Darauf hat die Welt gewartet: Telekom veröffentlicht Netz-Knigge

«Die Deutsche Telekom hat 101 Leitlinien für die digitale Welt veröffentlicht. Es lohnt sich kaum, sich damit zu beschäftigen - aber hey, wir befinden uns mitten im Sommerloch. Warum also nicht.»

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Foto: howzey | CC-Lizenz

101 Leitlinien für die digitale Welt – so nennt sich ein neues Projekt der Deutschen Telekom, genauer des Creation Centers der Telekom Laboratories unter der Leitung von  Raimund Schmolze. Ich befürchte fast, die so genannten Leitlinien sind ernst gemeint – und keine Realsatire. jetzt.de hat bereits auf die Lachnummer passend geantwortet: 10 Ratschläge für die Telekom. Besonders fein: Bevor man sich aufschwingt, anderen Tipps zu geben, sollte man jemanden vom Creation Center damit beauftragen, vor der eigenen Haustüre zu kehren.

Die Knigge gleicht einer Ansammlung von Allgemeinplätzen, Selbstverständlichkeiten – man darf sogar eine gewisse Chuzpe unterstellen. Beispiel gefällt? Nr. 11: Das Schicken von großen Dateianhängen ist wie Reisen mit Übergepäck. Es bremst und blockiert gerne das System. Man mag gar nicht darauf antworten wollen, aber liebe Telekom, schon einmal die eigene Webseite aufgerufen? Flash-überladener Mist, der jeden Rechner, besonders altersschwache, ausbremst. Wie jetzt.de schrieb, erst einmal vor der eigenen Haustür kehren.

Ein anderes Beispiel gefällt? Nr. 28: Ja, man darf auf Twitter auch Leuten «folgen», die man nicht persönlich kennt. Nein, ehrlich, das habe ich wirklich nicht gewusst. Das heißt, ich darf wirklich Commander Spock und Captain James T. Kirk folgen? Wahnsinn. Bisher hatte ich eigentlich immer gedacht, Ashton Kutcher würde seine knapp 5,5 Mio. Follower alle persönlich kennen. Gut, dass mich die Telekom diesbezüglich aufgeklärt hat. Danke.

Okay, liebe Telekom, jetzt habt Ihr mich wirklich erwischt. Nr. 46: Schalte Dein Handy in Flugzeugen, Krankenhäusern und Teilchenbeschleunigern aus, um keine elektronischen Hochleistungsgeräte zu stören. In Flugzeugen und Krankenhäuser habe ich grundsätzlich das Telefon immer aus, im Übrigen auch immer im Restaurant. Mensch, aber im Teilchenbeschleuniger habe ich das bisher immer vergessen. Puh, gut, dass mir bisher nichts passiert ist und ich noch keine Schwarzen Löcher verschuldet habe. Gott sei Dank. Einmal tief durchatmen.

Nr. 50: Melde Dich mit Deinem vollständigen Namen, wenn Dich ein unbekannter Teilnehmer anruft. Bestimmt, damit Eure Drückerkolonnen und Werbeanrufen auch genau wissen, dass ich am Apparat bin. Ich werd narrisch. Das glaubt Ihr doch nicht selbst. Last but not Least. Nr. 95: Bezeuge Dein Beileid auf demselben Wege auf dem Du eine traurige Nachricht erhalten hast. Liebe Telekom, mein aufrichtiges Beileid für diese Peinlichkeit – aber mit dem schon wieder vergessenen Internet Manifest habt Ihr ja berühmte Vorbilder. Das Netz ist unendlich, doch für diese 101 Leitlinien ist jedes Byte Speicherplatz pure Verschwendung. Und bevor ich es vergesse:

Wer 101 Leitlinien für die digitale Welt als Klickstrecke auf 21 Seiten verteilt, wird noch nicht einmal als Gesprächspartner ernstgenommen.

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16 Antworten zu “Darauf hat die Welt gewartet: Telekom veröffentlicht Netz-Knigge”

  1. Thomas_U sagt:

    alleine für diesen Stickarbeiten-Zeichensatz sollte mensch den Vertrag kündigen oder ggf. einen Schmerzensgeldprozess anstrengen …

  2. Dafür, daß 101 Leute dran gestickt haben, ist es ganz schön schlecht geworden.
    Das ist schon die zweite Telekom-Enttäuschung heute.

    Wollte mich eben zu diesem E-Dings-Brief anmelden, habe aber Abstand genommen, weil die Telekom genau doppelt so kompliziert ist wie die ePost.

  3. wopot sagt:

    Wegen dem «design»

    Royal College of Art — Design Interactions

    Lehrende: Prof. Anthony Dunne, Onkar Kular, Matt Jones

    Billige Sklaven Studierende:
    Choy Ka Fai,
    Steffen Fiedler,
    Daniel Foster-Smith,
    Ilona Gaynor,
    Kevin Grennan,
    Emily Hayes,
    Marguerite Humeau,
    Charlotte Jarvis,
    Gerrit Kaiser,
    Kentaro Hori,
    Jonas Loh,
    Lisa Ma Milan Metthey,
    Elliott P.Montgomery,
    J. Paul Neeley,
    Ben Oliver Veronica Ranner,
    Ludwig Zeller,
    Anna-Christina Lange

    Screenshot

  4. N. sagt:

    Auch gut:
    «Wenn sich Dein Erreichbarkeitsstatus nie verändert, werden ihn andere nicht respektieren. Setze den Status entsprechend deiner Situation oder bleibe offline.»

    Also ich mach das eigentlich so: Wenn ich ‘was wichtiges zu tun habe, ist Pidgin aus oder ich ignoriere eingehende Nachrichten und antworte später darauf.
    Wenn ich in Jabber/ICQ online bin, habe ich in der Regel auch Zeit zum chatten. Ausnahme: Ich muss etwas wichtiges mit einem einzelnen Kontakt klären und habe deshalb für andere keine Zeit.

    Wusste bisher nicht, dass das unhöflich sein soll.

  5. Maurus sagt:

    So etwas am Morgen, das schlägt auf den Magen! Ich sehe schon wie die üblicherweise ewig gestrigen Realnamegutmenschen aus dem Usenet mit dem Telekomknigge in der Pranke den Kriegsschauplatz wechseln und Webforen mit ihrem unsäglich konformistischen Schwachsinn zukacken… Das ist der absolute Alptraum, Uärks!!

  6. Julian sagt:

    Wie schön, dass sich hier jeder gleich angesprochen fühlt. Aber denkt vielleicht auch irgendeiner an überforderte Eltern, DAUs, und ComputerBild Leser? I beg you a fucking pardon.

    Das Teil ist doch okay für Leute die nicht jeden Tag 8h am Rechner hängen und Abends noch mit iPad vorm TV sitzen und twittern (Als Beispiel).

    Sich darüber nun zu echauffieren halte ich für fehl am Platz. Der technisch minder begabte Anteil in der Bevölkerung ist größer. Und genau für die ist das doch da. Warum sollte man das solchen Leuten nicht weiterempfehlen? Das ist doch grundsätzlich nicht falsch was da aufgeschrieben wurde.

  7. @Julian
    Kann man es denn ausdrucken?

  8. Oliver sagt:

    >Der technisch minder begabte Anteil in der Bevölkerung ist größer.

    Vieles davon ist mit ein wenig Vernunft handhabbar, dazu braucht es keine Regeln. Schließlich haben wir Deutschen schon mit Legionen Grammatik-Nazis zu kämpfen, die Regelwut in deutschen Gefilden hat schon lange ein unerträgliches Maß überschritten.

    >Das ist doch grundsätzlich nicht falsch was da aufgeschrieben wurde.

    Es ist auch nicht wirklich korrekt was da aufgeschrieben wurde, es wird als Leitfaden an die Hand gelegt, im Grunde genommen jedoch wird hier nur Alltag im digitalen Gewand verkauft. Kurzum, kennt man weder Anstand noch maßvolles Handeln im Alltag, dann wird es auch in der Virtualität nicht klappen.

    Beispiel: email in Kleinbuchstaben oder ein Meer von Großbuchstaben … würde man dies im Alltag tun? Z.B. bei Geschäftspost, bei gewöhnlicher snail mail? Natürlich nicht. Das Internet hingegen betrachten viele als bloßen Zeitvertreib, geben dort mitunter den Troll, vergessen alle Regeln des üblichen Zusammenlebens, ja plötzlich scheint die komplette Sozialisation abhanden gekommen zu sein. Eine «eEtiquette» soll es dann richten? Adressiert an den technisch unbedarften Zeitgenossen? Mit Technik hat dies nicht viel gemein, sondern einzig mit fehlendem Respekt gegenüber seinen Mitmenschen.

    Es ist völlig absurd in dieser «virtuellen Knigge» einen «Leitfaden» zu sehen, es sind «Tipps» für Menschen, die plötzlich im Netz jegliche Kinderstube missen lassen.

  9. Jarek sagt:

    Der minder-begabte Teil der bevölkerung von dem du sprichst, der nicht in der lage ist: Schilder zu lesen (Handyverbot), auf emails; anrufe und SMS zu antworten, briefe zu schreiben, nur um ein paar der allgemeinen «Regeln» zu nennen die dort aufgeführt werden, wird auch nicht in der Lage sein die Website auf zu rufen, weil er nach dem 2ten mal vertippen der Url das «Indernet» als teufelswerk abtun und aufgeben wird.

    «Master of the Obivious» meets «Was Wir selbst erstmal richtig machen sollten» siehe zb nr49 (anruf in abwesenheit auf dem haustelefon und wer wars? die Telecom,Alice,sonstwas Hotline und es hat nur einmal geklingelt..)

  10. Jarek sagt:

    Nein, keine Druckversion ohne Schnörkel, aber kaufen kann man es bald für 6,50€. Schade ich finde die sollten eine Toilettenpapier-Version rausbringen. Da wäre ich wirklich nicht abgeneigt 😉

  11. Falk sagt:

    Diese ganze Pamphlet disqualifiziert sich für mich spätestens beim Punkt 100 — Ich zitiere mal: «Schalte Dein Handy bei Hochzeiten, Beerdigungen, Yogakursen und überall dort aus, wo es unangebracht wäre ein schreiendes Kind mitzubringen»

    Alles klar, oder? Ist zwar nur ein Abbild dieser kinderfeindlichen Gesellschaft, aber schreiende Kinder (und damit assoziiere ich Kleinkinder) mit nervenden Zeitgenossen mit noch nervigeren Handys gleichzusetzen, ist kaum noch zu überbieten. Solch ein virtueller Schwachsinn gehört den Machern in gedruckter Form ins Gesicht gerammt.

  12. Heiko sagt:

    Das Ding taugt doch nicht einmal als Klopapier-Ersatz. Mir als Vater stößt dieser Punkt 100 besonders sauer auf.
    Ich gehe mal davon aus, das mit Schreien die Vorstufe zum Weinen gemeint ist. Und wenn ein Baby schreit, gibt es dafür in der Regel einen guten Grund (Müde, Hunger, Windel voll o.a.).
    Ein schreiendes Kind aber mit jemandem gleich zu setzen, der einfach nur faul ist, sein Handy wenigstens lautlos zu schalten, ist für mich eine Unverschämtheit sondergleichen und zeugt davon, welchen Stellenwert Kinder in unserer Gesellschaft inzwischen haben! *facepalm*

  13. Felix Nagel sagt:

    Ich spamme zwar gerade ein bisschen das web zu aber die Geschichte ist in dem Zusammenhang einfach zu gut:

    Ich war 8 Jahre Kunde bei tmobile (fragt besser nicht 😉 und habe letztens gekündigt. Schriftlich mit Vermerk von Rückwerbeversuchen abzusehen. 1 Woche später die K-Bestätigung erhalten und dann ging der Spaß los. Über 3 Dutzend Anrufe in 2 Tagen, alle während der Arbeitszeit, alle ohne Gegenüber.
    Einen Wutanfall später klärte sich warum: das Callcenter hat einen Automaten der alle Kündigungen durchnudelt und wenn kein Callcenter-Agent frei ist, legt das Teil wieder auf und stellt einen hintenan.

    Da wurden mir 2 Dinge Schlagartig bewusst:
    a) die T-System baut auch Telefonwahl-Automaten
    b) die Telekom hat keine Ahnung von Höflichkeit

  14. Jan sagt:

    Rule 34.

  15. […] Man kann mit vielen dort vorgeschlagenene Ideen leben, aber selbst an diesem Vorgehen darf Kritik geübt werden. Vor allem Business-Menschen und der digitalen Bohéme sind diese Dos and Don’ts seit […]

  16. Mitch sagt:

    Das hat aber was Wahres. Ich kenne viele Leute die immer auf «Abwesend» oder «Beschäftigt» stehen, egal ob sie arbeiten oder bei YouTube Katzenvideos ansehen. Irgendwann ignoriert man das und schreibt diese an, wenn man sie gerade braucht. Ist ja auch nicht Sinn von Presence.

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