Das Web 2.0 stirbt

Web 2.0-Zentrale

Traffic ist Out, Bargeld ist In. So fasst der Webwatcher vom Handelsblatt einen Artikel des US-Insider-Blog Valleywag zusammen. Die Zeiten, in denen Google 1,6 Mrd. Dollar für YouTube auf den Tisch gelegt hat — ohne jegliches Geschäftsmodell in Hinterhand zu haben — sind vorbei. Holtzbrinck jammert in Form von Jochen Gutbrod schon öffentlich rum: Die Kommerzialisierung von StudiVZ erweist sich als schwieriger als anfangs gedacht. Die Party scheint vorbei. Gestern noch volltrunken von den IVW-Klickzahlen geträumt, fragen heute viele Entscheidungsträger eine Etage höher nach der Refinanzierung der sogenannten Erfolgsprojekte. Wer jetzt noch kein Businessmodell hat, wird auch lange keines haben — so Valleywag. Schauen wir uns mal um: StudiVZ, Qype und wie sie alle heißen. Werbung heißt dort das Zauberwort — nur ist Werbung eben vieles, nur kein Geschäftsmodell. Die einzigen, die es wohl richtig gemacht haben, sind die Visitenkarten 2.0-Hersteller von Xing — da muss ich irgendwann einmal Abbitte leisten. Da scheinen die Zahlen zu stimmen — eben weil man sich nicht nur auf die Werbung verlässt.

In naher Zukunft wird also der eine oder andere Dienst verschwinden, das eine oder andere Weblog wird die Türen schließen — oder auf Sparflamme fahren. Auch in Deutschland ist diese Stimmung zu beobachten — wieso sollte man in professionalisierten Kreisen sonst immer wieder auf die erhöhten Klickzahlen verweisen? Man hat neben nerviger, schreiender Flashwerbung offensichtlich sonst nichts vorzuweisen — halt, ich vergaß, natürlich auch Cisco, Yahoo und Bertelsmann. Man wollte es anders machen — schwimmt jetzt aber im gleichen Haifischbecken und auf gleichem Niveau wie die etablierten Medien und schon das Web 1.0. Nur sind die neuen Medien eben genau dafür nicht geschaffen. Und professioneller sind die anderen allemal. Klickzahlen bedeuten zuallererst Kosten — was auch so manches Privatprojekt vor das eine oder andere Problem stellt. Und wer diese heute noch nicht refinanziert, wird es auch in Zukunft kaum schaffen — da mag mancher Kampfhahn noch so beschwingt durch die Werbestuben dieser Republik ziehen. Von weiteren Kosten, wie Personal, Miete etc. pp. mal völlig abgesehen.

Ehrlich gesagt bin ich sehr froh darüber. Privatprojekte, die um der Sache willen publizieren, wird es auch noch in 20 Jahren geben, wenn unsere nächste Generation schallend über das Web 2.0 und die deutschen Weblogs von damals lacht. Ähnlich wie Geocities werden Weblogs nur eine Randnotiz in der Entwicklung des Internets sein — und das ist auch gut so. Die Jagd nach dem goldenen Kalb hat bisher noch alles zerstört, was wenige Idealisten sich ausgedacht und auf die Beine gestellt haben. Sobald Geld ins Spiel kam, war das Spiel verloren. Die derzeitige Bankenkrise kann sich sogar zur handfesten Demokratiekrise ausweiten. Wollen wir hoffen, dass unsere Gesellschaft mittlerweile gefestigt genug ist. Die Krise des Web 2.0 ist hoffentlich ihr Untergang — vielleicht wird das Web 3.0 dann wieder von der Gemeinschaft, dem Miteinander, von Idealisten getragen. Ich würde es mir wünschen. A verlinkt B nicht mehr, B nicht mehr C, C war mal sauer auf A. Das Web 2.0 stirbt — langsam, aber die Anzeichen sind mittlerweile unübersehbar. Ja ist denn heut’ scho’ Weihnachten… 😀

Bild: Paul-W unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend.

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9 Antworten zu “Das Web 2.0 stirbt”

  1. Frank sagt:

    Kurz ergänzt: Flickr refinanziert sich wohl auch ganz gut über Paid Accounts mit mehr Funktionen. Ansonsten bin ich deiner Meinung, dass die Web 2.0-Blase eben doch auch eine Blase ist, bei denen die meisten keine wirklich zuverlässigen Finanzierungsmodelle haben. Gerade um Twitter darf man sich auch Sorgen machen. Entweder werden in nächster Zeit von Yahoogle als Verlustgeschäft gekauft oder die machen innert 18 Monaten dicht.

    Was Blogs angeht, die würde ich da rausnehmen. Denke, das ist eine Publikations– und Kommunikationsform, die sich halten wird. Nicht so gehypet wie früher und in der öffentlichen Rezeption vielleicht schärfer differenziert zwischen Form und Inhalt (das Gerede von «der» Blogosphäre hört in ein paar Jahren sicherlich (bzw. hoffentlich!) auf), aber es wird sie weiter geben.

  2. Oliver sagt:

    >Was Blogs angeht, die würde ich da rausnehmen.

    Warum? Publikationen per se halten sich seit Beginn des Webs, wie man HTML nun garniert ist dabei belanglos. Aber der mit dem Begriff Weblog generierte Hype stirbt endlich — man publiziert, bloggen tun die Krämerseelen.

  3. derhans sagt:

    Der Hype bzw. die Party rund ums Web 2.0 ist vorbei, da stimme ich Chris 100% zu. Das ist aber nicht erst seid gestern so. Als Holtzbrinck StudiVZ gekauft hat, wars eigentlich schon gelaufen, zu dem Zeitpunkt war eigentlich jedem klar, dass viele User, viel Traffic und viel Hype ne Menge bringen, nur nicht genug Geld, von daher habe ich den Kauf schon seinerzeit nicht verstanden, hatte was von «… Hauptsache man war dabei … «. Auf der anderen Seite des großen Teiches saß seinerzeit das Geld schon lange nicht mehr so locker, wie zum Höhepunkt des Hypes.

    Sieht man aber mal von dem Marketinggewäsch rund um den Begriff Web 2.0 ab, darf man den Begriff aber auch als einen Meilenstein in der Evolution (ohne ‘R’) des Webs sehen. Und das was damit gekommen ist, wird sicher nicht wieder vollständig verschwinden, vies (inhaltlich und technologisch) wird sich weiterentwickeln, manches an Bedeutung verlieren.

    In jeden Fall werden die verschwinden, die kein Tragfähiges Geschäftsmodell haben, aber eins Brauchen. Web 2.0 Klitschen sind halt keine Banken, wo wirtschaftliches Versagen durch Steuermilliarden gedeckt wird…

  4. Oliver sagt:

    Nein das wird eben von uns nicht übersehen. Es dreht sich bei unserer Publikation und dieser Thematik oft um die Tatsache der gewirkten Öffenlichkeitsarbeit der Krämerseelen und den tatsächlichen Projekten der Community die zur Partizipation einladen. Web 2.0 ist zudem ein etablierter Begriff der gesponnen wurde, um dem Business die Ausbeutung von Community-Arbeit schmackhaft zu machen, ebenso wie in den 90ern die Etablierung von Opensource, auch um dem Business mit Tunnelblick identischen Inhalt unter einem genehmeren Begriff feilzubieten.

    Wenn natürlich die Community derart blöde ist und sich von derlei Krämerseelen mißbrauchen läßt, hat sie es auch nicht besser verdient als in einem Atemzug mit diesen genannt zu werden. Gleich und gleich gesellt sich gern. Und die tatsächliche Community sieht sich auch von derlei Aussagen kaum betroffen.

  5. kobalt sagt:

    Es ist so wie es schon immer war, im Internet zählt Inhalt und wer den nicht bietet, der verschwindet eben über kurz oder lang. Und das ist zu begrüßen.

  6. Oliver sagt:

    >im Internet zählt Inhalt und wer den nicht bietet

    ja aber das scheint eine Art Geheimlehre zu sein, denn viele Versuchen es anders herum 😀

  7. Falk sagt:

    Projekte wie Last.fm

    @ b_i_d: Projekte, wie bspw. last.fm zeigen lediglich, daß Menschen für Dienstleistungen auch bereit sind, Geld auszugeben, wenn ihnen dieser Dienst einen Mehrwert beschert. last.fm hat sich nie allein, sondern *auch* über Werbung finanziert. Problematisch daran ist, daß jetzt nach dem Deal mit CBS a) ebenfalls Venture Capital drinsteckt, b) die Urheber eher noch nicht partizipieren und c) aufgrund des wahrscheinlichen Drucks die, welche die Plattform groß gemacht haben (call it Indies), derzeit das Gefühl haben müssen, etwas außen vor zu sein.

    Sprich: Halt ich für ein schlechtes Beispiel, daß werbefinanzierter Kram im Internet «funktioniert»…

  8. tontechniker sagt:

    37signals wäre noch eine von den Firmen die es verstehen Geld zu verdienen.

    Ich denke, dass das «Web 2.0″ einige begrüssenswerte Neuerungen abseits von Kommerz (der schon 2000 mit der dotcom-Blase scheiterte) mitgebracht hat, die ich nicht missen möchte. Dazu gehören nicht etwa Dienste wie Twitter & Co (die sich nebenbei auch nicht finanzieren können) sondern vielmehr die grundsätzliche Einstellung. Man hat erkannt, dass «Communitys» an allen Ecken und Enden nicht mehr zeitgemäß sind (mal abgesehen von web.de, die sich laut Werbung immer noch als Einstiegsportal zum Internet sehen). Simpler ist auch das Design geworden, meistens zu dem noch ansehnlicher.

    Ein «Zusammenbruch» ist also nicht zuerwarten, vielmehr ein langsamer umstieg auf neue Konzepte. Nutzungsgewohnheiten ändern sich, Webseiten sterben aus.

  9. Jan sagt:

    Qype ist in der Seele leider schon so lange tot.

    Die WebZwoNull-Blase stirbt an den selben Leiden wie die DotComB-Blase: GIER.

    Die Samwer-Brüder haben es vorgemacht:
    eBay kopieren (Alando=) und and eBay verkaufen.
    Facebook kopieren (StudiVZ poke.php) und erst an Holtzbrink verkaufen und später vielleicht an Facebook.

    Die deutsche Start-Up Szene hat einen Haufen echt skurriler Gestalten hervorgebracht.
    Man erinnere sich in den 90ern an Herrn Falk und die Ision AG (verkauft an energis aus England), der dafür wenigstens die längste U-Haft aller Zeiten erhalten hat.
    Jetzt sind es die investorengesteuerten Kopierer wie Hitflip («1 kostenlose DVD für jedes neue Mitglied»), die ohne Substanz Karteileichen generieren.

    Die Lernkurve ist erbärmlich:
    Herr Stephan Uhrenbacher (CEO Qype) schreibt mit seinem beruflichen Profil über Dienstleister.
    Der ekelhafte Nachgeschmack bleibt: schreibt die Firma Qype in Form des CEO über Unternehmen gegen Geld? Oder Naturalien? Oder persönliche Vorzüge für Herrn Uhrenbacher.
    Die Ethik des Unternehmens selbst, sollte sowas verbieten.

    besuch mich mal: http://qyper.wordpress.co.….m

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