gemeinde zu Wort gemeldet hat. Sich da Vorwürfe machen zu lassen, halte ich für genauso — entschuldigt — bescheuert wie die meisten hier.

  11. Chris sagt:

    Die Kritik trifft ja nur unter der Voraussetzung, dass sich der Freitag zu etwas gemacht hat, was er nicht erfüllen kann. ich messe da ja nur den guten Herrn Augstein an seinen eigenen Worten.

    Per se jemanden zu kritisieren, weil er nichts dazu schreibt, ist selbstverständlich bescheuert. Auch ich bin sehr spät in die Debatte eingestiegen. Oder aktuell: Die Bad-Bank-Sache: Gerne würde ich da viel schreiben, kann es aber nicht, weil mir Fachwissen fehlt. Da läuft gerade eine riesige Sauerei. 200 Mrd.Euro, die die miesen Abzocker an Verlust angehäuft haben, werden dem Steuerzahler in Rechnung gestellt.

    Spätestens am Wochenende hätten sich 1, 2 Redakteure mit einem Programmierer zusammensetzen *müssen*.

    - Subdomain aufsetzen.
    – kleine Portalseite.
    – Twitter-, Identi.ca-Stream
    – Die besten Blogposts
    – Die besten Artikel, ja, der Mitbewerber
    – Möglichkeit der Partizipation der Community

    Ach, da hätte man was Grandioses schaffen können.

    Der Freitag hat auch noch nicht verstanden, dass ein Community-Projekt ein 24h-Job ist.

    Eine riesige Chance wurde da verspielt.

  12. Ich würde lügen, wenn ich nicht ein bisschen Deiner Meinung wäre. Aber um es mal vorsichtig auszudrücken: Das ist hier alles noch sehr beta und in der Umerziehungsphase. Alte Strukturen müssen aufgebrochen werden (ein Knochenjob), neue Tätigkeitsfelder definiert und dann vor allem auch unterstützt werden. Wenn das, was Du da forderst alles so einfach ginge, könntest Du Dir sicher sein, dass wir es umgesetzt hätten. Der Apparat Freitag mahlt aber a. noch langsam und b. noch nicht rund.

    Aber: Wir versuchen es. Ein bisschen Geduld wäre toll. Ich kann Dir versichern, dass zumindest ich noch daran glaube, dass dieser Zug nicht abgefahren ist. Und solang ich (und natürlich Tessa) das glauben, wird hier auch weiter in Richtung neuer Freitag gearbeitet.

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