Christian Wulff und die Pressefreiheit: Was wusste die Kanzlerin?

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Bild: Agenda 2013

Jan-Eric Peters, Chefredakteur der Welt am Sonntag, berichtet heute in einem persönlichen Beitrag, wie Bundespräsident Christian Wulff im Sommer 2011 wegen einer Geschichte bei der Welt und dem Axel-Springer-Konzern zu intervenieren versuchte. Neben den bereits bekannten Fakten steckt in den Artikel durchaus politische Sprengkraft. Peters schreibt: Der Bundespräsident interveniert beim Vorstandschef und versucht über die Bundeskanzlerin, die Handynummer von Friede Springer zu bekommen. Damit ist die Affäre Wulff direkt im Bundeskanzleramt angekommen. Es muss die Frage gestellt werden: Was wusste die Kanzlerin?

Wenn ich einen Freund, einen Bekannten oder Verwandten, einen Arbeitskollegen nach einer mir fremden Handynummer frage, dann werde ich selbstverständlich meinen Gegenüber darüber informieren, warum ich die Telefonnummer benötige. Was hat Wulff also der Kanzlerin in dieser Situation gesagt? Merkel muss gewusst haben, dass es sich nicht um eine Kleinigkeit handelt. Sonst würde der Bundespräsident mit Sicherheit nicht bei der Bundeskanzlerin nach einer Telefonnummer fragen.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass Wulff sich in dieser Situation eine Geschichte ausgedacht hat. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Wulff, wenn auch nicht mit der geschehenen Direktheit, die Kanzlerin informiert hat, warum und weshalb er Friede Springer kontaktieren möchte. Christian Wulff und Angela Merkel sind aufgefordert, sich in diesem Punkt zu erklären. Ein Bundespräsident, der es mit der Pressefreiheit nicht so genau nimmt, ist unerträglich, hält unser Gemeinwesen aber aus. Eine Bundeskanzlerin, die von den Vorgängen gewusst, aber geschwiegen und nicht gehandelt hat, ist eine reale Gefahr für unsere Demokratie. Oder sind die bekannten Vorgänge einfach nur Teil des Systems, die zufällig öffentlich wurden?

Liebe Frau Bundeskanzlerin, was wussten Sie?

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3 Antworten zu “Christian Wulff und die Pressefreiheit: Was wusste die Kanzlerin?”

  1. Pjotr sagt:

    Sie sind der richtigen Sache auf der Spur. Die zu erzwingende Frage lautet deshalb, hat Angela Merkel Friede Springer s e l b s t angerufen und interveniert? Die Antwort ist übrigens: ja. Wann wird einer der grossen investigativen Journalisten Herrn Peters anrufen und ihm diese einfache Frage stellen?

  2. mark793 sagt:

    Das ist natürlich alles hochgradig unappetitlich, aber man kann den Vorgang (inklusive etwaiger unbezahlter Telefonauskunftsdienste der Kanzlerin auch paar Stock tiefer hängen als auf die Ebene Verfassungsbruch und Anschlag auf die Pressefreiheit. Ist ja auch nicht so, dass die Bediensteten des «Organs der Niedertracht» (Max Goldt über «Bild») in diesem Spiel klar die Guten wären.

    Es wäre doch mal sehr erhellend, zu wissen, wie genau sich Wulff aus der Partnerschaft mit dem Gossenblatt katapultiert hat. Am Gutti hat Bild ja trotz weitaus größerer Missgriffe immer festgehalten, und warum also nicht an an Wulff, den man doch auch immer gepampert hatte, wo es nur ging? Hat der irgendwie plötzlich ein Eigenleben entwickelt und nicht mehr nach der Agenda getanzt, die die Bild-Oberen gerne gesehen hätten?

    Das ist aus meiner Sicht die viel interessantere Frage. Und was glaubte diese Marionette Wulff denn überhaupt für ein Drohpotenzial zu haben? Ich meine, der ist ja nicht Oberbefehlshaber, der das Springer-Hochhaus mit Spezialeinheiten räumen lassen könnte. Wenn wir die Hintergründe wirklich kennen würden, wären wir womöglich nicht mehr so sicher, auf welcher Seite in diesem «Krieg», von dem Wulff gesprochen hat, die guten und wo die bösen Jungs sind.

    Es ist ja überdies eine recht bizarre Wendung der Geschichte, dass sich ausgerechnet das miese Gossenblatt wegen zweier oder dreier hyperventilierender Sprachbox-Nachrichten jetzt als Vorkämpfer für die Pressefreiheit aufplustern kann.

    (Disclaimer: Kommentar so ähnlich auch schon andernorts gepostet)

  3. Gaston sagt:

    Hallo Mark,

    Du verkennst, dass eine Tat nicht besser dadurch wird, wenn ein anderes Arschloch dies breit tritt. Das ist jetzt allgemein gemeint und nicht auf den Fall speziell bezogen.
    Es ist Kindergarten-Niveau, direkt zu sagen, aber der ist doch viel schlimmer. Ein Einfacher Mörder ist nicht automatisch ein besserer Mensch, als ein zweifacher Mörder und dieser nicht automatisch besser, wie ein Serienmörder.

    Ich haue gerne auf jede Partei ein, da ich die Parteienlisten-Wahl in D-Land als eines der größten Übel sehe und ein Grund für die angebliche Politikverdrossenheit. Wobei ich eher eine niedrige Wahlbeteiligung sehe, weil viele nicht bereit sind, das kleinste Übel auszukotzen.

    Zu Wulff muss ich sagen, das ich froh bin, das sich inzwischen einige Zeitungen von hinterherhecheln der Bildhäppchen befreit haben und die «Causa Wulff» mit eigenen Berichten durchleuchten. Vorreiter hier waren die Grünen in Niedersachsen, die nach dem Interview von Wulff mit dem 100 Fragen-Katalog kamen. Wie ich er in einem Artikel von mir schrieb:
    «So auch bei der «Causa Wulff». Einer quatscht was vor, alle quatschen nach. Bisher sehe ich nur bei den Grünen in Niedersachsen wirklich eine Bereitschaft Licht in das Verwirrspiel zu bringen. Sie machen es mit den Mitteln die einer Fraktion zu Verfügung stehen, mit einer Anfrage.
    100 Fragen stellen sie an den Landtag, wie sie auf Ihrer Seite berichten: Fragenkatalog Wulff — Anfrage «Hat der ehemalige Ministerpräsident des Landes Niedersachsen gegen geltendes Recht verstoßen?».
    Und dort kann man sich auch die Anfrage als PDF holen und im Wortlaut durchlesen. Dann wird man feststellen, das es nicht nur um den 500.000 Euro-Scheck geht, wie man derzeit überall lesen kann, sondern das es um eine umfangreiche Analyse der Verbindungen von Unternehmen mit den Regierungsparteien geht und nicht ausschließlich um Wulff!»

    Im Gegensatz zu den «Schlussstrichziehen» wollenden ist nämlich noch gar nicht geklärt, ob Wulff und einige Andere nicht doch gegen geltendes Recht verstoßen haben.
    Unabhängig von dem heuchelnden Ehrgefühl der Springer-Etagen bin ich eher gespannt, auf was und wie die Landesregierung bei der Anfrage durch die Grünen antwortet.

    Und das der Fokus auf das Schmierblättchen Bild gerichtet ist, das hat Wulff ganz allein geschafft. Ich kann mir vorstellen, wie da die Sektkorken mit jeder schwachsinnigen Aktion mehr von Wulff geknallt haben.
    Ich habe mir jetzt mal im Netz einen Werbeclip von der Zeitung angeschaut und dabei nicht schlecht geschaut, wer da so alles Werbung macht, inkl. den oft (übrigens fälschlicherweise als Urheber) zitierten «Wer keine Ahnung hat, soll doch einfach mal die Fresse halten». Wobei ich mich da genau wie bei Wulff fragte, warum der sich nicht mal an seinen eigenen Slogan/Versprechen halten kann?
    Das sind alles Mittäter.
    Und bloß, um mal auf meinen Vergleich zurück zu kommen, weil ein Massenmörder einen einfachen Mörder des Mordes beschuldigt, darf man dieser Beschuldigung nicht nachgehen?

    Am schönsten wäre es ja, wenn man beide mit einem Schlag bekommen könnte. 😉

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