Das geheime Tagebuch des Marcell D’Avis

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Screenshot: blog.1und1.de (via)

01. November 2009
Nach 16 Jahren im Call Center bin ich endlich befördert worden. Ich bin nun Teamleiter. Unsere Marketing-Leute haben eine ganz tolle Idee und nennen mich Leiter Kundenzufriedenheit und wollen nun Werbespots mit mir drehen. Statt 7,35 Euro verdiene ich nun 9,50 Euro in der Stunde. Nie wieder Geldsorgen. Ich freue mich über meine neue Stelle. Die Zukunft sieht rosig aus. Call Center sind toll und bieten riesige Aufstiegsmöglichkeiten. Bis ins Fernsehen.

25. November 2009
Wir machen jetzt ein Blog auf. Das ist der Hype, sagen unsere Marketing-Leute. Die haben von Vodafone gelernt. Das soll aber keiner wissen. Ich werde jetzt ganz berühmt und werde bestimmt bald Sascha Lobo treffen. Das Leben ist schön. Ich gehöre jetzt dazu. Ich war dabei, als das Web 3.0 von 1&1 erfunden wurde. *freu*

14. Dezember 2009
Wir sind im Forum von chip.de gesperrt worden. Wegen Werbung. Sind die denn verrückt? Ich bin Marcell D’Avis, bekannt aus Presse, Funk und Fernsehen. Ach ne, das kommt erst noch. Was glauben die denn? Ich war schließlich dabei, als die CHIP gegründet wurde. Ich schreibe eine böse Mail und bekomme keine Antwort. Ich fürchte, die haben früher mal bei 1&1 gearbeitet.

18. Dezember 2009
Wir entscheiden, die Kunden an der Nase herumzuführen. Statt vorname.nachname@1und1.de, wie bei 1&1 üblich, entscheiden wir uns, die E-Mail-Adresse davis@1und1.de an unsere Kunden zu kommunizieren. Das merken die eh nicht, sonst wären sie nicht unsere Kunden. *hihi*

20. Dezember 2009
Zwischendurch müssen wir immer die Themen der Netzgemeinde aufgreifen, so unsere Marketing-Leute. Doch warum springen die großen Blogger nicht darauf an? Leistungsschutzrecht, Zensur, das sind Themen die bewegen. Das verstehe ich nicht. Ich war schließlich schon dabei, als der Schockwellenreiter seinen ersten Blogeintrag geschrieben hat.

25. Dezember 2009
Wir stellen unseren ersten Werbespot vor. Eigentlich wollte ich viel mehr erzählen, damals als ich beim Börsengang der Telekom dabei war. Man hat mir aber gesagt, in der Kürze liegt die Würze. Komisch, hat meine Ex auch immer gesagt. Ich bin trotzdem sehr stolz auf mich. Meine Oma schreibt mir eine Glückwunsch-E-Mail. Carla aus dem 2nd-Level-Support druckt mir die E-Mail aus. Ich kann doch so schlecht mit Computern.

30 Dezember 2009
Mich gibt es wirklich. Ich bin kein Schauspieler. Nie. Ich bin Marcell D’Avis, Leiter Kundenzufriedenheit bei 1&1. Wie können die Menschen nur glauben, ich wäre nicht echt? Dabei komme ich doch so authentisch rüber. Das verstehe ich nicht. Ich bin die Glaubwürdigkeit in Person.

08. Januar 2010
Wir machen jetzt auf Öko. 1&1 setzt auf grünen Strom. Wir haben uns dabei von RWE beraten lassen. Die Jungs da sind echt fit. Ich freue mich. Schließlich war ich schon dabei, als Angela Merkel zur Klimakanzlerin gekrönt wurde. Allerdings frage ich mich, ob es in meiner Gehaltsklasse nicht klüger wäre, zukünftig die FDP zu wählen. Das muss ich mit meinem Steuerberater klären.

15. Januar 2010
Der zweite Werbespot läuft an. Diesmal fahre ich raus zu Familie Sturm. Selbstverständlich ist auch das echt und nicht gestellt. Ehrlich. Kurze Zeit später kommentieren die Sturms in meinem Blog. Selbstverständlich wird dieser Kommentar der Transparenz wegen gelöscht. Außerdem war der Kühlschrank nur halbleer und ich war schon dabei, als die Sturms in ihr Haus eingezogen sind. Dankbarkeit ist heute ein seltenes Gut. Ich bin wütend.

23. Januar 2010
Das Internet macht man sich über mich und 1&1 lustig. Alles Neider. Die wissen doch gar nicht, wie großartig ich bin. Und natürlich mein Team. Ich war schließlich schon dabei, als Stefan aus der Buchhaltung geheiratet hat und 1&1 die Glühbirne erfunden hat. So langsam macht mir das Web 2.0 keinen Spaß mehr. Ich will mein Headset zurück.

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8 Antworten zu “Das geheime Tagebuch des Marcell D’Avis”

  1. Chris sagt:

    Falls sich wer fragt, worum es geht:

    Werbespot 1
    Werbespot 2
    Blog 1&1

    Und ja, der Screenshot ist natürlich ein Fake… 😉

  2. vera sagt:

    dafür täte ich mir glatt noch ein paar spots an — nur, damit ihr das tagebuch fortsetzt. nä, wat schön!

  3. Maschinist sagt:

    Montabaur hat doch extra eine ICE-Haltestelle bekommen — nur für mich!
    Und jetzt sagen alle keiner braucht die.
    Dabei bin ich doch so wirklich und wahrhaftig! Menno!

  4. Ormus sagt:

    Das treibt mir ein Grinsen ins Gesicht. Welcher Werbegott hat sich eigentlich diese Strategie ausgedacht? Glaubwürdigkeit stand wohl nicht weit oben bei den geforderten Eigenschaften der Kampagne…

  5. Solarix sagt:

    @Ormus

    Vielleicht hat 1und1 die Reste der Sun Marketing truppe übernommen, die richten jedes Unternehmen und jede Kampagne zu grunde unter Garantie. 😉

  6. Tom sagt:

    Sehr schön.
    Ich hätte ja auch gern so ein erfolgreiches, aufregendes Leben. Aber ich arbeite leider nicht bei 1und1. 😉

  7. Andreas sagt:

    Ist der Marcell der Sohn vom früheren Montabäurer Metzger d’Avis? Gesprochen wird der vor Ort übrigens «‘Dawiss». Und die Neunfuffzich sind nicht schlecht, schließlich ist das Leben in Monsterbauer preiswerter als in Hamburch.

  8. FireRider2004 sagt:

    Also nun gibts wieder neuigkeiten von Marcel d‘Avis

    Marcell D’Avis: Einfach zu 1&1 Wechseln

    übrigens wirklich gute Arbeit die du da Geleistet hast.

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