Computer die Toaster der Moderne?

Heutzutage vernimmt man vermehrt Stimmen, die nach einer massiven Simplifizierung bestehender Computer, Betriebssysteme und zugehörigen Applikationen verlangen — Apple gilt gemeinhin als Vertreter dieser Bewegung: klein an der Zahl, jedoch groß in «Worten». Oft vernommenes Argument: das muß so «simpel» bedienbar sein wie ein Videorekorder, ein Auto oder manche vermeinen gar in der Art wie ein Toaster. Woher stammt dieser Wunsch? Nun dieser Wunsch ist der Glaube daran, hochkomplexe Technik mit einem Tastendruck gefügig zu machen, ganz so wie es die PR-Agenturen Microsofts und Apples tagtäglich propagieren.

Dem ist aber nicht so, nehmen wir beispielsweise den Videorekorder, den viele anscheinend nur noch aus den Erzählungen der Eltern kennen. Vieles war dort möglich, eine einfach Bedienung sicherlich nicht allzu häufig und gar mancher wird noch vom Abenteuer «Programmierung» berichten können, sprich den unzähligen Versuchen des Nachts beispielsweise den Film der Wahl aufzuzeichnen. Vom oben erwähnten Auto ganz zu schweigen, Verkehrsunfälle jedweder Couleur sprechen Bände — dort sind folglich also die «Könner» unter sich, die nun auch auf dem Desktop für den einen oder anderen Crash sorgen möchten. Wobei diese Beispiele nur die Absurdität solcher leichtfertig geäußerter Vergleiche aufzeigen sollen.

Tatsächlich einfach bedienbar sind Toaster und Föhne, statistisch markant bei diesen: diese sind für viele lethale Unfälle im Haushalt verantwortlich. Wie kommt das? Nun ein Föhn wird seltsamerweise immer noch von vielen nur allzu gerne in der Badewanne genutzt, einem klemmenden Toaster rücken andere gerne im laufenden Betrieb mit Messer oder anderem Werkzeug zu Leibe. Man ist sich nicht der Gefahr elektrischer Geräte bewußt, insbesondere bei diesen mit offen liegenden Heizelementen, suggeriert wird dies ob der eingängigen Bedienung und dem Allerweltscharakter. In der Berufswelt hingegen erkannte man die Problematik recht schnell, Maschinen mit gefährlichen Elementen können in der Regel nur beidhändig bedient werden, Bohrmaschinen bieten Antiblockiersysteme, man muß strenge Sicherheitsvorschriften einhalten und zumindest in größeren Betrieben wird ein nicht Befolgen mit drakonischen Maßnahmen geahndet. In der Berufswelt also erhöhte man den Grad der Komplexität, um ein Plus an Sicherheit zu gewährleisten. Die Beispiele sind Legion, «umständliche» Bedienung ist ein Muß, um den Menschen zu seinem Glück zu zwingen. Die Industrie ging einen langen und harten Weg, um zu dieser Einsicht zu gelangen.

Vice versa steht hier nun der Computer, dessen Betriebssystem, plus jede Menge Applikationen. Wir befinden uns weder in den 80ern, noch den 90ern, wir schauen das post-Millenium. Das Internet ist die «primäre Anwendung», lethale Gefahren existieren (noch) nicht, Gefahren jedoch die den Ruin in vielerlei Hinsicht bedeuten können existieren vielfältiger Natur. Die allgegenwärtige Simplifizierung ist Trumpf, gar viele vermeinen eine logische Konsequenz darin zu sehen. Dem ist aber nicht so, der Grad der Komplexität steigt stetig bei den Maschinen, den Betriebssystemen, den Applikationen, dem «Netz» per se. Die Zahl derer, die diese Dinge beherrschen sinkt hingegen fortwährend. Der Glaube jedoch, diese Materie aufgrund oberflächlich anmutender simpler Vorgänge zu verstehen ist ungebrochen, es ist jedoch oftmals ein Irrglaube.

Der angerichtete Schaden ist heute schon unüberschaubar, oft genug ist die Problematik hausgemacht, sprich ein Problem des Users, weniger des Computers. Oder gemäß Joseph Weizenbaum: «Der meiste Schaden, den der Computer potenziell zur Folge haben könnte, hängt weniger davon ab, was der Computer tatsächlich kann oder nicht kann, als vielmehr von den Eigenschaften, die das Publikum dem Computer zuschreibt.»

Wir müssen uns also von diesem Gedanken eines erhöten Maßes an Simplifizierung lösen. Wir benötigen mehr Abfragen, Kontrollen, Hinweise und müssen den Anwender zu seinem Glück zwingen, nicht ausschließlich dem eigenen Vorteil gereicht diese Vorgehensweise, nein auch andere erfreuen sich daran, denn im «Zeitalter der Vernetzung» sind Gefahren ebenso «vernetzt». Die unlängst einhergehende omnipotente Vernetzung, wirkt oft als Multiplikator für die gewirkte Ignoranz seitens des Einzelnen. Selbstredend ist dieser gesamte Prozeß eine Gratwanderung: ein Übermaß an Simplifizierung geht auf Kosten der Kompetenz, suggeriert die Bezwingung komplexer Materie in einem Atemzug, hingegen birgt unnötige Komplexität die Gefahr von Fehlverhalten trotz etwaig vorhandener Kenntnisse.

Wie man alledem begegnen kann ist sicherlich mehr oder weniger eine Frage von «trial and error» und der hoffentlich richtigen Schlüsse, welche man aus diesen Erfahrungswerten zieht. Keineswegs aber sollte man den bisherigen Pfad des Laissez-faire beibehalten und der Bequemlichkeit den Vorzug geben. Der Kolateralschaden ist wie erwähnt schon heute immens, der Schaden für die Zukunft kaum absehbar. Man darf das Feld nicht den PR-Agenturen großer Konzerne überlassen, die einem das Konzept Sicherheit als ein bis zur Unkenntlichkeit abstrahiertes Produkt schmackhaft macheb möchten. Der Einzelne ist gefragt, sowie der Staat, der zumindest einen vernünftigen Rahmen schaffen muß.

Bild: Quelle

Artikel: 2009 F!XMBR, 2010 angepaßt für akephalos.de

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6 Antworten zu “Computer die Toaster der Moderne?”

  1. Grainger sagt:

    Ich hatte im Laufe der Jahre verschiedene Videorekorder (jetzt gar keinen mehr, die Technik ist obsolet) und in Bezug auf die komfortable Programmierbarkeit gab es enorme Unterschiede.

    Extrembeispiele waren ein NoName-Gerät aus koreanischer Produktion (mit einer der berühmt/berüchtigten maschinenübersetzten Bedienungsanleitungen voller seltsamer alienartiger Stilblüten), das in allem, was über die reine Grundfunktionalitäten wie Aufnahme, Wiedergabe sowie Vor– und Rücklauf hinausging, nahezu unbedienbar war.

    Und ich bin durchaus ein Mensch mit einer gewissen Affinität zu technischen Geräten. 😉

    Das andere Extrembeispiel war ein Gerät mit deutschem Typenschild (das aber mit Sicherheit aus japanischer Produktion war), bei dem die Fernbedienung mit einen kleinen LCD-Display versehen war und das den Benutzer nach Betätigen einer Programmtaste Schritt für Schritt durch die Programmierung führte. Natürlich in deutscher Sprache.

    Diesen Videorekorder hatte ich meinen Eltern überlassen, da sogar meine Mutter problemlos mit der Programmierung klar kam.

    Natürlich ist ein Computer und sein Betriebssystem ungleich komplexer als es der komplizierteste Videorekorder jemals sein könnte, aber dadurch ist auch die mögliche Bandbreite in Bezug auf die Benutzer(un)freundlich auch ungleich größer.

  2. Oliver sagt:

    Es ging auch weniger darum, daß dies beim Videorekorder nicht möglich sei, sondern darum, daß das Gros tatsächlich nicht damit zurecht kam. Vice versa jedoch der Videorekorder oder anderes augenscheinlich simples Gerät stetig als recht grenzdebiler Vergleich herhalten muß, um quasi die Forderung nach simpler Beherrschung der Technologie für jedermann fett zu unterstreichen.

    Daß wiederum die Bandbreite beim Computer per se genügend Raum für diverse Anwender bietet dürfte klar sein, ich erwähnte etwas wie eine Gratwanderung im obigen Artikel. Daß andererseits aber die Simplifizierung ein PR-gesteuerter Glaube ist, dessen Konditionierung seit den 80ern massiv beim Kunden gewirkt wurde, ist ebenso Fakt. Ein gutes Beispiel ist die Simplifizierung diverser Geräte und die spätere erneut vorgenommene Steigerung der Komplexität im Rahmen diverser Sicherheitsaspekte ob des ersichtlichen Schadens. Diese neuerlich gesteigerte Komplexität gestaltete man nicht in Form arkaner Riten, sondern seitens der bestmöglichen Usability. Bestmögliche Usability jedoch ist nicht diese Art von Usability welche aus der Bequemlichkeit heraus geboren wurde. Letztere möchte Plastikgeld ohne PINs, keine Passwörter etc., einfach machen ohne Reue.

    Lange Rede kurzer Sinn, auch im Bereich des Computers wird man ob des angerichteten Schadens umdenken und wird ebenso wie im Bereich der üblichen Haushaltsgeräte, Werkzeuge usw. sicherheitstechnische Anforderungen stellen. Übrigens ist eines interessant, das Gros jener die den Titel DAU mit Stolz tragen, rühmt sich damit einfach zu machen und nichts verstehen zu wollen, setzt jedoch Himmel und Hölle in Bewegung um zu verstehen wie man irgendwelche verbleibenden Sicherheitspraktiken in Windows geschickt unterwandern kann.

    Wären heute die 80er und Otto Normalo säße vor seinem 8-Bit Compi ohne Netzanbindung, so hätten wir sicherlich leicht reden. Dem ist aber nicht so, wir sind vernetzt und die Ignoranz der einen ist gleichermaßen der Malus der anderen. Der Computer kann nur soviel wie derjenige der diesen nutzt. Internet und Computer sind plump ausgedrückt Straßenverkehr^100.

  3. marc sagt:

    Ein kleiner Buchtip am Rande: Neal Stephenson schlägt mit «Die Diktatur des schönen Scheins» genau in die gleiche Kerbe. Und das Buch ist mittlerweile auch schon 10 Jahre alt.
    Das Problem an sich gibt es also schon länger, aber wie du schriebst nimmt es durch die Vernetzung in Zeiten des Internets in der Tat langsam kritische Ausmaße an. Man denke z.B. an die abertausenden Botnetz-Drohnen…

    Ansonsten würde ich Deine Kritik sogar noch ausweiten. Das betrifft nicht nur die End-Anwender und die PR-Abteilungen kommerzieller Software. Sondern genauso die Soft– und Hardware-Entwickler.
    Es gibt soviel unnötige Komplexität da draußen, die entstanden ist, weil man es zum Zeitpunkt des Entstehens vermutlich nicht besser wußte, und im Nachhinein u.a. aus Gründen der Rückwärtskompatibilität lieber weiter auf einem vor sich hinrottendem Fundament baut. Der allseits bekannte Bloat ist IMHO ein nicht zu unterschätzender Faktor. Komplexität und Sicherheit widersprechen sich eben manchmal auch.

    Lange Rede kurzer Sinn, auch im Bereich des Computers wird man ob des angerichteten Schadens umdenken und wird ebenso wie im Bereich der üblichen Haushaltsgeräte, Werkzeuge usw. sicherheitstechnische Anforderungen stellen.

    Da ist es letztendlich die Frage, was die Kunden wollen. Im industriellen Bereich gibt es massig Sicherheitsrichtlinien, die man auch als Programmierer einzuhalten hat, weil der Kunde sonst die Abnahme der Software verweigert.
    Was diesbezüglich den Normal-PC-User betrifft… Das Gesicht des $blöd_markt Verkäufers möchte ich sehen, der gefragt wird, ob der aktuelle High-End-PC die Sicherheits-Anforderungen nach ISO-schlagmichtot erfüllt. 😉

    Leider bleibt bei diversen Sicherheitsrichtlinien allerdings auch die Frage, was die letztendlich wert sind. Selbst Windows XP wurde ja damals nach Common Criteria zertifiziert… Was hat’s genützt? 😉
    Das sind dann aber auch schon wieder Welten, die für einen Normalnutzer einfach nicht zu beurteilen sind, wenn man sich nicht eine halbe Ewigkeit mit sowas beschäftigt.

  4. aloa5 sagt:

    Was ist ein «Computer»?? Mal ernsthaft. Ein DVD-Player ist ein Computer.

    Irgendwie erinnert mich das ganze an so Küchenmaschinen die alles können inklusive bügeln und Brot backen — welche aber so leicht bedienbar sein sollen wie Bügeleisen.

    Grüße
    ALOA

  5. Oliver sagt:

    @marc: ich würde diesbezüglich noch Joseph Weizenbaums Inseln der Vernunft im Cyberstrom empfehlen. Das Buch hat zwar nichts mit Usability Vs Sicherheit zu tun, schlüsselt jedoch unsere verfehlte Erwartungshaltung gegenüber dem Computer auf und weist gleichermaßen auf die wichtigste Komponente in der Arbeit mit dem Computer hin, dem menschlichen Gehirn.

  6. Grainger sagt:

    Der Spagat zwischen möglichst einfacher Bedienbarkeit und größtmöglicher Sicherheit wird letztendlich immer entweder zu Lasten des Einen oder des Anderen gehen, denn ab einer bestimmten Grenze schließen sich die beiden Merkmale einfach gegenseitig aus.

    Hinzu kommen natürlich weitere Faktoren:

    was sich ein Programmierer, der tief in der Materie verankert ist (und der mit Sicherheit schon eine gewisse Betriebsblindheit entwickelt hat, wie es fast allen Experten früher oder später passiert) unter guter und eingängiger Bedienbarkeit vorstellt, ist oftmals etwas ganz anderes als das, was der gemeine User darunter versteht.

    Umgekehrt mag das, was sich ein Sicherheitsexperte unter notwendigen Rückfragen des Systems beim User vorstellt, auch oftmals ein ganzes Stück weit von der Realität des User-Alltags entfernt.

    Man muss nur mal an die ersten Versionen von Microsofts UAC denken. Ein System, dass den User bei nahezu jeder Operation mit mehreren Rückfragen nervt, wird schnell ignoriert oder gleich ganz abgeschaltet.

    Dazu kommt dann auch noch die abseitige Vorstellung, dass Leute, deren IQ sich auf dem Niveau der Raumtemperatur bewegt und denen ich noch nicht mal die Bedienung eines modernen Waschvollautomaten zutraue, scheinbar mit allen Aspekten eines modernen PCs und seines Betriebssystems klar kommen könnten.

    Von Zeitschriften wie Computerbild wird diese Vorstellung allerdings gehegt und gepflegt. Wer schon einmal den PC eines DAUs warten durfte, der wirklich absolut alles, was sich auf irgendeiner Heft-CD findet, einfach mal auf seinem System installiert (und anschließend mehr oder weniger vollständig wieder deinstalliert), weiß davon ein Lied zu singen.

    Es gibt auch Leute (sehr oft Selbstständige), die für die Ausübung ihres Berufs zwingend auf ihren PC (bzw. die darauf gespeicherte Software und — noch wichtiger — die Daten) angewiesen sind und niemals ein Backup machen.

    Und weil Geiz ja geil ist, kauft man seinen Kinder darüber hinaus keinen eigenen PC für ihre Internetexperimente und ihre WoW-Sessions, sondern verwendet dazu den eigenen PC. Am besten wird noch nicht mal ein User mit eingeschränkten Rechten für die Kinder angelegt, die sind gleich als Admin mit dem Login des Vaters im System.

    Alles schon erlebt, teilweise mehrfach bei den gleichen Leuten (manche sind scheinbar sogar zu dumm, um zumindest aus ihren Fehlern zu lernen).

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