Children of Men

Mein erster Gedanke, nachdem ich gestern aus dem Kino kam: Dieser Film sollte Pflichtprogramm für alle Schäubles, Schilys, Becksteins dieser Welt werden. Children of Men zeichnet eine düstere Zukunft — im Jahr 2027 steht die Welt am Abgrund, die Menschheit ist unfruchtbar geworden, kein Kindergeschrei ist mehr in den Städten zu hören. Dafür regiert der Terror, gerade noch hat Theo Faron (grandios, der heißeste Oscar-Kandidat: Clive Owen) einen Kaffee gekauft, kurze Zeit später explodiert eben jenes Café — er verzieht dabei keine Miene. Terror, Bombenanschläge, gehören im Jahr 2027 zum Alltag im London wie der Nebel über der Themse.

Theo Faron ist ein kleiner, verbitterter Beamter, der eines Tages von seiner Jugendliebe Julianne (Kurzauftritt: Julianne Moore) aus seiner Lethargie gerissen wird. Sie bittet ihn, für eine junge Immegrantin einen Passagierschein zu besorgen. Theo tut, wie ihm aufgetragen, bis er auf dem Land in einer Scheune die Wahrheit erfährt — das junge Mädchen ist schwanger. Seit 18 Jahren das erste Kind, welches geboren werden soll.

Theo macht sich auf, um sich mit der jungen Frau dem Human Project anzuschließen — einer Gruppe Wissenschaftler, die unabhängig von jeder Regierung auf See nach einer Lösung zu der Unfruchtbarkeit der Frauen suchen. Es kommt, wie es kommen muss. Es wird keine Reise in eine neue Zukunft, es wird eine Flucht vor Aufständischen, die das Kind für die eigenen politischen Ambitionen ausnutzen wollen — insbesondere wird es eine Flucht vor dem politischen System. Ein totalitäres London, welches (illegale) Einwanderer jagt, zusammenfercht, ermordet — alles selbstverständlich zur Sicherheit der Bürger — der Filmzuschauer indes wird z. B. beim angesprochenen Bombenanschlag im Ungewissen gelassen, ob es wirklich die Islamisten waren oder vielleicht doch die Regierung um die Bevölkerung auf Kurs zu halten.

Auf ihrem Weg finden die beiden Protagonisten auch viel Hilfe, z. b. vom letzten verbliebenen Hippie Jasper (ebenso grandios: Michael Caine), der mit seiner (von der Regierung gefolterter Frau und deshalb?) demenzkranken Frau, die er liebevoll pflegt, tief im Wald lebt, und nebenbei Marihuana züchtet und verkauft — beim Husten entwickelt sich Erdbeergeschmack.

Besonders beeindruckend in Szene gesetzt ist der Häuserkampf im Ghetto — die Kamera voller Blutspritzer, der Zuschauer mittendrin im Geschehen wird in den Kinosessel gedrückt, fast schon erdrückt von den Bildern. Hier leistet sich Regisseur Alfonso Cuarón (Harry Potter und der Gefangene von Askaban) dann am Ende des Kampfes auch die einzige Hollywood-Szene des Filmes. Das Kind, welches kurze Zeit vorher zur Welt gekommen ist, schreit, Theo, Kee und das Kind schreiten durch die Aufständischen, dann durch die Soldaten hindurch, die Waffen schweigen — wird das Kind getroffen, stirbt die Menschheit aus — in dem Moment scheint es allen bewusst zu sein.

Children of Men, so schreibt SPIEGEL Online, ist der vielleicht wichtigste Film des Jahres — und hat damit nicht ganz unrecht. Es wird eine zynische, erdrückende Zukunft gezeigt, und doch nicht ganz unrealistisch, wenn man z. B. gerade die Bleiberechtsdebatte unserer Innenminister verfolgt. Alltäglichkeiten des heutigen Lebens werden einfach konsequent zu Ende geführt — Sicherheitsbeamte wohin das Auge blickt, Warnhinweise ebenso — eine Stimmung, nicht geprägt von einem Miteinander, einem *Leben* — die Paranoia hat gesiegt. Die Menschheit ist so gut wie tot, und doch gibt es irgendwo da draußen einen kleinen, schreienden Hoffnungsschimmer.

Children of Men (2006)

Darsteller: Clive Owen, Michael Caine, Claire-Hope Ashitey, Julianne Moore, Chiwetel Ejiofor
Regisseur: Alfonso Cuarón
Wertung: 9/10

3 Antworten zu “Children of Men”

  1. Schulblog sagt:

    Children of Men…

    Mein erster Gedanke, nachdem ich gestern aus dem Kino kam: Dieser Film sollte Pflichtprogramm für alle Schäubles, Schilys, Becksteins dieser Welt werden. Children of Men zeichnet eine düstere Zukunft — im Jahr 2027 steht die Welt am Abgrund, die Men…

  2. […] Nachdem Chris von den Fixies, auf dessen Meinung ich was gebe und der nie Rezensionen schreibt(sic!) was ?ber den Film gesagt hat, bin ich reingegangen. Gut dass ich reserviert hatte, denn anfangs war noch einer da, der aber dann irgendwann ging. Ich hatte also eine Exclusivvorstellung. Mein erster Gedanke, als ich aus dem Kino kam war ganz anders als bei Chris — “Hallo Hirn, k?nntest du bitte deine Arbeit wieder aufnehmen und mich sicher nach Hause f?hren — alles heile hier! Es gibt Filme die haben eine Aussage. Manchmal erschlie?t die sich erst nach genauerem Nachdenken. Dieser hier hat seine Aussage auf eine Abrissbirne graviert, die von der Leinwand aus geradewegs auf einen zurast und das Hirn raushaut. Sensiblen Gem?tern wie mir ist unbedingt anzuraten, das genauso zu gucken, wie ich das gemacht habe: Allein vor einer gro?en Leinwand. — Ach ja zur Einstimmung ging das Licht auf dem M?nnerklo nicht und man musste im Dunklen pinkeln.Vorher! Hinterher w?re das wohl kaum m?glich gewesen… Bei uns l?uft der ?brigens nur Dienstag und Mittwoch und nur um 17:30 Uhr — sonst gehen wom?glich zu viele rein. Irgendjemand m?chte, dass dieser Film flopt — und ich glaube auch zu wissen wer und warum. Wer wird den zum Pflichtprogramm machen? Wieder nur die ?blichen Verd?chtigen. Die demokratische Mehrheit guckt derweil RTL. 7 Euro f?r nen Film, bei dem 50% der Zuschauer vor dem Ende rausgehen ist ja auch etwas teuer 8-( […]

  3. […] phew… bei Chris weiterlesen […]

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