Das ehemalige Nachrichtenmagazin

spiegel_pencil
Bild: F!XMBR

Der Tagesspiegel hat einen Bericht über das ehemalige Nachrichtenmagazin veröffentlicht. An der Auflagenkrise wird genau das manifestiert, was seit Jahren Kern der Kritik ist: Der Spiegel von heute ist belanglos, setzt keine Themen mehr, es ist zu einem Blättchen geworden, vor dem die Mächtigen wahrlich nicht mehr zittern müssen.

Der aktuelle Chefredakteur Georg Mascolo wird hart kritisiert, sicherlich zu Recht — doch ist der Untergang des Magazins mit einem anderen Namen eng verknüpft: Stefan Aust. Mit Schrecken denke ich an das Duo Stefan Aust und Kai Diekmann aus Hamburg: Als der Spiegel anfing, auf Tuchfühlung mit dem Boulevard zu gehen, war es mit der Ernsthaftigkeit vorbei.

Rudolf Augstein nannte sein Magazin gerne «Sturmgeschütz der Demokratie». Unter Aust wurde der Spiegel ein «Sturmgeschütz des Boulevards und des Kapitals». Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal den Spiegel aus wirklichem Interesse, der Geschichte(n) wegen, gekauft habe, darauf gewartet habe, es endlich in Händen zu halten. Es ist Jahre her.

Ab und zu sitze ich beim Arzt, greife mir einen Spiegel, der Monate alt ist und blättere darin rum. Ich lese die Geschichte, die damals als Scoop gefeiert wurde und denke: Die Geschichte war belanglos, ohne Tiefgang, mancher Publizist schafft es in einem Artikel mehr Inhalt zu legen, als fünf bis sechs gut bezahlte Redakteure in einer Titelstory des ehemaligen Nachrichtenmagazins. Noch am selben Tag waren an vielen anderen Stellen mehr Informationen zu finden als in der Titelgeschichte des Spiegels.

Der Tagesspiegel spricht es an: Die Piraten waren beim Spiegel erst Thema als man an dem Thema nicht mehr vorbei konnte. Der Spiegel war nicht Trendsetter sondern hechelte dem Thema hinterher. Die FAZ hat unter Frank Schirrmacher mit und über die Piraten diskutiert als beim Spiegel noch über den Prozess gegen somalische Piraten gesprochen wurde. Anderes hat man beim Spiegel monate-, sogar jahrelang nicht mit den Piraten verknüpft.

Die Piraten sind dabei nur ein Beispiel. Schauen wir uns die letzten fünf Titel an:

  • Wege zu einem würdevollen Sterben
  • Ziemlich beste Feinde (Union/FDP)
  • Akropolis Adieu!
  • Facebook: 901 Millionen Menschen gefällt das
  • Aldi-Insider über die skrupellosen Praktiken ihres Konzerns

Würdevolles Sterben als Thema über Pfingsten? Welcher Trottel hat das zu verantworten? Streit in der Regierungskoalition? Was kommt nächste Woche? Wasser macht nass? Griechenland-Schelte? Für intellektuell minderbemittelte Bild-Leser. Facebook? Hat es beim Spiegel jemals so ein infantil-hässliches Cover gegeben? Welcher Praktikant war das? Aldi? Wie man es wirklich anpackt, auch ein Thema zu besetzen, zu puschen haben Wallraff, RTL und die Zeit mit GLS gezeigt.

Das ehemalige Nachrichtenmagazin hechelt dem modernen und investigativen Journalismus weit hinterher. Das Feuilleton der konservativen FAZ ist die wahrscheinlich modernste Redaktion, zumindest vom Denken der Redakteure her und ihrer wunderbaren Artikel. Investigativen Journalismus findet man in anderen Blättern, Hans Leyendecker sei hier genannt oder auch aktuell Günter Wallraff. Beim Spiegel herrscht hier eine schier unfassbare Leere.

Was bietet mir persönlich, einem sehr interessierten Leser, der Spiegel? Ich bin mit dem Spiegel aufgewachsen, komme aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, publiziere selbst, liebe Print, nenne mich an manchen Tagen gerne Newsjunkie. Der Spiegel bietet mir nichts. Keine Überraschung, keine streitbaren und wichtigen Themen und Geschichten, keine interessanten Gesichter. Der Spiegel bietet mir rein gar nichts an, was mich mit weit geöffneten Augen fesseln würde.

Der Spiegel ist belanglos.
Ein harmloses Blättchen im Blätterwald.

, , , , ,

5 Antworten zu “Das ehemalige Nachrichtenmagazin”

  1. JaNeeIsKlar sagt:

    Hach… DANKE!
    Das tat gut.
    Es ist wirklich ein Jammer wenn man sieht, was aus diesem ehemalig tollen Magazin geworden ist.
    Selbst ein Pornoheftchen bietet mittlerweile mehr Tiefgang als der Spiegel.

  2. Observer sagt:

    Genau meine Gedanken. Der Spiegel reiht sich mittlerweile in Publikationen wie ‘Bunte’, ‘Gala’, ‘Bild’ etc. ein.

    Wer sich mit Themen wie z. B. DSDS und ähnlichem befasst, landet zwangsläufig in der Gosse. So hat sich der ‘Spiegel’ zu einem beliebigen, belanglosen Blättchen entwickelt. Aust sei Dank.

    Wenn ich das zuweilen ‘Bild’-mäßige Gestammel lese, oder Dinge über Promis und Royals erfahre, die ich nie wissen wollte, kann ich nicht glauben, dass der Spiegel früher einmal eine journalistische Qualität besessen haben soll.

    Auch kritisches Hinterfragen ist beim Spiegel nicht mehr angesagt. Der Spiegel ist zu einem Verfechter der INSM avanciert. Da stören objektive Kritik und Investigation nur.

    Daher sollte der ‘Spiegel’ jetzt Nägel mit Köpfen machen; Also gleich noch Mode– und Schmink-Tipps mit ins Blatt nehmen. Damit ist die Metamorphose abgeschlossen.

  3. JUICEDaniel sagt:

    Stimme dem Autor 100 Prozent zu: Der Spiegel ist ein irrelevantes, belangloses und langweiliges Blatt für Pseudo-Intellektuelle geworden. Kurzum: die BILD-Zeitung für Intellektuelle. Traurig, aber wahr.

  4. Karsten sagt:

    Danke. Einfach nur richtig.

    Der Spiegel wird genauso im Orkus der Geschichte verschwinden wie anderes belangloses Zeug. Außer ! Ja, außer das Leistungsschutzrechts implementiert ein Biotop für Nutzloses, Sinnloses, Belangloses. Das LSR als Schutz vor dem Artensterben.

    Genau wie die SPD zu Grunde gehen muss, sollte auch der Spiegel verschwinden.

  5. Bärbel sagt:

    Sad but true, kann ich da nur sagen. Und ich möchte mich @Observer anschließen und ihn in seiner Aussage bestätigen: «Der Spiegel reiht sich mittlerweile in Publikationen wie ‘Bunte’, ‘Gala’, ‘Bild’ etc. ein.». Das hat meine 16jährige Tochter mir unlängst bestätigt, die den Spiegel zusammen mit eben genannten Zeitschriften auf einem Lufthansa Flug angeboten bekam und mit «wieso haben die immer nur diesen Rotz hier» kommentierte. Sie war dann leicht erstaunt als ich noch zur Ehrenrettung des Spiegels über seine Vergangenheit berichtete. Traurig, fast schon tragisch.

RSS-Feed abonnieren