Der Android Market und die Kostenloskultur

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Ich habe gestern scherzhaft geschrieben, dass ich mit dem Galaxy S2 auch telefonieren und SMS verschicken kann. Klar sind das die Grundvoraussetzungen für ein Handy. Doch was bedeutet ein Smartphone wirklich? Mütter stellen ja gerne Fragen, über die man als Sohn auch mal eine Nacht nachdenken muss. 😉 Als meine Mutter mich fragte, wofür ich so ein Handy brauche, war die Antwort jedoch ganz einfach: Ich habe so immer einen kleinen Rechner in der Hosentasche, bin rund um die Uhr online und kann alles — zumindest — im Blick behalten. Als Informationsjunkie ist das ganz praktisch.

Selbstverständlich muss man nicht 24 Stunden am Tag online sein. Im Gegenteil — man sollte sich immer auch mal eine Pause gönnen. Und doch ist es praktisch, mal eben per Knopfduck die Kommentare auf F!XMBR zu überprüfen, beim Elektrofachhandel nebenan zu schauen, ob das Konto den gewünschten Einkauf hergibt 😉 oder einfach mal von unterwegs aus zu twittern oder zu plussen.

Und auch wenn ich Hightech in der Hosentasche habe, so fühle ich mich irgendwie Back to the Roots. Damit meine ich die unterschiedlichen Software-Angebote. Es gibt Freeware, kostenpflichtige Software und Produkte, die es frei gibt und mit mehr Funktionen in der Premium-Variante. Kann sich noch wer an die Hochzeit der Shareware erinnern? Irgendwie ist es für mich eine ähnliche Zeit. Ich teste Software und bei Gefallen lasse ich dem Entwickler eine Spende zukommen.

Die Preise im Market sind dabei durchaus human, ein kleiner Obolus eben, der mehr Anerkennung ist, als eine Bezahlung. Die große Schwäche des Markets ist natürlich, dass man nur per Kreditkarte oder per Telefonrechnung der Deutschen Telekom oder Vodafone bezahlen kann. In anderen Ländern gehört die Kreditkarte für die Menschen zum Alltag, in Deutschland führt sie ein Nischendasein — sicherlich der entscheidende Grund, warum die Zahlen in Deutschland für kostenpflichtige Apps im überschaubaren Rahmen liegen.

Ein Arbeitskollege hat sich ein Tablet zugelegt. Als ich ihn gefragt habe, welche kostenpflichtigen Apps er installiert hat, antwortete er mit Verweis auf mehr oder weniger bekannte Seiten, ich bezahlte doch nicht für Apps. Er ist 10 Jahre jünger als ich, also eine andere Generation. Diese Selbstverständlichkeit hat mich doch überrascht und ich musste an die Vorwürfe der Kostenloskultur denken. Wenn man gleichzeitig an die 10-Cent-Aktion des Markets denkt, es dauerte keine 10 Minuten nachdem die neuen Angebote im Market zu finden waren und schon fand man die entsprechenden Apps in den einschlägigen Foren.

Es kann durchaus sein, dass ich diese Foren auch mal nutze — aber auch nur aus dem Grund, weil ich 15 Minuten zum Testen einer kostenpflichtigen App, gerade wenn sie sehr umfangreich ist, eher als lächerlich, wenn nicht sogar als unverschämt empfinde. Für mich ist aber klar: Gefällt mir Software, so bezahle ich sie. Vielleicht gehöre ich doch schon zum alten Eisen, der mit 0days, Warez & Co. aufgewachsen ist, die Kunst des Rippens noch kennt, aber bei Gefallen immer die Software bestellt hat, die auch genutzt wird. Manchmal frage ich mich, ob diese Haltung von unserer Generation wirklich weitergegeben wurde und sich nicht wirklich eine Kostenloskultur entwickelt hat, die kein Maß mehr kennt (siehe auch: Ganz heißes Eisen).

Wenn ich aber — jetzt auf den Market bezogen — über die sogenannte Kostenloskultur nachdenke, so hat die Medaille immer zwei Seiten: Für viele Menschen ist es im Market schlichtweg unmöglich, Apps kostenpflichtig zu beziehen — gleichzeitig gibt es mittlerweile eine _Szene_, für die die Kostenloskultur ein selbstverständlicher Teil des Internets ist. Wahrscheinlich neigt man dazu, alte Zeiten zu glorifizieren. Sicherlich gab es auch früher schon die Leute, die ihre Festplatten ohne jegliches Maß gefüllt haben.

Man muss das Internet so akzeptieren, wie es ist. Man muss denen ein Angebot machen, die es maßvoll nutzen. Und das ist beim Market (und unzähligen anderen Angeboten) halt nicht der Fall. Der Fehler liegt hier also bei Google. Selbst wenn jemand wollte, aber nicht zahlen kann, man Software dann auf anderem Weg sucht und findet, warum soll man, wenn man später die Möglichkeit bekommt, auf diese Annehmlichkeit noch verzichten?

Das Internet ist grenzenlos. Das ist seine große Stärke. Wer dabei Insellösungen den Nutzern anbietet, hat schon verloren. Und ich möchte dann bitte keine Klagen über die sogenannte Kostenloskultur hören. Wer kostenpflichtige Bereiche anbietet, gleichzeitig aber viele Nutzer von der Bezahlung ausschließt, muss sich nicht wundern, wenn diese in die sogenannte Grauzone abwandern. Und er muss sich auch nicht wundern, wenn diese Erfahrungen weitergegeben werden und selbst wenn sich die Situation bessert, weiterhin das Altbekannte genutzt wird. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Angebot und Nachfrage — ich kann gar nicht sagen, wann das erste Mal in der Schule darüber gesprochen wird. Wenn ich selbst als Google den Nutzern kein ausreichendes Angebot mache, muss ich mich nicht wundern, wenn diese andere Angebote annehmen. Aber vielleicht will es Google ja auch so, weil sie das Internet mit all seinen Facetten kennen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Google auf einer einschlägigen Seite Werbung für den eigenen Browser schaltet. 😉

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10 Antworten zu “Der Android Market und die Kostenloskultur”

  1. n1Ls sagt:

    Sehr schön geschrieben und ich bin voll und ganz auf deiner Seite. Mit Baujahr ’88 gehöre ich dennoch zu der Sorte Kunde, die für gute Software bzw. Apps auch bereit ist zu zahlen. Das Beste Beispiel für mich ist aktuell die DSLR Controller App von Chainfire. Damit kann ich mir einen teuren Shutter sparen und mit meinem S2 wunderbar meine EOS 600D bedienen (:

  2. Sukram71 sagt:

    Und Apps kosten in der Regel doch auch nur so 1 bis 2 Euro.
    Bei so lächerlichen Beträgen ist mir das Aufrufen einer Kostenlos-Seite schon zu lästig … Die Leute kann ich echt nicht verstehen.

    Bei PC-Programmen kosten selbst älteste Sachen und primitivste Programme auf dem Grabbeltisch im Geiz-ist-blöd-Markt schon 5–10 Euro.

    Und bei dieser 10-Cent-Aktion hab ich mir mein Galaxy S2 eh bis oben hin mit Apps voll gemacht. :-)

  3. Genau den gleichen Gedankengang hatte ich letztens auf (http://www.passsy.de/andr.….-gratis/). Einer der Hauptgründe, warum ich mir dann doch endlich eine Kreditkarte zugelegt habe, war dann einfach, dass ich die Updates sofort bekomme. Ich muss dann nicht mehr alle paar Wochen in den Foren nachschauen, ob ich gerade noch die neueste Version besitze.

    Ich selbst bin mir aber immer noch nicht sicher, ob ich meine App kostenlos oder günstig machen soll. Kostenlos hat den Vorteil von vielen Nutzern, aber nur wenigen die dann die «Donate Version» kaufen würden. Wahrscheinlich wird es auf das Modell von Switftkey X hinauslaufen indem man 30 Tage kostenlos im vollen Umfang testen kann und danach kaufen muss.

  4. Kathrin sagt:

    Ich sehe als Mutter eines zwölfjährigen Sohnes, diesen Sachverhalt ein wenig anders. Es gibt eine Menge Apps, die Sohnemann auf Anhieb *gern hätte*, aber aufgrund der Zahlungseinschränkungen, erst einmal darauf verzichten muss, bzw. zuerst zu Hause fragt. Spiele, verschiedene witzige Gimmicks, etc. Vieles davon unnötig, das «Haben wollen» basiert hier auf den Gruppendruck in der Schule.
    Wenn Kinder und Jugendliche unmittelbar und einfach alles an Apps kaufen könnten, wäre dies aus meiner Sicht, keine allzu gute Idee. Zum einen wegen dem Faktor «sinnlos» und zum anderen wegen dem schnellen und sorglosen Umgang mit Geld, auch wenn es sich meist um kleinere Beträge handelt. Es mag veraltet klingen, aber ich hätte als Mutter schon gern gewusst, wie und wofür meine Kinder Geld ausgeben. Insofern, eine elternfreundliche Regelung, zumindest was das Geldausgeben betrifft…

  5. Anonymous sagt:

    Das Problem ist, dass Mikropayment zu viel Aufwand für zu wenig Effekt ist. Es tut sicher nicht weh einen Euro für ne App auszugeben. Wenn man dafür sich aber erst umständlich anmelden muss, lohnt es sich für vieles schon nicht, selbst wenn das Geld locker sitzt. Muss man erst eine KK anschaffen … keine Chance.

    Wichtiger fände ich, dass der Market einen Modus hätte, dass man nach kostenloser und am besten sogar nach Opensource-Software sortieren kann. Und dass alle kostenlosen Demos zu Premium-Softwares, welche dann in der Demo aber nichts leisten können aus dem Kostenlos– in einen Shareware-Bereich ausgelagert werden. Der Market ist nämlich total zugemüllt mit Sharewares.
    Dazu kommt natürlich auch, dass bei Android irgendwie jeder der nen billigen Texteditor zusammenklickt meint den gleich für 1,50 verkaufen zu müssen. Etwas was es nicht wert ist, wenn man überlegt, dass man auf dem PC hochwertige Texteditoren mit einem tausendfachen der Funktion kostenlos bekommt (ich denke gerade an vim). Da zahle ich doch nicht für ein Texteingabefeld mit speichern-Funktion 1,50 … selbst wenn es ohne Aufwand ginge, und selbst obwohl 1,50 nicht weh tut.

  6. Sukram71 sagt:

    Eine Kreditkarte braucht man aber doch sowieso, wenn man übers Internet im Ausland mal Software, oder sonstwas, bestellen will. Selbst um ein Hotel zu reservieren braucht man ne Kreditkarte.

    Und wenn das Auto repariert werden muss, ist es manchmal auch ne Hilfe, die Belastung bis ans Monatsende zu schieben.
    Oder wenn man im Urlaub die EC-Karte verloren geht, hat kann man damit Geld abheben.

    Es ist es doch kein Akt sich von seiner Bank eine kostenlose Kreditkarte geben zu lassen.
    Außerdem besteht bei Kreditkarten praktisch kein Risiko.

    Kreditkarten sind **dermaßen** unsicher, dass das Risiko beim Kreditkartenbetreiber liegt. Kein Witz. :)
    Bei Falschabbuchungen bzw. Betrug muss man nur unterschreiben und bekommt das Geld problemlos erstattet. Bei anderen Zahlungsarten hat man im Betrugsfall viel mehr Brassel am Hals, als bei Kreditkarten.

  7. Sumsulum sagt:

    Am Anfang dachte ich mit «Kostenloskultur» meinst du die Leute die sich mit «Gratis» und Kkostenlos»-Müll locken lassen und am Ende dann doch zähneknirschend zahlen, wenn sie merken das die wichtigsten Funktionen fehlen.

    Ich kenne übrigens einige Leute die geben 100–150 Euro im Monat für solche Apps aus, wohl nicht wissen das Kleinvieh auch Mist macht.…

  8. Anonym sagt:

    Es gibt ein einfaches praktisches Problem:
    Ich wäre durchaus bereit zu bezahlen, gerade angesichts der doch ziemlich moderaten Preise für die allermeisten Programme. Und zumindest zwei bis drei Programme, die es mir persönlich auch wert wären, gibt es tatsächlich und ich benutze mehr oder weniger zähneknirschend die werbefinanzierten Versionen davon.
    Jedoch ist ein Smartphone beim gegenwärtigen Stand der Systemsicherheit so ziemlich das letzte Gerät, auf dem ich meine Kreditkartendaten eingeben würde.

  9. >Jedoch ist ein Smartphone beim gegenwärtigen Stand der Systemsicherheit so ziemlich das letzte Gerät, auf dem ich meine Kreditkartendaten eingeben würde.

    Glaube versetzt keine Berge, auch nicht auf dem Desktop, dem Server oder sonstwo.

  10. Sukram71 sagt:

    > Jedoch ist ein Smartphone beim gegenwärtigen Stand der
    > Systemsicherheit so ziemlich das letzte Gerät, auf dem
    > ich meine Kreditkartendaten eingeben würde.

    Gemessen daran, dass beim Bezahlen jeder kleine Kellner die Kreditkarten-Nummern abschreiben und damit shoppen gehen kann, ist das wohl sowieso völlig einerlei.

    Diese wahnsinnige Unsicherheit der Kreditkarte ist bei Betrug für den Kunden von Vorteil. (Vorteil!)

    Weil es kann einem keiner Unterstellen, man hätte die irgendwo PIN aufgeschrieben, man würden den falschen Browser verwenden oder man sei so blöd gewesen, auf eine Pishing-Seite reinzufallen oder man sei sonst irgendwie selber Schuld.

    IdR werden Falschabbuchungen von der Versicherung des Kreditkartenbetreibers anstandslos erstattet, wenn man (an Eides statt) unterschrieben und gefaxt hat, dass man (ich :D) nicht z. B. 900 Euro beim Online-Casino verzockt hat.
    Wäre das anders, würde auch kein Mensch Kreditkarten nutzen.

    Wird man beim Online-Banking abgezockt, muss man das erstmal beweisen …

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