Demokratiespiele

Kann es einen größeren Beweis für die Unfähigkeit, asoziale Haltung, Perversität unserer Politiker geben, als die derzeitige Debatte um die Unterschichten? Berlin in heller Aufregung, Armutsberichte gab es schon immer, doch diesmal, so zumindest die noch nicht veröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, gehören 25% der Ostdeutschen und 4% der Westdeutschen zur Unterschicht, insgesamt ca. 8% des Volkes. Das allein würde keinen Politiker hinterm Baum hervorlocken, neu hinzugekommen die überwältigende Angst der Mittelschicht, eben in diese Unterschicht zu fallen. Und auch tote Kleinkinder im TV und auf Seite 1 der BILD machen sich nicht wirklich gut. Da muss man dann ja notgedrungen vor die Presse treten.

Für unseren Wirtschaftsminister stellt sich diese Problematik nicht, eine erstaunliche Erkenntnis, wahnswitzig seine Erklärung, es sei alles eine Erfindung der Soziologen. Ich kenne Menschen, die argumentieren, die Demokratie sei auch eine Erfindung der Politiker — realistischer als die Einschätzung des Problembären Glos ist es allemal. Auch Angie-Klatscher Volker Kauder, seines Zeichens CDU-General (kann sich z. B. noch wer an Geißler erinnern, da kommt selbst bei einem Menschen wie mir Wehmut auf, wenn ich den Kauder sehe) ist der Meinung, wir haben keine Unterschichten. Seine unterschwellige Mitteilung an das Volk, die Ausländer seien schuld, es handle sich um Menschen mit sozialen und Integrationsproblemen.

Unser ASozialminister könnte in die Geschichte eingehen. Mit der Ankündigung vom 16. Oktober diesen Jahres, dass es in Deutschland keine Schichten gibt. Das ist eine sensationelle Erkenntnis, deckt sich mit den Recherchen seines Kollegen aus dem Wirtschaftsressort — kann ein Mensch noch lebensfremder sein, wie unser ASozialminister? Diese Frage muss man sich Tag für Tag wieder stellen, wenn man seine Interviews liest und sieht. Der lebt auf einem anderen Planeten, ruft mir gerade eine Arbeitskollegin zu. Sehr schmeichelhaft ausgedrückt.

Was macht und sagt unsere Bundeskanzlerin? Die altbekannten Reflexe neoliberaler Ideologien. Die Unterschickt müsse ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Das ist doch mal ein kluger Ratschlag bei — laut der Studie der Fiedrich-Ebert-Stiftung — 6.56 Mio. Menschen, die zur Unterschicht gehören. Hinzu kommt ein großer Anteil von Menschen, bei denen man von verdeckter Unterschicht spricht. Menschen, die Anrecht auf Leistungen hätten, diese aber z. B. aufgrund eines Schamgefühls nicht in Anspruch nehmen. Wir kommen also wieder auf eine Zahl, die schon des öfteren hier auf F!XMBR genannt wurde: 10 Mio. Menschen.

Es brodelt in unserem Land, insbesondere im Osten. Jeder neue Funken kann das Pulverfass zum Explodieren bringen. Sei es ein neuerlicher Wahlerfolg der NPD, oder einfach nur eine Wahlkampfrede des ASozialministers Franz Müntefering. Insbesondere im Osten unseres Landes sind die Menschen kurz davor, französich zu lernen — leider übertreibt es der Deutsche (Michel) dann immer etwas. Ich möchte dann nicht in der Rolle eines Politikers stecken. Ein selbst schuld kommt einem da schnell über die Lippen, doch haben wir sie gewählt, lange machen lassen. Die NPD kann nicht die Antwort und der Fluchtweg sein. Jeder Bundestagsabgeordnete hat ein Büro in seinem Wahlkreis — wir müssen französisch lernen, aber bitte im demokratischen Rahmen. Wenn schon Politiker die Demokratie in unserem Land abgeschafft haben, dürfen wir nicht auf gleichem Niveau antworten. Wir sind das demokratische Volk.

47 Antworten zu “Demokratiespiele”

  1. Jens sagt:

    Das sind also nur so knapp 10 Mio Betroffene (inklusive Familien etc.). Ende der 20er/ Anfang der 30er waren mehr betroffen. Ergo: bis es kracht können alle noch ein paar Jährchen «lustig» weiter dümpeln.
    Das ist zynisch? — nein widerlich/ inhuman, aber leider gängige Praxis — getreu dem Motto, gestern standen wir am Rande des Abgrunds, heute sind wir einen Schritt weiter.
    Und da ist noch etwas, was ich sehr «lustig» finde (15 Jahre nach der «Vollendung» der deutschen «Einheit), wieso heißt es dann immer gleich Osten und Westen, die Namen der Bundesländer tun es auch.

  2. Oliver sagt:

    Das sind ja auch heute vornehm geschönte Zahlen, die Vergangenheit verurteilt man lieber vernichtender als den eigentlichen zeitlichen Kontext. Insofern würd ich noch gehörig was drauf packen.
    Man kann auch nicht mehr wirklich mit damals vergleichen, damals war der Lebensstandard gegenüber heute allgemein niedriger. Wer heute arm, wäre damals vielleicht «gut-bürgerlich» gewesen usw.

  3. Grainger sagt:

    Als ich hörte, das es in Deutschland angeblich «keine sozialen Schichten gäbe» mußte ich auch erst mal laut lachen.

    Imho gab es noch nie eine menschliche Gesellschaft ohne soziale Schichten (und in absehbarer Zeit wird es auch keine keine geben), selbst der real existierende Sozialismus hat seine sozialen Schichten und einige der (Mit)begründer des Marxismus haben sich vielleicht mit der Arbeiter– und Bauernschaft solidarisch erklärt, aber an einen Tisch hätten sie sich wohl trotzdem nicht mit ihnen gesetzt.

    Das beste was eine Gesellschaft unter den heutigen Rahmenbedingungen zu Stande bringen kann ist den Unterschied zwischen den Schichten nicht zu groß werden zu laßen (wobei da momentan eher das Gegenteil praktiziert wird) und die einzelnen Schichten durchlässig zu halten.

    Und irgendwo zwischen einem Kastensystem im indischen Stil und den amerikanischen vom-Tellerwäscher-zum-Milliardär-Legenden wird sich vielleicht die Realität einpendeln.

  4. spiefelwuetz sagt:

    Grainger schrieb:

    Das beste was eine Gesellschaft unter den heutigen Rahmenbedingungen zu Stande bringen kann ist den Unterschied zwischen den Schichten nicht zu groß werden zu laßen (wobei da momentan eher das Gegenteil praktiziert wird) und die einzelnen Schichten durchlässig zu halten.

    Genau, durchlässig bis zur «Unterschicht», danach ist eh Schluß.
    Grainger schrieb weiter

    Und irgendwo zwischen einem Kastensystem im indischen Stil und den amerikanischen vom-Tellerwäscher-zum-Milliardär-Legenden wird sich vielleicht die Realität einpendeln.

    Gibt es da einen Unterschied?

  5. Oliver sagt:

    Ja denn diejenigen im Kastensystem sind derart erzogen das sie nicht einmal dran denken würden, irgendetwas anderes zu tun. Der Mob im regulären Bereich ohne religiöse Grundlage, schlägt irgendwann einmal zurück. War bisher immer so und wird auch zukünftig so sein.

  6. spiefelwuetz sagt:

    Ja, ist schon klar, die Frage war «nur» rhetorisch gemeint.

  7. Oliver sagt:

    Okay was dann hinten bei heraus kommt ist wohl identisch, aber auf dem Weg dahin eröffnen bei den anderen sich eventuell noch irgendwelche Möglichkeiten die Bahn zu verlassen.

  8. Grainger sagt:

    Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung erscheint zwar offiziell erst Ende des Jahres, aber wegen der ganzen Aufregung um Unterschichten (oder auch keine Schichten ;)) hat die Stiftung vorab schon mal eine kleine erste Übersicht über die Ergebnisse der Studie veröffentlicht.

    Wobei klein relativ ist, das PDF umfaßt immerhin 94 Seiten, man ist aber mit dem Platz äußerst großzüzgig umgegangen (wäre ich böswillig könnte ich das auch als Seitenschinderei bezeichnen).

    Hier mal ein Link:

    http://erwerbslose.verdi.…..lett.pdf

  9. joe_f sagt:

    Wie kommen eigentlich viele Leute zur Auffassung, die Unzufriedenheit in Deutschland stünde kurz vor dem Ausbruch? Ich sehe das kein bisschen so. Bekanntermaßen holt sich der Deutsche die Erlaubnis für die Revolution Demonstration vom Amt.

    Die demokratische Kultur ist hierzulande ein Witz. Auch wenn sich der Deutsche hinter der vorgehaltenen Hand gerne über die Mächtigen aufregt und manchmal auch öffentlich — der Drang, der Obrigkeit zu gehorchen, ist größer. Der Grund, warum etwa die Montagsdemos zu Hartz IV nach einer Weile Zulauf verloren, ist, dass es sich der Deutsche auf keinen Fall mit den Mächtigen verderben will. Es ist unfassbar, wie das asoziale, marktradikale Schmarotzerpack aus Politikern und Lobbyisten in diesem Land hofiert wird.

    Und immer die panische Angst des Deutschen, nicht zu den Gewinnern zu gehören. Ich nenne es das SPD-Syndrom. Aus lauter Angst, als vaterlandslose Gesellen zu gelten, vertreten die Sozen die Interessen der Konservativen. Dabei weiß man doch, dass die Konservativen die Nation nur okkupiert haben, nachdem ihnen Monarchie und Gottesgnadentum abhanden gekommen sind.

    Zum Glück habe ich diese Typen nicht gewählt. Ohne institutionalisierte direkte Demokratie a la Schweiz läuft bei mir gar nichts mehr. Wie kann man nur so dumm sein zu glauben, Politiker scherten sich um etwas anderes als die eigenen Privilegien.

  10. Chris sagt:

    Wie kommen eigentlich viele Leute zur Auffassung, die Unzufriedenheit in Deutschland stünde kurz vor dem Ausbruch?

    Schon mal im Osten unseres Landes gewesen? 😉

    Der Grund, warum etwa die Montagsdemos zu Hartz IV nach einer Weile Zulauf verloren, ist, dass es sich der Deutsche auf keinen Fall mit den Mächtigen verderben will.

    Völlig falsch, der Grund war ein genialer Schachzug von G. Schröder — er hat in einer großen Anzeige Promis — insbesondere die «Linken» wie Günter Grass — unterschreiben lassen, dass die Reformen notwendig sind, danach war es mit den Montagsdemos weitesgehend vorbei.

    Sorry, wenn das alles knapp, abgehackt wirkt, hab gerade wenig Zeit. 😉

  11. Grainger sagt:

    Der Grund, warum etwa die Montagsdemos zu Hartz IV nach einer Weile Zulauf verloren, ist, dass es sich der Deutsche auf keinen Fall mit den Mächtigen verderben will.

    Ich sehe die Ursache eher in der Bequemlichkeit der Leute, wir (ich nehme mich selbst ausdrücklich nicht davon aus) kriegen doch Arsch nicht mehr von der Couch hoch.

    Wenn nach Sozialabbau in Frankreich Krawalle und (teilweise) bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen merkt auch der dümmste Politiker das er zu weit gegangen ist.

    Wenn aber in der gleichen Situation in Deutschland ein paar hundert Demonstranten für 1–2 Tage betont friedlich ihre Schilder durch die Straßen tragen um danach wieder ebenso friedlich zum Tagesgeschäft zurück zu kehren muss die Politik ja zwangsläufig zu der Ansicht geraten:

    «So schlimm wird es wohl nicht gewesen sein!»

    Wo sind sie denn, die Protestaktionen der rund 6 Millionen Arbeitslosen, Hartz 4-Empfänger, usw.?

    Ich meine, das sind ein paar Millionen Menschen, das sollte doch einiges politisches Potential haben.
    Wenn aber schon die unmittelbar selbst Betroffenen scheinbar nicht zu mobilieren sind und sich lieber zur schweigenden Mehrheit gesellen, wer denn dann?

    Zu erwarten, das sich andere um meine Interessen kümmern ist zwar bequem, aber wenig erfolgversprechend.

  12. Oliver sagt:

    Ob gerad die Betroffenen unter den Hartz4 Empfängern wirklich nur zu bequem sind? Sicherlich gibts überall, mal mehr und mal weniger. Aber letztendlich sind dort viele schon gebrochen, haben schon den Stempel aufgedrückt bekommen und werden von fast jedem abschätzig betrachtet,

  13. Grainger sagt:

    @Oliver

    Aber trotzdem, nichts zu tun und zu schweigen (egal ob aus Bequemlichlich oder Resignation) wird natürlich nichts ändern.

    Und darauf zu hoffen oder zu vertrauen das andere (denen es vielleicht wirtschaftlich und/oder sozial besser geht) aufstehen und die Interessen der Betroffenen vertreten wird nicht funktionieren (hat es noch nie).

    Es werden sich immer ein paar Menschen finden lassen, die sich sozial engagieren, aber das ist ohne tatkräftige Mitarbeit der Betroffenen keine politisch relevante Mehrheit.

    Und da in unserer zunehmend von Ellbogen-Mentalität und globalisiertem Raubtier-Kapitalismus geprägten Gesellschaft soziales Engagement auch noch mehr und mehr den Stempel von Gutmenschentum und Sozialromantik aufgedrückt bekommt werden sich zukünftig wahrscheinlich noch weniger nicht selbst Betroffene sozial engagieren, wer will denn schon (wenn vielleicht auch beschönigt durch Neusprech-Wortschöpfungen) als gutmütiger und weltfremder Depp da stehen?

    Man muss sich halt auch um die eigenen Belange kümmern.

  14. joe_f sagt:

    @ Chris:

    Doch, ich bin schon mal «im Osten» gewesen. Ist aber 15 Jahre her, nicht mit heute vergleichbar. Und ich kann mich vor allem noch daran erinnern, dass uns irgend jemand die Radkappen vom Auto geklaut hat. :-)
    Aber zu den unzufriedenen Massen: «Schon mal im Osten gewesen» ist etwas unkonkret. Die braunen Dummbratzen kannst du jedenfalls nicht meinen. Die sind ja schon von Natur aus obrigkeitshörig und per se für Demokratie nicht zu gebrauchen.
    Die restliche Mehrheit scheint sich vor allem gegenseitig zu bekämpfen. Ich denke da an die Fälle von Grausamkeit, in denen Jugendliche/junge Erwachsene andere z.T. zu Tode gequält haben. Und wenn ich mir die Milieus anschaue, die die FES-Studie aufführt, sehe ich in besagter Unterschicht typisches Untertanenverhalten und kaum Veränderungspotential (Natürlich sind die FES-Milieus auch nur ein sozialwissenschaftliches Konstrukt und spiegeln somit eine bestimmte Sichtweise wider.)

    Wenn Schröder tatsächlich diesen Coup gelandet hat, spricht das ja eher für die Untertanenhypothese. Wozu selbst denken, wenn die Obrigkeit vorschreibt? Übrigens m.E. auch ein Beleg für meine These, dass Meinungsmacht alles ist und Fakten nichts. Das erklärt auch das politische und gesellschaftliche Klima in Deutschland.

    @ Grainger:

    Ja, die Bequemlichkeit. Das stimmt schon (jedenfalls bei mir). Und jetzt stelle man sich den bequemen Untertanen vor. Ich wende mich mit Grausen ab.

  15. spiefelwuetz sagt:

    (…)Aber letztendlich sind dort viele schon gebrochen, haben schon den Stempel aufgedrückt bekommen und werden von fast jedem abschätzig betrachtet

    Rufmord ist das schon! Ich kenne auch Menschen die schon zerbrochen sind. Mal schauen, wie viele am Samstag in Berlin den Ar*** hochkriegen. Ich bin auf jeden Fall dabei, da H IV-Geschädigter und aus´m Osten, da habe ich es nicht so weit;).

  16. Falk sagt:

    Wo sind sie denn, die Protestaktionen der rund 6 Millionen Arbeitslosen, Hartz 4-Empfänger, usw.?

    Hmm, wer bezahlt denen die Fahrt nach Berlin oder meinste etwa, die Bahn sponsort das? Solidarität hierzulande ist doch das, was fehlt — aufstehen müssten die, die jetzt noch nicht dazu gehören und sich einen Protest leisten könnten. Sprich alle Arbeitnehmer sollten mal 1(!) Tag zu Hause bleiben und damit zeigen, wer hier in Deutschland die Werte schafft.

  17. Chris sagt:

    @joe_f: Die Unzufriedenen, das rechte Wählerpotential macht mittlerweile IMHO rund 25% aus. Ist natürlich nur reine Spekulation, I know, aber wenn man im Normalfall von 10% spricht, wenn es dann mal richtig knallt kommt schnell auf diese Zahl (siehe auch Schills 20% hier in Hamburg). Wenn diese Masse erstmal losgelassen, dann wird unsere Demokratie in Frage gestellt werden, weil da eine Gewaltbereitschaft vorherrscht, die jeder nomaldenkende Mensch ablehnt, und so zynisch das nun klingt, so ist diese Gruppe dann immer im Vorteil.

    Was heißt Bequemlichkeit bei einem HIV-Empfänger? Schon mal daran gedacht, dass sich so gut wie keiner z. B. die Fahrt nach Berlin leisten kann? Wer soll das von den Betroffenen bezahlen? Viele HIV-Empfänger hungern am Ende des Monats. Sprich, es werden «nur» Berliner an der Demo teilnehmen können — und die Menschen sind mittlerweile durch die Hetze unserer Gesellschaft zerbrochen, sprich sie trauen sich kaum noch vor die Tür. Hinzu kommt, um das noch zu erwähnen, dass sie ihre Stadt nicht verlassen dürfen — dafür haben die Herren Politiker ja auch gesorgt mit ihren Verschärfungen, und wenn angemeldet wird, ich verlasse die Stadt um an einer Demo teilzunehmen, na, ich will nicht wissen, was die gute ARGE dann sagt.

    Hier wurde systematisch eine ganze Bevölkerungsgruppe zerstört, von den Politikern angefangen, von der Bevölkerung willig ausgeführt.

    Dass diese sich dann kaum noch trauen, etwas zu sagen, ist klar, nachvollziehbar.

    Da helfen dann auch keine neoliberalen Sprüche á la sie müssen sich selbst am Schopfe packen, wie es ja auch unsere Tante Merkel vertritt. Man tritt Leute platt und wundert sich, wenn sie sich nicht mehr bewegen, ne, oder?

  18. joe_f sagt:

    @ Falk, Chris:

    Da habt ihr Recht, die Angst um das knappe Geld ist ein gewichtiges Argument.

    Die eigentliche Frage ist aber, ob jemand als Betroffener aller Widrigkeiten zum Trotz den Mut aufbringt und aufsteht. Es geht mir dabei nicht um dieses alberne «Wenn man sich nur genug bemüht, schafft man es»-Geschwätz. Ich möchte keinesfalls dem marktradikalen Schwachsinn das Wort reden. Mir geht es um die Einstellung, dass man sich die Mühe machen sollte, für seine eigenen Interessen einzustehen und zu kämpfen. Das unterscheidet m.E. den Bürger vom Untertan.

    Dass der gesellschaftliche Druck groß ist, ist ja nichts Neues. Aber es ist eben so: Veränderungen gehen immer von Individuen aus. Wer darauf wartet, dass ihn jemand an der Hand nimmt, wartet sein Leben lang. Entweder bringt man den Mut auf oder eben nicht. Es ist natürlich nachvollziehbar, wenn nicht. Aber wenig hilfreich.

    Die rechtsradikalen Wähler sehe ich nicht als Potential für Veränderungen oder gar eine Revolution. Wer politische Veränderungen will, muss Politiker zum Teufel jagen und sie nicht wählen. Die Gewaltbereitschaft richtet sich meiner Meinung nach nur gegen andere Bürger, nicht gegen Politiker, Ausnahmen bestätigen die Regel. Und wenn die Leute doch mal 20 Prozent NPD wählen, dann stünde früher oder später die CDU da — um die Nazis angeblich zu «entzaubern».

  19. Grainger sagt:

    Zum Protestieren muss man ja nicht nach Berlin fahren, man könnte meinen in Deutschland darf nur dort demonstriert werden.

    In den Regionen mit hoher Arbeitslosigkeitsquote müsste sich doch auch lokal eine medienwirksame Menge mobilisieren lassen, zumindest ein paar Hunderttausend sollte man in einigen Gegenden Deutschlands zusammen bekommen, in den Ballungszentren allemal (und da dürfte auch die Nahverkehrsanbindung noch akzeptabel sein).

    In den Flächenlandkreisen fernab der Ballungszentren mag das schwieriger sein.

    Sorry, aber das mit den Fahrkosten hört sich für mich auch schon wieder wie eine Ausrede für die eigene Bequemlichkeit an.

  20. Falk sagt:

    Wenn du das als Ausrede siehst — ich seh das nicht so. Ich kann auch hier in die Bürgerbüros der Parteien gehen. Ändere ich damit etwas? Und massenwirksam muss auch erstmal organisiert sein und ja, auch dies kostet wieder Geld, welches die, die nach deiner Meinung protestieren sollten, schlicht nicht haben.

    Genauso wie diese Menschen von anderen gesellschaftlichen Dingen ausgeschlossen sind, sind sie es, wenn sie Demokratie ausüben wollen. Und bitte, was nützt ein laues Lüftchen im Wasserglas in Buxtehude — das interessiert doch in Berlin niemanden. Die wachen doch erst auf, wenn der Reichstag brennt.

    Sorry, aber deine Argumentation Grainger wirkt auf mich von oben herab wie «selbst schuld, wenn ihr nichts tut und nun redet euch bloss nicht raus»

  21. Chris sagt:

    So können nur Leute reden, die noch nie etwas ausgestanden haben, geschweige denn Hunger hatte und kein Geld, lieber Grainger.

    Typischer neoliberaler Schwachsinn. und ich dachte, es wäre klar, dass ich oben Dich gemeint habe, auch wenn ich Tante Merkel angeführt habe.

    Du lebst in Deiner eigenen Welt, und nicht jeder, der auf Deinem (finaziellen) Niveau lebt ist selbst schuld und braucht nur den Arsch hochzubekommen.

    Ach, was red ich hier, bei mittlerweile sogar weit über 10 Mio. Menschen sieht jeder, der nur ein klein wenig nachdenken kann, wie absurd das ist.

  22. spiefelwuetz sagt:

    Grainger schrieb:

    Zum Protestieren muss man ja nicht nach Berlin fahren, man könnte meinen in Deutschland darf nur dort demonstriert werden.

    Die Demo ist aber nun mal in Berlin und das aus gutem Grund: dort sitzen die rotgelbgrünschwarzen Hauptverursacher dieses Desasters (ja, Desaster!) und nicht in Altenburg, Weimar, Gelsenkirchen oder Sassnitz. In der Provinz ist es fast aussichtslos, etwas ähnliches zu mobilisieren. In meiner Heimatstadt, ca. 64.000 Einwohner, waren am Anfang der Anti-Hartz-IV-Demos 1995 etw. 450 Leute dabei. Am sprichwörlichen Ende waren es nur noch 30. Die Demo blieb am Startpunkt mit einer Kundgebung hängen, und ward dann nie mehr gesehen. Da brauchte es halt prof. Unterstützung und die Gewerkschaften haben mit ihrer vorhandenen Logistik schwer gegeizt. Die sind halt nicht die Verteidiger der «Unterschicht». Ziemlich schäbig das.
    Grainger schrieb auch:

    Sorry, aber das mit den Fahrkosten hört sich für mich auch schon wieder wie eine Ausrede für die eigene Bequemlichkeit an.

    Hört sich vielleicht so an, isses aber nicht immer. Eine Hin-und Rückfahrt mit der DB aus unserer Stadt kostet im günstigsten Fall 88 Euro, mal von noch etwas günstigeren Gruppentarifen abgesehen. Das muß man erstmal von 345,-Euro abdrücken können, mal abgesehen dvon, daß viele nur den abgespeckten Satz erhalten. Was natürlich alles nicht die um sich greifende Bequemlichkeit entschuldigen soll, doch alleine hat sie keine Schuld, s.o.

  23. Grainger sagt:

    @Chris

    Hunger hatte ich noch nie in meinem Leben, jedenfalls nicht in dem Sinne das es lebensbedrohlich gewesen wäre (das dürfte aber auf die meisten hier zutreffen).

    Ich bestreite auch nicht das es mir einigermaßen gut geht (aber auch das war nicht immer so), ich bin auch weit davon entfernt zu glauben das es eigentlich Arbeit für alle gibt und die, die keine haben eben nur zu faul seien ihren Arsch von der Couch zu heben.

    Aber nur vom rumjammern ändert sich eben auch nichts.

    Ehrlich gesagt betrachte ich mich in keinster Weise als Neoliberal, aber auch nicht als Christdemokrat (bin ja Atheist :D) oder als Sozialisten oder Grünen oder …

    Mein Weltbild ist weniger einfach strukturiert als du vielleicht glaubst 😉 und auf jeden Fall zu kompliziert um sich auf ein Parteiprogramm reduzieren zu lassen.

    Andererseits ist die Welt aber auch komplizierter als in eine Formel wie

    Arbeitslos und Arm = guter Mensch
    Arbeitend und (einigermaßen) wohlhabend = schlechter Mensch

    zu passen.

    Ich glaube ja auch nicht das Dein Weltbild so einfach ist (auch wenn das manchmal so rüber kommt), aber vielleicht ist das bei mir ja auch so.

  24. Falk sagt:

    Arbeitslos und Arm = guter Mensch
    Arbeitend und (einigermaßen) wohlhabend = schlechter Mensch

    Also diese übliche Kurzformel hab ich hier noch nicht finden können. Ich kenn anteilig genausoviel Arschlöcher die Geld wie Heu haben, als welche ohne Zaster. So einfach ists nicht, wie du schreibst.

    Jetzt aber mein ABER: Gefordert wird hier permanent von Denen, welche eh schon keine Chance mehr für sich sehen. Meinst nicht auch, das setzt falsch an? Meinst nicht auch, das den Hebel mal die ansetzen müssten, die noch dazu in der Lage sind?

    Und um mal persönlich für mich zu sprechen: Ich finde ich tu eine Menge für unsere Gesellschaft, mach meine Leistung aber nicht an geldwerten Vorteilen fest. Muss mich aber trotzdem an Letzterem messen lassen. Nennt man das gerecht?

  25. Chris sagt:

    Grainger, Du solltest Deine Mails lesen. 😀

    Die Formel ist natürlich Schwachsinn, ich sag jetzt einfach mal nurr Full ack zu Falk.

    Wenn ich abseits von schwachsinnigen Politikern das Wort neoliberal benutze, solltest Du wissen, dass ich ein klein wenig sauer bin. 😀 Und manchmal könnte ich Dich… 😉 Gerade Du, der uns seit Jahren begleitet, sollte es besser wissen, hier jammert niemand, hier sieht niemand die Armen als Heilsbringer und die Reichen als den Untergang an.

    Hier wird nur wieder und wieder auf die Schieflage hingewiesen, nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich Dich über Jahre treten würde, würde irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem Du auch nicht mehr zuhörst, kein Vertrauen mehr hast, aufgeben würdest.

    Hier mal ein wenig Realität entgegen der Propaganda unseres ASozialministers

  26. spiefelwuetz sagt:

    Es zieht sich wie ein roter :-) Faden durch die Kommentare hier: Ich habe hier noch keinen Beitrag gefunden, der sich explizit anders geäußert hätte, als kritisch gegenüber dem Neoliberallala, das z.Zt. den Menschen eingflößt wird, wie weiland der Schwedentrunk. Es drückt sich nur jeder etwas anders aus. Da sollte man nicht gleich Korinthen kacken. Daß das hier nicht die Schaltzentrale der Weltrevolution sein kann ist mir klar, aber etwas mehr Volksfront (im ü.S.) zu wagen ist schon noch drin, auch in Anbetracht der Demo am Samstag in Berlin. Das ich nicht falsch verstanden werde, ich mag Diskussionen, weil ich selbst ein Verhartzter bin.

  27. Grainger sagt:

    Gefordert wird hier permanent von Denen, welche eh schon keine Chance mehr für sich sehen. Meinst nicht auch, das setzt falsch an? Meinst nicht auch, das den Hebel mal die ansetzen müssten, die noch dazu in der Lage sind?

    Wie formuliere ich das jetzt ohne missverstanden zu werden? 😉

    Die, die noch in der Lage sind etwas zu erreichen, werden nichts für die «Chancenlosen» tun.
    Darauf zu hoffen ist vergebens.

    Das hat imho durchaus verschiedene Ursachen, einige davon sind sicherlich

    - die aus der Wirtschaftswunderzeit stammende Legende das für jeden genug Arbeit da sei wenn er nur wirklich arbeiten wolle
    – das wir irgendwann trotz Globalisierung wieder mal Vollbeschäftigung haben würden
    – die Angst von seinem eigenen bescheidenen Wohlstand etwas abgeben zu müssen
    – die zunehmende soziale Entfremdung der verschiedenen sozialen Schichten (auch politisch gewollt und gesteuert bis hin zu der Behauptung es gäbe ja gar keine sozialen Schichten in Deutschland)
    – der grundsätzliche Mangel an Solidarität (war in Deutschland ohnehin noch nie so sehr ausgeprägt)

    Tatsächlich muss man (= ich) vorsichtig sein nicht selbst in eine dieser Fallen zu tappen, schließlich bin ich z.B. während der Wirtschaftswunderzeit aufgewachsen und habe in meiner Kindheit und Jugend einige dieser Sprüche vorgebetet bekommen.

    Andererseits: wenn ich am Monatsende meine Gehaltsabrechnung so anschaue und die ganzen Abzüge sehe (Steuern, Sozialabgaben) und dann noch bedenke, das ich von meinem Nettolohn ja für jeden Scheiß nochmal (teilweise mehrfach) Steuern und Abgaben entrichte (ich weiß dass das allen so geht, aber ärgern tut es mich trotzdem :D) dann komme ich nach überschlägiger Rechnung zu dem Schluß das ich rund 75%-80% meiner Arbeitszeit für den Staat bzw. die Solidargemeinschaft erbringe (ich habe keine Containerschiff-Abschreibungen oder ähnliches ;)).

    Ehrenamtlich mache ich auch noch ein bißchen was (ist aber in diesem Zusammenhang eigentlich egal).

    Da bin ich dann schon etwas schizophren, denn einerseits sage ich mir

    «Irgendwann muss es doch mal reichen, was wollt ihr (= der Staat und die Solidargemeinschaft) denn noch von mir?»

    aber andererseits ist mir schon bewußt das sich nichts ändert wenn alle so denken.

  28. Oliver sagt:

    Daß das hier nicht die Schaltzentrale der Weltrevolution sein kann ist mir klar, aber etwas mehr Volksfront (im ü.S.) zu wagen ist schon noch drin, auch in Anbetracht der Demo am Samstag in Berlin. Das ich nicht falsch verstanden werde, ich mag Diskussionen, weil ich selbst ein Verhartzter bin.

    @spiefelwuetz, es ist ja nicht so das wir das hier nicht betreiben, ein kleiner Blick quer durch den Blog dürfte eigentlich genügen, um dir das Gegenteil zu demonstrieren.

  29. Falk sagt:

    Solidargemeinschaft

    Du deckst doch den Widerspruch in sich selbst schon schonungslos auf, wenn du anführst, dass

    der grundsätzliche Mangel an Solidarität

    hierzulande der Status Quo ist. Da von Solidargemeinschaft zu reden ist ja wohl dann auch eher fehl am Platze. Die wird es doch erst wieder, wenn *jeder* dies auch als solche versteht. Und wie du richtig sagst, *jeder* der jetzt noch zu den «Begünstigten» gehört und eventuell ein wenig mehr verdient, um sich seinen kleinen privaten Wohlstand aufzubauen (und das sei wirklich *jedem* gegönnt), könnte schon morgen einer von denen sein, die ihm seit Jahren als die Schuldigen an seinem immer weiter schwindenden Einkommen präsentiert werden.

  30. Falk sagt:

    Kleiner polemischer Nachtrag noch:

    Die, die noch in der Lage sind etwas zu erreichen, werden nichts für die ?Chancenlosen? tun.

    Also «Solchen» möcht ich meine Kinder aber auch nicht anvertrauen müssen. Die sind nämlich auch «chancenlos», wenn sie losgelassen werden 😉

  31. Grainger sagt:

    Klar könnte ich auch schon morgen zu den weniger Begünstigten zählen, da gebe ich mich keinen Illusionen hin.

    Aber natürlich gibt es auch eine Solidargemeinschaft, oder an wenn werden denn von meinem Arbeitgeber jeden Monat die Beiträge zur

    - Kranken– und Pflegeversicherung,
    – Rentenversicherung und
    – Arbeitslosenversicherung

    überwiesen.

    Und in dieser Solidargemeinschaft bin ich nun mal Mitglied und leiste meine (finanziellen) Beiträge, ob diese verantwortlich mit dem Geld umgeht ist wieder eine andere Frage.

    Grundsätzlich bin ich nach wie vor der Meinung das in Deutschland mehr als genug Geld vorhanden ist, es wird nur falsch ver(sch)wendet.

  32. Grainger sagt:

    Auch von mir noch ein kleiner (nicht polemischer ;)) Nachtrag:

    ich bin beruflich vorbelastet und Solidargemeinschaft ist für mich daher eher ein beitragsrechtlicher Fachbegriff und weniger eine umgangssprachliche Beschreibung.

    Das kommt halt davon wenn man ein Fachidiot ist. 😀

  33. Falk sagt:

    Für mich ist Solidarität eigentlich auch eher negativ besetzt, weil überstrapaziert in Jugendjahren. Aber nichts destotrotz verbinde ich damit nicht das Zahlen von Geld in irgendwelche Kassen, welche mehr schlecht als recht von Bürokraten verwaltet werden. Für mich war das da oben auch eher eine rhetorische Frage, wohin das Geld geht 😉 Und ob der Begriff «Versicherung» für diese Kassen noch angebracht ist …

    Und wenn wir eine «gesunde» Solidargemeinschaft hätten und weniger Bürokratie, die Schere zwischen «arm und reich» nicht immer weiter aufklappen würde und sich die Politik endlich den gesellschaftlichen Erfordernissen stellen würde (Stichworte: Wegfall von Arbeitsplätzen aufgrund gesteigerter Produkivität), dann bräuchts diese Debatten gar nicht und die 1% «Nutzniesser» solcher Gemeinschaften wären kein Politikum.

  34. spiefelwuetz sagt:

    Nur mal eine Frage am Rande an den Besitzer: funktioniert das hier mit BBCode? Bin ja nicht mehr der Jüngste 😉

  35. Chris sagt:

    Nein, HTML-Code, sprich mit HTML-Klammern büdde.

    HTML-Code

  36. spiefelwuetz sagt:

    @Chris, Danke

  37. Chris sagt:

    Gerne, so «muss» ich nicht jeden Kommentar von Dir editieren. 😀

  38. Chris sagt:

    Das hatten wir schon. 😀

    Siehe 4 Kommentare über Dir — sogar von Dir verlinkt. 😀

    Das Alter… :p

  39. Chris sagt:

    Back to Topic. 😀

    Nicht nur in Berlin wird demonstriert, vom DGB organisiert, gibt es Aktionstage in Berlin, Stuttgart, Dortmund, Frankfurt und München.

    Aktionstag für soziale Reformen

  40. spiefelwuetz sagt:

    Das hatten wir schon. 😀

    Siehe 4 Kommentare über Dir — sogar von Dir verlinkt. 😀

    Das Alter? :p

    Funzt aber nicht der Link, deshalb das Doppel.

  41. Chris sagt:

    Oha, ich habs beim Korrigieren vermasselt. Okay, ich geh mich schämen. 😀

  42. Jetzt aber mal keine Schnellschüsse. Statt auf die Politiker zu schimpfen, solltet Ihr erst das hier lesen :-)

  43. Oliver sagt:

    Geschimpft haben wir vor Jahren, geschimpft hatte ich auch vor über einem Jahrzehnt als ich die Jusos verließ — heute ist es Verachtung.

  44. spiefelwuetz sagt:

    Andreas Skowronek schrieb:

    Jetzt aber mal keine Schnellschüsse. Statt auf die Politiker zu schimpfen, solltet Ihr erst das hier lesen :-)

    da hat der junge «Münte» wohl doch statt im Bach wohl eher in dem Faß mit der Flüssigkeit für den Schwedentrunk gebadet, sonst hätte sich seine Wahrnehmungsfähigkeit besser entwickelt.

  45. […] Manchmal wird man noch positiv überrascht. Rund 200.000 Menschen haben heute gegen die asoziale Politik bundesweit demonstriert. Feine Sache das. Aber nur ein guter Anfang… […]

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