Das soziale Netz 2.0

Teils geile Techniken, teils wirkliche edle Ansätze, teils dunkle Ecken die man so nie zu Gesicht bekam. Last not least beinahe wie das richtige Leben, wo sich in einer Stadt das menschliche Elend am einen Ende dieser herumdrückt und am anderen Ende das Bildungsbürgertum, mit seinen hippen Gestalten und Revoluzzern, die tagtäglich ihrem Revoluzzertum fröhnen, bloggend via Notebook beim Brunch :)

Die Investoren sind überzeugt von den Möglichkeiten des «Internets der Konsumenten».

heise online

Das ist das credo, von Firmen wohl nicht anders zu erwarten, aber auch beim profanen Bürger der sich mit adsense & Co eine goldene Nase verdienen möchte. Da wird von idealen Zuständen fabuliert, von den immensen Möglichkeiten und tatsächlich hat sich das Netz auch ohne das oft postulierte Web 2.0 schon längst in einen großen Müllberg gewandelt. Vom einstigen Anspruch des Wissensnetzes blieb nicht mehr viel über und das bloße Vorhandensein einer passenden Technologie macht letztendlich noch keines daraus.
Ich lasse die Bookmarkdienste mal außen vor und beschränke mich auf die wirklich nutzvollen Dinge, im Sinne von Wissensnetz oder wir bringen die Gesellschaft nach vorne und das ist eben die Wikipedia. Läßt man mal allen Hype beiseite, so sieht man dort

  • eine großartige Chance
  • ein sehr nobles Anliegensehr
  • viel Engagement
  • ebensoviel Mißbrauch

Letzterer wird gerne immer bestritten, weil das darf nicht sein, mach mir doch nicht *meine* schöne Welt kaputt usw. Aber er ist vorhanden und gegebenenfalls für das Gros der Leute nicht verifizierbar, vice versa gilt dies natürlich ebenso wenig.

Verifizierbar sind nur gewisse Teilbereiche von Leuten die in diesen firm sind, der profane Bürger mit gutem Allgemeinwissen scheitert sogar in allen Bereichen und kann diesen mitunter nur durch Quellenkritik begegnen. Aber Quellenkritik ist nicht gerne gesehen, bedeutet diese doch Arbeit und eben zum schnellen Abgleich von Information ist dies für die meisten im Privatbereich ebenso overkill.

Was bleibt also über?

Der Glaube, der Glaube, das da irgendwelche Leute, firm in der Matrie korrigierend einwirken, der Glaube, das da ein Haufen Gutmenschen herumwerkeln und das Trolltum die Minderheit bildet, der Glaube letztendlich, das das alles gar nicht so schlimm sei, denn wer würde schon absichtlich falsche Informationen verbreiten.

Nun letzteren Punkt kann man leicht beantworten, Firmen, politische Gruppen, Demagogen, Trolle oder auch simpel Leute mit angehäuftem populärwissenschaftlichem Wissen, die da teils Profis paroli bieten möchten — letztendlich siegt derjenige mit dem längeren Atem. Der intelligente Abgleich von Information, die Selbstkorrektur wurde also ad absurdum geführt.

Dem normalen Bürger erschließt sich eben nicht, das es z.B. in der Archäologie, in der Geschichte usw. zwar viele Meinungen von Forschern existieren, in der Regel haben diese aber grob die gleiche Richtung und sind auch meist bei den Eckpfeilern des Wissens auf gleicher Ebene. Aber manipuliere ich an diesen Eckpfeilern herum kann ich z.B. eine andere Richtung vorgeben, Basis für eine andere Denkweise, vielleicht eines Demagogen würden. Nur ein Beispiel unter vielen, auch schon oft genug gesehen — es ist oft interessant daran teilzuhaben bzw. die History einzelner Artikel zu beobachten. Im technischen Bereich ist das wohl weniger anzutreffen, obwohl der Schluß, das nur dort Exaktheit herrscht ein völlig falscher ist. In geisteswissenschaftlichen als auch technischen Disziplinen existieren fest umrissene Bereiche mit klaren Wissenseckpfeilern, die die Basis bilden — nur der Laie vermeint hier oder dort Chaos vorzufinden und glaubt auch so mitunter einem Demagogen eher.

Wobei natürlich zu bemerken ist, auch der Profi ist in einem ihm fremden Bereich wiederum blutiger Anfänger — zumindest sollte dieser aber wissen, wenn er sich denn als Profi bezeichnet, wie man richtig Wissen akquiriert. Und das ist keineswegs aus einer Quelle, spricht man hier von Quellenkritik ist das Netz die eine Quelle und Bereiche innerhalb der traditionellen Medien die andere Quelle.

Ist also alles schlecht? Nein beileibe nicht, nur man darf eben nicht daran glauben, sondern muß es permanent hinterfragen. Nur so läßt sich auf lange Sicht Qualität erreichen bzw. sichern.

Obsiegt der Hype und das ist eben die momentan ersichtliche Tendenz, dann ist das eigentliche Anliegen verlustig gegangen. Die Blase Geschäft 2.0 wird ohnehin platzen, entweder mit einem großen Knall oder auf Raten. Endresultat werden viele gescheiterte Existenzen sein und richtig bluten wird wie immer der Bürger, denn dieser zahlt im Staat für alle Dinge die Zeche.

Anstelle von buzzwords quer durchs Netz, blafasel 2.0, wilden Abkürzungen, um das Neue zu verdeutlichen — sollte man vielleicht endlich einmal zur Vernunft übergehen und den Worten Taten folgen lassen.

Wirklich shayze ist das Netz schon, es stinkt schon an jeder Ecke — buzzwords um Hype zu entfachen, machen die Sache nur noch schlimmer — denn man legt eine saubere Decke über den Müllberg und versucht sich mit diversen Duftnoten des Gestanks zu entledigen. Das dabei nur etwas krankes entstehen kann, brauche ich wohl nicht weiter auszuführen.

Was haben wir also?

  • ein recht zugemülltes Internet
  • Kronjuwelen (aka Wissen), die gefunden werden wollen
  • die passende Technologie, damit User partizipieren kann
  • die passende Technologie, damit Spammer/Trolle/[…] ihrem Werk nachgehen können
  • Technik die Wissen vermitteln kann, aber zugleich auch massiv überwachen/beschneiden kann
  • viele Ideen, die letztendlich Licht und Schatten vollends abdecken

Was fehlt?

Nun mehr Kontrolle möchte man nicht, Kontrollmechanismen können immer mißbraucht werden, Hype als Gegenpol gemäß es ist alles gut ist ebenso grenzdebil. Über bleibt also nur der gebildete User, der sich aus mehreren Quellen informiert und andere an seinem Wissen etc. teilhaben läßt. Und warum macht dieser User das? Nun weil er die Gesellschaft weiterbringen möchte. Solange wir von Dingen wie Mittel zum Zweck oder Hauptsache der macht erst einmal mit reden, solange wir sich auch nie etwas ändern. Die Grenzen verwischen zu schnell, als das man sich zum jetzigen Zeitpunkt noch großartige Experimente erlauben könnte bzw. billigem Hype folgt.

Eigenständiges Denken ist angesagt, basierend auf fundiertem Wissen. Dann klappts auch mit der Selbstkontrolle und dem Wissensnetz, das durch soziale Interaktion augebaut wird.

Warum überhaupt dieser Text?

Abwatschen? Nein, watschen ja, um fünf vor Zwölf hat man keine Zeit mehr jemanden sanft aus seinem Schlummer zu wecken, der von der großen Kommune auf dem Ponyhof träumt. Die Gefahr für das Wissensnetz oder auch die Kultur ist real, das Kontern — ob des eigenen Unverstandes — ach stimmt ja nicht verantwortungslos und die eigene Sache — falls man dieser überhaupt wirklich konsequent folgt — torpedierend!

Also aufwachen, informieren, denken! Keinem Hype folgen, keinen Gurus — sondern den eigenen Grips anstrengen … dann vielleicht wird das was mit Web 3.0, dem echten User-Netz.

8 Antworten zu “Das soziale Netz 2.0”

  1. […] auch das Social Networking allgemein ist meiner Meinung nach eine Lebenseinstellung, eine Kultur für sich — auch ein […]

  2. Es gibt z. B. wissenschaftlich frei zugängliche Texte, und die Gemeinde, die einen ähnlichen Impetus verspürt wie die Open Source-Gemeinde, sie wächst langsam aber stetig.

  3. Oli sagt:

    Dein Wort in Gottes Ohr und ich bin auch in diversen Projekten aktiv involviert seit Jahren. Wissenschaftliche Arbeiten frei zu Verfügung stellen, ob nun Doktorarbeit, Magister, Diplom ist mir alles ein Begriff und wird auch selbst angewendet — ändert dennoch nichts an meiner Einschätzung der Lage.
    Das Verhältnis stimmt eben nicht (mehr). Mit der Kritik hier, bin ich mir durchaus im klaren, das meine Tätigkeit da auch in Frage gestellt wird. Aber wie auch oben bemerkt, Selbstreflexion, anstatt blindem Glauben, tut recht gut.
    Meine Wenigkeit ist seit Mailboxzeiten im Netz unterwegs, mitunter setze ich da andere Maßstäbe an, die vielleicht auch altbacken sind. Obwohl ich mich auch heute immer noch für jede neue Idee begeistern kann, nur mit der Träumerei klappts auf Dauer nicht so richtig — ich analysiere, hinterfrage permanent und ziehe meine Schlüsse. Diese Schlüsse enden nicht in Abwendung von der Sache, sondern in massiver Mitarbeit gepaart mit Kritik. Ich denke das unterscheidet mich ein klein wenig bzw. auch uns hier vom sonstigen Netzgewäsch.

    Was ich schon oft bemängelt habe, ob nun Open-Source, Open-Content etc. bei all diesen Dingen ist man in der Regel kaum fähig zur Selbstkritik bzw. hält überhaupt irgendeiner Art von Kritik stand. Man wähnt sich auf der Gewinnerseite, weil man im Ansatz jedenfalls das richtige macht. Scheitert es dann in der Ausführung oder verfehlt man das Ziel, flamt man Kritiker lieber zu Tode als nur einen Augenblick mal inne zu halten und die eigenen Situation wirklich zu analysieren.
    Stattdessen macht man einen Fork und a la Kleinkindmanier bäh ich mag nimmer mit dir spielen zieht man von dannen.
    Wer betriebsblind ist geht eben unter, auch das ist ein ehernes Gesetz von Open-Source/[…] und das ist auch gut so.
    Klar kann man diese Dinge auch wegreden und so mancher Medienwissenschaftler wird mich mit einem empörten Blick strafen. Aber Realitätsfremde war noch nie mein Dinge, eher ein gesunder Pessimismus auf Erfahrung basierend.

    P.S. ich spüre auch viele Dinge, aber deswegen haben wir keinen Weltfrieden oder bewegen uns gar auf diesen zu 😉

    http://www.fixmbr.de/such.….monopol/

    -> da bitte sehr, der untere Link, falls es jemanden interessiert. Einige dieser Links postete ich z.B. in puncto freiem Wissen schon 2001 auf http://www.efb.nu 😉

    Das soll jetzt hier nicht als Angabe wirken, sondern einfach nur verdeutlichen das ich auch weiß wovon ich spreche.

  4. Oli sagt:

    http://eugenia.blogsome.c.….-distro/

    Eine kleine Ergänzung noch bezüglich der fehlenden Selbstkritik oder falls es jemand wagt in der «Über-Community» Kritik zu üben — Kommentare inklusive.

  5. Immerhin haben wir was gemeinsam, weil ich auch schon durch Mailboxen geturnt bin, als es z. B. so nette Computeranbieter wie «Escom» oder «Vobis» noch gab. Ich hab es nie wirklich intensiv betrieben, aber sogar für eine Weile eine eigene Mailbox gehabt. Allerdings ist das bei einer Analog-Leitung auch ein wenig für die Katz, weil man den potenziellen Besucheransturm immer unter Kontrolle haben wird. *G*

    Ich wollte deine Aussage auch nicht kritisieren, vielmehr werde ich sie bald noch bei mir auf dem Blog zitieren, weil ich deine Gedanken durchaus nachvollziehbar und wichtig finde. Spread the words quasi.

  6. Oli sagt:

    Ich sehe es auch nicht als Anmache, nur zwischen 3–4 Uhr kommts halt mitunter noch eckiger rüber im Text.

  7. Na ja, immerhin ein toller interaktiver Service, dass man um diese Uhrzeit noch mit Kommentaren bedient wird. 😉

  8. […] Spiegel Online titelt gar ziemlich reißerisch «MySpace, Datenmine der Geheimdienste?». Heise weist auf die «Vermarktung des eigenen Surf-Verhaltens» hin. Dieser Telepolis-Artikel ist ziemlich ausgewogen. Ausgewogenere Stimmen gibt es auch in der Blogsphäre, zB bei Fixmbr. […]

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